Bekehrungsgeschichten

Vorwärts Christi Jünger

Geschrieben in Unbenannt
 Nicht jeder kann an der Brigham-Young-Universität studieren, wenigstens nicht als Erstsemester, wenn er bloß 25 Kilometer von einer anderen Uni entfernt wohnt. Daran dachte Mark, als er sich im Hörsaal zu seiner ersten Vorlesung am State College einen Platz suchte.
Er warf einen flüchtigen Blick auf die 60 Fremden, die auch beschlossen hatten Soziologie 119 zu belegen. Viele waren Erstsemester wie er und schlugen ihre Hefte zum ersten Mal auf.
Er suchte die Reihen ab, ob er irgendwelche Mitglieder der Kirche erkennen konnte. Soweit er wußte, war er der einzige Heilige der Letzten Tage am College. Zwei Reihen vor ihm saß ein Mädchen, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Und zwar nicht wegen der langen Haare, die ihr weich über die Schultern flossen, auch nicht wegen der hoch angesetzten Wangenknochen. Sie las in der Bibel.
Der Dozent, Dr. Guthrie, betrat den Hörsaal. Er trug einen Pullover und hatte eine alte Pfeife in der Hand, die er sorgfältig mit Takab stopfte, während er darauf wartete, daß es zum Vorlesungsbeginn läutete. Er mochte wohl 30 Jahre alt sein. Mark hatte von seinen Beratern erfahren, daß Dr. Guthrie einer der beliebtesten Dozenten am College war. Er hatte in den letzten drei Jahren pädagogische Auszeichnungen erhalten.
Dr. Guthrie leitete seine Vorlesung damit ein, daß er erzählte, er leide noch darunter, daß er am Vorabend auf einer Party zuviel getrunken habe; er wolle sich aber trotzdem anstrengen, die Vorlesung zu halten.
Und er fing mit einem Witz an.
Mark sah sich im Hörsaal um. Seine Kommilitonen waren zum größten Teil froh, einen Dozenten zu haben, der „menschlich” war.
Dr. Guthrie redete ein paar Minuten über die Arbeitsbedingungen, dann erzählte er wieder einen Witz, der diesmal mit einer Reihe von Flüchen endete.
Die Studenten lachten beifällig.
Das Mädchen vor Mark zeigte auf.
„Ja”, sagte Dr. Guthrie.
Se stand auf — mit der Bibel im Arm. Sie stand würdevoll da und sagte ruhig: „Ich bin Christ, Dr. Guthrie, und ich glaube daran, daß die Bibel das Wort Gottes ist. Die Bibel lehrt, daß es Sünde ist, den Narren des Herrn zu mißbrauchen.”
Mark starrte das hübsche, nicht zurechtgemachte Mädchen an, das den Mut hatte, sich vor 60 Leuten hinzustellen und seine Grundsätze darzulegen. Gleichzeitig war es ihm für sie peinlich, weil er wußte, wie die übrigen Studenten reagieren würden.
Dr. Guthrie sah sie einen Augenblick lang nachdenklich an und überlegte sich, ob er sie vor allen demütigen oder einfach darüber hinweggehen sollte.
„Wie heißen Sie?”
„Sara Taylor.”
„Schon gut, Sara. Danke. Ich will versuchen, mich zusammenzunehmen.” Dr. Guthrie überflog kurz seine Notizen und sah dann mit einem durchtriebenen Lächeln auf. „Sara hat gerade meine halbe Vorlesung gestrichen.”
„Ich möchte mich gern mit dir unterhalten.”
Sie gingen in die Cafeteria und setzten sich an einen Tisch in der Ecke.
„Sara, ich bewundere deinen Mut.”
Zum ersten Mal ließ bei ihr anscheinend die Spannung nach, als ihr bewußt wurde, daß er wohl nicht mit ihr diskutieren wollte.
„Ich weiß, ich bin nicht sehr gut, aber ich muß einfach etwas sagen. Ich kann nicht zulassen, daß er alles in den Schmutz zieht, was mir soviel bedeutet.”
