Bekehrungsgeschichten

Stolz und Vorurteil

Geschrieben in Unbenannt
Ich steckte den Bibliothekszettel in das Buch und gab es der Dame, blickte dann auf und sah Loris blaue Augen vor mir, die mich über die Sommersprossen auf ihrer Nase hinweg anblinzelten.
„Hast du schon etwas von der BYU gehört?” fragte sie, und ihre blauen Augen glänzten.
„Sie müssen dich annehmen”, sagte Lori, indem sie hinter den Schalter schlüpfte und anfing, die Karteikarten der überfälligen Bücher zu ordnen. „Mit den Noten, die du in den letzten zwei Jahren hattest, und neubekehrt bist du auch ... da dürfte es keine Schwierigkeiten geben.” Sie seufzte und verzog das Gesicht so, daß die Sommersprossen ganz unglücklich wirkten. „Du hast es schön, Michelle, daß du nach Utah in die Berge und zur BYU fahren kannst!”
„Die wissen doch gar nicht, daß ich neubekehrt bin, und außerdem kommst du doch selbst in zwei Jahren hin.” Lori stöhnte. „Zwei Jahre sind eine Ewigkeit, besonders, wenn du jetzt schon fährst!"
Ich mußte lachen, ich konnte mir nicht helfen. Sie war so lieb und offen und ehrlich. Obwohl sie vier Jahre jünger war als ich, hatte ich wahrscheinlich nie eine bessere Freundin gehabt. Durch sie hatte ich das Evangelium kennengelernt. Sie hatte mein Leben verändert. Lori war das einzige Mormonenmädchen, das ich je gekannt hatte, und ich fand, sie war ein geradezu vollkommenes Beispiel.
Ich trug einen Stoß Zeitschriften zum Regal und fing an, sie zu sortieren und einzuordnen. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr hatte ich jeden Sommer in der Stadtbibliothek von Franklin City gearbeitet, und jetzt noch. wo ich schon zwei Jahre an der Universität von Madison studierte, gab es in dieser hinterwäldlerischen Stadt in Wisconsin mit ihren 7 000 Einwohnern keinen besseren Sommerjob für mich.
Im Sommer davor hatte die Bibliothek zwei neue Schülerinnen angestellt, und eine davon war Lori. Sie war kontaktfreudig und gesprächig und hatte bald ein gutes Verhältnis zu den anderen Angestellten. Es wußten auch bald alle, daß sie eine Heilige der Letzten Tage war. Ich hatte in der Schule in den Geschichtsbüchern von Brigham Young und den Mormonen gelesen, wußte aber nichts Genaues darüber. Mir war auch nicht klar, warum mich dieses Mädchen plötzlich so neugierig machte und mein Interesse an einer Sache weckte, mit der ich mich nie zuvor befaßt hatte.
„Mir scheint, du bist deswegen noch aufgeregter als ich”, lachte ich, obwohl ich wußte, daß das nicht stimmte. Ich hatte das Gefühl, als hinge mein ganzes Leben, alles, was mir je widerfahren würde, von dieser Entscheidung ab, die aber von Leuten getroffen wurde, die ich noch nie gesehen hatte.
Das lag erst ein Jahr zurück. Ich war verwundert, wie sehr sich das Leben eines Menschen in einem Jahr ändern kann. Nichts war mehr so wie vor einem Jahr, bevor ich das Evangelium Jesu Christi kennengelernt hatte. Ich beschäftigte mich jetzt mit anderen Dingen und hatte andere Freunde. Mein ganzes Denken war anders, auch meine Wünsche. Und ich war zugleich glücklicher und trauriger als je zuvor.
