Bekehrungsgeschichten

Aus dem Leben von Domingos Liao

Geschrieben in Unbenannt
Krokodile, Haie und Seeschlangen als Kindheitserinnerungen mögen seltsam anmuten, doch als Domingos Liao in Darwin in Australien aufwuchs, waren sie Teil seines Lebens.
Domingos und seine Freunde fuhren oft mit dem Fahrrad an die Quelle des Rapid Creek, wo sich Süßwasser und Seewasser mischen.
Sie wateten durch das Wasser, wobei sie vorsichtig den Quallen in der Strömung auswichen, und achteten sorgsam auf Haie, die aus dem Meer kamen, auf Krokodile, die sich im Sand vergraben hatten, auf giftige Seeschlangen und auch auf Teufelsfische mit ihren giftigen Stacheln. Trotz aller Gefahren wateten sie immer wieder durch den Fluß, denn das Land auf der anderen Seite des Flusses war ein einziges großes Abenteuer.
„Es war wie ein verheißenes Land”, erinnert sich Domingos. ,Wir konnten körbeweise Fische fangen. Ser Strand war sauber und unberührt. Und die grünen Wiesen hatte vor uns noch nie jemand betreten.”

Seitdem ist viel Zeit vergangen
Heute spannt sich eine Brücke über den Fluß. Und aus dem offenen Gelände ist ein Park geworden, durch den sich Joggingpfade ziehen und der gerne von Studenten besucht wird. Domingos geht immer noch gerne zum Fluß – um an seine Kindheit zurückzudenken und um nachzusinnen.
Und er hat viele Erinnerungen. Sie beginnen auf der Insel Timor, mehrere hundert Kilometer von der Nordküste Australiens entfernt. Domingos' Eltern waren aus China eingewandert und arbeiteten in der dortigen portugiesischen Kolonie (Domingos ist ein portugiesischer Name), als Indonesien die Insel besetzte. Die Männer flohen nach Portugal, die Frauen und Kinder nach Australien. „In zwei Booten versuchten wir zu flüchten. Meine Mutter, ich und noch mehrere Verwandte befanden sich in dem Boot, dem die Flucht auch wirklich gelang. Wir hatten großes Glück."
Domingos' Vater kam später nach Darwin zu seiner Familie. Weil alle fleißig arbeiteten, gelangte die Familie zu einigem Wohlstand. Domingos bekam noch zwei Brüder und lernte Englisch. Außerdem trieb er gerne Sport – Kricket, Karate, Tennis, Fußball, Handball und Volleyball. Er schrieb gute Noten in der Schule und war sowohl musikalisch als auch künstlerisch begabt. Neben der Schule arbeitete er im Restaurant seines Onkels.

Eine Zeit des Glaubens
Eines Tages machte seine Tante, die sich erst kurz vorher der Kirche angeschlossen hatte, Domingos' Eltern mit den Missionaren bekannt. Später schloß sich die ganze Familie der Kirche an. ,Wir waren etwa ein Jahr in der Kirche aktiv", erzählt Domingos. „Aber dann gingen meine Eltern nicht mehr hin. Ich ging noch eine Zeitlang allein zur Kirche, aber dann fing ich an, sonntags Kricket zu spielen. Doch mein Gewissen mahnte mich immer wieder, daß ich eigentlich in der Kirche sein sollte.”
Etwa zu dieser Zeit erlitt Domingos' Großvater, der in Melbourne wohnte, einen Schlaganfall, und die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Domingos war damals 16 Jahre alt. Er fühlte sich gedrängt, für seinen Großvater zu beten. „Ich sagte dem himmlischen Vater, wenn er Großvater am Leben ließe, würde ich mein Leben der Kirche weihen. Aber ich wartete nicht ab, bis Großvater sich erholt hatte. Als wir wieder zu Hause waren, ging ich gleich wieder zur Kirche. Ich habe nämlich gelernt, daß man ein Versprechen unbedingt halten muß.”
Domingos Großvater wurde wieder gesund. Aber da ging Domingos schon nicht mehr nur zur Kirche, um sein Versprechen zu halten, sondern auch deswegen, weil er es für richtig hielt.

