Meine Argentinienreise 2007/2008

Jack Kerouac hat mir den Arsch gerettet...

12:56, 20 May 2008 .. 0 Kommentare .. Link
„Wer bist Du?“
„Ich bin der Wachmann hier.“
„Noch nie gesehen.“
„Hier ist meine Plakette.“
„Wozu hast du den Knaller an deinem Arsch baumeln?“
„Gehört mit nicht“, entschuldigte ich mich. „Hab ich mir nur ausgeliehen.“



Ich sehe eure verwunderten Augen, die fragen: Wollte der nicht mit ´nem Jeep ein paar Tage durch die Berge fahren? Das bin ich auch, um genau zu sein, 11 Tage lang, 2.350 lange Kilometer, die ich auf einer Arschbacke abgesessen habe, weil ich mit der zweiten kaum zum Sitzen kam, so oft flog ich auf der hinteren Sitzbank durch die Gegend. Asphaltierte Strassen gab es leider nur am ersten und an den beiden letzten Tagen. Dazwischen befanden sich Sand- und Staubpisten, die alles zu bieten hatten, was sich ein Hardcore-Offroader wünscht: knöcheltiefer Schlamm, Millionen von Schlaglöchern und herumliegenden Steinen, Buckel- und Waschbrettpisten, Wasserläufe. Mensch und Material wurden auf dieser Fahrt in einem Toyota LandCruiser nicht geschont, und zu ersterem gehörten Don Matías, der Fahrer, und seine Freundin Marlene im Cockpit sowie meine Wenigkeit und ein Erfurter Pärchen, Lars & Daniela, auf den harten Längsbänken im hinteren Teil des Autos.



Was den Zustand der Straßen in Bolivien und Peru betrifft, so bin ich nach 3 Monaten Busfahren auf ebendiesen schon einiges gewöhnt und dementsprechend abgehärtet, aber die Pisten auf dieser Tour haben das alles noch übertroffen. Schon nach drei Tagen war der Auspuff durchgerissen. Musste in einer Wald- und Wiesenschmiede geschweißt werden. Dann rissen die Motorlager durch. Die mussten ausgetauscht werden. Weitere Risse in den Aufbauten der Karosserie, klaffende Spalten in der Beplankung, die Reifen dürften nach der Tour am Ende gewesen sein, und was so an Kleinteilen abgefallen ist, fällt unter „ferner liefen“. Und uns im Laderaum schmiss es ständig durch die Gegend; wir stießen uns die Köpfe, verstauchten uns die Wirbelsäule und holten uns blaue Flecken an Armen und Beinen. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit betrug meistens nicht mehr als 30 km pro Stunden. Wenn man also runde hundert Kilometer Strecke vor sich hat, dann braucht man satte drei Stunden für deren Bewältigung. Will sagen: der Wagen schepperte und knallte wie verrückt über die Piste, aber man hatte das Gefühl, das wir nicht so richtig vorwärts kommen.



Ich dachte, ich mache mir ein paar schöne Tage in Cochabamba mit einem netten Ausflug in die Berge, ehe ich nach Buenos Aires zurückkehre, und fand mich dann auf einer endlos langen Tour durch Berge, Schluchten und subtropisches Tiefebene wieder, wo wir morgens nach dem Frühstück (wenn es denn eines gab) ins Auto stiegen und kurz vor Einbruch der Dunkelheit völlig gerädert wieder hinaustaumelten. Am ersten Tag von Cochabamba in Richtung Osten nach Santa Cruz (500 km), dann im großen Bogen nach Nordwesten nach Trinidad (550 km), weiter westlich nach San Borja (250 km) und Rurrenabaque (150 km), dann wieder nach Süden, nach Caranavi (250 km), Coroico (100 km), über La Paz nach Oruro (350 km) und schlussendlich nach Osten abbiegend nach Cochabamba zurückkehrend (200 km). Es gab drei Ruhetage, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir oder das Auto sich erholen sollten.



So war ich heilfroh, als mir in Coroico das Buch „On The Road – Unterwegs“ von Jack Kerouac in die Hände fiel. Das war genau die richtige Reiselektüre, und es gab in diesem Buch soviele Szenen, über die ich mich wegschmeißen könnte (siehe oben) oder die mich meine beschwerliche Art des Reisens leichter ertragen ließen.