Mich schaudert noch, wenn ich daran denke, wie ich meine Eltern das erste Mal gefragt hatte, ob ich mich taufen lassen könne. Sie wußten, daß ich mich mit der Mormonenkirche befaßt und Versammlungen besucht hatte, aber sie hatten sich nicht eingestehen wollen, wie ernst ich es wirklich meinte. Mein Vater ist ein ruhiger, guter Mann. Er dachte lange nach, bevor er mir eine Antwort gab. Meine Mutter hingegen reagierte sofort. Sie wurde bleich; ein harter, angespannter Zug lag um ihren Mund.
.Auf gar keinen Fall. Michelle", sagte sie, und ihre Stimme klang kalt und voll Zorn. „Das kommt überhaupt nicht in Frage, du brauchst es gar nicht mehr zu erwähnen." „Aber warum?" fragte ich „Warum?”
„Warum?" schrie sie mit blitzenden Au-gen. „Weil du keine Ahnung hast, was du da tust. Ich möchte dich vor einem schrecklichen Fehler bewahren. Michelle. Ich weiß es, du mußt mir glauben, ich weiß es.”
Ich fragte mich, was für furchtbare Dinge sie über die Mormonen wußte oder zu wissen glaubte. Aber wie sehr ich auch in sie drang, sie sagte nichts. Sie wiederholte immer ihr Nein auf diese harte, angespannte Weise. Letzten Endes setzte sich aber doch mein Vater durch. Das war meistens so, weil er sehr vernünftig und geduldig war. Er erinnerte sie immer wieder daran, daß ich doch schon zwanzig sei und in wenigen Monaten ohnehin meinen eigenen Weg gehen könne, auch ohne ihre Einwilligung. Er erinnerte sie daran, daß ich eine gute Tochter war: klug und fleißig. gehorsam und ehrlich. „Sie hat es verdient, daß sie im Leben ihren eigenen Weg gehen kann”, sagte er sanft zu meiner Mutter.
So trafen wir also eine Übereinkunft. Ich sollte mit einem Geistlichen unserer eigenen Kirche reden und mich von ihm in Theologie unterweisen lassen. Ich sollte alles über die Lehre meiner Kirche lernen, der ich von klein auf angehört hatte. Mit anderen Worten: Ich sollte der Religion meiner Eltern noch eine letzte Chance geben, zumindest die gleiche, die ich den Mormonen gegeben hatte. Wenn ich dann immer noch austreten, mich von ihrer Tradition abwenden und eine Heilige der Letzten Tage werden wollte, sollte ich ihre Einwilligung haben.
Ich stand auf, streckte mich und ging hinüber zum Hauptschalter, wo ein Wagen voller Bücher stand, die eingeordnet werden mußten. Lori, die nun am Ausgabeschalter arbeitete, lächelte herüber.
„Das mache ich schon”, bot sie mir an. „Du kannst eine Weile hier weitermachen.” „Danke, laß nur”, antwortete ich. „Ich mache das gern.” Ich schob den Wagen zum Belletristikregal und blieb bei „A" stehen. Adams ... Anderson ... Ich nahm ein Buch und stellte es an seinen Platz. Ashley . . . Austen . . . Jane Austen ... eine meiner Lieblingsautorinnen. Ich nahm das Buch „Stolz und Vorurteil” in die Hand und machte im Regal dafür Platz. Stolz und Vorurteil. Ich verzog das Gesicht: So hätte man wohl auch mein Leben während der letzten Monate betiteln können.
Die Gespräche mit dem Geistlichen hatten mir eins der bedeutendsten, eindrucksvollsten Erlebnisse meines Lebens gebracht. Ich wußte noch, wie nervös ich gewesen war, als ich den Weg zu der alten steinernen Kirche entlanggegangen war und die schwere Tür aufgezogen hatte. Meine Schritte hatten auf dem harten polierten Boden laut und störend geklungen. Dann hatte ich schüchtern an die Tür des Pastors geklopft. Sein Arbeitszimmer machte allein schon einen überwältigenden Eindruck auf mich. Es war groß, mit einem dicken Teppich ausgelegt, und eine ganze Wand war mit Regalen verbaut, die voll dicker alter Bände standen. Dr. Allred saß im braunen Ledersessel hinter einem schweren Schreibtisch, der störend zwischen uns stand, während ich ihm gegenüber auf der Kante eines Stuhles saß.