Sie fuhr fort: „Vor der Vorlesung ist heute ein Mädchen zu mir gekommen. Sie hat gemeint, ich sei hoffentlich nicht auf eine gute Note für meinen Schein aus. Ich habe sie gefragt, ob sie deshalb in der Vorlesung den Mund gehalten habe, weil sie eine gute Note wolle, und sie hat gesagt: ,Sicher — für eine Eins glaube ich alles, was er will.”'
„Hm”, meinte Mark, der sich durch die Geschichte leicht gerügt fühlte. „Warum hast du nichts gesagt?” fragte sie so behutsam wie möglich.
Er blickte ihr in die Augen und überlegte, ob er ihr vertrauen konnte. Sie wirkte überhaupt nicht arrogant.
„Ich habe Angst”, gestand er aufrichtig. „Jeder wäre dabei nervös, das ist doch ganz natürlich.”
„Nein, es ist noch mehr. Als ich klein war, habe ich gestottert. Das ist jetzt vorbei,
aber die Angst vor dem Ausgelachtwerden ist immer noch da.”
„Exodus, 4. Kapitel, Vers 10, 11 und 12”, antwortete sie lächelnd.
„Was steht denn da?” fragte er.
„Hier, ich schreibe es dir auf, dann kannst du es später nachschlagen.” Sie schrieb ihm die Stelle auf eine Serviette und gab sie ihm. Er steckte sie in die Brieftasche.
„Bist du Christ?” fragte sie.
„Ja”, sagte er und überlegte, was er ihr sonst noch sagen sollte.
„Eines Tages wirst du das beweisen müssen. Jesus wird dir dabei helfen.”
Er fragte sich, wie dieses Mädchen, das ja nur einen Teil der heiligen Schriften über den Erretter hatte, die er besaß, ihre Liebe zu ihm soviel besser zeigen konnte. „Willst du mir helfen?” fragte er sie.
„Ja, natürlich.”
„Dr. Guthrie versteht sein Geschäft, aber vielleicht wären wir besser dran, wenn wir ihm auf seinem Terrain entgegentreten könnten, nämlich in bezug auf den ,intellektuellen Wert'. Mein Sonntagsschullehrer ist Strafverteidiger. Er versteht sich darauf, eine Sache geschickt zu vertreten. Er hilft uns sicher. Hast du Lust, mit mir zur Sonntagsschule zu kommen?”
„In welcher Kirche?” fragte sie.
„In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die, zu der wir gehen, ist 25 Kilometer von hier entfernt. Ich könnte dich abholen und in meinem Auto mitnehmen.”
Am Sonntag holte er sie morgens um halb acht ab, damit er zur Priestertumsversammlung gehen konnte. Sie ging währenddessen zur FHV. Er sah anschließend, wie sie aus dem Raum kam. Sie war verstört.
„Was ist los?” fragte er.
„Fahr mich zurück, oder ich laufe.” „Warum?”
„Das hier ist die Mormonenkirche” „Ja, so wird sie auch genannt.”
„Und du bist Mormone?”
„Ja.'
„Du hast dich täuschen lassen.” Damit drehte sie sich um und verließ schnell das Gebäude
Er rannte hinter ihr her. „Wo gehst du hin?“ fragte er.
„Zurück zum College.” Sie blieb stehen und sagte anklagend: „Du bist kein Christ.”
„Wie kannst du das sagen? Wie könnte eine Kirche, die nach Christus benannt ist, nicht christlich sein?”
„Und was ist mit dem Buch Mormon?” fragte sie, „Das ist doch eure Bibel, oder?”
Damit lief sie los. Er lief hinterher. Nach einem halben Straßenblock wurde sie langsamer und legte nur noch einen zügigen Schritt vor. Sie ließ ihn aber nicht neben sich gehen, und so ging er ein paar Schritte hinter ihr her.
Ein paar Straßen von der Kirche entfernt hielt eine Familie, die gerade zur Kirche fuhr an und fragte Mark, ob er Hilfe brauche. Er bat sie, seinen Eltern zu sagen, er komme später nach Hause. Bevor sie weiterfuhren, fragte er noch, ob sie ihm ein Buch Mormon leihen könnten. Das taten sie gern. Jetzt mußte er rennen, um Sara wieder einzuholen. Sie waren inzwischen vor der kleinen Stadt angelangt und gingen auf einer Straße, die zu der Landstraße führte, auf der man zum College zurückkam.