Und dabei habe ich ja noch eine Menge von Bolivien kennen lernen können: Santa Cruz, die Kapitale des Ostens, Zentrum der gegenwärtigen Autonomiebestrebungen, die fruchtbaren Tiefebenen, die Anfang des Jahres so heftig überschwemmt worden waren, dass man heute noch die Verwüstungen der Wassermassen erkennen kann, Rurrenabaque, das Tor zu den Nationalparks des Regenwalds, ich war wieder in Coroico im Yungas, da wo der beste Kaffee des Landes angebaut wird, und wir befuhren die berühmt-berüchtigte „Death Road“ über die Berge in Richtung La Paz, eine schmale Schneise, von der man senkrecht in hundert Meter tiefe Schluchten fallen kann, so man denn die nicht vorhandene Leitplanke durchbricht.

Für unseren Fahrer war diese eine Tour, auf der er mittels GPS die Routendaten ermittelte: Entfernungen, Fahrtzeiten, Höhenmeter absolut (höchster Punkt: 4.602 m), Höhenmeter akkumuliert, Spritverbrauch und was weiß ich noch alles. Ich vermute, dass man all diese Daten wie bei einem EKG auf Endlos-Millimeterpapier ausdrucken kann. Was uns Mitfahrer betrifft, so gibt es in Argentinien einen Spruch für diese Art des Reisens: llevante und tiza para hacerte la raya del culo – einen Kreidestrich entlang der Arschritze ziehen, was bedeutet, dass man, wenn man seinen Hintern platt gesessen hat, anhand des Kreidestriches erkennen kann, wo die Ritze mal war.

Aber: nehmen wir´s doch einfach wie die beiden Helden aus Kerouacs Roman. Dean Moriarty hält mal wieder eine seiner philosophischen Ansprachen: „Jetzt sieh dir die Leute da vorn an. Sie machen sich Sorgen, sie zählen die Meilen, überlegen sich, wo sie heute nacht schlafen werden, wieviel Benzin sie sich leisten können, wie das Wetter wird, ob sie gut ankommen werden – und dabei kommen sie ja doch von ganz selber an, nicht wahr? Aber sie müssen sich Sorgen machen und die Zeit verraten mit falschen Dringlichkeiten, aus winselnder Angst, ihre Seelen werden nie Frieden finden, ehe sie nicht einen Grund zu echter, handfester Sorge entdeckt haben, und kaum haben sie den Grund gefunden, machen sie auch das passende Gesicht dazu und laufen damit herum, ein unglückliches Gesicht, wie du siehst, und die ganze Zeit fliegt alles an ihnen vorbei, und sie wissen es, und auch das macht ihnen Sorgen ohne Ende…Mann, du kapierst das schon!“

PS: Damit ist das Kapitel Bolivien endgültig für mich beendet. Ich bin durchgekommen, habe viel gesehen und habe bestimmt auch eine Portion Glück gehabt, dass alles gut gelaufen ist. Es gab nämlich ein paar sehr schockierende Nachrichten in den vergangenen Wochen. Zum einen stießen in der Salar de Uyuni, wo ich Anfang März eine Tour machte, zwei Jeeps frontal zusammen, explodierten und brannten aus. 13 Menschen, darunter 10 Touristen, starben. Da fiel mir spontan der behelfsmäßige Kraftstofftank auf den Beifahrersitz unseres Jeeps ein. Und auf der „Death Road“ starben innerhalb der vergangenen beiden Monate ebenfalls 12 Menschen, darunter drei Touristen. Seitdem nämlich dort der Verkehr auf die neue Umgehungsstraße umgeleitet wird, bieten Agenturen Downhill-Adrenalintouren per Mountainbike an. Jeden Tag schießen dort Gruppen von Touristen auf ihren MTB bergab, und manchmal kommt eben doch ein Auto entgegen. So erwischte es einen Mikrobus, der mitsamt dem kollidierenden Radfahrer in eine Schlucht stürzte. Auch uns kamen ein paar irre Downhill-Adrenalinjunkies entgegen; einer konnte gerade noch so bremsen.

www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article3814406.ece
www.mtb-news.de/forum/showthread.php
www.vienna.at/engine.aspx/page/vienna-article-detail-page/dc/tp:vol:news-welt/cn/apa-114157869
 

PPS: Hier noch was für unsere EWE´s, SFI´s und VT´s:

Das gerissene Auspuffrohr

Unterflur-Überkopfschweißen...

...und das Ergebnis (hatte leider keine gelben Klebepunkte für eine Abnahme dabei)

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