| Bekehrungsgeschichten |
Der Junge mit dem SeetankDer irische Wind pfiff um das Haus, und der kalte Regen hämmerte gegen die Fensterscheiben. Drinnen saß Patrick McEntree jedoch im Warmen. Die Mitglieder des Zweiges hatten sich zur Abendmahlsversammlung eingefunden und saßen um das flackernde Herdfeuer. Doch Patrick erwärmte sich nicht nur an dem Feuer, sondern auch an den Worten des großen jungen Missionars mit dem amerikanischen Akzent. „Ich weiß, daß das Evangelium wahr ist”, sagte er, „und ich bin dankbar, daß ich dem Herrn hier in Westirland dienen darf.” Patrick wußte auch, daß das Evangelium wahr war. Plötzlich konnte er es kaum noch erwarten, bis er neunzehn war, um auf Mission zu gehen. Er mußte seinem Freund von dem wunderbaren Buch Mormon erzählen, das er jetzt las. Er umklammerte sein Buch fest. Das herrliche, in Leder gebundene Buch war ihm persönlich von dem Missionar, der seine Familie das Evangelium gelehrt hatte, aus Satt Lake City geschickt worden. Patricks Eselin Flopps wartete wie jeden Sonntag draußen vor dem Haus. Nicht einmal das stürmische irische Wetter hielt sie fern. Als die Versammlung vorüber war, setzte Patricks Vater seine Mütze auf und eilte mit den anderen Kindern und seiner Frau nach draußen. Patrick bummelte langsam neben Flopps nach Hause. „Weißt du, Flopps, ich will ein Missionar sein”, sagte er. „Wie kann ich bloß mit Tom und meinen anderen Freunden über das Evangelium sprechen?" Flopps wackelte nur mit den Ohren und zwinkerte Patrick zu. „Keine Lösung für mich, Flopps? Na, du bist trotzdem eine gute Freundin, auch wenn du das nicht verstehst.” Ein paar Tage später bahnte sich Patrick seinen Weg durch die muhenden Kühe, blökenden Schafe und gackernden Hühner auf der Dorfstraße. Flopps trottete dicht hinter ihm her. Es war Jahrmarkt in dem Dorf, und die Bewohner aus der ganzen Umgebung waren hergekommen, um ihre Waren feilzubieten. Patrick suchte seinen Freund Tom, um ihn über die Gemeindeaktivität an jenem Abend zu unterrichten. Jeder vom kleinsten Kind bis hin zum ältesten Großvater kam heute abend, um die traditionellen irischen Tänze zu tanzen. Es könnte ein erster Schritt sein, um mit Tom über das Evangelium zu sprechen, dachte er bei sich. Patrick sah Tom bei den Obstständen, aber plötzlich versperrte ihm Michael O'Brien mit einem riesigen Fischkorb voll Seetang auf seinem Rücken den Weg. Als Patrick um Michael und seinen Seetang einen Bogen gemacht hatte, war Tom bereits verschwunden. Patrick verzog das Gesicht und sah hinter Michael her. Selbst in der Schule roch Michael noch ein wenig nach Seetang. Die meisten Dorfbewohner holten sich zu Beginn des Frühjahrs Seetang, um ihre steinigen Kartoffeläcker damit zu düngen; Michael schnitt ihn das ganze Jahr hindurch, um ihn zu trocknen und an die Fabriken zu verkaufen. Patrick überkam ein merkwürdiges Gefühl, aber er verdrängte es. Nein! Er wollte auf keinen Fall Michael zum Aktivitätenabend einladen. Sie waren nicht befreundet. Ja, er mochte Michael nicht einmal. Michael spielte den Lehrern in der Schule oft einen Streich und lachte, wenn sie ihm Fragen stellten. Patrick sah ganz stur geradeaus. „Komm schon, Flopps, es gibt genug andere Menschen, die es eher verdienen, vom Evangelium zu hören als Michael.” Patrick mußte immer wieder an Michael denken. Am