Meine Argentinienreise 2007/2008

The end? This is not the end, my friend!

19:35, 14 July 2008 .. 0 Kommentare .. Link
Nun bin ich seit gut einem Monat wieder in Deutschland – allerhöchste Zeit zu beschreiben, wie es mir in der Zwischenzeit ergangen ist.

Meine letzten Tage in Buenos Aires hatte ich ja schon beschrieben. Am Tag der Abreise stand ich ziemlich früh auf, um noch eine Abschiedsrunde durch das gerade erwachende San Telmo zu ziehen und so langsam in den Tag einzutauchen. Gegen Mittag holte mich dann das bestellte Taxi ab, um mich nach Ezeiza zum Flughafen zu fahren. Dort gab ich mein übergewichtiges Gepäck auf (hinzu: 16 kg, rückzu: 25 kg!! – die junge Dame am Schalter zuckte nicht mal mit den Wimpern), rauchte noch eine letzte Zigarette vor dem Flughafengebäude und checkte dann ein. Erst als der Flieger abhob und ich die Häuser entschwinden sah, überfiel mich für einen Moment die Traurigkeit des Abschiedes. Noch einmal durfte ich die herrlichen, schneebedeckten Berge der Andenkette sehen, ehe ich in Santiago de Chile zwischenlandete und meinen Anschlussflieger nach Madrid und Frankfurt am Main bestieg.

Und dann landete ich am Abend des 6. Juni 2008 in Frankfurt, wo mich mein Freund Helmut, der mich bereits bei der Hinreise dort verabschiedet hatte, auch wieder abholte. Wir hatten damals vereinbart, dass ich nach Ankunft nicht noch nach Dresden durchfahre, sondern eine Nacht bei ihm in Mainz verbringe. Und da begann schon das „Abenteuer Deutschland“: beim Rausfahren aus dem Parkhaus schluckte der Parkautomat Helmuts Kreditkarte und stelle die Anzeige auf „Gerät außer Betrieb“ um. Völlig klar, dass der per Notruf verständigte Techniker fragte, wie d a s denn gehen kann.

Was mir an diesem wunderbar lauen Sommerabend sogleich auffiel: wie unelegant die Menschen in Deutschland gekleidet sind. Hässlich geschnitten und in grässliche Farben; Hauptsache, man/frau fühlt sich wohl darin. Dies fällt einem immer erst auf, wenn man eine Weile woanders war. Im Hinblick auf guten Geschmack und elegante Kleidung bin ich in Argentinien sehr verwöhnt worden.

In Helmuts Haus angekommen, gab es erst mal ein richtig schön deftiges Abendbrot mit Schwarzbrot, Leberwurst und Bier. Auf so was muss man seine Magen erst mal wieder eingewöhnen.

Samstag fuhr per ICE nach Dresden, wo ich von meinem Sohn Leon und meinen beiden Brüdern am Bahnhof empfangen wurde. Als ich einige Minuten später meine Wohnung betrat, fand ich sie so vor, als ob ich sie eben gerade verlassen hatte.

Und überhaupt die verstrichene Zeit. Ich hatte ja schon mal darüber philosophiert, wie unterschiedlich man die Zeit empfindet als Reisender und als jemand, der seinem Tagwerk nachgeht. Natürlich passierte in den folgenden Tagen genau das, was ich erwartet hatte: Bist du schon wieder zurück? Ja, Leute, das Jahr ist um! Falls ihr auch mal für längere Zeit durch die Weltgeschichte reisen wollt, dann macht euch keine Sorgen über die Daheimgebliebenen. Für die vergeht das Jahr so schnell, dass sie es gar nicht bemerken. Ich will nicht behaupten, dass man euch nicht vermissen wird, aber meine Erkenntnis ist u.a., dass ich mit den Leuten, die ich auf meiner Reise kennen lernte, eine wesentlich intensivere Korrespondenz hatte als mit den Leuten in der Heimat. Daran ist nichts Verwerfliches – ich bin nun auch wieder in dieser Situation und merke, dass ich nicht viel Muse habe und die Zeit rasend schnell vergeht.