„Du hast also vor, Mormonin zu werden?” sagte er unvermutet, und sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht im geringsten. Mir war unergründlich, was er dachte. Bevor ich eine Antwort finden konnte, sagte er: „Es war doch die Idee deiner Eltern, daß du herkommst, nicht wahr?”
Ich nickte, während er mich anblickte, bis sich die dünne, lange Linie seines Mundes endlich zu einem Lächeln formte. „Nun, dann wollen wir sehen, was wir tun können”, sagte er, und lehnte sich auf den Schreibtisch vor.
Wir kamen noch mehrmals zusammen, und ich las die Bücher und Broschüren, die er mir gab. Ich beantwortete seine Fragen und er beantwortete mir ein paar, die ich ihm stellte, und unsere Gespräche verliefen immer sehr höflich und formell. Bei unserer letzten Zusammenkunft saß er hinter dem Schreibtisch und blickte mich an; er ließ das große Buch, über das wir hatten reden wollen, ungeöffnet. Statt dessen hob er die Augenbrauen, als dächte er nach, und sagte: „Ich habe getan, was deine Eltern wollten, Michelle. Aber ich kann dir eigentlich nichts geben, das wissen wir beide. Was du jetzt tust, mußt du natürlich selbst entscheiden.”
Er zögerte und ich merkte, wie ich mich, von seinem Gesichtsausdruck angezogen, vorneigte - ich spürte einen Unterton in seiner Stimme. Er schob plötzlich seinen Sessel zurück, erhob sich und ging zu den vielen Büchern hinüber. Aus einem der Regale zog er ein kleines, dünnes Buch. Er kehrte zum Schreibtisch zurück, legte das Buch mit Nachdruck auf den Tisch und schob es mir dann zu, bis es direkt neben meiner Hand, die die Tischkante umklammert hielt, zu liegen kam. Die Schrift auf dem Buch war knapp vor meinen Augen, und ich konnte sie gut lesen. Ich war erstaunt, als ich den Titel sah: „Das Buch Mormon”.
.,Richtig", sagte er, „das Buch Mormon. Manchmal hole ich mir darin Stoff für meine Predigten.” Seine Stimme war sanft, aber sie drang mir so tief ins Herz, daß es wild zu schlagen begann. Ein warmes, prickelndes Gefühl erfüllte mich. ,.Ich wäre selbst Mormone, wenn das möglich wäre." Er nahm das Buch und wog es in der Hand. „Ich bin Geistlicher. Das ist mein Leben, und ich habe nie etwas anderes gekannt. Mein Vater war Geistlicher, und sein Vater ebenfalls.” Er hielt inne und blickte auf, und in seinen Augen lag eine solche Traurigkeit, daß ich meinen Blick abwenden mußte. „Wäre ich aber an deiner Stelle”, setzte er indemselben sanften, aber festen Ton fort, .„so würde ich mich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anschließen."
Dr. Allred erhob sich und stellte das Buch zurück. Ich stand vom Sessel auf. Ich wußte, daß es zwischen uns nichts mehr zu sagen gab - aber ich hatte mich getäuscht. An der Tür drückte er mir herzlich die Hand und blickte mir fest in die Augen. „Was ich heute abend gesagt habe, habe ich dir allein gesagt. Wenn du darüber sprichst, werde ich es abstreiten. Du weißt, wem man glauben würde.”
Ich nickte und antwortete ihm mit den Augen und mit einem Lächeln. Mehr brachte ich nicht hervor - ich war zu überwältigt. Dann ging ich durch die kühle. stille Nacht nach Hause.
