Meine Argentinienreise 2007/2008 | |
Mit dem Bus durch Bolivien (inkl. Filmkritik)
10:56, 12 March 2008
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Mit dem Bus in Bolivien reisen ist wesentlich langsamer, umstaendlicher und altmodischer als in Argentinien. Hinzu kommt noch die Topographie der Strassen, die sich oft bis auf 4.000 m und hoeher schrauben, deren schlechter Zustand und die abgewirtschafteten Busse, so dass man fuer 200 km im Schnitt 6 Stunden benoetigt. Klimaanlage gibt es keine, und meist ist die Luft im Bus bereits abgestanden und muffig, bevor man ueberhaupt einen Meter gefahren ist. Wenigstens funktioniert aber das Pantoffelkino, und hier in Bolivien steht man auf Actionfilme; am liebsten Bruce Willis oder Chuck Norris. Pro Film wird dann etwa soviel Munition verschossen wie in beiden Weltkriegen zusammen, staendig tackert Maschinengewehrfeuer, das nur hin und wieder unterbrochen wird, um einen Alibi-Dialog zu halten oder einfach nur nachzuladen. Bordverpflegung wie in Argentinien gibt es hier nicht. Dafuer halten die Busse aber immer wieder an Strassenstaenden, wo sich sofort ein Pulk von Frauen mit Empanadas, Humitas, Sandwich oder auch warmen Speisen in Plastikschalen in den Bus draengt. Das sind mitunter ein halbes Dutzend und mehr, die lautstark ihre Speisen anbieten. Ebenso typisch (und laestig) sind Produktpraesentationen waehrend der Fahrt - in bester Lamadecken-Manier - nur das eben Cremes, Zahnbuersten oder religioese Literatur angeboten werden. Diese Verkaeufer koennen eine halbe Stunde ununterbrochen reden, ohne Luft zu holen. Da wuenscht man sich schon fast wieder einen Chuck Norris-Film zu sehen... Falls man an einem Busterminal ankommt, sogleich von Agenten der Busgesellschaften umringt wird und einen noch leeren Minibus waehlt, so kann es sein, dass die Abfahrt statt 9:30 Uhr erst gegen 10:30 Uhr oder spaeter erfolgt. Diese Busse fahren naemlich erst dann los, wenn genuegend Passagiere gefunden wurden. Das habe ich auch erst lernen muessen...
Im innerstaedtischen Verkehr dominieren die Mikrobusse, aber auch alte, farbenfrohe Kaleschen wie der oben abgebildete Dodge. In La Paz funktioniert die Fahrgastinformation dergestalt, dass in jedem Bus jemand sitzt, zweckmaessigerweise am Fenster der Einstiegstuer, der unentwegt die Fahrtroute und den Fahrpreis in die Strasse hinausruft. Und da mitunter ein gutes Dutzend Minibusse im Stau stehen, ergibt dies eine irre Kakophonie aus Stimmen, Motorengeheul und natuerlich Gehupe.