„Sara, du kannst doch keine 25 Kilometer laufen.”
„Das wirst du schon sehen.”
„Sara, hör mich doch an. Ich lese dir etwas aus dem Buch Mormon vor.” Sie ging noch schneller, aber Mark hielt soweit Schritt, daß sie in Hörweite blieb: „Auch sollen die Juden und die Andern davon überzeugt werden, daß Jesus der Christus ist, der ewige Gott, der sich allen Nationen kundtut.”
„Hast du mehrere Frauen?” fauchte sie. „Ich habe nicht einmal eine, und wenn alle Frauen so unvernünftig sind wie du, bleibe ich vielleicht auch dabei.”
Sie ging weiter.
Ein paar Minuten später versuchte er es wieder. „Sara, ich lese dir aus dem Buch Mormon etwas über Jesus Christus vor. Wußtest du, daß er nach seiner Auferstehung Leute in der Neuen Welt besucht hat?”
Keine Antwort.
Mark fing an, ab dem 11. Kapitel im 3. Nephi vorzulesen. Als er anfing, wurde sie wieder schneller und versuchte, aus dem Bereich seiner Stimme zu kommen.
Es war gar nicht so einfach, vorzulesen und dabei aufzupassen, wo er hintrat. Einmal fiel er hin, stand aber schnell wieder auf und machte weiter.
Nach ein paar Seiten wurde sie langsamer.
Er las bis zum Schluß des 3. Nephi vor. Es dauerte zwei Stunden.
Da blieb sie endlich stehen und drehte sich um „Was du da vorgelesen hast, steht im Buch Mormon?”
„Ja.”
Sie kam auf ihn zu, ging an ihm vorbei, blieb stehen und ging dann weiter, jetzt aber zurück auf die Stadt zu.
„Wo gehst du hin?” rief er hinter ihr her. „Zurück zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.”
„Sara?” rief er hinter ihr her.
„Was?” fragte sie, ohne das Tempo zu verringern.
„Kann ich neben dir hergehen?”

Sie blieb stehen und drehte sich um. Es war seit dem Morgen das erste Lächeln, das er an ihr sah.
Bis sie wieder in der Stadt waren, fing die andere Gemeinde schon mit ihrer Abendmahlsversammlung an. Sie setzten sich in die zweite Reihe.
Es war Fast- und Zeugnisversammlung und eine dieser Versammlungen, von denen man sich wünscht, sie würden nie enden. Einmal blickte er zu Sara hinüber und sah, daß ihr Tränen übers Gesicht liefen.
Nach der Versammlung fuhren sie zu Bruder Packard, der Rechtsanwalt und Marks Sonntagsschullehrer war. Er erklärte sich bereit, ihnen dabei zu helfen, die Einstellung, die Dr. Guthrie vertrat, in Frage zu stellen. Sie blieben so lange, daß sie zum Abendessen eingeladen wurden. Während Sara Schwester Packard in der Küche half, rief Mark seine Eltern an, um ihnen zu erklären, was passiert war. Außerdem rief er die Missionare an, um für Sara einen Termin mit ihnen auszumachen.
In der darauffolgenden Woche bereiteten Mark und Sara sich darauf vor, die Ansichten von Dr. Guthrie in Frage zu stellen. Sie saßen stundenlang in der Bibliothek und machten sich Notizen aus Veröffentlichungen, die ihren Standpunkt in bezug auf Keuschheit, Familienleben und Drogen unterstützten. Die Notizen sortierten sie dann in einem Schuhkarton. Donnerstag trafen sie sich mit Bruder Packard, der mit ihnen übte. Freitag abends hatte Sara ihre erste Diskussion. Samstag morgen machte Mark in den Bergen in der Nähe des College eine Bergtour mit ihr. Sie war noch nie bergsteigen gewesen; deshalb wählte er einen einfachen Weg. Die Luft war frisch, und die Blätter an den Espen entlang des Canyon leuchteten schon in verschiedenen Gold- und Gelbtönen. Sie schwiegen beide, während sie einen Felsen hochkletterten, und sprachen nur, das Notwendigste, um die Schönheit um sie herum so wenig wie möglich zu stören.