Eine Zeit des inneren Ringens
Als Domingos 18 Jahre alt wurde, begann sich sein Vater darüber zu ärgern, daß er in der Kirche aktiv war.
„Vater meinte, das Seminar würde mir Zeit für die Schule stehlen, und deshalb verbot er mir, weiterhin so früh am Morgen aufzustehen. Und weil ich ihn in Ehren halten wollte, ging ich nicht mehr zum Seminarunterricht am frühen Morgen. Aber zu Hause arbeitete ich weiterhin das Seminarmaterial durch. Doch das gefiel meinem Vater auch nicht, und deshalb ließ ich auch das sein.
Und wenn er mich in den heiligen Schriften lesen sah, glaubte er, ich hätte meine Hausaufgaben nicht gemacht, obwohl ich gute Noten schrieb. Einmal nahm er mir meine heiligen Schriften weg und warf sie in den Mülleimer. Ich hatte zwei Jahre darin gelesen und viele Schriftstellen markiert; deshalb waren meine Schriften etwas ganz Besonderes für mich. Am nächsten Morgen holte ich sie mir zwar zurück, mußte sie dann aber dem Zweigpräsidenten zur Aufbewahrung gehen."
Es dauerte nicht lange, bis der Vater seinem Sohn alles verbot, was irgendwie mit der Kirche zu tun hatte – das Lesen in den heiligen Schriften, das Heimlehren, den Besuch der Aktivitäten für die jungen Leute und schließlich auch den Besuch der Sonntagsversammlungen.
„Obwohl ich achtzehn Jahre alt und damit volljährig war, gehorchte ich ihm. Wirklich. Man muß seinem Vater doch gehorchen, weil er eben der Vater ist. Aber ich wollte das Versprechen nicht brechen, das ich dem himmlischen Vater gegeben hatte, nämlich daß ich zur Kirche gehen würde.
Vater sagte, wenn ich am Sonntag in die Kirche ginge, brauchte ich gar nicht erst wieder nach Hause zu kommen. Deshalb packte ich meine Sachen und sprach am Samstagabend ein sehr aufrichtiges Gebet. Als Vati mich am nächsten Morgen in Sonntagskleidung sah, wurde er schrecklich wütend."
Domingos ging zur Kirche, aber seine Eltern fuhren ihm nach. Sie einigten sich, daß er jeden zweiten Sonntag zur Kirche gehen durfte. „Das war zwar nicht viel, aber besser als nichts”, erinnert er sich.
Als er sich das nächste Mal für die Kirche fertig machte, drohte sein Vater wieder damit, daß er nie wieder nach Hause zu kommen brauche, wenn er zur Kirche ging. „Das zweite Mal war genauso schlimm wie das erste Mal, vielleicht sogar noch schlimmer. Ich hatte mich für meinen Patriarchalischen Segen angemeldet, und der Patriarch, der nur einmal im Jahr zu uns kommen kann, war extra von weither angereist. Ich war auch pünktlich da, aber Vater kam mir nach, und ich mußte wieder mit ihm nach Hause fahren. So mußte ich auf meinen Patriarchalischen Segen verzichten.”
Beim dritten Mal war es nicht viel anders. Jetzt verließ Domingos sein Elternhaus und zog zu seiner Großmutter. „Aber dann kam Mutter und sagte, alles sei wieder in Ordnung und Vater würde sich nicht mehr darüber aufregen, daß ich zur Kirche ging. Also kehrte ich nach Hause zurück."

Eine Zeit der Entscheidung
Als Domingos bei seiner Großmutter wohnte, wuchs in ihm der Wunsch, eine Vollzeitmission zu erfüllen. „lch betete und erhielt die Gewißheit, daß ich mit 19 Jahren auf Mission gehen sollte. Von da an stand mein Entschluß fest. Und jetzt mußte ich mich entsprechend vorbereiten.”
Man sagte ihm, wenn er sein erstes Studienjahr an der University of the Northern Territory abgeschlossen habe, dürfe er sein Studium zwei Jahre unterbrechen. Aber das bedeutete, daß er in den Monaten vor seiner Abreise besonders viele Seminare besuchen mußte. „Mein Koordinator machte mir Mut und meinte, eine Mission sei eine gute Sache”, erzählt Domingos. Für ihn selbst war die Mission einfach die Fortsetzung dessen, was er schon seit seiner Teenagerzeit getan hatte, nämlich anderen Menschen von der Umkehr und vom Erlösungsplan zu erzählen.
Er studierte noch intensiver in den heiligen Schriften und lernte viele Schriftstellen auswendig. „Die heiligen Schriften schenkten mir Frieden. Und sie sagten mir, was ich zu tun hatte.”
Domingos begleitete die Vollzeitmissionare, wenn sie mit Untersuchern die Missionarslektionen durchnahmen. Er gab oft Zeugnis. Und er schrieb jeden Tag Tagebuch. Die Führer der Kirche sprachen mit ihm, erklärten ihn für würdig und reichten die notwendigen Papiere ein.
Als Domingos eines Tages von der Kirche nach Hause kam, wies sein Vater ihn zum vierten Mal aus dem Haus. „Dieses Mal war es ziemlich endgültig”, sagt Domingos. „Es gefiel ihm überhaupt nicht, daß ich auf Mission gehen wollte, und er drohte mir, daß er dann keinen Sohn mehr habe.”
Michael Kuhn, Domingos' Zweigpräsident, lud ihn ein, bis zu seiner Mission bei seiner Familie zu wohnen.
Als das Semester vorüber war, betete Domingos, er hörte erbauliche Musik, ging zur Kirche, arbeitete mit den Missionaren zusammen und studierte in den heiligen Schriften. Manchmal las er den ganzen Tag in den heiligen Schriften.

