Bekehrungsgeschichten

IMMER WIEDER EIN NEUER ANFANG

Geschrieben in Unbenannt
Die Missionare hielten es für unwahrscheinlich, daß sich das junge Paar auf der anderen Straßenseite die Zeit nehmen würde, mit ihnen zu sprechen. Gerard und Annie Giraud-Carrier waren nämlich auf dem Weg ins Kino. Aber als die Missionare die beiden sahen, wollten sie sie unbedingt noch ansprechen, als letzte an diesem Abend. Die beiden blieben auch tatsächlich stehen und vereinbarten mit den Missionaren einen Besuchstermin.
Die Missionare nahmen mit Gerard und Annie Giraud-Carrier, die in einem kleinen Dorf etwa zehn Kilometer außerhalb von Toulouse wohnten, die erste Missionarslektion durch. Anschließend fuhr das Paar auf einen dreiwöchigen Urlaub. Ehe sie zurückkamen, wurden die Missionare versetzt, und Gerard und Annie Giraud-Carrier hörten nichts mehr von ihnen. Zwei, drei Monate später – gegen Ende Oktober 1968 – fanden neue Missionare in einem Berichtsbuch ihren Namen und nahmen die Unterweisung im Evangelium wieder auf.
Damals war Claude Tourres Distriktspräsident von Toulouse. Er und seine Frau freundeten sich mit Gerard und Annie Giraud-Carrier an, luden sie ein und waren bei allen Missionarslektionen dabei. Sie erläuterten den beiden auch, welche Verpflichtungen sie als Mitglieder der Kirche eingingen. Gerard und Annie Giraud-Carrier verpflichteten sich dem Herrn und seiner Kirche und ließen sich vier Wochen nach der Wiederaufnahme der Missionarslektionen taufen.
„Ausschlaggebend war für uns der Erlösungsplan”, sagt Bruder Giraud-Carrier. „Uns war nämlich, als hätten wir diesen Plan schon gekannt. Ich hatte ein gutes Gefühl, was Joseph Smith betraf, und wir waren beide davon überzeugt, daß die Lehren der Kirche richtig sind.” Die Mitglieder nahmen die beiden mit offenen Armen auf. Sie waren gerade im Begriff, ein Theaterstück einzuüben, und Bruder und Schwester Giraud-Carrier bekamen beide eine Rolle. Sie gingen fast jeden Abend zu den Proben ins Gemeindehaus. „Schöner hätten wir unsere Mitgliedschaft gar nicht beginnen können."
Bruder Giraud-Carrier wurde als Zweigsekretär berufen. Später wurde er Distriktssekretär und dann Ratgeber in der Distriktspräsidentschaft. Seine Frau wurde als Lehrerin der Untersucherklasse in der Sonntagsschule berufen. „Das war ihre erste kontinuierliche Erfahrung mit dem Geist des Herrn”, sagt Bruder Giraud-Carrier. „Sie hatte nur das Buch Die Glaubensartikel von James E. Talmage, aber keine anderen Hilfsmittel für den Unterricht. Deshalb mußte sie sich ganz auf den Geist verlassen.” Inzwischen sind viele Jahre vergangen, und man spürt ganz deutlich, welch eine wichtige Rolle der Geist in Schwester Giraud-Carriers Leben spielt.
Gerard und Annie Giraud-Carrier hatten einander an der Universität kennengelernt, wo sie beide Ingenieurswesen studierten. Sie heirateten noch während der Studienzeit und bekamen ihr erstes Kind. Nach dem Studium wurde Bruder Giraud-Carrier zum Militärdienst einberufen, deshalb verdiente seine Frau den Lebensunterhalt für die Familie.
Bruder Giraud-Carrier erzählt: „Während Annie arbeitete, kümmerte sich eine Tagesmutter um unsere Kinder. Sie war zwar sehr nett, aber den Kindern fehlte die Mutter sehr. Ich hatte meinen Militärdienst erst seit einem Monat beendet, als Annie meinte, sie müsse den Rat des Propheten jetzt unverzüglich befolgen und zu Hause bei den Kindern bleiben. Ich werde niemals vergessen, wie die Kleinen sich freuten, als sie es ihnen sagte. Unser kleiner Sohn sammelte so viele Steine, wie noch Tage vergehen mußten, bis seine Mutter zu Hause blieb. Und jeden Tag warf er einen Stein fort, bis er seine Mutter schließlich immer bei sich hatte.