Endlich kamen sie oben an und setzten sich. Er zog aus seinem kleinen Rucksack zwei Äpfel hervor. Sie aßen die Äpfel langsam und sahen zu, wie aus dem Morgen Tag wurde.
„Hier draußen sieht sie am besten aus”, dachte er bei sich. Am College, neben einem Mädchen mit Make-up, würde Sara unscheinbar aussehen, aber hier draußen, wo Schlichtheit ein Zeichen von Schönheit ist, sieht sie gut aus.
„Heute nacht bin ich aufgewacht und habe angefangen zu weinen”, sagte sie leise.
„Weshalb?”
„Was mache ich, wenn das, was ihr lehrt, wahr ist?”
„Es ist wahr.”
„Mark, ihr könnt nicht recht haben. Gott hätte es mehr Menschen gesagt. Wie viele Heilige der Letzten Tage gibt es?” „Fünf Millionen.”
„Und die fünf Millionen sind im Recht, und alle anderen nicht?”
„Das Priestertum ist wiederhergestellt worden.”
„Ich weiß, daran glaubt ihr.”
„Was ist denn los?” fragte er. „Was bedrückt dich wirklich?”
„Gut, ich sage es dir. Meine Mutter. Ich habe mir die ganze Nacht wegen meiner Mutter Sorgen gemacht. Sie ist tot.” „Das tut mir leid.”
„Mir auch”, antwortete sie und kämpfte mit den Tränen. Während sie wartete, bis sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte, hob sie ein kleines goldenes Blatt vom Boden auf und betrachtete es.
Meine Mutter war ein guter Mensch. Mutter und Vater waren immer engagierte Christen. Ich nie. Als ich vierzehn war, habe ich mich gegen sie aufgelehnt. Ich habe getan, was ich konnte, um ihnen weh zu tun. Mit 17 bin ich von zu Hause fortgelaufen, nach Kalifornien. Da habe mit anderen Mädchen zusammengewohnt, die auch von zu Hause fortgelaufen waren. Wir haben ganz schön was angestellt.
Einmal bin ich mit ein paar anderen Mädchen zum Vortrag eines Predigers gegangen. Wir waren eigentlich zum Spaß hingangen, als er dann aber sprach, wurde mir das Herz weich, und alle Bitterkeit war vorbei. Ich habe gelobt, mein ganzes Leben Jesus zu weihen. Sowie ich das :Geld zusammengespart hatte, bin ich mit dem Bus nach Hause gefahren.
Unterwegs im Bus habe ich immer daran gedacht, wie sehr Mutter und Vater sich wohl freuen würden, daß ich endlich Jesus als meinen Erretter angenommen hatte. Als ich dann zu Hause ankam, erfuhr ich, daß meine Mutter vier Wochen vorher gestorben war. Sie hat mich nie als Christin gesehen. Wir waren nie als Familie geeint."
Er ließ das Blatt aus der Hand auf die Erde gleiten. „Was ist jetzt mit meiner Mutter? Ist sie verdammt. weil sie nie etwas von Joseph Smith gehört hat?”
Er griff in seinen Rucksack und zog seine Bibel und die Dreifachkombination heraus.
„Hast du darauf eine Antwort?” fragte sie überrascht, als sie sein breites Lächeln sah.
„Die schönste Antwort in der Welt”, sagte er und schlug die Köstliche Perle auf. Nachmittags fanden sie in den Wäldern einen Weg, dem sie lange folgten. Sie unterhielten sich über vieles, Großes und Kleines, aber einmal fragte sie ihn, ob sie nicht über den Erretter reden könnten, und es war, als ob zwei Leute zusammengekommen wären und Neuigkeiten über einen lieben Freund austauschten, den beide lange nicht gesehen hatten, von dem sie aber beide aus der Erinnerung zu erzählen wußten. Sara sprach von seiner Mission, der Welt die Errettung zu bringen, und von seiner Liebe sogar zu denen, die gesündigt haben. Mark sprach davon, wie er Joseph Smith und anderen Propheten erschienen war, und daß er auch heute zu einem Propheten spreche. Als er sich am College von ihr verabschiedete, sagte sie: „Mark, ich muß meinem Vater sagen, daß ich mich mit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage beschäftige. Das bin ich ihm schuldig.”
