| Bekehrungsgeschichten |
O Kin Yan CanteO Kin Yan Cante ist der Name meiner Mutter. In der Sprache meines Volkes bedeutet er „Gütiges Herz”, obwohl die meisten Leute in unserer kleinen Ortschaft in Nevada sie unter dem Namen „Virginia" kennen. Ihr indianischer Name paßt am besten zu ihr. Sie ist so ruhig wie ein Frühlingsmorgen vor dem Sonnenaufgang. Zielbewußt erfüllt sie die Aufgaben, die sie sich gestellt hat, und sie denkt ständig daran, wie sie anderen helfen könnte. Sie ist sehr dankbar für die Gabe des Lebens. Mein Vater, ein Weißer, ist vor vielen Jahren verstorben, und meine Mutter, die keine reguläre Ausbildung hat, mußte sich abmühen, damit wir überleben konnten. Es lag an unserer Armut, nicht an der Ehe unserer Eltern, daß wir abseits standen. Es gab viele Familien wie wir, und die anderen Leute in unserer Ortschaft waren freundlich, ungezwungen und im allgemeinen nicht geneigt, Klassenunterschiede zu machen.
Vor zwölf Jahren brachten Missionare eine Botschaft, die 0 Kin Yan Cantes gütiges Herz beeinflußt hat. Sie hat soviel Verständnis und Erkenntnis erlangt, daß sie sich sogar äußerlich verändert hat. Es geht von ihr eine spürbare Atmosphäre des Friedens und der Liebe aus. Dies hat sich sogar bei ihrer Arbeit gezeigt. Montags machte sie bei Mrs. Wilson, Mrs. Brown und Mrs. DeCroy sauber. Dienstags bügelte sie für Mrs. Draper und Mrs. Blackburn. Aber mittwochs ging sie zu Mrs. Price. Mrs. Price hatte vor einigen Jahren einem Schlaganfall gehabt. Sie war schwer behindert und sehr arm. Jede Woche sagte Mrs. Price: „Ich gebe Ihnen nächste Woche Ihr Geld.” Und jedesmal antwortete meine Mutter: „Sie haben mir letzte Woche zuviel bezahlt, und ich schulde Ihnen mehr Arbeit. Machen Sie mir jetzt keine Umstände Geldes wegen." Ich wußte, daß meine Mutter dort nie etwas für ihre Arbeit bekam, aber sie erklärte freundlich, daß Mrs. Price ihre Hilfe brauchte, aber zugleich ihren Stolz wahren mußte. 0 Kin Yan Cante sorgte für beides. Der Mittwoch war noch aus einem anderen Grund ein besonderer Tag, nämlich wegen der FHV-Versammlung. 0 Kin Yan Cante schätzte den engen Kontakt mit den Schwestern und fragte immer staunend: „Kannst du dir vorstellen, wie ich, obwohl ich nie zur Schule gegangen bin, mit Leuten zusammensitze, die einem etwas über einen so entlegenen Ort wie den Himmel sagen können? Ich fühle mich wichtig, wenn ich zu diesen Versammlungen gehe, auch danach.” Während der ganzen Woche summte sie die Musik, die sie in der Frauenhilfsvereinigung gehört hatte. Donnerstags machte sie den hinteren Raum des einzigen Ladens in unserer Ortschaft sauber. Es war sehr ermüdend, all die Säcke und Kisten umzuräumen, aber es brachte mehr Geld ein als alle anderen Arbeiten — es reichte für unser Essen. Freitags nähte und flickte sie für andere. Sonnabends backte sie für Partys. Der Sonntag war ihr Ruhetag, wo ich ihr nachmittags. zwischen der Sonntagsschule und der Abendmahlsversammlung, jedesmal vorlas und sie aufmerksam zuhörte. Jetzt wünschte ich, ich wäre für ihren Wissensdurst ansprechbarer gewesen. Meine große Versuchung kam vielleicht an dem Tag, wo mich ein Mädchen in der Schule beiläufig fragte, wer die Lamanitin sei, mit der ich unterwegs gewesen war. Es war meine Mutter gewesen. Plötzlich wurde mir klar, daß ich als eine Weiße gelten konnte. Ich log nicht, sondern sagte ausweichend : „Oh, das war 0 Kin Yan Cante" und wechselte das Thema. Diese Erkenntnis war mir noch irgendwie in Erinnerung, als ich meine Kisten packte, um zur Ausbildung als Krankenschwester nach Salt Lake City zu gehen. Das College war für meine Mutter ein Traum, den sie für sich nicht verwirklichen konnte, und es war für uns beide aufregend, daß er für mich wahr wurde. Ich arbeitete eifrig, und es gefiel mir dort. Als sich mir die Möglichkeit bot, den Sommer über auf einer Entbindungsstation zu arbeiten, griff ich zu. 0 Kin Yan Cante war einverstanden, obwohl ich weiß, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte, mich wiederzusehen. Aber mit dem so verdienten Geld konnte ich das ganze Jahr auskommen. Danach, im Herbst, brachte eine andere Familie aus unserer Ortschaft ihre Tochter zur Schule. Sie bestanden darauf, daß 0 Kin Yan Cante mitkäme. Bei der Verwandten in Salt Lake City, wo sie wohnen würde, würde es auch für sie, meine Mutter, reichlich Platz geben. Sie wollte mich so gerne sehen, daß sie ihren Widerwillen gegen die Reise nach Salt Lake City überwand. Aber mein Wunsch, sie