Eine Zeit der Freude
Und dann kam der Brief: „Sie sind berufen worden, in der Hongkong-Mission zu arbeiten.” Domingos kehrte noch einmal für kurze Zeit nach Hause zurück, um mit seiner Familie Frieden zu schließen, ehe er abreiste. ,Weil sie wußten, daß sie mich nicht umstimmen konnten, gaben sie schließlich nach", erzählt er. Ehe Domingos abreiste, ging die ganze Familie zusammen essen und machte viele Abschiedsfotos.
Die Briefe, die Domingos aus der Missionarsschule und später aus Hongkong schrieb, machen deutlich, wie groß die Freude war, die er auf Mission empfand:
„Am Flughafen traf ich mich mit dem Missionar, der mich im Evangelium unterwiesen hatte, nämlich Hoyt Skrabelund, und lernte seine Frau, sein neugeborenes Kind und seine Eltern kennen. So langsam lerne ich Kantonesisch. Die Leute in der Missionarsschule sind wunderbar!”
„Ich habe zwei Briete von meiner Mutter bekommen. Zu Hause ist alles in Ordnung. Meine Eltern werden sehr gesegnet, und es ist ihnen sogar bewußt! Meine Familie und meine Verwandten freuen sich jetzt, daß ich auf Mission bin. Gott ist wirklich ein Gott der Wunder!”
— „Heute habe ich meine erste Straßenausstellung gemacht und mit jedem Vorübergehenden gesprochen. Ich habe sechs Missionarslektionen in Kantonesisch durchgenommen.”
„Inzwischen bin ich nach Macao versetzt worden, einer portugiesischen Kolonie vor der Küste Chinas. Ich habe Glück gehabt, denn nur wenige Missionare werden dorthin gesandt. Wir unterweisen einen Untersucher im Evangelium, und er will sich taufen lassen. Ich weiß, daß Gott mich hierher berufen har, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.”
„Es war die Mühe wert, alle Schwierigkeiten zu bewältigen, um im Buch Mormon zu lesen. Es war die Mühe wert, alle Kränkungen zu ertragen, um den Sabbat heiligzuhalten. Es war die Mühe wert, auf den richtigen Zeitpunkt zum Beten zu warten und zur Kirche zu gehen. Es war die Mühe wert, alle Mühen und Leiden zu erdulden und alle Tränen zu vergießen, um hierher auf Mission zu gehen.”

Eine Zeit des Friedens

In Macao schaut Domingos Liao aus dem Fenster seiner Missionarswohnung und sieht ein verheißenes Land.
„Als ich mich entschlossen habe, auf Mission zu gehen”, erzählt er, „wußte ich, daß viele Hindernisse auf mich warteten. Ich wußte zwar nicht genau, welche Gefahren auf mich lauern und was versuchen würde, mich zu stechen oder zu verschlingen. Ich dachte an nichts anderes als nur daran, daß ich es schaffen wollte. Und jetzt bin ich hier und weiß, daß es die Mühe wert war.”
Und Domingos ist eifrig darum bemüht, für andere Menschen – auch für seine Familie – eine Brücke zu bauen, die sich auf die andere Seite hinüberschwingt.
Richard M. Romney, Dezember 1995

20:41 - 2.11.2008 - Kommentieren


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