Sonntag abend hatte sie den zweiten Unterricht durch die Missionare.
Dienstag abend holte er sie an der Bibliothek ab, als diese schloß, und sie fuhren zu einem Café an der Landstraße. Sie schien unterwegs sehr still und angespannt.
Als die Kellnerin kam, um ihre Bestellung entgegenzunehmen, sagte Sara unvermittelt: „Ich nehme eine Tasse Kaffee.”
Nachdem die Bedienung gegangen war, fragte Mark: „Warum denn das? Wieso hast du Kaffee bestellt?” „Wieso nicht? Meinst du, ich würde verdammt, wenn ich eine Tasse trinke? Bist du etwa so engstirnig?”
„Du hast doch noch nie Kaffee bestellt”, hielt er ihr entgegen.
„Es gibt keinen Grund, warum ich nicht Kaffee trinken sollte. Ich bin schließlich keine Heilige der Letzten Tage.” Ihre Stimme klang bitter, ihr Gesicht war angespannt.
„Du trinkst ihn doch nur, um mich zu verletzen.”
Die Bedienung brachte die Brötchen mit Saras Kaffee und Marks Milch. Sara trank gierig einen Schluck.
„Möchtest du welchen?” spottete sie. „Nein."
.,Wieso? Hast du Angst, es bringt dich um?'
„Warum bist du so?”
„Mein Vater hat heute meinen Brief bekommen. Er hat mich heute abend angerufen und mir aus einem Buch, das er in der Bibliothek gefunden hat, einiges über die Mormonen vorgelesen. Das hört sich ganz anders an als das, was du mir erzählt hast.”
„Und du glaubst ihm?
„Wieso nicht? Er ist doch mein Vater.” „Willst du nicht wenigstens das Buch Mormon zu Ende lesen und dir die Missionarslektionen anhören?”
„Nein. Ich habe genug.” .
„Du willst also einfach glauben, was in einem antimormonischen Buch steht, ohne unsere Lehre gründlich zu untersuchen?”
„Ich bin aus dem rebellischen Alter heraus. Weißt du, was ich meinem Vater angetan habe, als ich von zu Hause weggelaufen bin? Ich kann ihm nicht wieder weh tun. Ich liebe meinen Vater.” Sie stand hastig auf. „Auf Wiedersehen, Mark.”
Damit eilte sie aus dem Café. Er warf etwas Geld auf die Theke und lief ihr nach. „Wo willst du hin?” fragte er. Sie lief die Straße hinunter.
Sie blieb stehen und blickte ihn an. „Laß mich in Ruhe!” schrie sie. „Such dir doch jemand anders zum Bekehren!”
„Du liebst also deinen Vater. Das ist schön. Das erwarte ich auch von dir. Liebst du aber auch deine Mutter?” „Sie ist tot.”
„Ich glaube, sie wartet darauf, daß du die Botschaft von der Wiederherstellung annimmst. Gib mir doch wenigstens fünf Minuten.”
Sie gingen zu seinem Auto zurück. Er fuhr sie bis zum Parkplatz am College und parkte das Auto dort. Währenddessen überlegte er hin und her, was er sagen sollte, und betete still um Hilfe.
„Sara, du weißt so viel über die Bibel. Ich will dir etwas sagen, was in der Bibel steht. Als Jesus auf der Erde war, wurde er von den meisten nicht als Messias anerkannt. Einer der Gründe war, daß er aus Galiläa kam, während in den heiligen Schriften stand, der Messias werde aus Betlehem kommen. Stimmst du darin mit mir überein?”
„Ja, aber er war doch in Betlehem geboren.'
„Das weiß ich. Hunderte von Menschen lehnten ihn aber ab, weil andere, darunter ein paar einflußreiche und schlaue Leute, ,bewiesen', daß Jesus kein wahrer Bote sei. Jeder, der ihn ablehnte, hätte ihn aber nach diesem scheinbaren Widerspruch fragen können, und dann hätte er ihnen gesagt, daß er in Betlehem geboren war.”
„Den Fehler hätte ich nicht gemacht”, meinte sie.