zu sehen, wurde durch die Furcht geschmälert, daß man uns zusammen sehen könnte. Aus mangelndem Selbstvertrauen hatte ich nie erwähnt, daß ich Indianerblut hatte, obwohl einige der beliebtesten Mädchen in der Schule Lamaniten waren, darunter eine gute Freundin, die aus Arizona kam. Als nun alle in der Stadt ankamen, rief 0 Kin Yan Cante an, Ihre Stimme klang ruhig, aber müde. (In ihrem ganzen Leben war sie nie weiter als 130 Kilometer von Zu Hause fort gewesen und nur zweimal zu Beerdigungen von Verwandten nach Reno in Nevada gekommen.) Ich fuhr mit einer Taxe zu dem Haus. Es war ein großes weißes Haus mit grünem Dach. Die Hecken waren geschnitten, das Grundstück war sorgfältig gepflegt, und es gab sogar einen Portier! Solchen Reichtum hatte ich noch nie gesehen. Ich umarmte meine Mutter, die gleich hinter der Tür auf mich wartete. In ihren Augen glänzten die ersten Tränen, die ich sie je hatte vergießen sehen. Aber ich sah auch, wie uns die Leute im Haus schockiert anstarrten, als hätten sie noch nie eine Lamanitin gesehen. Selbst ich, ihre eigene Tochter, blickte sie mit den Augen dieser Leute an und fühlte, wie ich mich von ihr zurückzog. Unsere Freunde aus Nevada hielten eilig Rat miteinander. Dann gaben sie 0 Kin Yan Cante einen Platz bei uns am Wohnzimmertisch anstatt in der Küche, wo man sie zuerst unterbringen wollte. Trotzdem fühlte ich mich während der Mahlzeit völlig isoliert. Ich schämte mich und fühlte mich gedemütigt — nicht wegen der Gastgeber, sondern wegen meiner Mutter. Zur Nacht gab man ihr ein Kissen, eine Decke und ein Feldbett in der Küche. Unsere Freunde aus Nevada beschlossen, am nächsten Morgen zurückzufahren, anstatt einige Tage, wie geplant, mit Besichtigungen zu verbringen. 0 Kin Yan Cante hätte schon immer gern den Tempel gesehen, bekam aber nicht die Möglichkeit dazu. Ich konnte nicht sprechen, doch sie strich mir mit ihrer goldbraunen Hand über die Stirn und sagte : „Sei alles, was du sein kannst, meine Tochter. Sei wie diese guten Leute, die so freundlich zu mir sind.” Sie meinte dies tatsächlich ernst! Ein Schnitt mit dem Messer hätte nicht so tief gehen können. Aber sie reiste ab, und ich weinte und weinte. Den nächsten Sommer verbrachte ich zu Hause. Von einer Freundin erfuhr ich, daß 0 Kin Yan Cante an einer schönen Bettdecke arbeitete. Es war eine sehr komplizierte Arbeit, und sie hatte damit schon bei ihrer Rückkehr aus Salt Lake City begonnen. Meine Freundin nahm an, daß es ein Geschenk für mich sei, aber ich hatte es nie gesehen, und 0 Kin Yan Cante hatte es nie erwähnt. Eines Nachts konnte ich nicht schlafen. Ich stand auf und fand sie, wie sie bei dem trüben Licht an einer prachtvollen gehäkelten Bettdecke arbeitete. Rote und rosa Rosen waren in weiße Vierecke gesetzt und von kleinen grünen Blättern umrahmt. „O Mutter!” rief ich aus. „Ist das für mich?” „Nein.” Ich wußte, daß ich nicht weiter neugierig gucken durfte. Als ich mich fertigmachte, um zur Schule zurückzufahren, packte 0 Kin Yan Cante die Decke sanft und liebevoll in einen Karton. „Würdest du dies bitte den Leuten in Salt Lake City geben, bei denen ich übernachten durfte?” fragte sie. „Es ist mein Dankgeschenk.” Ich brach in Tränen aus. „Die waren doch gemein zu dir. Snobs waren es. Die haben nichts verdient!” schluchzte ich. Ruhig sagte meine gütige Mutter: „Ich bin ein Mitglied der Kirche, und dort lernen wir etwas Besseres. Wir sollen vergeben, und wie oft haben wir wirklich die Möglichkeit, Unfreundlichkeit mit Gutem zu vergelten? Ich habe das getan, was mein Erretter und jene im Reich Gottes von mir wünschen. Hege keinen Groll, sondern bete für sie und hilf ihnen.” Ich wandte mich ab; die Tränen liefen mir jetzt still über das Gesicht. Meine Mutter hatte nicht nur ihnen vergeben, sondern auch mir verziehen, daß ich mich ihrer geschämt hatte. Aber wie konnte ich mir selbst vergeben? Aber auch dies war eine Gabe, die aus dem gütigen Herzen meiner Mutter kam. Sie hat mir einen lamanitischen Namen und einen Namen der Weißen gegeben. Der erstere, „Twanica”, bedeutet „bereit, es zu versuchen”. Die heutige Jugend steht vor gewaltigen Entscheidungen. Die Welt, in der Sie leben, ist keine Welt des Spiels und kein Märchenland. Sie ist eine Welt des Wettbewerbs, wo Sie ihr Bestes geben müssen, und sie belohnt Sie. wenn Sie sich nach besten Kräften bemühen. Yvonne P Rempp, Juli 1980 20:20 - 2.11.2008 - Kommentieren
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