Bekehrungsgeschichten

Es begann in Far West

Geschrieben in Unbenannt
Als ich ein kleiner Junge war und in einer kleinen Hafenstadt in der Normandie in Frankreich aufwuchs, las ich einmal ein Buch über „Le Far West”, worin über die Besiedlung der Vereinigten Staaten berichtet wurde. Da wurden der Glaube und Mut der Mormonenpioniere beschrieben, die mit ihrer ganzen Habe mit Handkarren durch die Prärie gezogen waren. Ich hatte schon Männer an den Docks gesehen, die mit Fisch beladene Handkarren zogen, und manchmal brauchten sie vier oder fünf Leute, um den hölzernen Karren vom Fleck zu bewegen. Von dieser Zeit an bewunderte ich die Mormonensiedler. Ich wußte damals noch nicht, daß eines Tages tatsächlich zwei junge Mormonen auch an unsere Tür klopfen würden. Dies geschah, als wir nach Südfrankreich gezogen waren und ich noch das Gymnasium besuchte. Diese Mormonen sahen überhaupt nicht wie Pioniere aus. Sie hatten kurze Haare. Sie waren rasiert. Sie trugen sogar Anzug und Krawatte! Sie luden mich zum Englischunterricht in ihr Versammlungshaus ein. Meine Eltern erlaubten mir, daran teilzunehmen.
Bald fand ich heraus, daß diese Männer auch Bewunderung verdienten, nicht unbedingt wegen ihrer körperlichen Ausdauer, sondern wegen ihrer geistigen Stärke. Gelegentlich besuchten sie meine Familie, und obwohl meine Eltern von Anfang an klarstellten, daß sie nur an ,.gesellschaftlichen" Kontakten interessiert waren, fragte ich die Ältesten immer wieder über ihre Kirche aus und nahm jedes ihrer Worte begierig auf.
Meine Mutter war katholisch, mein Vater Jude. Sie hatten mich stets dazu angehalten, ein gutes Leben zu führen, zu Gott zu beten und an ihn zu glauben. Aber diese jungen Männer schienen ihn zu kennen. Wenn sie sich mit meinen Eltern unterhielten, bekam ich viele ihrer Ansichten mit und verstand mit der Zeit immer mehr. Wenn einer meiner Freunde die Missionare auslachte oder die Kirche kritisierte, übernahm ich sofort ihre Verteidigung. Ich glaube nicht, daß mir das zu dem Zeitpunkt völlig bewußt war, aber in meinem Herzen wußte ich, daß die Missionare die Wahrheit sprachen. Während meiner Schulzeit kamen viele Missionarspaare zu uns nach Hause, aber obwohl meine Eltern immer höflich waren, zeigten sie kein Interesse an der Kirche. Und ich fühlte mich zu jung, um die Diskussionen allein anzuhören. Ich machte unterschiedliche Stadien des Glaubens durch – bald war er stärker, bald war er wieder schwächer. Wir zogen von Nizza nach Cannes, und schließlich verlor ich den Kontakt zu den Missionaren.
Einige Zeit später, während einer Phase inneren Kampfes, fing ich wieder an, den Herrn im Gebet anzurufen. Diesmal wußte ich, daß ich mich vollkommen auf ihn verlassen mußte. Ich fühlte ein warmes Brennen, eine wirkliche Bestätigung, daß es einen ewigen Vater gibt, der über mich wachte und mich persönlich kannte und liebte. Kurz nach diesem Erlebnis brachte ich einen Brief zur Post, und da sah ich zwei Missionare. Ich lief zu ihnen. „Sie sind Missionare. nicht wahr?” rief ich aus. Dann erzählte ich ihnen von diesem wunderbaren Gefühl, das ich über meinen Vater im Himmel hatte. Sie verstanden ganz genau, was ich meinte. „Das ist der Heilige Geist, der Ihnen Zeugnis von der Wahrheit gibt”, sagte der eine zu mir. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Zwar konnte ich anderen von meinen Erlebnissen berichten und ihnen von meinen Gedanken und geistigen Erlebnissen erzählen, doch sie verstanden mich nicht. Die Missionare aber verstanden genau, was ich ihnen beschrieb, jede einzelne Erfahrung. Wir sprachen lange miteinander. Bald darauf mußte ich meinen Militärdienst ableisten. Doch mein Wunsch, mit Missionaren und Mitgliedern zusammenzusein, wurde immer stärker. Sobald ich ein neues Evangeliumsprinzip hinzugelernt hatte, setzte ich es in die Tat um. Kurz bevor ich fortging, sagte einer der Missionare zu mir: „Sie wissen, Sie leben wie ein Mormone, aber Sie versuchen vollkommen zu werden, bevor Sie sich der Kirche anschließen. Das ist falsch. Gerade die Kirche wird Ihnen helfen, vollkommen zu werden.” Sie sagten mir, ich habe ein Zeugnis. aber ich war mir immer noch nicht sicher.
Während der Militärzeit konnten meine Gefühle wachsen und sich entfalten. Ich hatte eine Menge Zeit zum Nachdenken, und ich machte mir ernsthaft über meine Eindrücke von der Kirche Gedanken. Ich war bei der Gebirgstruppe in Briancon stationiert, und in der Nähe gab es keine Gemeinde der Kirche. Aber ich bewahrte das, was ich gelernt hatte, in meinem Herzen auf und ließ den Samen des Glaubens wachsen.