nächsten Morgen vergaß er fast, Flopps vor den Karren zu spannen und mit seinem Vater ins Moor zu gehen, um Torf zu stechen, das sie trockneten und als Brennstoff verwendeten. „He, mein Junge, du warst heute so still. Worüber grübelst du nach?” fragte sein Vater, als sie das letzte Bündel Torf neben ihrem Haus abluden. „Vater”, fragte Patrick zögernd, „was denkst du, erwartet der Vater im Himmel manchmal von uns, daß wir etwas tun, was wir gar nicht tun wollen?” Sein Vater zog die Augenbrauen hoch. „Nun ja, manchmal schon.” „Ich glaube, er möchte, daß ich Michael O'Brien vom Evangelium erzähle. Aber ich mag Michael gar nicht. Er ist manchmal so gemein.” „Hm . . .tja ...”, grübelte Patricks Vater, „wenn Gott seine Kinder erst dann lieben würde, wenn sie immer nur Gutes täten, würde er vermutlich nur sehr wenige von uns hier auf Erden lieben. Vielleicht”, Patricks Vater zwinkerte ihm zu, „mag er dich auch nicht, immer – ich weiß, daß du gelegentlich mal ungezogen bist. Aber da wir wissen, daß Gott alle seine Kinder liebt, will er ganz bestimmt, daß auch Michael O'Brien das Evangelium hört.” „Meinst du, ich kann Michael besser leiden, wenn ich darum bete?” „Ja.” Sein Vater deutete mit seinem Kinn in Richtung Straße. „Aber beeil dich mit dem Beten.” Patrick drehte sich herum. Michael kam die Straße heraufgestapft. Er war unterwegs, um Seetang zu schneiden, solange Ebbe war. Patrick sah seinen Vater an, um Mut zu sammeln. „Du kannst es, mein Junge.” Patrick mußte einmal kräftig schlucken, bevor er mit einem Gebet im Herzen rief: „Michael, soll ich dir helfen, Seetang zu holen? Ich könnte dir beim Schneiden helfen. Flopps ist an den Karren angespannt; du brauchtest den Seetang also nicht selber tragen.” Patrick und Michael schnitten die Stränge des nassen Seetangs, der zwischen den schlüpfrigen Felsen wuchs, mit ihren Messern durch, während Flopps geduldig darauf wartete, daß sie die tropfenden Bündel auf den Karren luden. Stundenlang arbeiteten sie über die Felsbrocken gebeugt und merkten gar nicht, daß der Regen immer stärker wurde und der heulende Wind das Rauschen des Meeres bereits übertönte. Erst als Flopps anfing zu schreien, bemerkte Patrick, wie stark der Wind und wie unangenehm der Regen war. Die Nacht brach herein, und die Flut stieg. Patrick schrie gegen den Sturm an: „Michael, ich glaube, wir hören besser auf.” Doch dann sah er, wie Michael plötzlich auf einem schlüpfrigen Felsbrocken ausrutschte und hinfiel. Patrick kletterte zu ihm, um ihm zu helfen. Michael keuchte: „Mein Fuß ist in den Fels eingeklemmt!” Patrick umklammerte einen der schlüpfrigen Felsbrocken und zog mit Leibeskräften daran. Er bewegte sich nicht von der Stelle. „Kannst du dein Bein überhaupt nicht bewegen?” Michael versuchte es, aber er verzog sein Gesicht vor Schmerzen. Das Wasser ging den Jungen bereits bis zu den Beinen. Was kann ich nur tun? zerbrach sich Patrick den Kopf. Plötzlich stieß er hervor: „Ich denke, wir sollten beten!” „Beten?” wiederholte Michael ungläubig und mit klappernden Zähnen. Und dann kam aus Michaels Mund das höhnische Gelächter, das Patrick so sehr verabscheute. Aber plötzlich hielt er inne. „Okay”, sagte er ruhig. Patrick betete so lange, bis er keine Angst mehr hatte und genau wußte, was er zu tun hatte. Er spannte Flopps aus, redete der