Die Woche darauf wurde ich getauft. Niemand von meiner Familie kam. Es war meine Sache. und ich hatte ihre Einwilligung. Doch Einwilligung und Unterstützung ist nicht dasselbe. Nicht einmal mein guter Vater konnte mich in einer Sache unterstützen, an die er nicht glauben und die er nicht verstehen konnte.
Meine Mutter errichtete um sich einen undurchdringlichen Wall, und diese Barriere zwischen uns wurde sehr spürbar. „Es ist nicht so schlimm”, versuchte ich mir einzureden. „Sie wird sich schon daran gewöhnen. Es fällt ihr nicht leicht. Du mußt nur Geduld haben.”
Doch sie gewöhnte sich nicht daran. Nach ein paar Wochen hatte sich das Leben wieder eingependelt, und die Tatsache. daß ich mich der Kirche angeschlossen hatte, wurde tunlichst übergangen. Sie hatten alle keine Ahnung, wie anders ich war! Und es interessierte sie auch gar nicht, es schien ihnen gleich zu sein. Das war es, was mich am meisten bedrückte. Es war niemand da. mit dem ich hätte reden, dem ich mich hätte mitteilen können. Ich war dabei, zu lernen, mich zu entwickeln und so vieles zu entdecken. Wenn ich dann nach Hause kam, fragte mich keiner etwas, niemand war neugierig. Vielleicht dachten sie, die Sache würde sich in Nichts auflösen, wenn sie sie beiseite schoben. Doch meine Mutter fragte meine Schwester und meinen Bruder demonstrativ, was sie denn so täten, und lachte und redete mit ihnen, während sie sich weigerte, mit mir zu sprechen. Wir lebten im selben Haus, aber das war auch schon alles. Verständigung, Zusammengehörigkeit oder Wärme gab es keine mehr.
Brian, der Junge, mit dem ich seit einem Jahr befreundet gewesen war, kam immer seltener und schließlich gar nicht mehr. Wir hatten kaum noch Gemeinsamkeiten. Sogar Corinne, meine beste Freundin seit der Schulzeit. fragte mich nie mehr, ob ich mit ihr ins Kino gehen, Platten hören oder zum See schwimmen gehen wolle. Natürlich konnte sie nichts dafür, ich aber auch nicht. Ich war das schwarze Schaf geworden.
Wenn es an dem Ort wenigstens ein paar junge Leute gegeben hätte, wäre es schon leichter gewesen. Franklin City ist klein, und Lori mit ihren beiden Brüdern im Alter von 12 und 14 Jahren waren die einzigen Jugendlichen in der Kirche. Gewiß, die Kirche würde auch hier wachsen, aber vorläufig waren Lori und ich allein.
Ich schob den leeren Wagen zurück zum Tisch und stellte erschrocken fest, daß schon fast Feierabend war.
„Hast du was?” fragte Lori. „Du bist so schweigsam.”
,Ach, ich habe nur nachgedacht", antwortete ich. So nett Lori auch war, konnte sie doch nicht verstehen, was mich bedrückte. Sie hatte ihr. Leben lang der Kirche angehört. Ihre Eltern waren gute, aktive Mitglieder. Sie hielten den Familienabend ab und hatten ihr Familiengebet. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es ist. wenn die eigene Mutter nicht mit einem spricht, wenn einem der kleine Bruder Beleidigungen ins Gesicht sagt oder wenn man in den Augen des Vaters nur trauriges Unverständnis erblickt.
Ich ging aus der Bibliothek zum Auto. Die Tageshitze war in einen milden Abend übergegangen. Ich roch den Duft der Kiefern und Rosen. die an der Mauer der Bibliothek emporrankten. Ich fühlte mich innerlich glücklich und rein. Ich wußte: Was ich tat, war recht. Ich hatte darüber gebetet und gefastet. Jetzt brauchte ich nur noch genügend Glauben, um weiterzumachen.