„Sara, lehn doch bitte nicht ab, was wir dir sagen wollen, bloß weil irgend jemand sagt, es sei falsch. Beschäftige dich damit. Lies das Buch Mormon zu Ende. Hör dir die Missionarslektionen zu Ende an. Bete und frag Gott, ob es wahr ist. Mehr verlange ich gar nicht. Willst du wenigstens das tun?”
Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an, zuckte dann mit den Schultern und antwortete: „Gut, das mache ich.”
Bevor sie ging, nahm sie noch seine Hand. „Mark, ich glaube es ist besser, wenn wir uns erst einmal nicht sehen. Ich will tun, worum du mich bittest, aber ich will nicht eure Lehre annehmen, nur weil ich dich gern habe. Das wäre nicht ehrlich.”
Also trafen sie sich nicht mehr, außer in der Soziologievorlesung von Dr. Guthrie. Mark fragte die Missionare nach jedem Gespräch, wie es weiterging. Es fiel ihr schwer.
Sara äußerte sich noch immer gegen manche von Dr. Guthries Ansichten, aber sie tat es auf ihre Art, und viele Kommilitonen hatten ihren Spaß daran, wie Dr. Guthrie ihre Argumente systematisch zunichte machte.
Mark erbte den Schuhkarton mit den Argumenten, die sie gesammelt hatten, weil Sara sie nicht benutzen wollte, aber er hatte in der Vorlesung noch nichts gesagt. Die Furcht, so ausgelacht zu werden wie damals als Kind, hielt ihn davon ab. Abends nahm er sich immer vor, am nächsten Tag werde es anders sein. Er übte vor dem Spiegel, was er sagen wollte. Morgens schwand ihm dann immer wieder der Mut.
Sara schwankte nie.
Es verging wieder ein Monat. Als Mark am Samstag zu fasten begann, beschloß er, um Hilfe dafür zu bitten, daß er seine Furcht vor dem öffentlichen Sprechen überwinden könnte. Den ganzen Nachmittag betete er in seinem Zimmer um Hilfe.
Als er am Sonntagmorgen zur Priestertumsversammlung fuhr, hielt ihn die Autobahnpolizei an.
„Kann ich bitte Ihren Führerschein sehen?” bat der Polizist.
„Ja, sicher”, antwortete Mark und zog den Führerschein aus der Brieftasche. „Ist etwas nicht in Ordnung'?”
„Ihr hinteres Nummernschild fällt fast ab. Sie lassen es besser richten, ehe Sie es ganz verlieren.”
„Danke. Ich werde mich sofort darum kümmern.”
Nachdem der Polizist wieder weitergefahren war, steckte Mark seinen Führerschein in die Brieftasche zurück. Dabei fiel ihm ein kleines Stück Serviette auf, das zwischen seinen Papieren steckte. Er zog es heraus. Es stand etwas darauf — Exodus, 4. Kapitel, Vers 10, 11 und 12. Er las die Schriftstelle gleich da am Straßenrand.
Er sah Sara in der Kirche und ging mit ihr in die Klasse, die von den Missionaren gehalten wurde. Gegen Ende des Unterrichts fragte ein Missionar, was sie von der Kirche hielte.
„Das ist alles sehr interessant”, antwortete sie leichthin. „Ich glaube, jeder sollte sich auch mit anderen Glaubensgemeinschaften befassen.”
Mark drehte sich zu ihr um. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?”
„Was soll ich denn sagen? Ich habe dir doch erklärt, daß mein Vater nicht will, daß ich Heilige der Letzten Tage werde.” „Ist das Evangelium denn wahr?” fragte Mark. „Das ist doch die erste Frage, um die es geht.”
„Ich liebe Jesus”, erwiderte sie. „Reicht das nicht?”
„Wie sehr liebst du ihn denn? Genug, um dich taufen zu lassen und in seine Kirche einzutreten? Genug, um dem Propheten zu folgen, der von Jesus Offenbarung empfängt?”
„Mark, warum muß ich bloß jedesmal weinen, wenn wir zusammen sind?” „Sara”, bat einer der Missionare behutsam, „willst du beten und Gott fragen, ob das Buch Mormon wahr ist?”
Sie starrte ein paar Sekunden lang die Wand an. Schließlich antwortete sie leise: „Ich brauche nicht zu fragen. Es ist wahr; das weiß ich schon seit Tagen.”
