| Bekehrungsgeschichten |
Die AufnahmeprüfungDie Zeiger der Uhr schienen stillzustehen; jedesmal, wenn ich hinsah, zeigten sie noch die gleiche Zeit an. Wenn doch der Lehrer endlich käme, damit die Aufnahmeprüfung beginnen konnte! Meine Angst hätte dann endlich ein Ende.Wie die meisten japanischen Studenten hatte auch ich eine Heidenangst vor der Aufnahmeprüfung für die Universität. Wer bei uns durch diese Prüfung fällt, darf keine Universität besuchen. Die meisten Schüler gehen ein ganzes Jahr lang spät ins Bett, weil sie für diese Prüfung lernen. Für sie ist die folgende Redensart bestimmt: „Wer vier Stunden schläft, besteht; wer fünf Stunden schläft, fällt durch.” Wie meine Freunde hatte auch ich nächtelang gelernt; und meine Eltern hatten mir unzählige Male zugesetzt. auch ja alles zu tun, um diese Prüfung zu bestehen. Aber für mich persönlich war diese Prüfung noch viel wichtiger. Sie könnte nämlich ausschlaggebend dafür sein, ob meine Eltern mir erlauben würden, mich taufen zu lassen. Vier Jahre lang hatte ich schon versucht, sie bzw. meinen Vater zu überzeugen, daß es gut für mich wäre, wenn ich mich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anschließen würde. Aber er wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß die Schule im Augenblick sehr viel wichtiger für mich sei. Wenn ich doch nur diese Prüfung bestehen würde! Dann dürfte ich die Universität besuchen, und der Druck würde etwas nachlassen. Vielleicht würden meine Eltern dann sogar meiner Taufe zustimmen. Ich sah wieder zur Uhr. Noch drei Minuten... Ich dachte daran zurück, wie ich die Mormonen kennengelernt hatte. Es war Sommer, und ich besuchte die zweite Klasse des Gymnasiums, als Präsident Spencer W. Kimball nach Sapporo kam. Ich hatte vorher schon viele andere Kirchen besucht, aber bei dieser Versammlung erlebte ich etwas ganz Neues: Unter den Mitgliedern herrschte Einigkeit. Das erschien mir damals ganz seltsam. Bei den anderen Kirchen war es ganz anders zugegangen. Da kamen die Leute zu den Versammlungen, setzten sich hin, hörten zu und gingen dann wieder nach Hause. Bei den Mormonen war das anders. Sie gaben sich Mühe, das Beste aus ihrem Leben zu machen; sie freuten sich des Lebens und versuchten, das so zu tun, wie es dem Herrn gefiel. Dann dachte ich daran, wie ich das zweite Mal bei den Mormonen war. Am 3. November des gleichen Jahres fand im Zweig ein Erntedankfest statt. Meine ältere Schwester bat mich mitzukommen und sagte mir; daß alle Leute himmlisch wären und daß es uns schon ganz durcheinanderbringen würde, wenn wir nur mit ihnen zusammen wären. Genau das geschah auch. Ich hatte noch nie so eine geistige, vertraute Umgebung erlebt. Danach ging ich jede Woche zur Kirche und wurde mit offenen Armen aufgenommen. Die Missionare belehrten mich über das wiederhergestellte Evangelium und darüber, wie ich durch Beten die Wahrheit selbst erkennen konnte. In keiner anderen Kirche hatte ich bisher beten gelernt, aber in dieser Kirche konnten sogar die kleinen Kinder schon beten. Ich las jeden Tag im Buch Mormon und betete darüber. Allmählich begann ich zu verstehen, warum ich auf der Erde bin und was in diesem Leben wirklich wichtig ist. Aber ich hatte noch nicht das Gefühl, daß ich ein Zeugnis hätte. Im April führte der Zweig dann das JD-Programm ein. Zuerst nahm nur eine einzige Person daran teil, und das war ich! Meine Lehrerin wartete immer auf mich, auch wenn ich einmal nicht hinging. Das kam mir ziemlich eigenartig vor. Warum hatte sie so viel Geduld? Warum wartete sie so lange auf mich, selbst wenn sie nicht einmal wußte, ob ich überhaupt kommen würde? Zu der Zeit ging unser Missionspräsident nach Hause. Sein