Als ich nach Hause kam, sah ich als erstes den Brief, der auf dem schmalen Vorzimmertisch lag. Auf dem weißen Umschlag stand in Maschinenschrift mein Name, und in der Ecke als Absender die Brigham-Young-Universität. Mit zitternden Fingern riß ich ihn auf. Ich war aufgenommen! Und das Stipendium, um das ich auf den Rat eines Studentenberaters an der Universität Wisconsin angesucht hatte, war ebenfalls genehmigt! Ich las den Brief immer wieder durch, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß mein Traum nun wahr würde.
Ich blickte auf. Meine Mutter stand in der Tür und beobachtete mich. „Du brauchst mir gar nicht zu sagen, was in dem Brief steht”, sagte sie. „Ich seh's dir an.”
,.Mutter", wollte ich anfangen, doch ihre Augen blitzten, und sie unterbrach mich zornig: „Du meinst wohl, du bist was Besonderes, wie? Eingebildet und ganz die Dame. und an Selbstbewußtsein fehlt's dir wohl auch nicht. Genau wie meine Schwester Beth – die war genauso. Sie hat uns auch den Rücken gekehrt, das hast du doch auch vor.”
„Mutter”. rief ich verzweifelt. „ich kehre euch nicht den Rücken. Ich gehe doch nur auf die Universität. Neun Monate an der Uni, das ist alles.”
„Ja, das sagst du, Michelle. Aber was ist, wenn du nie zurückkommst? Beth ist auch nicht mehr zurückgekommen.” Aber das war doch etwas ganz anderes! Sie hat irgend etwas Schändliches getan. Großvater Hunter hat sie rausgeworfen. Er ließ sie doch gar nicht zurückkommen."
Sie starrte mich an und auf ihrem Gesicht lag ein eigenartiger Ausdruck. „In dem Augenblick, wo du dich den Mormonen angeschlossen hast, hast du uns und allem, was wir glauben, den Rücken gekehrt. Du bist nicht mehr eine von uns, Michelle. Wenn du nach Utah gehst, brichst du die letzte Brücke ab.”
„Nicht doch, Mutter! Bitte sag' doch so etwas nicht!" Ich trat auf sie zu. aber sie wich zurück.
..Wie kannst du mir so etwas antun?" rief sie. „Wie kannst du nur so egoistisch und grausam sein? Beth war meine größere Schwester, und sie hat mich im Stich gelassen, gerade, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Du bist genau wie sie. Michelle, genau gleich!”
Ich lief an ihr vorbei durch die Küche und zur Hintertür hinaus in den stillen Garten. Ich fröstelte und zitterte am ganzen Körper, obwohl es eine warme Sommernacht war. Nie hätte ich mir träumen lassen, daß meine Mutter mich mit ihrer verlorenen Schwester Beth vergleichen könnte. Ich kannte schon lange die alte Geschichte von der mysteriösen Schwester, die von ihrem strengen Vater verstoßen worden und verschwunden war, um irgendwo ihr Leben in Schande und Einsamkeit zu verbringen. Als Kind war mir diese Geschichte so romantisch vorgekommen, schön und doch traurig. Aber nie hätte ich mir träumen lassen, daß ich selbst die Hauptfigur in einer solchen Geschichte werden könnte. Wie konnte meine Mutter nur so von mir denken? Schämte sie sich meiner? Wollte sie mich verstoßen, wie ihr Vater einst die Schwester verstoßen hatte, die ihr so lieb war? Später am Abend war ich allein in meinem Zimmer, als mein jüngerer Bruder Paul hereinkam. „Ich wollte dir nur sagen. wie gemein du bist”. sagte er.
"Was meinst du?" fragte ich.
„Du weißt ganz genau. was ich meine. Du hast Mutter gekränkt, und jetzt schreit sie herum und läßt es an uns allen aus, und zum Schluß heult sie die halbe Nacht. Du machst überhaupt nur noch Schwierigkeiten, Michelle."
