Meine Argentinienreise 2007/2008

Chau Córdoba (zum Zweiten!)

17:21, 1 June 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Der Winter ist ins Land eingebrochen. Temperaturen unter Null, Schnee in den Sierras, schneidend kalte Winde, die Leute eingemummelt wie Eskimos, und ich habe alle meine warmen Klamotten in Buenos Aires gelassen. So trage ich drei T-Shirts übereinander, darüber den etwas dickeren Pullover und tue ansonsten so, als ob mir diese Kälte nichts ausmacht. Wenn die Sonne scheint, breitet sich sogar ein bisschen Wärme aus. Und vor gerade mal zwei Wochen sollen es noch mehr als 30 Grad Hitze in der Stadt gewesen sein.

Für mich bedeutete die Reise nach Córdoba vor allen Dingen ein Wiedersehen mit Freunden und mit einer Stadt, in der ich immerhin knapp 3 Monate gelebt und gearbeitet hatte. Ich war viel unterwegs, um vertraute Stellen aufzusuchen, um zu schauen, was sich verändert hat und was nicht (Im Grunde ist alles beim Alten: „No hay cospeles, no hay monedas!“, La Mona Jimenez lebt immer noch und überall und ständig wird irgendwo demonstriert und eine Straße blockiert.)

Ich habe mein Quartier bei meiner alten Freundin Fer gefunden, unweit des Zentrums. Am Dienstag lud ich sie dafür zu typisch deutscher Küche ein – ins „MegaDöner“, erst kürzlich eröffnet und ein kulinarischer Exot in Argentinien. Ansonsten stattete ich allen „meinen“ Cafés und Kneipen einen kurzen Besuch ab, bummelte ausgiebig durch die Stadt, am Mittwochabend gab es ein sehr herzliches Wiedersehen mit meinen Freunden vom Tangoclub, nachher besuchte ich meine ehemalige Gastfamilie (die verrückte Weiberwirtschaft).

Am Donnerstag meine Freunde von Un Techo Para Mi País, die mittlerweile in eine neues und viel geräumigeres Büro umgezogen sind. Wir hatten noch Einiges zu besprechen, insbesondere, wie wir weiterhin zusammen arbeiten können, wenn ich wieder in Deutschland bin. Es gibt da einige Ideen, die wir angehen wollen. Für den Abend hatte ich eine Einladung zu einer Ausstellungseröffnung anlässlich des 39.Jahrestages des „Cordobazo“. Am 29. Mai 1969 gab es in Córdoba einen dreitägigen Volksaufstand, zu dem Zehntausende, vor allen Fabrikarbeiter und Studenten, Barrikaden errichteten und die Straßen blockierten, um die damals herrschende Militärdiktatur in die Knie zu zwingen. Sinnigerweise wurde die Firma Xerox zum einem der Symbole des Aufstandes. Deren Fotokopierer waren damals noch solch riesige Ungetüme, von denen man nur zwei Stück auf die Avenida werfen musste, um sie zu blockieren. Der „Cordobazo“ wurde zwar durch die Armee recht schnell niedergeschlagen, aber von diesem Schlag erholte sich die Militärdiktatur nicht mehr; zwei Jahre später wurde sie auf demokratischen Wege hinweggespült.

All das ging mir durch den Kopf, wenn ich dieser Tage durch die Straßen Córdobas spazierte. Momentan war mächtig was los auf den Straßen. Demonstriert wurde an allen Ecken und Enden. Anlass hierfür war u.a. der eben begonnene Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen für Terror und Unterdrückung während der Zeit der Militärdiktatur 1976-1983, Menéndez, sowie parallel dazu stattfindende Proteste der Bauern wegen der durch die Regierung unsinnig erhöhten Ausfuhrzölle für Agrarprodukte plus diverse Berufsstände, die für höhere Gehälter und Löhne streikten. Man schlingerte von einer Demo in die nächste – typisch Argentinien.

Am Freitag, meinem letzten Tag in Córdoba, war ich noch mal ins Büro von Un Techo Para Mi Pais eingeladen – zum Mittagessen, wie man mir sagte. So fand ich mich also zur besagten Zeit, nichts ahnend, was auf mich zukommen würde. Viele meiner Freunde waren im Büro, es gab Milanesa mit Kartoffelbrei, alles ganz locker und lecker, dann aber wurde es mit einem Mal ganz feierlich, kleine Reden über unsere gemeinsame Zeit wurden gehalten, die Erinnerungen noch mal wachgerufen, und dann - fast wie bei einem Festakt – bekam ich eine wunderschöne Urkunde überreicht, die besagt, dass ich nunmehr ein festes und ständiges Mitglied von Un Techo Para Mi Pais Argentina bin, sowie einen kompletten Satz Visitenkarten samt eigener E-Mail-Adresse, die da lautet tkunze@untechoparamipais.org.ar!

Und als Zugabe noch eine aus Schoko-Keksen, Dulce de Leche und Creme Fraiche gebastelte Torte zu meinem in wenigen Tagen anstehenden Geburtstag. Ich kann meine Gefühle in diesem Moment einfach nicht beschreiben! Das ist Un Techo, das sind der Enthusiasmus und das riesengroße Herz der Leute, die sich hier engagieren, hart arbeiten, aber immer fröhlich, immer optimistisch und als Córdobeser natürlich jederzeit zu Witzen und Frotzeleien aufgelegt sind. Diese Jungs & Mädels muss man einfach lieben!

Un Techo Para Mi Pais ist ein eigenes Kapitel, das ich hier vielleicht, so denn die Zeit reicht, noch mal aufarbeiten möchte. Auf jeden Fall kann ich aber sagen, dass die Arbeit mit und für Un Techo für mich eines der aufregendsten Abenteuer meiner Tour war und ich verdammt viel für mein Leben gelernt habe. Und es war eine der Erfahrungen, wie es ist, wenn man irgendwo neu anfängt, nichts und niemanden kennt und sich seinen Platz oder seine Position in der Gruppe erarbeiten muss. Dass mir der Abschied von ihnen schwer gefallen ist, lässt sich sicherlich nachvollziehen…

PS: Bei YouTube findet ihr ein Video von unserer Konstruktion in Buenos Aires:

http://www.youtube.com/watch?v=B2h-6x4KalQ


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