| Bekehrungsgeschichten |
Ich werde Jocey niemals vergessenAls ich auf den Philippinen eine Mission erfüllte, lernte ich Maria Jocelyn Castillo kennen, die von jedermann nur „Jocey” genannt wurde.
Wir nahmen mit Jocey und ihrem Cousin Nestor die erste Lektion durch. Der Geist war sehr stark, und Jocey erklärte sich bereit, im Buch Mormon zu lesen. Bei unserem nächsten Besuch waren Jocey und Nestor sehr aufgeregt; sie hatten nämlich noch fünf weitere Interessenten eingeladen. Bei einem weiteren Besuch nahmen wir mit Joceys Schwester Julie und anderen Verwandten, die in der Nähe wohnten, noch einmal die erste Lektion durch. Der Unterricht verlief hervorragend. Jocey las alles, was wir ihr auftrugen, und begann sogar, von selbst das Buch Mormon zu lesen. Es dauerte gar nicht lange, bis sie sich verpflichtete, sich taufen zu lassen. Aher je näher der Zeitpunkt ihrer Taufe rückte, desto deutlicher spürte ich, daß sie irgendwo Vorbehalte hatte. Und ich konnte mir auch vorstellen, warum. Jocey besaß nämlich nur noch ein Bein und konnte sich deshalb nur mit Krücken vorwärtsbewegen. Außerdem hatte sie immer ein Taschentuch um den Kopf gebunden. Bei unserem dritten Besuch erfuhren wir, daß Jocey Krebs gehabt hatte und man ihr deshalb vor drei Jahren ein Bein hatte amputieren müssen. Aber selbst dadurch hatte sich das Fortschreiten der Krankheit nur verlangsamt. Jocey hatte eine Chemotherapie begonnen, die mit großen Schmerzen verbunden war, und als ihr die Haare ausgingen, band sie sich eben ein Taschenruch um den Kopf. Wir luden sie nur zögernd ein, zur Kirche zu kommen. Ich sage „zögernd”, weil Jocey etwa drei Kilometer vom Gemeindehaus entfernt wohnte, und zwar am Fuße der höchsten Erhebung im weiten Umkreis. Sie hatte nur ein Bein und kaum Geld für die Fahrt kosten, deshalb hatte ich im Grunde gar nicht damit gerechnet, daß sie wirklich zur Kirche kommen würde. Der Sonntag kam heran, und die Versammlung begann. Zwanzig Minuten später sah ich Jocey und ihren Cousin durch die Tür kommen. Bei jedem Schritt verzog sie das Gesicht vor Schmerzen, aber als sie mich erblickte, begann sie zu lächeln. Ich mußte mich umdrehen, damit sie die Tränen nicht sehen konnte, die mir in die Augen gestiegen waren. Dann dachte ich daran, wie oft ich nicht zur Kirche gegangen war, weil ich Kopfschmerzen gehabt hatte oder zu müde gewesen war. Und ich hielt mir vor Augen, was für ein Opfer Jocey brachte, um zur Kirche zu gehen. Jeden Sonntag kam Jocey zur Kirche. Ich wußte, daß der Krebs weiter an ihr fraß; sie mußte viel husten, versuchte aber, es zu verbergen. Als der festgesetzte Tauftag herangekommen war, vertraute sie mir an, daß sie noch nicht bereit sei. Sie wollte sich zwar gerne taufen lassen, konnte sich aber nicht mit dem Gedanken anfreunden, ihr Taschentuch vor aller Augen abbinden zu müssen. Ich sprach ein kurzes Gebet und konnte ihr dann Mut zusprechen. Sie nahm ihre Taufkleidung und ein Handtuch, lächelte mir zu und bedankte sich. Niemals habe ich den Geist stärker gespürt als bei Joceys Taufe. Jocey weinte, und auch die Anwesenden konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Aber mit der Taufe war das Thema Kirche für Jocey noch lange nicht abgeschlossen. Sie half mit, daß ihre Verwandten, ihre Nachbarn und ihre Freunde sich zur Kirche bekehrten. Schließlich ließ sich auch ihre Mutter taufen. Aber Joceys Krebserkrankung schritt schnell voran, und sie ging auf die andere Seite des Schleiers. Es fiel mir sehr schwer, sie sterben zu sehen, nachdem wir so gute Freunde geworden waren. Aber schließlich wurde mir auch bewußt, wie sehr ich dadurch gesegnet worden war, daß ich ihr hatte helfen können, dem Erretter näher zu kommen. Als Jocey begraben wurde, gestalteten die Mitglieder der Gemeinde den Gottesdienst und stellten so die Liebe unter Beweis, von der König Benjamin im Buch Mormon gesprochen har. Als der Sarg ins Grab gesenkt wurde, wurde Joceys Mutter ohnmächtig und war etwa 30 Sekunden lang bewußtlos. Als sie wieder zu Bewußtsein kam, sagte sie dreimal ganz leise: „Alam ko kung nasaan na siya”, das bedeutet soviel wie: „Ich weiß, wo sie jetzt ist.” Dann drehte sie sich um und ging fort. Von Jocey habe ich gelernt, wie wichtig die Kirche ist und wieviel Licht das Evangelium uns, unserer Familie und unseren Freunden schenken kann. Ich werde Jocey niemals vergessen. Brian M. Waite, Februar 1995 21:34 - 2.11.2008 - Kommentare {1} - Kommentieren
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