„Das stimmt nicht, Paul!” verteidigte ich mich. Ich spürte einen harten Kloß in meiner Kehle – ich fühlte mich gedemütigt. weil ich mich für jeden Aternzug entschuldigen mußte. „Ich will doch keine Schwierigkeiten machen.”
„Du machst sie aber. Hoffentlich zahlt es sich wenigstens für dich aus, daß du die ganze Familie unglücklich machst, nur damit du deinen Willen hast.”
Dann stampfte er aus dem Zimmer, ohne mich antworten zu lassen. In meinen Augen sammelten sich heiße Tränen. Er war hart und unfair gewesen. Wie konnte ich ihm erklären, was wirklich los war, was ich wirklich empfand?
Später kam meine kleine Schwester Katy herein, um mir einen Gutenachtkuß zu geben. Sie blickte mich mit ihren großen Unschuldsaugen an und fragte: „Warum gehst du fort, Michelle? Mami sagt, du hast uns nicht mehr lieb und gehst fort.” Ich schloß sie in die Arme und drückte sie fest. „Das stimmt nicht, Schatz. Ich habe dich sehr lieb! Es wird lustig sein, wenn ich fortgehe. weil du jede Woche einen Brief bekommst und manchmal ein Überraschungspäckchen.”
Ihr Gesicht erhellte sich ein wenig, und ich umarmte und drückte sie ein halbes Dutzend mal, bevor ich sie gehen ließ. Schließlich ging ich zu Bett. konnte aber nicht einschlafen. Worauf war meine Mutter aus? Warum mußte sie mich dafür bestrafen, daß ich nicht so war, wie sie es sich vorstellte?
Die Tage danach zogen sich endlos, einer trübseliger als der andere. Manchmal fühlte ich mich angegriffen, war böse auf meine Mutter und hatte das Verlangen, zurückzuschlagen. Dann wieder kam ich mir klein und bedroht vor wie ein kleines Mädchen und sehnte mich danach, daß sie mich hielte und tröstete und mir meine Ängste nähme. Sie hatte mir alle Vorfreude zerstört, und manchmal dachte ich in einem schwachen Augenblick, daß ich vielleicht doch nicht fortgehen sollte. Aber es waren schon zu viele meiner Gebete erhört worden, und ich hatte schon zu viele Zeichen gesehen, die mir deuteten, daß ich meinen Lebensweg in diese Richtung lenken solle. Ich sagte mir immer wieder, es würde sich schon alles zum Besten wenden. Vielleicht würde mir das Leben leichter fallen, wenn ich fortging. Vielleicht konnten sie mich auch leichter verstehen und alles mit etwas Abstand sehen, wenn ich nicht so nahe wäre und dauernd Anlaß zu Auseinandersetzungen gäbe. Vielleicht würde ich ihnen sogar fehlen, und sie würden mich zumindest ein wenig zu schätzen wissen. Doch ich fürchtete mich. Es war niemand da, der mich hätte verstehen können. Lori sah nur, daß mir die Welt zu Füßen lag, daß ich nach Zion oder Mekka ging, wo immer die Sonne scheint und alle Träume in Erfüllung gehen. Ich war noch nie in Utah gewesen und hatte noch nie einen richtigen Berg gesehen. Ich kannte in ganz Utah keinen Menschen, und schon gar nicht an der BYU. Was für Menschen waren die Mormonen? Würden sie mich auslachen, weil ich anders war, weil ich vieles falsch machen würde? Unsere kleine Gemeinde war so informell, der Versuch eines Anfangs. Wie würde es in Gemeinden sein, wo es Hunderte von Heiligen der Letzten Tage gab? Was, wenn sie alle zehnmal mehr über das Evangelium wußten als ich? Endlich waren die langen Tage vorüber, und es war an der Zeit, abzureisen. Am Tag vor meiner Abfahrt zum Flugplatz in Madison betete und fastete ich den ganzen Tag. Ich konnte es nicht über mich bringen, meine Mutter so zu verlassen — in ihrem Haß und in der Vorstellung, ich kehre ihr den Rücken, wie ihre große Schwester es einst getan hatte.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum. Ich war wieder ein kleines Mädchen mit Zöpfen und schmutzigem Gesicht. Ein paar bösartige Jungen rannten mir nach, und ich fiel hin und schlug mir das Knie auf. Ich kam wieder hoch und lief über den Rasen, schluchzend und nach meiner Mutter rufend. Plötzlich stand sie da und schloß mich in ihre starken, weichen Arme. Sie strich mir das Haar zurück, küßte mich auf die Wange und reinigte das aufgeschlagene Knie mit Jod. Dann klebte sie ein großes Pflaster darüber. Ich wachte auf und spürte ihre sanfte Hand immer noch auf meiner Haut: auch ihr liebevolles Lächeln schwebte mir noch vor.