Annie hat ihre Entscheidung niemals bereut. Sie ist unseren sieben Kindern einen wunderbare Mutter und hat mich immer sehr unterstützt. Außerdem hat sie sich auch im Gemeinwesen engagiert, hauptsächlich in der Elternpflegschaft an den Schulen unserer Kinder.”
Annie und Gerard Giraud-Carrier haben sich immer bemüht, ihre Kinder so im Evangelium zu unterweisen, daß es sich ihnen einprägte. Ein Jahr nach ihrer Taufe – die beiden Kinder waren damals drei und zwei Jahre alt – bereiteten sie sich darauf vor, in den Tempel zu gehen und als Familie gesiegelt zu werden. Während eines Familienabends machten sie ihren Kindern klar, was es bedeutet, im Tempel gesiegelt zu werden. Sie hielten vier Streichhölzer hoch, die die Familie darstellten, und ließen sie dann auf den Tisch fallen. Natürlich fielen die Streichhölzer auseinander. Dann banden sie die Streichhölzer mit einem Faden zusammen und ließen sie wieder fallen. Diesmal blieben sie zusammen. Dann erklärten sie ihren Kindern, daß es mit der Siegelung ähnlich sei – nichts auf der Welt, nicht einmal der Tod, könne sie dann noch trennen, wenn sie die Gebote hielten und gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiteten.
Der dreijährige Christophe war sehr beeindruckt und wartete ungeduldig auf den Tag des Tempelbesuchs. Als es schließlich so weit war, waren die beiden Kinder ganz ernst, als sie mit ihren Eltern den Siegelungsraum betraten. Die Zeremonie war wunderschön. Aber als die Familie den Tempel wieder verließ, fragte der kleine Christophe, fast unter Tränen: „Mama, wann werden wir denn nun endlich zusammengebunden?” Jetzt mußten sich die Eltern schnell etwas Neues einfallen lassen, womit sie ihm die Siegelung im Tempel veranschaulichen konnten!
Zwei Jahre nach der Taufe nahm Bruder Giraud-Carrier in Paris eine Stelle als Ingenieur an. Zwei Monate später wurde er als Präsident des Zweigs Versailles berufen. Während der Zeit in Paris bekam er eine Gehirnhautentzündung, und der Arzt meinte, das Gehirn müsse punktiert werden, damit Flüssigkeit abfließen könne. Bruder Giraud-Carrier bat seine Heimlehrer um einen Krankensegen und wurde geheilt. Die gefürchtete Punktierung war nicht mehr notwendig.
Im November 1975, sieben Jahre nach der Taufe, wurde Bruder Giraud-Carrier als Präsident des Pfahls Paris berufen, des ersten Pfahls, der in Frankreich gegründet wurde. Drei Jahre später gelangten er und seine Frau an einen Wendepunkt in ihrem Leben. Bruder Giraud-Carrier konnte sich nicht mit der Korruption abfinden, die in seiner Firma herrschte, und sah sich deshalb nach einer neuen Stelle um. Damals befand sich die Versandzentrale der Kirche für Frankreich, Italien, Spanien und Portugal in Grenoble, und dort wurde ein neuer Einkaufsleiter gesucht. Um diese Stelle annehmen zu können, hätte Bruder Giraud-Carrier jedoch als Pfahlpräsident entlassen werden und nach Grenoble ziehen müssen. Außerdem hätte er dort weniger verdient als vorher.
In einer Unterredung mit einem Mitglied des Kollegiums der Zwölf bekundete Bruder Giraud-Carrier seine Bereitschaft, den Rat zu befolgen, der ihm erteilt werde. ,Wenn ich nicht als Pfahlpräsident entlassen werde, ziehen wir auch nicht fort aus Paris", sagte er. „Ich habe meine alte Stelle zwar schon gekündigt, aber wir werden in Paris bleiben, und ich werde eine andere Stelle finden. Wir haben einen Jahresvorrat an Lebensmitteln; wir schaffen es schon.”