Eine sehr zutreffende Beschreibung des Verkehrs in Bolivien hat mir mein Freund Matthias zugeschickt, der seit mehr als 3 Jahren in Cochabamba lebt und mit seinem Toyota Landcruiser das Strassennetz des Landes durchpfluegt hat. Hier sein Bericht in leicht gekuerzter Form (Achtung! Der Beitrag enthaelt Spuren von Ironie und schwarzem Humor!):
Strassen, Wege, Pisten und Pfade Weniger als ein Sechstel aller Strassen Boliviens ist asphaltiert, einige untergeordnete Strassen sind in ueberlieferter inkaischer Technik gepflastert. Alles uebrige ist (Schotter-) Piste oder ein Pfad = zwei "parallele" Radspuren ohne allzu grosse Hindernisse. Autobahnen existieren nicht, die asphaltierten Fernstrassen sind durchweg zweispurig, an einigen besonders starken Steigungen dreispurig. Durch den Schwerlastverkehr - mit haeufig grotesk ueberladenen LKWs - weisen die Fernstrassen grabenfoermige Spurrillen auf. Die zugelassene Hoechstgeschwindigkeit ist auf ALLEN Strassen ausserhalb der Ortschaften Waehrend der Regenzeit sind sehr viele Strassen im tropischen Flachland (Departamentos Santa Cruz, Beni, Pando) nicht befahrbar. Unter Wasser. Anfang 2006 bis Mai 2006 stand in Beni eine Flaeche groesser als die gesamte Schweiz vollkommen unter Wasser. Die starken und anhaltenden Niederschlaege waren Folge des periodischen Klimaphaenomens "EL NIÑO". Nach der jeder Regenzeit (Dezember bis Maerz) gibt es auch zahlreiche Wege nicht mehr: Fluesse verlegen ihren Lauf, Hochwasser reissen Uferstrassen und Bruecken weg, Stein-Schlamm-Wasserlawinen und Bergstuerze in den Anden lassen die Wege verschwinden oder fraesen unueberwindbare Graeben und Furchen in die Haenge. Durchfeuchtete Bergruecken rutschen ab, etliche Kilometer Asphaltstrasse mit sich in die Tiefe nehmend (COCHABAMBA <-> SANTA CRUZ DE Auf allen Andenstrassen gibt es sehr viel Steinschlag, denn die Berge/Huegel/Haenge sind zumeist ein Gemisch aus Erde, Steinen und Felsbrocken aller Groessen. Der Regen waescht die Erde aus, die Steine stuerzen auf den Weg. Bruecken sind die Ausnahme, Furten und "Flussquerungen selon saison" = "man muss sehen, wo man glaubt, dass man jetzt durchkommt" die Regel. Flussbett = Weg ist in den Anden sehr haeufig, diese Strecken sind schwierig. Im Flachland trifft man ebenso wie in den Anden auch auf Sandstrecken, in den Dschungelgebieten sind Wasserlaeufe, Suempfe und Schlamm die haeufigsten Hindernisse. In Hoehen ueber 4.500 Metern kann zu jeder Jahreszeit kraeftig Schnee fallen. Wenn die Natur gerade keine Hindernisse in den Weg legen sollte, werden die Hauptverbindungsstrassen gerne von Indios, Cocaleros, Mineros, Lehrern, Gesundheitspersonal, Studenten, missgestimmten Einwohnern eines Ortes an der Strecke oder sonstigen Interessengruppen blockiert. Fuhrpark Der Fuhrpark Boliviens ist extrem heterogen. Es gibt auf Hochglanz polierte HUMMER H2 mit verchromten Raedern und weiteren imposanten Machoparaphernalia, einige MERCEDES Limousinen, zumeist mit der Maximalmotorisierung, viele SUVs in Haenden der gehobenen Mittelklasse und unzaehlge TOYOTA und NISSAN Fahrzeuge der unteren Mittelklasse, unter ihnen sehr viele Kombis. Die meisten Fahrzeuge werden gebraucht aus Japan importiert und hier in der Freihandelszone von Rechts- auf Linkslenkung konvertiert. In der Einfachausfuehrung wird nur das Lenkrad versetzt, waehrend das Armaturenbrett unveraendert bleibt, so dass dem Beifahrer die Beobachtung der Instrumente ueberlassen bleibt, die Pedalerie wird jedoch ebenfalls nach links auf die neue Fahrerseite versetzt; die vormalige Oeffnung fuer die Lenksaeule wird vielfach mit einem Teddybaeren camoufliert. Bei neueren, teureren Gebrauchtwagen wird