Nachfolger war Präsident Suzuki, der mit seiner Familie nach Sapporo kam. Seine Tochter Naomi war in meinem Alter, und wir beide schlossen rasch Freundschaft, denn wir waren die einzigen Jungen Damen in dieser Altersgruppe. Naomi war mir ein gutes Vorbild, und mit ihrer Hilfe begann ich einzusehen, warum unsere Lehrerin so geduldig war und wie köstlich das Evangelium ist. Naomis Beispiel half mir durchzuhalten; ich ging weiterhin zur Kirche und betete fleißig. Ich erarbeitete mir ein bescheidenes Zeugnis und wünschte mir nichts sehnlicher, als getauft zu werden. Ich hatte schon einmal mit meinen Eltern darüber gesprochen, aber sie wollten nicht, daß ich mich taufen ließ. Jetzt versuchte ich es noch einmal. „Glaube”, sagte mein Vater, „entsteht nicht in ein oder zwei Tagen. Dieser Vorgang dauert viele Jahre.” Seiner Meinung nach war die Schule für einen Schüler wichtiger als sogar die Religion, deshalb weigerte er sich entschieden, mir die Einwilligung zur Taufe zu geben. Das war sehr schlimm für mich. Aber ich nahm mich zusammen und dachte über das nach, was mein Vater gesagt hatte. Ich stellte fest, daß er ganz recht gehabt hatte. Religiosität war nichts für kurze Zeit, sondern etwas für das ganze Leben. Ich begann also, am Seminarprogramm teilzunehmen und gewissenhaft im Alten Testament zu lesen. Die Aufgaben machten mir Spaß, ich lernte viel über Themen, die neu für mich waren. Dadurch bekam ich mehr Kenntnis vom Evangelium. Aber ich konnte mir das Material für das Heimstudium nicht kaufen, weil ich in diesem Jahr die Prüfung für eine weiterführende Schule ablegen mußte und meine Eltern nicht wollten, daß ich meine Zeit mit religiösen Hausaufgaben verbrachte. Ich sollte meine Schularbeiten machen. Ich war überglücklich, als ich den Leitfaden von meinen Mitschülern geschenkt bekam. Wie sollte ich ihnen nur danken? Es war wohl am besten, ihn intensiv durchzuarbeiten. Obwohl ich langsamer vorankam als meine Mitschüler, wurde ich doch fertig und konnte dem Lehrer meine Aufgaben abgeben. Ich bestand die Aufnahmeprüfung und war erleichtert. Dann wagte ich es noch einmal, meine Eltern auf die Taufe anzusprechen, denn ich hatte meiner Meinung nach doch bewiesen, daß ich in der Kirche aktiv sein konnte, ohne daß die Schule darunter litt. Doch ihre Reaktion war ein harter Schlag für mich. „Nein”, sagte mein Vater, „von jetzt an wird die Schule noch schwerer. Und du hast nicht für beides Zeit.” Meine Eltern wurden immer ärgerlicher, daß ich so regelmäßig die Versammlungen besuchte. Sie schimpften jeden Sonntag, wenn ich zur Kirche ging. Aber nach einigen Monaten sahen sie ein, daß ich trotzdem weiter zur Kirche gehen würde, und ihr Widerstand wurde schwächer. Ich lernte weiter im Seminarleitfaden und mein Zeugnis wurde immer stärker. Aber ich durfte mich immer noch nicht taufen lassen. Eines Tages schlug Naomi vor, daß wir fasten und beten sollten. Also fasteten und beteten wir jeden Sonntag zusammen – ein ganzes Jahr lang. Ich fühlte mich Gott dann sehr nahe, und mein Zeugnis wurde in diesem Jahr, in dem wir viele Segnungen erhielten, unerschütterlich. Aber meine Eltern ließen sich nicht umstimmen. Meine Gedanken wanderten weiter. Ich dachte an den Beginn dieses Schuljahres – mein letztes Jahr auf dem Gymnasium war angebrochen. Ich mußte mich auf die Aufnahmeprüfung für die Universität vorbereiten. Meine Eltern würden es mir nie gestatten, mich vorher taufen zu lassen. Ich fragte mich, ob sie es mir wohl hinterher erlauben würden. Eines aber stand zumindest fest: Wenn ich die Aufnahmeprüfung nicht bestehen würde, würden meine Eltern mir vorwerfen, ich sei durchgefallen, weil ich so viel Zeit in der Kirche