| Bekehrungsgeschichten |
Das Opfer„Der alte Mann ist schon reichlich komisch, oder?” warf Philip seinem 6jährigen Bruder Bill zu. Die beiden stapften den ungepflasterten Weg entlang, der nach Hause führte. - „Was für ein alter Mann?” fragte Bill. Er schaute nicht auf. Seine schmutzigen Füße wateten durch die Pfützen, die der Dezemberregen auf dem Weg, der von Radspuren durchzogen war, hinterlassen hatte. „Du weißt schon, der, der vor sechs Monaten in das Haus der Klarners gezogen ist. Josiah Pott heißt er. In drei Wochen ist Weihnachten, und er hat noch genauso schlechte Laune wie eh und je.”
„Warum? Weil er niemals lächelt?” fragte Bill und hüpfte wie ein Frosch über eine schmutzige Pfütze. Philip blieb stehen und starrte auf das strohgedeckte Haus, das in einem Dickicht von Hartriegelbäumen abseits der Straße versteckt lag. Er lehnte sich gegen den wackeligen Zaun, der den kleinen Hof umgab. „Das wird es wohl sein”, sagte er so leise, daß es eben noch zu verstehen war. Der Donner krachte, und Blitze zuckten durch die feuchte Luft. Es war wie in jenem Krieg, in den sein Vater gezogen war. Er war niemals wieder nach Hause gekommen. Ein eiskalter Wind zerrte an Bill. Er schielte ungeduldig zu seinem Bruder hinauf, der bereits zwölf Jahre alt war. „Mach dir doch keine Gedanken deswegen, Philip. Herr Pott ist nur ein reizbarer, alter Mann.” Philip nickte und starrte noch immer zum Haus hinüber. „Vielleicht hat Herr Pott auch jemanden im Bürgerkrieg verloren, Bill. Darum ist —” Philip brach ab, denn Josiah Pott war auf die kleine, windschiefe Veranda getreten, die vorn an das Haus angebaut war. Sein langer, weißer Bart wehte im Wind, und die tiefliegenden Augen schienen genauso dunkel und unheilverkündend wie der Himmel. Philip sprang zurück, dabei blieb sein Ärmel an einem modrigen Stück Zaun hängen und riß ab. „Was starrt ihr so?” bellte der alte Mann. Philip schluckte mühsam. „Nichts Besonderes.” „Seit wann bin ich nichts Besonderes, Junge?” „Ich wollte nicht frech sein”, sagte Philip leise. „Dann verschwinde von meinem Zaun”, brummte Herr Pott. „Ich habe schon während des Krieges genug verloren. Da braucht ihr jungen Unheilstifter nicht auch noch herzukommen und meinen Zaun kaputtzumachen.” Philip platze heraus: „Haben Sie außer Besitz sonst noch etwas verloren, Herr Pott? Ihre Familie vielleicht?” Über Josiah Potts Augen, die von stummer Qual erfüllt waren, zogen sich die dichten grauen Brauen zusammen. „Meine Frau und meinen Jungen — aber das geht euch nichts an.” Philip trat beklommen von einem Fuß auf den anderen. „Wir haben im Krieg unseren Vater verloren.” „Ihr zwei geht wohl besser nach Hause, ehe ihr pitschnaß werdet", murmelte Herr Pott. Und dann fügte er noch hinzu: „Der Himmel hat so die Angewohnheit, einem eine schwere Last auf die Schultern zu werfen und einen dann sich selbst zu überlassen.” Philip spürte, daß der alte Mann verzweifelt war. „Vielleicht weiß Herr Pott nicht das, was Bill und ich wissen”, dachte er. „Er weiß wohl nicht, daß eine Familie für immer sein kann. Er weiß nichts davon —” „Also”, unterbrach Herrn Potts Stimme Philips Gedanken. „Worauf wartet ihr noch?” Philip hackte Holz und nahm die Deckel von den Regentonnen, die unter der Regenrinne standen, damit das Regenwasser hineinlaufen konnte und seine Mutter Wasser für den nächsten Waschtag hatte. Dann rannte er ins Haus. Er versteckte etwas unter seinem Hemd und