Bruder Giraud-Carrier wurde als Pfahlpräsident entlassen und nahm die Stellung in Grenoble an. Die Familie wohnte erst einmal bei seiner Mutter, während ihr neues Haus gebaut wurde. Aber anderthalb Jahre später, als das neue Haus fast fertig war, wurde Bruder Giraud-Carrier beauftragt, einen neuen Standort für die Versandzentrale zu finden, und zwar im Einzugsgebiet von Paris. Er entschied sich für Torcy. Also zog die Familie wieder um, ohne je in dem neuen Haus gewohnt zu haben, das sie in Grenoble gebaut hatten. Aber sie waren immerhin so lange. in Grenoble gewesen, daß Bruder Giraud-Carrier als Distriktspräsident hatte dienen können.
In Paris wurde er als Regionalrepräsentant berufen. Seine Frau erzählt von einem Erlebnis aus dieser Zeit: „Mein Mann war oft das ganze Wochenende fort, wenn er an einer Pfahlkonferenz teilnahm. Eines Samstags klingelte der Wecker sehr früh. Noch im Halbschlaf sah ich, wie Gerard sich neben dem Bett zum Beten niederkniete. Dann erhob er sich und fragte mich, wie es mir ginge. Ich sagte, es ginge mir gut. Einen Augenblick später fragte er, was ich mir für den Tag vorgenommen hätte. Er fragte immer weiter und wollte sogar wissen, ob er später losfahren solle. Überrascht und inzwischen vollständig wach entschloß ich mich, aufzustehen. Als ich aus dem Bett stieg, wurde mir plötzlich so schwindlig, daß ich nicht auf den Beinen stehen konnte. Mein Mann blieb noch einige Zeit zu Hause, bis es mir wieder besser ging. Ich weiß es sehr zu schätzen, daß er für die Eingebungen des Heiligen Geistes so empfänglich ist.”
1988 wurde Bruder Giraud-Carrier als Präsident der neuen Mission Mascarene-Inseln berufen, die ihren Sitz auf der Insel Reunion hat. Als er mit seiner Frau und vier der sieben Kinder dort ankam, stellten sie fest, daß die Unterkunft der Familie und das Missionsbüro nur aus einer alten Missionarswohnung bestanden, in der es außer einer alten Schreibmaschine kaum etwas gab. Sie zogen erst einmal in die Wohnung und begannen mit der Arbeit.
Schwester Giraud-Carrier freundete sich schnell mit ihrer neuen Aufgabe als Missionarin an. Ihr Mann erzählt: „Eines Tages begegnete sie im Supermarkt einer Frau, der sie schon auf einer Eltemversammlung begegnet war. Die Frau war von Annie sehr beeindruckt gewesen, hatte sich aber nicht getraut, sie auf ihr Namensschild hin anzusprechen. Jetzt im Geschäft nahm sie die Gelegenheit wahr. Einen Monat später ließ sie sich taufen und erhielt im darauffolgenden Jahr die Begabung im Tempel.'
1991, als die Giraud-Carriers ihre Mission beendet hatten, wurde das Gebiet Europa/Mittelmeerraum gegründet; die Büros befanden sich in Thoiry. Man bat Bruder Giraud-Carrier, dorthin zu ziehen und die Abteilung Materialverwaltung zu übernehmen.
Im November 1993 wurde ihm die Berufung übertragen, die er derzeit innehat, nämlich Patriarch des Pfahls Genf. Schwester Giraud-Carrier ist FHV-Leiterin der Gemeinde Jura im Pfahl Genf, übrigens ihre dritte Berufung als FHV-Leiterin. Außerdem war sie auf Gemeinde- und Pfahlebene in der JD- und PV-Leitung tätig. Die drei ältesten Kinder haben eine Vollzeitmission erfüllt.
Im Rückblick auf die 25 Jahre, die vergangen sind, seit er und seine Frau vor dem Kino die Missionare kennengelernt haben, sagt Bruder Giraud-Carrier: „Unser Leben in der Kirche hat uns immer wieder an einen neuen Anfang gestellt. Jede Berufung, die wir erhalten haben, bedeutete einen neuen Anfang. Wir durften über einen neuen Pfahl, eine neue Mission und eine neue Abteilung in einem neuen Gebiet der Kirche präsidieren. Vielleicht ist die Zeit des immer neuen Anfangs mit meiner Berufung als Pfahlpatriarch jetzt vorüber.”
Vielleicht. Aber mit dem Pioniersgeist, der Gerard und Annie Giraud-Carrier beflügelt, haben die beiden bestimmt noch oft einen neuen Anfang vor sich.
Barbara Workman, Mai 1995

20:36 - 2.11.2008 - Kommentieren


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