verbracht hätte. Ich mußte beweisen, daß sie Unrecht hatten. Irgendwie wußte ich, daß es für meine Taufe wichtig war, diese Prüfung zu bestehen, wenn ich auch nicht genau wußte, wieso. Ich lernte noch angestrengter als vorher. Schularbeiten kamen bei mir an erster Stelle, sogar noch vor Kirchenaufgaben. Ich vernachlässigte das Seminarprogramm, denn ich dachte mir, daß es sich bezahlt machen würde, das Seminarprogramm hinter die Schularbeiten zu stellen, wenn ich mich dann taufen lassen könnte. Aber ich vermißte die Aufgaben, denn beim Seminar hatte ich den größten Fortschritt gemacht und mein Zeugnis am stärksten gespürt. Jetzt schien dieses Zeugnis wieder kleiner zu werden, während sich dreizehn Heimstudiumhefte auf meinem Bücherregal stapelten. Mein Gewissen sagte mir, daß ich nicht richtig handelte, daß ich neben der Schule doch noch genug Zeit für Kirchenarbeit und das Seminarprogramm hätte. Am 25. Februar nahm ich mir vor, alle dreizehn Hefte bis zum 4. März abzugeben. Das war der Tag, an dem die Aufnahmeprüfung beginnen sollte. Das Seminarmaterial wurde zu einer willkommenen Abwechslung bei meinen Schularbeiten. Am 2. März gab ich alle Aufgabenhefte ausgefüllt an meinen verdutzten Lehrer ab. „Wir fangen jetzt an”, hörte ich den Lehrer sagen, der die Prüfung beaufsichtigte. Ich sah auf die Uhr und flüsterte ein Gebet. Wie Marionetten erhoben wir uns und betraten den Prüfungsraurn. Ich habe bestanden! Ich konnte es kaum glauben! Ich war so aufgeregt! Als einige Tage später die Punktezahl veröffentlicht wurde, war ich dabei! Ich würde also zur Universität gehen können. Ich konnte meinen Eltern diese Neuigkeit gar nicht schnell genug überbringen und fragte auch gleich, ob ich mir jetzt endlich meinen Herzenswunsch — nämlich ein Mitglied der Kirche zu werden — erfüllen dürfte. Aber mein Vater sagte einfach: „Nein.” Mir blieb das Wort im Hals stecken. Aber jetzt tat meine Mutter etwas, was sie noch nie getan hatte — sie ergriff meine Partei. Sie erinnerte meinen Vater daran, daß ich vier Jahre lang Schule und Religion die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt hatte. „Die Kirche ist gut, und ich glaube nicht, daß meine Tochter etwas Falsches tut, wenn sie sich ihr anschließt”, sagte sie. „Die Kirche ist wirklich gut. Ich kann schon verstehen, wieso meine Tochter ihr Leben lang dort hingehen möchte.” Wir unterhielten uns anschließend stundenlang, und ich erkannte, daß meine Eltern nicht gegen mich waren, sondern mich liebten. Sie machten sich Sorgen um mich und wollten verhindern, daß ich blind in irgend etwas hineinstolperte. Ich bin dankbar, daß ich so wunderbare Eltern habe. Ich glaube, sie haben begriffen, daß ich mich nicht aus einer Laune heraus der Kirche anschließen wollte. Ich durfte mich taufen lassen! Ich wurde dann an dem Tag getauft und konfirmiert, an dem ich die Abgangsurkunde der Jungen Damen erhielt. Meine Seminarfreunde halfen bei der Vorbereitung des Taufgottesdienstes, an dem beinahe meine ganze Familie teilnahm. In Japan haben nur etwa 5% der Gymnasiasten und Studenten, die der Kirche angehören, ihre Eltern ebenfalls in der Kirche. Es ist für sie schwierig, ihrer Familie vom Evangelium zu erzählen, weil die Eltern meistens Hindus oder Schintoisten sind und deshalb nicht nachvollziehen können, welche Freude das Evangelium Jesu Christi den Menschen bringt. Aber ich glaube wirklich daran, daß der Herr an uns interessiert ist und uns helfen will. Für mich bedeutet das, daß mein Glaube in den vier Jahren, die ich geduldig gewartet habe, stärker geworden ist. Kanako Yamabuki, Februar 1983 21:03 - 2.11.2008 - Kommentieren
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