widerspenstigen Eselin gut zu und lockte sie auf die schlüpfrigen Felsen. Dann legte er ein Seil um den Felsbrocken und befestigte das andere Ende am Geschirr der Eselin. Zuerst wollte Flopps nicht ziehen. Sie scharrte mit ihrem Fuß in dem Wasser herum, das immer höher stieg und wedelte verärgert mit dem Schwanz. „Komm schon, Flopps, du warst immer meine Freundin”, drängte Patrick sie. Flopps spitzte die Ohren und ging vorwärts. Der Felsbrocken bewegte sich mit. Auf dem Heimweg bis zu Patricks Elternhaus sagte Michael immer wieder: „Ich kann es einfach nicht glauben. Als du gebetet hast, spürte ich solche Ruhe. Ich wußte einfach, daß alles gut ausgehen würde.” Patricks Mutter gab den beiden zitternden Jungen dampfende Ochsenschwanzsuppe. „Flopps und ich werden dafür sorgen, daß du gut nach Hause kommst, Michael”, sagte Patricks Vater. Als Michael zur Tür hinaushumpelte, sah Patrick, daß sein Buch Mormon geöffnet auf dem Tisch lag. Impulsiv nahm er es und rief hinter Michael her: „Hier, nimm das mit. Du wirst es vielleicht lesen wollen.” Es waren schon zwei Wochen her, seit Patrick mit Michael Seetang geschnitten hatte. Patrick spielte mit Flopps' Geschirr herum und fragte sich, warum er bloß sein kostbares Buch Mormon verschenkt hatte. „Los, beeil dich, Patrick”, rief sein Vater. „Wir müssen heute eine Menge Heu rechen und binden.” Als Patrick Flopps an der kleinen Felsenmauer entlang zum Feld führte, sah er eine Frau mit einem Baby die Straße heraufkommen. Sie blieb an der anderen Seite der Felsenmauer stehen und sagte verschüchtert: „Ich suche Patrick McEntree.” „Ich bin Patrick.” „Oh. Ich wollte mich bei dir bedanken, daß du meinem Sohn das Buch gegeben hast – das Buch Mormon. Seit mein Mann letztes Jahr verstorben ist, habe ich danach gesucht. Irgend jemand hatte mir vor vielen Jahren einmal ein Exemplar gegeben. Damals legte ich es einfach beiseite. Aber als mein Mann kurz vor der Geburt unseres Babys starb, mußte ich den größten Teil der Arbeit Michael aufbürden. Eine Welt brach für mich zusammen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß ich das Buch unbedingt wiederfinden und lesen müsse. Jetzt, da ich es gelesen habe, fühle ich mich viel besser. Vielen herzlichen Dank.” Patrick stand nur mit offenem Mund da. Die Frau hielt inne und hob das Baby etwas höher. „Ich hätte noch eine Bitte. Würdest du mir mehr über eure Kirche erzählen?” Am darauffolgenden Sonntag ging Patrick mit den beiden Missionaren zu Michael O'Brien nach Hause. Als er das Haus betrat, mußte er vor Staunen erst einmal kräftig schlucken. Das Zimmer war brechend voll. Er setzte sich neben Michael und flüsterte: „Wo kommen denn all diese Leute her?” „Das sind meine Vettern aus Dublin. Sie kommen jedes Jahr zur Heuernte. Sie wollen auch etwas über eure Kirche erfahren.” Patrick sah, wie Michael lächelte, als die Missionare über das Evangelium Jesu Christi sprachen. Allmählich begriff er, warum Gott Michael so lieb hatte. Patrick sah sein in Leder gebundenes Buch Mormon auf einem Tisch neben dem Kamin liegen. Ich werde ein neues in Leder gebundenes Buch Mormon bekommen. Jetzt war er sehr froh darüber, daß er sein erstes verschenkt hatte. Nanette Larsen, der Freund, September 1983 20:12 - 2.11.2008 - Kommentieren
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