Jetzt musste ich mich wieder in das hiesige Leben einklinken. Gleich am Montagvormittag hatte ich mein erstes Vorstellungsgespräch bei meinem zukünftigen Arbeitgeber, musste aber ebenfalls noch zum Arbeitsamt, dem ich bereits aus Buenos Aires eine Mail geschickt hatte mit der Info, dass ich wieder in Dresden sein werde und wegen des Vorstellungsgesprächs erst am Nachmittag vorbeikommen könne und ob sie mir bitte mitteilten, ob das Amt in dieser Zeit geöffnet hat. Es kam keine Antwort, ich machte mich fein und fuhr zum „Vorsingen“ und sauste nachher zum Arbeitsamt, wo ich gegen halb zwei des Nachmittags vor verschlossener Tür stand. Montag ist Schontag, und das Amt hat nur bis 12 Uhr geöffnet. Am Empfang saßen zwei Wachleute, die sich angeregt miteinander unterhielten und mich gar nicht beachteten. Erst als ich mich mit kräftigem Räuspern einschaltete und fragte, ob ich meine Arbeitsvermittlerin anrufen dürfte, ich aber deren Nummer nicht weiß, drehten sie sich kurz um und meinten, dass sie die Telefonnummern auch nicht wüssten, denn die ändern sich ständig. Ich wollte die beiden Schlümpfe nichtauch noch nach einem Telefonbuch fragen.

Also fuhr ich tags darauf noch mal zum Amt und kriegte gleich meinen Rüffel wegen Zuspätkommens und dass mir dieser Tag bezüglich Arbeitslosengeld gestrichen wird, ich aber schriftlichen Einspruch einlegen könne und dies dann vor einer Anhörungsstelle verhandelt wird und ich von nun an unbedingten Willen zeigen müsse, wieder eine Arbeit zu finden und dass ich, falls man meine Bedürftigkeit feststelle, Arbeitslosengeld II beantragen könne usw. usf. Als die Dame ihren Text runtergebetet hatte, entgegnete ich ihr, dass ich mich bereits um eine Arbeitsstelle kümmere und in spätestens 3 Wochen wieder in Lohn & Brot stehen werde. Sie meinte nur, dass dies nicht Sache der Antragsstelle ist, sondern die meiner Arbeitsvermittlerin, und wollte schon wieder anfangen, ihren Text weiter zu spulen, der mir den zu erwartenden sozialen Abstieg vor Augen führte, als ich ihr sagte, dass sie mal lächeln und nicht immer davon ausgehen sollte, dass alle vor ihr Sitzenden schwer vermittelbar sind. Sie war sichtlich irritiert.

Um meinen Antrag abzugeben, musste ich noch ein drittes und viertes Mal aufs Amt, aber da hatte ich bereits meinen neuen Arbeitsvertrag in der Tasche, so dass ich mir nicht mehr die Mühe machte, so zu tun, als ob ich nur aus Versehen in das Gebäude gekommen wäre.

Dann ging es weiter. Ich musste meine Wohnung wieder einrichten, Strom anmelden, Telefon und Internet ebenso, den Nachsendeauftrag der Post wieder aufheben, mich im Einwohnermeldeamt melden, um meine Lohnsteuerkarte aufzupicken, zur Krankenkasse, zum Finanzamt wegen der Steuererklärung für das Jahr 2007 usw. usf. Und wenn es schon schwierig war, dass alles abzumelden, so ist es genau so langwierig, dies wieder anzumelden. Manchmal hatte ich nachgerade den Eindruck, dass die Leute sich fragten, wieso ich denn wiedergekommen bin und dass, wer sich einmal ausgeklinkt hat, kein Recht auf Wiederaufnahme besteht. Da bin ich richtig im Quadrat gesprungen.

Ich hatte eigentlich gar keine richtige Zeit, meine Reiseerlebnisse sacken zu lassen. Tagsüber rannte ich durch die Gegend, und an den Abenden saß ich in der Kneipe und guckte die Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Als dies zu Ende war, begann ich meine neue Arbeit. Und diese hat mich jetzt so im Griff, dass ich in den kommenden Monaten wohl kaum noch ausreichend Ruhe finden werde, alle meine Bilder zu sortieren (es sind fünfeinhalb tausend Fotos) und für einen Vortrag aufzubereiten, mein Spanisch wenigstens nicht zu vergessen, wenn nicht sogar zu verbessern, alle meine Bekannt- und Freundschaften zu pflegen und mir ernsthafte Gedanken zu machen, wie ich meinen Freunden von Un Techo Para Mi Pais unterstützen kann.

