Bekehrungsgeschichten

Ein zitternder Schritt nach dem anderen

Geschrieben in Unbenannt
Ich werde niemals vergessen, wie sehr Atiatis Leben sich änderte, als er das Evangelium kennenlernte. Auf das Wunder seiner Taufe war ich jedoch nicht vorbereitet.

Es sind inzwischen fast drei Jahrzehnte vergangen, doch der Tag, an dem ich Atiati kennengelernt habe, ist mir noch lebhaft im Gedächtnis. Als junger Missionar in Samoa hatte ich bereits viel gelernt, aber auf Atiati war ich doch nicht vorbereitet.
Mein Mitarbeiter, Elder Matagi, und ich hatten das Dorf Sasina schon viele Male besucht, aber wenig Erfolg gehabt. Als wir an jenem Tag in das Dorf kamen, sahen wir keine Erwachsenen, nur Kinder. Die Kinder sagten uns, die meisten Dorfbewohner seien zu einer Hochzeit ins nächste Dorf gegangen und Atiati sei als einziger Erwachsener im Dorf geblieben.
Wir hatten noch nie von diesem Mann gehört und fragten deshalb die Kinder, wo Atiati wohnte. Sie zeigten uns die Richtung und folgten uns in einer neugierigen kleinen Gruppe dorthin.
Atiatis Fale (Haus) stand am Rand des Dorfes und sah wenig einladend aus. Es war ein sonniger Tag, aber alle Polas (Jalousien) waren heruntergelassen. Als wir die Kinder nach dem Grund fragten, fingen sie an zu kichern. „Geht doch selbst rein,” antworteten sie.
Als wir zum Fale heraufkamen, rief ich laut. Ich hörte ein Geräusch, so als ob jemand vor Schmerzen stöhnte. Einer der älteren Buben huschte voraus, zog ein Pola zur Seite und rief: „Atiati, die Mormomen wollen dich besuchen.” Dann rannten die Kinder schnell weg.
Zögernd betraten Elder Matagi und ich das Fale. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich in der einen Ecke des Fale ein Bett. Auf dem Bett lag eine unrasierte, verwahrloste, verkrümmte Gestalt. Mir war so unbehaglich zumute, daß ich aus dem Haus gelaufen wäre, hätte Ekler Matagi sich nicht an meinem Arm festgehalten. Als wir uns beruhigt hatten, bemerkten wir, daß die Gestalt, ein Mann, zu sprechen versuchte. Ich kam näher, und er fragte mich, ob wir die Polas hochziehen könnten, damit er uns bei Licht sehen könne.
Als Licht in das Fale strömte, konnten wir sehen, daß Atiati vom Hals abwärts gelähmt war und daß er mißgestaltete Gliedmaßen hatte. Auf seine Aufforderung hin setzten wir uns und stellten uns vor. Er stellte uns Fragen bezüglich der Kirche und unseres Glaubens, und wir nahmen die erste Missionarslektion mir ihm durch. Wir schlossen mit unserem Zeugnis und schickten uns dann an zu gehen.
Ich war gerührt, als uns Atiati bat, mit ihm zu beten, bevor wir gingen. Was für eine Freude, daß uns jemand aufforderte zu beten! Demütig knieten Elder Matagi und ich nieder und beteten. Als wir gingen, versprachen wir Atiati, ihn bald wieder zu besuchen.
Als wir an jenem Abend nach Hause gingen, unterhielten wir uns über unseren neuen Freund. Atiati hatte vor 22 Jahren Kinderlähmung gehabt und konnte seitdem die Arme und Beine nicht mehr gebrauchen. Der einzige Teil des Körpers, den er bewegen konnte, war sein Hals, und sogar diese Bewegung war eingeschränkt. Was war, wenn er sich bekehrte? Konnte er getauft werden, wo er doch so schwer behindert war? Wir wußten sehr wenig darüber, wie wir einem behinderten Menschen behilflich sein konnten, und wir kamen uns sehr unbeholfen vor. Schließlich kamen wir überein, daß wir, um Atiati jede Peinlichkeit zu ersparen, ihn nicht als Missionare besuchen wollten, sondern nur als Freunde.
Am nächsten Tag machten wir uns wieder auf den Weg nach Sasina. Wir wollten mehrere Leute besuchen. Als wir jedoch im Dorf ankamen, schien jedermann zu beschäftigt zu sein, um uns zuzuhören. Nachdem wir mehrere Stunden vergeblich missioniert hatten, beschlossen wir, Atiati zu besuchen, bevor wir nach Hause zurückgingen.
Als wir Atiatis Fale betraten, spürte ich sofort eine Veränderung. Atiati lag immer noch in der Stellung, in der er wohl schon seit 22 Jahren liegen mußte, aber etwas war anders. Der Atiati, mit dem wir am Tag zuvor gesprochen hatten, hatte keinen Lebenswillen gehabt. Er hatte im Flüsterton gesprochen und hatte verwahrlost ausgesehen. Der Mann, der jetzt dort im Bett lag, hatte ein Lächeln im Gesicht. Mit klarer Stimme bat er uns herein und forderte uns auf, uns neben sein Bett zu setzen. Er war frisch rasiert und trug saubere Kleidung.
Als Atiati unseren verwirrten Gesichtsausdruck sah, erzählte er uns, daß er jemanden dafür bezahlt habe, ihn zu rasieren und zu baden. Er hatte sogar seine Bettwäsche wechseln lassen. „Heute”, sagte er, „fange ich wieder an zu leben, da gestern meine Gebete erhört wurden und Sie zu mir kamen.”
Er sah mir in die Augen und fuhr fort: „Seit mehr als 20 Jahren warte ich darauf, daß jemand kommt und mir sagt, daß er das wahre Evangelium Jesu Christi hat. Sie müssen wissen, daß ich seit 20 Jahren nichts anderes tue, als hier zu liegen und die Bibel zu lesen. Wenn das, was Sie mir erzählen, wirklich das wahre Evangelium Christi ist, werde ich es erkennen.”