wollte eben zur Tür hinaus, als die Mutter ihn anhielt. „Wohin willst du denn so eilig, Junge?” fragte sie. „Ich will Herrn Pott nur etwas bringen.” Philip holte seine kleine, zerlesene Bibel hervor. „Deine Bibel? Was willst du denn bloß mit deiner Bibel?” „Ich habe sie schon zweimal gelesen”, erklärte Philip. „Vielleicht hilft sie Herrn Pott genauso, wie sie mir geholfen hat. Außerdem habe ich immer noch das Buch Mormon, das Vati mir geschenkt hat, als er vor dem Krieg von seiner Mission nach Hause gekommen ist. Und wir haben ja auch noch unsere Familienbibel, die kann ich dann benutzen.” Philip sah auf die Heilige Schrift in seiner Hand. „Hier steht etwas drin, was Herr Pott lesen soll. Schau, ich habe die Seiten markiert.” Bill schaute skeptisch. „Er wirft sie bestimmt gleich weg.” Philip seufzte. „Vielleicht. Aber mir ist dann wohler. Ich kann dann an seinem Haus vorbeigehen und mir sagen, daß ich wenigstens versucht habe, seine Schmerzen zu lindern. Dann macht es mir nicht mehr so viel aus.” Die Mutter sah ihn lange an, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Du wirst deinem Vater von Tag zu Tag ähnlicher, Philip. Wir können in unserer Stadt einen anderen guten Mormonenmissionar gut gebrauchen.” Als Philip bei Herrn Potts Haus ankam, blieb er stehen und redete sich gut zu, die Treppen hinaufzusteigen. Beinahe hätte er an die Tür geklopft. Doch dann beschloß er, auf die innere Umschlagseite der Bibel etwas zu schreiben. Als er fertig war, legte er das Buch auf einen Stuhl auf der Veranda und verschwand so leise, wie er gekommen war. Als Philip zwei Tage später an Herrn Potts Haus vorbeikam, hörte er ihn rufen: „He, Junge!” Der alte Mann stand in der Verandatür. „Warum hast du mir diese Bibel geschenkt?” Er trat auf die Veranda hinaus, um die Antwort zu hören. Philip nahm einen tiefen Atemzug. „Es ist, weil ... es ist bald Weihnachten, Herr Pott. Es ist . . . es ist ein Geschenk.” Der alte Mann starrte Philip an, und dann nahm ein verunglücktes Lächeln seinem Gesicht etwas von der Traurigkeit. „Wieso wolltest du mir denn ein Geschenk geben?” „Ich dachte, sie könnten eins gebrauchen”, entgegnete Philip. Die knochige, lederartige Hand wischte eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast etwas darin angestrichen, das lautet etwa folgendermaßen: ,Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.' Bedeutet das, daß die Angehörigen eines Menschen, die gestorben sind, irgendwo auf denjenigen warten, der noch lebt?” Philip nickte. „Das stimmt, Herr Pott.” Tränen rannen dem alten Mann über das Gesicht. „Ich würde alles dafür geben, wenn ich so glauben könnte wie du, Junge. Alles.” Philip glaubte, er würde platzen, als er entgegnete: „Herr Pott, haben Sie am Sonntag eine Stunde Zeit? Wollen Sie mit uns zur Kirche kommen, mit Mutter, Bill und mir?” „Ich glaube, ich würde gerne mitkommen”, sagte Herr Pott langsam. „Ja, ich glaube wirklich, ich würde gern mitkommen.” Philip machte sich wieder auf den Weg. Es begann zu regnen. „Komisch,” dachte Philip, „der Regen fühlt sich richtig warm an.” Am Weihnachtstag des gleichen Jahres wurde Josiah Pott in den eiskalten Fluten des Cold Water Creek getauft. Und als er aus dem Wasser kam, sah Philip ihn in den Himmel schauen, wie er noch niemals hinaufgeschaut hatte. Ray Goldrup, der Freund, Dezember 1984 20:17 - 2.11.2008 - Kommentieren
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