„Warum läßt du dich dann nicht taufen?” „Versteht ihr mich denn nicht? Ich liebe meinen Vater. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als daß ich ihm im Glauben nachfolge. Er möchte nicht, daß ich Heilige der Letzten Tage werde. Es würde ihm sehr weh tun, und ich habe ihm doch schon so weh getan. Wie kann ich ihn dann bitten, meiner Taufe zuzustimmen?”
Mark legte ihr die Hand auf die Schulter. „Du hast mir einmal bei einem Problem die Lösung gesagt. Du hast mir gesagt: ,Jesus wird dir helfen.' Sara, er wird auch dir helfen.”
Am Montag kam Mark zu spät und konnte vor der Vorlesung nicht mehr mit Sara reden. Dr. Guthrie erklärte, er wolle sich mit den Veränderungen befassen, die in den letzten Jahren im Umgang zwischen den Geschlechtern in bezug auf die Ehe stattgefunden hatten. Er zitierte eine Reihe von Untersuchungen, die auf diesem Gebiet Veränderungen aufzeigten.
„Sind diese Veränderungen positiv?” fragte er. „Ich glaube, ja. Die alte religiöse Anschauung, daß man für das, das früher Sünde genannt wurde, verdammt wird, ist fast verschwunden, und das ist auch gut so.”
Sie widersprach: „Ich glaube, daß die körperliche Intimität der Ehe vorbehalten ist'
„Und wer behält sie der Ehe vor?” fragte Dr. Guthrie, der ihr ganz offensichtlich eine Falle stellen wollte.
„Gott”, antwortete sie.
„Aha”, sagte er mit einem Grinsen, dem sich viele im Hörsaal anschlossen.
Die Gruppe in der letzten Reihe fing laut zu singen an: „Vorwärts, Christi Jünger.” Dr. Guthrie lächelte und bat sie aufzuhören.
„Sara, deine Meinung verschwindet leider: bald aus der gegenwärtigen Realität. Ist: denn sonst noch jemand Saras Meinung?”
Mark wußte, daß er sich endlich für seinen Glauben einsetzen mußte.
„Ich" , sagte er kühn und stand auf und sah Guthrie direkt an.
„Ja?" fragte Dr. Guthrie. Er war überrascht, daß jemand Saras Meinung unterstützte. „Und Sie werden auch die Bibel zitieren?”
„Dr. Guthrie, ich kann verstehen, daß zwei Leute ehrlich unterschiedlicher Meinung :sein können; Sie haben sich aber einen Spaß daraus gemacht, Sara in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich habe das Gefühl, Sie möchten andeuten, daß jeder, der an das Christentum glaubt, töricht ist. Und ich habe hier gesessen und das zugelassen. Dabei hätte ich schon lange aufstehen und meinen Glauben verteidigen sollen. Es fällt mir aber sehr schwer. Ist hier sonst noch jemand, dem es nicht gefällt, wie Dr. Guthrie Sara behandelt?” Ein Mädchen zeigte auf. Dann noch eins. Langsam und ernst zeigten immer mehr auf, bis schließlich fünfzehn Hände oben waren.
„Danke”, fuhr Mark fort. „Es macht Ihnen anscheinend großes Vergnügen, die Bibel lächerlich zu machen. Haben Sie die Bibel überhaupt jemals gelesen?”
„Nein. Nicht ganz. Ich habe Wichtigeres zu tun.”
„Stimmt es dann, wenn ich sage, daß Sie in bezug auf die Bibel keine Autorität sind?”
Dr. Guthries Lächeln war verschwunden. „Ja.”
„Auf welcher Grundlage lehnen Sie denn dann ein Buch ab, das Sie niemals gelesen haben?”
„Das steht hier nicht zur Debatte. Dies ist eine Soziologievorlesung.”
„Darauf komme ich noch zu sprechen. Sie werden mir aber zustimmen, daß die Lehren in der Bibel vielleicht ihre Vorzüge haben, daß die Beschäftigung mit der Bibel aber außerhalb Ihres Erfahrungsbereichs liegt und daß wir Ihre Meinungen zu diesem Thema deshalb anders einstufen können, als wenn Sie sich zu Ihrem Forschungsgebiet äußern. Ist das eine faire Aussage?”