Atiati zu unterweisen war ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde. Er konnte viele Teile der Bibel beinahe wörtlich zitieren. Seine Fragen waren aufrichtig, und er begriff die Lehren rasch. Wir sprachen über die einzelnen Evangeliumsprinzipien einschließlich des Priestertums. Atiati wußte nichts über diese Macht, da die samoanische Bibelübersetzung sie nicht erwähnt. Wir zeigten ihm mehrere Schriftstellen in der King-James-Bibel, die das Wort Priestertum enthielten, und machten ihm dann klar, daß, als die Bibel in die samoanische Sprache übersetzt wurde, es kein samoanisches Wort für Priestertum gab und daß diejenigen, die die Übersetzung anfertigten, das Wort und seine Bedeutung weggelassen hatten.
Atiati bekehrte sich bald. Er wollte sich taufen lassen. Er wollte das Priestertum empfangen. Nun war es an uns, ihn zu taufen.
Ein Tag wurde festgesetzt und der Ort für die Taufe ausgesucht. Atiati bat uns, mit ihm zu fasten, damit er die Kraft hätte, die körperlichen Anstrengungen der Taufe durchzuhalten. Wir baten den Distriktsleiter und seinen Mitarbeiter, uns zu unterstützen. Einige der Dorfbewohner nahmen gegenüber der Kirche, die sie noch nicht verstanden, eine verächtliche Haltung ein, und einige verspotteten Ariati sogar wegen seiner Behinderung. Aus diesen Gründen erfuhren nur wenige Menschen im Dorf von seiner Taufe; wir wollten keine spottende Menschenmenge anlocken.
Die Taufe sollte im Gemeindehaus in Fagamalo stattfinden, einem Dorf, das ungefähr acht Meilen entfernt lag. Das Taufbecken, das sich vor dem Gemeindehaus in der Mitte des Kirchengrundstücks befand, war für die Vorübergehenden sichtbar. Jeder, der wollte, konnte von der Straße aus zusehen.
Der Tag kam. Um keine Menschenmenge anzulocken, brachen wir früh auf, um Atiati abzuholen. Als wir jedoch bei Atiatis Haus ankamen, war es von Menschen umringt.
Zuerst dachte ich, daß Atiati in der Nacht etwas Schreckliches zugestoßen sei. Aber als wir aus dem Auto ausstiegen, schrie jemand: „Atiati, die Mormomen werden dich ertränken.” Gelächter erfüllte die Luft. Irgendwie hatten die Dorfbewohner von Atiatis Taufe erfahren und waren gekommen, ihn zu verhöhnen und zu verspotten.
Das Gelächter hielt an, während wir Atiati zum bereitstehenden Auto trugen. Wir waren entmutigt, doch Atiatis Glaube wankte nicht. Während wir nach Fagamalo fuhren, wollten wir alle den Vorfall in Sasina vergessen und unterhielten uns locker. Als wir jedoch ankamen, sahen wir zu unserem Schrecken, daß die Straße voller spottender Leute war.
Während wir Atiati an der höhnenden Menge vorbei in das Gemeindehaus zum Gottesdienst trugen, kämpften Ärger und Enttäuschung in mir. Unser Distriktsleiter spürte unsere Stimmung und die Stimmung draußen im Gewühl der Menge, die dem Schauspiel zusah, und gab ergreifend und geisterfüllt Zeugnis von der Bedeutung der Taufe. Als er geendet hatte, hoben wir Atiati auf und trugen ihn zum Taufbecken hinaus. Als wir aus dem Gemeindehaus heraustraten, begannen die Menschen wieder zu spotten.
„Atiati, du törichter alter Mann, weißt du nicht, daß die Mormonen dich ertränken werden?”
„He, Atiati, kannst du schwimmen?”
„Los, ihr Mormonen, besprengt ihn doch, da ihr ihn ja nicht untertauchen könnt!”
Wir alle fühlten uns von den Mächten des Bösen umgeben, während wir uns auf diese Handlung, die eine der heiligsten im Evangelium ist, vorbereiteten. Atiati hatte mich gebeten, ihn zu taufen. Ich stieg ins Wasser und wandte mich um, um den anderen Missionaren zu helfen, Atiati ins Wasser zu tragen. Als ich die Arme nach ihm ausstreckte, sah er uns an und sagte: „Bitte setzt mich ab.”
Mir sank der Mut. Ich befürchtete, daß Atiati, der all die Wochen, die wir ihn im Evangelium unterwiesen hatten, standfest und unerschütterlich gewesen war, jetzt aufgab. Wir zögerten, und er bat uns nochmals, ihn abzusetzen.
Die Menge erkannte, daß etwas vor sich ging, und ihr Spott und Gelächter wurden lauter. Unser Glaube an Atiati wankte.
Atiati, der den Grund für unser Zögern erriet, lächelte und sagte: „Dies ist das wichtigste Ereignis meines Lebens. Ich weiß ohne Zweifel in meinem Herzen, daß dies der einzige Weg zu ewiger Errettung ist. Ich möchte mich nicht zu meiner Errettung tragen lassen! Ich glaube an den Herrn und daran, daß er mir hilft.”
Wir setzten Atiati auf den Boden. Diejenigen, die zum Spotten gekommen waren, fühlten sich belohnt. Ihnen erschien es so, als ob Atiati die Taufe verweigerte und die Mormonen versagt hätten.
Atiati bat uns, seine Hände hochzuheben, so daß er sich am Geländer festhalten konnte. Mit großer Anstrengung versuchte er, sich hochzuziehen. Das Gelächter ebbte ab und verstummte allmählich. Mit bebendem Körper und Schweißperlen auf der Stirn stand Atiati da. Wir alle brannten darauf, die Hände auszustrecken und ihm zu helfen, aber niemand wagte, sich zu rühren. Wir waren Zeugen eines Wunders. Dieser Mann, der im Bett gelegen hatte, jedes Gelenk verdreht, unfähig, auch nur die Arme zu heben, stand nun da.