das Linkslenkerarmaturenbrett eingebaut, die japanischen Vans, hier "Vagoneta", (Familienkleinbusse à Der Erhaltungszustand aller Automobile streut unabhaengig von ihrem Alter extrem. Viele Fahrzeuge verfuegen ueber keinerlei Beleuchtunsanlage, die defekte Beleuchtunsanlage ist der Normalfall. Fahrtrichtungsanzeiger (Blinker) werden auch wenn vorhanden und funktionstuechtig nur irrtuemlich genutzt, funktionierende Bremsleuchten sind die seltene Ausnahme. Rechtsverkehr In Bolivien herrscht Rechtsverkehr. Im Prinzip. Wenn es zweckmaessig ist, z. B. um bei der Begegnung zweier Fahrzeuge in einer Einbahnstrasse das Ausweichen zu erleichtern, wird kurzzeitig auf Linksverkehr umgestellt. Auf der mehrfach erwaehnten "gefaehrlichsten Strasse der Welt" herrscht wirklich Linksverkehr, dadurch wird gewaehrleistet, dass der Wagenlenker, der dort talwaerts faehrt, auf der Seite zum Abgrund sitzt und so besser erkennen kann, welchen Weg das linke Vorderrad nimmt*. Die Breite des Weges (dirt road) ist sehr gering und muss vor allem bei Fahrzeugbegegnungen bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt werden; breitere Fahrzeuge koennen einander nur an den Ausweichstellen passieren. Auf allen uebrigen Strassen und Wegen wird stets die gesamte Breite ausgenutzt, auch um Unebenheiten in der eigenen, rechten Spur auszuweichen, wenn die linke ebener erscheint. Haeufig wird dabei jedoch - wie auch bei Ueberholmanoevern - der Gegenverkehr uebersehen. Die resultierenden Frontalkollisionen lesen einen Teil der Unachtsamen aus... Stadtverkehr Im Stadtverkehr wird prinzipiell sehr gemaechlich gefahren, die Fahrer schalten sehr frueh hoch und lassen den Wagen mit Ueber allen Regeln herrscht eine klare Hierarchie nach Kraft und Masse, auf deren unterster Stufe sich der Strassenkoeter befindet und direkt ueber letzterem der Fussgaenger. Beide werden durch haeufige Hupsignale von der Fahrbahn verscheucht; wenn sie diesen nicht Folge leisten, wird ihre schuldhafte Insubordination durch Ueberfahren geahndet. Ihren Tod haben sie sich nach allgemeiner Auffassung, wenn auch posthum, selbst zuzuschreiben. Den Fussgaengern gleichgestellt sind Radfahrer, ueber beiden rangieren die Motorradfahrer. Alsdann kommen alle gaengigen PKWs und SUVs. Unter ihnen nehmen die aelteren, martialischen Fahrzeuge mit schweren Vollstahlstosstangen einen hoeheren Rang ein, weil man die Feindberuehrung mit denselben besonders fuerchtet. - Dies erleichtert mir sehr oft die Entscheidung der Vorfahrtsfrage - zu meinen Gunsten, versteht sich. - Zu obersten Kaste schliesslich gehoeren Busse, abgestuft nach Groesse, LKW's und Sattelzuege, denen man stets Platz macht. Insgesamt ist der Stadtverkehr hier deutlich sicherer als in der BRD, in den bald drei Jahren hier habe ich lediglich drei leichte Auffahrunfaelle im Stadtgebiet gesehen, bei allen Taxifahrten ( > 1.500) habe ich NIE eine Voll- oder Notbremsung erleben muessen. Das moderate Tempo, der relative Vorfahrtsbegriff, die so erzwungene Umsicht und die hohe Wahrscheinlichkeit, auch fuer einen unverschuldeten Schaden (zum Teil) selbst einstehen zu muessen, steigern die Verkehrssicherheit sehr erheblich. Der Bolivianer leidet ausserdem nicht unter der Zwangsvorstellung, dass, wenn man "ihm die Vorfahrt nimmt", seine Mannesehre derart besudelt werde, dass sie nur mittels Blutrache wieder reingewaschen werden kann. Vorfahrt Zwar gilt der Grundsatz "RECHTS VOR LINKS", jedoch ist die Vorfahrt hauptsaechlich gewohnheitsrechtlich geregelt. An erster Stelle greift das erlaeuterte Hierarchieprinzip Platz, ausserdem gilt, dass ein geschlossener Fahrzeugpulk, der eine Kreuzung passiert, vor einem einzelnen