Ich setzte mich im Bett auf, und mir war bewußt, daß meine Mutter nicht ahnte, wie sehr ich sie brauchte. Wie lange war es her, daß ich sie um Rat oder Hilfe gebeten hatte? Ich war in ihren Augen selbständig, unabhängig und selbstbewußt. Mein neuer Glaube hatte sie aus meinem Leben ausgeschlossen, und ich hatte nichts unternommen, um ihr dafür einen Ersatz zu bieten, sie wissen zu lassen, daß ich sie immer noch liebte und brauchte und schätzte. All die Monate hatte ich gemeint, sie sei an allem schuld, und ich allein sei die Leidtragende.
Am nächsten Morgen rief ich sie in mein Zimmer und bat sie, mir beim Packen zu helfen. Sie ist sehr ordentlich. und ich wußte, sie würde meine in letzter Minute zusammengesuchten Sachen besser einpacken können. als ich es jemals schaffen würde.
Das sagte ich ihr. Ich redete mit ihr und lobte sie, und bald schwand der verständnislose Ausdruck, den sie zu verbergen suchte, von ihrem Gesicht, und wir waren gern beisammen. Nicht, daß es Wunder gewirkt hätte, dazu war die Zeit zu kurz. Ich konnte ihr noch immer nicht ausdrücken, welche Angst ich hatte, wie sehr ich sie liebte, und wie sehr ich sie vermissen würde. Doch waren aus ihren Augen Kälte und Zorn verschwunden, und sie begleitete mich zur Bushaltestelle: als ich ihr das Briefchen, das ich geschrieben hatte, in die Hand drückte und sie zum Schluß umarmte, wehrte sie sich nicht, hielt mich fest umarmt und gab mir einen Kuß auf die Wange. Mehr konnte ich nicht tun, sonst wären mir die Tränen gekommen. Ich schaute durch das Busfenster und winkte meiner Familie zum Abschied. Ich wünschte, sie wüßten, wie sehr ich sie liebte.
Als das Flugzeug in Salt Lake City landete, fühlte ich mich von der Reise und den Emotionen dieses Tages erschöpft. Wir hatten die Rocky Mountains überflogen, eine Märchenwelt von Gipfeln und Klüften im Morgenlicht. in der Wolken und Schatten mir ständig wechselnde Bilder vor die Augen zauberten.
Doch als ich nun nach der Landung mit der Menschenmenge in die überfüllte Ankunftshalle ging, hatte offenbar jeder schon ein bestimmtes Ziel oder jemanden, der ihn abholte. Ich zögerte und war mir nicht sicher, was ich tun oder wohin ich zunächst gehen sollte. Eine Frau fiel mir auf, die näherkam. Sie war schon älter und sehr schön, hatte volles braunes Haar und ein anziehendes Gesicht. Als sie nahe heran war, dachte ich, sie sähe irgendwie vertraut aus und blickte sie noch einmal an. Es schien, als käme sie direkt auf mich zu. Ich trat von einem Fuß auf den anderen und starrte auf den Boden, und als ich wieder aufblickte, stand sie genau neben mir. Sie lächelte, und das Gefühl, ich hätte sie schon irgendwo gesehen, wurde noch stärker.