Als ich aus dem Militärdienst entlassen wurde, stand ich vor einer schwierigen Entscheidung. Mein bester Freund aus der Normandie und ich hatten seit langem geplant, die Vereinigten Staaten zu besuchen, und ich hatte Geld dafür gespart. Aber er konnte diesen Plan nicht verwirklichen. Ich mußte mich entscheiden, ob ich allein fahren wollte oder nicht. Ich kehrte in die Normandie zurück, spazierte stundenlang den Strand entlang und dachte nach.
Jeder, der damals mein geistiges Zwiegespräch hätte belauschen können, hätte gewußt, daß ich schon ein Zeugnis besaß. „Mir geht es gut hier – ich habe meine Familie und meine Freunde, ich fühlte mich selbstsicher. und dies ist der schönste Fleck auf der Erde". sagte ich mir. „Aber was ist, wenn ich nicht gehe? Ich würde wahrscheinlich eine Gelegenheit verpassen, noch mehr über das Evangelium zu erfahren, wirklich ein Zeugnis davon zu erlangen. Diese Reise, diesen Traum meiner Jugend könnte ich zwar aufgeben. Aber eine Gelegenheit aufgeben, mehr über die Kirche des Herrn zu erfahren?"
In den Vereinigten Staaten hatte ich Gelegenheit, viele Freundschaften mit Mitgliedern aufzubauen. Schließlich begann ich zu glauben, daß ich tatsächlich ein Zeugnis besäße – ich kann nicht vergessen, wie wunderbar ich mich jedesmal fühlte, wenn ich als Antwort auf eine Frage den Heiligen Geist verspürte, der meine Seele erleuchtete und jeglichen Zweifel beseitigte. Es fiel mir schwer zu verstehen, warum die Mehrehe praktiziert worden war. Im Bus irgendwo zwischen Colorado und Utah hatte ich eine Erleuchtung, keine tatsächliche Vision, sondern eher einen geistigen Einblick in die Menschen, die Polygamie praktiziert hatten. Und ich verstand, wie es möglich war, daß ein solches Prinzip rein war und von Gott kam. Diese Art von Erleuchtung hatte ich immer wieder auf der Reise durch die Vereinigten Staaten.
Schließlich besuchte ich noch einige Inseln in der Nähe von Seattle im Staat Washington. Dort studierte ich in einer kleinen Wohnung zehn Tage lang das Buch Mormon. Mein Zeugnis wurde immer stärker. Es wurde Zeit, nach Frankreich zurückzukehren, und in meinem Herzen wußte ich, daß ich mich taufen lassen würde.
Einige Tage nach meiner Rückkehr baten mich die Missionare, bei einer Belehrung mitzuhelfen. Der Untersucher war ein Student der Naturwissenschaften, und er hatte mit einigen Fragen zu kämpfen, die auch mir Probleme bereitet hatten, als ich mich mit denselben Themen befaßt hatte. Ich erklärte ihm, wie ich Antwort auf die Fragen gefunden hatte, und als wir gingen, schien er zufrieden und glücklich zu sein.
Einige Tage danach riefen mich die Missionare an und erzählten mir, daß er sich der Kirche anschließen wolle. „Wie findest du das?” sagte ich mir. „Hier stehst du, kannst einem anderen helfen, sich taufen zu lassen, nur nicht dir selbst. Das dauert jetzt schon lange genug.” Ich spürte, daß ich ein Zeugnis hatte, aber ich fastete und betete. Die ganze Nacht blieb ich auf und flehte den Herrn an, dieses Zeugnis in mir zu siegeln. Am frühen Morgen schließlich war meine Seele mit einem süßen, ruhigen Frieden erfüllt. Ich wußte, ich mußte den Missionaren sagen, daß ich zur Taufe bereit sei.
Als ich auf dem Weg zu ihnen um die letzte Ecke bog. spürte ich, wie eine mächtige Kraft sich mir in den Weg stellte. Es war, als ob ich mich gegen einen Sturm mit 100 km/h Windgeschwindigkeit anstemmen müßte. Das hatte ich schon einmal erlebt, nur war es diesmal viel stärker. Dies war ein geistiger .,Wind", kein körperlich spürbarer. Ich wollte gerade aufgeben und umkehren. Ich wußte, diese Kraft wollte, daß ich alles anzweifelte, aber schließlich sagte ich: „Nein. Ich weiß, es gibt einen Gott.” Diese Wahrheit fühlte ich tief in meiner innersten Seele. Ich wußte, er würde für mich gegen diese Kraft kämpfen.
Ich erreichte die Tür des Gemeindehauses; es war eine ganz normale Tür, aber ich mußte mit aller Kraft daran ziehen, um sie aufzubekommen. Als ich eintrat, sah ich einige Mitglieder und spürte ihren Geist, und der Widerstand war gebrochen, war fort. Wieder verspürte ich den süßen Frieden in meinem Herzen, und ich verspürte ihn noch stärker. als ich einige Tage später getauft und konfirmiert wurde. Ich verspüre ihn noch heute.
Philippe Benarous, Juli 1983

21:07 - 2.11.2008 - Kommentieren


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