Fahrzeug, insbesondere, wenn dieses bereits angehalten hat und wartet, Vorfahrt geniesst. Ueberdies hat auch das schnellere Fahrzeug Vorrang vor dem langsamen. Fahrzeuge auf grossen, breiten Strassen haben Vorrang vor denjenigen (ausgenommen Sattelzuege) aus kleineren, einmuendenden Strassen. Kreuzen sich zwei gleichwertige grosse Strassen, so hat sich stets eine Uebung herausgebildet, nach der eine der beiden als Vorfahrtsstrasse angesehen wird. - Ortsunkundige aufgepasst!!! Verkehrschilder Verkehrsschilder zaehlen ebenso wie Wegweiser zu Boliviens seltensten Phaenomenen; in ganz Cochabamba gibt es sicher weitaus weniger als auf jedem beliebigen Frankfurter Strassenstueck von fuenfhundert Metern Laenge. Verkehrsschilder aufzustellen haette auch nicht den geringsten Sinn, denn jeder Bolivianer saehe es als den Gipfel perverser Selbstentmuendigung an, einem Blechschild Gehorsam zu zollen. - M.B.: "Selbst dann, wenn die Verfassung Boliviens die Befolgung der Gesetze ausdruecklich verboete, huelfe dies nichts, denn der Bolivianer macht immer, wonach ihm gerade der Sinn steht." - Ausserdem lassen sich Verkehrsschilder leicht demontieren und als Altmetall in klingende Muenze verwandeln... An einer Strassenkreuzung ganz in der Naehe, Kreuzung Avenida Potosí mit calle Aniceto Padilla, befindet sich auf der Aniceto Padilla tatsaechlich ein Stoppschild, das den Fahrzeugen auf der Avenida Potosí Vorfahrt einraeumt; dies ist jedoch unbeachtlich, denn das Gewohnheitsrecht gewaehrt der Aniceto Padilla Vorrang, weil sie eben staerker befahren ist. Also keinesfalls auf die bloedsinnige Idee verfallen, im Pulk am Stoppschild abzubremsen! Damit provoziert man nur einen (wenig wahrscheinlichen) Auffahrunfall. Mangels Beschilderung gibt es natuerlich auch keinerlei gesperrte Strassen/Wege: ICH KANN UEBERALL FAHREN, WO ICH WILL - AUCH QUERFELDEIN. - Und gaebe es ein Sperrschild, verfuehre ich wie jeder Bolivianer. Lichtzeichenanlagen (vulgo Ampeln) Ampeln indizieren die Existenz einer Kreuzung und ermahnen so den Wagenlenker zu gesteigerter Vorsicht und Umsicht. Zuweilen senden die drei vertikal angeordneten kreisfoermigen Lichter in zeitlicher Abfolge elektromagnetische Wellen im fuer Menschen sichtbaren Frequenzbereich aus, die als ROT oder GELB oder GRUEN interpretiert werden koennen, falls beim Betrachter keine Daltonie vorliegt. Defekte der Leuchtmittel in Lichtzeichenanlagen sind die Regel - ALSO OBACHT! Ungeachtet der ausgesandten Frequenz = Lichtfarbe (s. o.) naehert man sich der Kreuzung mit reduziertem Tempo (10km/h bis Verkehrspolizisten Zwecks Beschaeftigung allentahlben vorhandener Taugenichtse bevoelkern einige Verkehrspolizisten die Innerortsstrassen. Sie halten sich stets zu mehreren an Kreiseln - mit oder ohne Ampelanlage - auf, wo sie durch Trillerpfeifenblasen und missverstaendliches Gestikulieren den Fahrzeugfluss weiter hemmen. Ihrem Vorhandensein ist ansonsten keine weitere Beachtung zu schenken. Kein Verkehrspolizist kaeme je auf die Idee, ein Fahrzeug wegen technischer Maengel oder zwecks Plakettenkontrolle (SOAT, TERCERA PLACA, "TUEV" s. o.) anzuhalten - sein stets voellig verwahrlostes Polizeiauto - fast immer ohne Nummernschilder - haette wahrscheinlich mehr Defekte als das angehaltene. Ueberlandverkehr - die Kehrseite der Medaille Der Ueberlandverkehr ist auf allen Strassen, vor allem auf den "guten" Asphaltstrassen, eher gefaehrlich, weil kaum ein Fahrer ueber Hochgeschwindigkeitserfahrung verfuegt; jeder vermeint, sein Fahrzeug verhielte sich bei ueber Kommentar hinterlassen { Vorherige Seite } { Seite 50 von 180 } { Nächste Seite } |
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