„Michelle?” fragte sie. „Du bist doch Michelle Briggs, oder?”
„Ja ...”, stieß ich hervor.
„Ich hab's mir gedacht”. sagte sie. „Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich. Du hast ihre schönen Augen." Sie lächelte erneut "Ich möchte dich nicht erschrecken, aber ich bin deine Tante Beth."
„Ich verstehe nicht”, erwiderte ich. „Was tust du denn hier? Wie hast du gewußt, daß ich hier sein würde ... oder daß es mich überhaupt gibt?”
„Von deiner Mutter, Michelle”. sagte sie und nahm meine Hand sanft in die ihre. "Ich habe all diese Jahre deiner Mutter geschrieben, doch sie hat kein einziges Mal geantwortet."
„Willst du sagen, meine Mutter hat die ganze Zeit gewußt, wo du warst?” „Sie hat es gewußt, wenn sie es auch nicht zugeben wollte. Deine Mutter war noch sehr jung, als ich fortging, und Großvater hat sie aufgehetzt. Als sie alt genug war, um zu verstehen, was wirklich geschehen war, war es zu spät.”
„Zu verstehen, was geschehen war? Was war denn geschehen?”
Sie hielt inne, und ihre Augen begannen zu glänzen. „Als ich noch ein Mädchen war, schloß ich mich gegen den Willen meines Vaters der Kirche an. Ich war jung und dumm. Ich hatte seinen Stolz verletzt, und er wollte mir nicht mehr vergeben. Als ich fort nach Utah ging, sagte er niemandem, was mit mir geschehen war. Er starb, ohne zu wissen, daß ich geheiratet hatte und daß er drei Enkel hatte und bald vier haben würde.
Ich habe aber weiterhin die Zeitung von Franklin City bezogen und von der Hochzeit deiner Mutter gelesen. Ich habe ihr treu geschrieben, in der Hoffnung, daß sich ihr Herz doch irgendwann erweichen würde und sie mir antworten würde.”
All die Jahre hindurch?" fragte ich verwundert.
„All die Jahre. Und all die Jahre habe ich gebetet, der Herr möge doch ihr Herz erweichen. Und er hat meine Gebete erhört, Michelle — durch dich." Ihre Augen hatten nun einen feuchten Glanz und ihre Hand faßte die meine fester.
„Aber wie ..." stammelte ich, „... wie „. Ich begriff noch immer nicht. „Deine Mutter hat mir geschrieben und mitgeteilt, daß du dich der Mormonenkirche angeschlossen hast und daß du auf die BYU kämst. Sie hat mich gebeten, ich solle mich um dich kümmern.” “Meine Mutter ... hat das getan?” Meine Tante nickte. "Sie hat geschrieben, was für ein besonderes Mädchen du bist und wie sehr sie dich liebt."
Mein Blick war verschwommen, weil meine Augen voll Tränen waren. Es kostete mich Anstrengung. nicht zu weinen. Meine und Tante Beths Gebete – und die Gebete meiner Mutter, deren Sorge um mich stärker gewesen war als Stolz und Vorurteil und von der ich immer noch etwas über Opfer und Liebe lernen konnte! Ich blickte die gute Frau, die meine Hand hielt. lächelnd an.
„Ich habe noch einen weiten Weg vor mir", sagte ich.
„Du wirst ihn schaffen", sagte sie, und ich hatte das Gefühl. sie verstände alles. was ich nicht in Worte fassen konnte. „Freilich". sagte ich, „ich muß es schaffen. Ich möchte eine wirkliche Heilige der Letzten Tage sein. Ich möchte, daß meine Mutter stolz auf mich ist.”
Susan Evans McCloud, Februar 1983

20:17 - 15.10.2008 - Kommentieren


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