„Ja”, antwortete Dr. Guthrie finster. „Danke. Ich möchte Ihnen noch eine Anregung in bezug auf Ihren Unterrichtsstil geben. Mir ist klar, warum Sie als Lehrer so hoch eingeschätzt werden. Sie verdienen Ihren guten Ruf auch. Mir ist allerdings aufgefallen, daß Sie eine Frage selten von mehr als einer Seite beleuchten. Das erscheint mir nicht sehr wissenschaftlich."
Mark wünschte sich, er hätte Zeit, das, was er sagte, aufzuschreiben, um es zu korrigieren. Er machte Fehler und verärgerte Dr. Guthrie, aber er mußte sich, so gut es ging, durchbeißen. Er spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief, und er wußte, daß er rot wurde.
„Letzte Woche haben Sie über die Legalisierung von Marihuana gesprochen. Die Woche davor haben wir über freizügigere Studentenwohnheime gesprochen. Immer stimmte dabei Ihre Meinung mit der Mehrheit meiner Kommilitonen überein. Heute wird es um ein Thema gehen, bei dem Sie dann auch mit der Mehrheit meiner Kommilitonen darin übereinstimmen werden, daß die traditionellen religiösen Regeln in bezug auf den Umgang zwischen den Geschlechtern veraltet sind. Ich möchte gerne wissen, warum Sie Themen auswählen, bei denen Sie schon im voraus wissen, daß zwischen Ihnen und dem Kurs Übereinstimmung herrschen wird. Ist das der Preis, den Sie für Ihre Beliebtheit als Dozent bezahlen?”
Im Hörsaal war es mucksmäuschenstill. „Das war zu stark”, dachte Mark.
„Sind Sie fertig?” fragte Dr. Guthrie abrupt.
„Es tut mir leid, wenn ich Sie verletzt habe. Ich will an der Vorlesung nichts ändern, außer daß ich mir eine etwas ausgewogenere Behandlung der Themen wünsche, die hier erörtert werden. Wenn Sie nichts dagegen haben, bin ich bereit, morgen eine entgegengesetzte Anschauung zum Thema Umgang zwischen den Geschlechtern vorzutragen.”
Nach der Vorlesung kam Sara im Gang auf ihn zu. „Ich bin stolz auf dich”, sagte sie. „Können wir ein bißchen spazierengehen?”
Es schneite leicht. Große Schneeflocken ließen sich auf dem Rasen und auf den Bäumen und ihrem Haar nieder.
„Ich habe heute morgen meinen Vater angerufen und ihm gesagt, daß ich ihn liebe und daß ich meine Mutter liebe — mehr als je zuvor. Ich habe ihm gesagt, daß Jesus sein Evangelium auf der Erde wiederhergestellt hat und daß es in dieser Kirche die einzige Möglichkeit dafür gibt, daß unsere Familie jemals im Himmel wieder zusammen sein kann. Ich habe ihn gebeten, mir die Erlaubnis zur Taufe zu geben. Mark, er hat ja gesagt!”
Er nahm sie stürmisch in den Arm, hob sie in die Luft, und sie drehten sich im Kreis herum, bis sie beide in den Schnee fielen, vor lauter Glück lachend und weinend.
Dann gingen sie weiter.
„Nachdem ich mit meinem Vater gesprochen habe, habe ich Schwester Packard angerufen und sie gebeten, mir zu helfen, ein Formular auszufüllen, damit sich jemand im Tempel für meine Mutter taufen lassen kann.
„Da warst du heute morgen aber sehr beschäftigt”, sagte er.
„Wir waren heute morgen beide sehr beschäftigt.” Sie hielt seine Hand ganz fest, während sie auf die Cafeteria zugingen. „Weißt du aber was? Damit fangen die vielbeschäftigten Tage für uns beide erst an.”
„Wieso?” fragte er.
„Als ich heute morgen die Missionare angerufen haben, um ihnen zu sagen, daß ich mich taufen lassen möchte, haben wir uns noch über etwas anderes unterhalten. Mit wem müssen wir uns in Verbindung setzen, damit hier am College ein Religionsinstitut eingerichtet werden kann?”
Jack Weyland, Februar 1984

21:16 - 2.11.2008 - Kommentieren


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