Und doch werde ich genau das tun, denn diese Reise war so außerordentlich wichtig für mich, dass ich genug Kraft und Energie für große und anstrengende Aufgaben habe. Gerade mein neuer Job wird mir einiges abverlangen. Ich arbeite nun als Projektleiter bei den Deutschen Werkstätten Hellerau, einer traditionsreichen Möbelmanufaktur, die sich mittlerweile zum High-End Innenausbauer gemausert haben, die Megayachten, Hotellobbies, Flagship Stores und Präsentationsräume designen und ausbauen und sich immer mehr in Richtung Komplettanbieter für umfangreiche Hochbauprojekte entwickelt. Hier werde ich ein Projekt in Kiew betreuen, mehrstelliger Millionenbetrag, Architekten aus London, Landschaftsgärtner aus Japan, Laufzeit mindestens ein Jahr und mit häufiger Vor-Ort-Anwesenheit – mit dieser Arbeit werde ich wachsen, aber ich habe überhaupt keine Angst davor, dass ich scheitern könnte. Da helfen mir wieder meine Reiseerlebnisse: ich habe gesehen, wie die Menschen anderswo leben und sich ernähren müssen, unter viel härteren und gefährlicheren Bedingungen als ich. Ich wüsste nicht, wovor ich Angst haben sollte.

Ich habe diesen neuen Job auch bewusst gewählt, denn für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die Reise hat mein Leben in die Zeit davor und danach geteilt. Ich hätte in meine alte Arbeit zurückkehren können – das Angebot von meinem Chef stand – aber ich bin der Meinung, dass ich dort meine gute Zeit hatte, diese auch nutzte, aber ebenso an den Grenzen meiner Möglichkeiten angekommen bin. Ich hätte dort ein oder vielleicht auch zwei Jahre routiniert meine Kugel schieben können, dann wäre ob der überschaubaren Aussichten die Unzufriedenheit zurückgekehrt. Das, was jetzt auf mich zukommt, ist noch unüberschaubar, und das macht den Reiz für mich aus. Es kann jede Menge Überraschungen geben, und warum sollen diese alle negativ sein?

Auf jeden Fall werde ich meine auf der Reise gewonnen Freundschaften pflegen. Das sind so viele Leute, dass ich selbst jetzt noch nicht allen eine persönliche Email aus Dresden schicken konnte. Heute erhielt ich zum Beispiel eine Mail von Un Techo aus Buenos Aires mit einem Link zu einem Video über unsere gemeinsame „construcción“ in Buenos Aires im Mai 2008:

http://www.youtube.com/watch?v=1NgVLj7fOsQ

Was bleibt? Eineganze Menge unvergesslicher Erlebnisse und Erfahrungen. Ich hatte auf meiner Reise immer Glück gehabt, und dabei haben mir vor allen Dingen meine Sprachkenntnisse geholfen und auch ein Stück weit meine Lebenserfahrung. Mit 40 reist man anders als mit 20. Für mich war es außerdem wichtig zu erfahren, dass das Leben nicht eingleisig immer weiter läuft, sondern dass man auch Dinge hinter sich lassen kann: den Job, die Wohnung, die Stadt. Ich habe in Argentinien selten an mein Leben in Dresden gedacht, habe meine Wohnung nicht vermisst, auch nicht mein zurückgelassenes Eigentum, meine kleinen Schätze – all das verschwindet in der Ferne und hat keine Bedeutung mehr. Wenn man auf einer langen Reise ist, zählen andere Dinge, und das, was materiell ist, liegt übersichtlich vor einem. Und ich habe das Wagnis bestanden, in einer anderen Kultur mit anderer Sprache, Denken und anderen Mentalitäten meinen Platz zu finden und dort Spuren zu hinterlassen. Das ist eigentlich die allerschönste Erkenntnis dieser Reise.

Also: meine Reise ist noch nicht zu Ende! Sie geht weiter und wird mich jetzt an andere Orte führen, und in fünf oder sechs Jahren werde ich wieder meinen Rucksack packen und den Rest Südamerikas bereisen. Da fehlen mir noch Kolumbien, das riesengoße, verlockende Brasilien, Venezuela, die kleinen mittelamerikanischen Ländern und auch meinem geliebten Argentinien werde ich wieder einen Besuch abstatten. ¡Mi corazón todavía está en la Argentina!


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