Die Menge stand schweigend und staunend da. Niemand rührte sich oder sprach.
Langsam, einen zitternden Schritt nach dem anderen, stieg Atiati ins Wasser hinab. Ich war von dem Geschehen so überwältigt, daß ich mich nicht einmal an die Worte des Taufgebets erinnern konnte. Es bedurfte einiger beruhigender Worte von Atiati, bevor ich die Fassung wiedererlangte und imstande war, die heilige Handlung zu vollziehen. Nachdem ich ihn getauft hatte, bat Atiati uns, ihn vom Taufbecken zum Gemeindehaus zu tragen, wo wir ihn als Mitglied der Kirche bestätigten und ihm die Gabe des Heiligen Geistes spendeten.
Atiati war uns auch weiterhin eine Inspiration. Mit einem Stock konnte er bald wieder ohne fremde Hilfe laufen. Der nächste Zweig der Kirche war in dem Dorf Aopo, drei Meilen einen steilen Hügel hinauf. Atiati brach jeden Sonntag um vier Uhr früh auf, um rechtzeitig zum Versammlungsbeginn um zehn Uhr da zu sein.
Bei meinem letzten Besuch fragte ich Atiati, woher er gewußt habe, daß er am Morgen seiner Taufe laufen konnte. Er sagte: „Elder Peters, die Bibel lehrt uns, daß Glaube Berge versetzen kann. Da der Glaube einen unnachgiebigen Berg versetzen kann, zweifelte ich nicht, daß er meine Gliedmaßen heilen würde.”
Albert Peters, Juni 1995

21:31 - 2.11.2008 - Kommentieren


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