Bekehrungsgeschichten

Julia Mavimbela

Geschrieben in Unbenannt

Julia Mavimbela aus Soweto in Südafrika ist eine hochgewachsene Zulu-Negerin. Ihre abgearbeiteten Hände zeigen, daß sie viele Jahre im Dienst ihrer Mitmenschen verbracht hat. Aber ihr Gesicht ist schön, und es strahlt den Frieden aus, um den sie sich ihr ganzes Leben lang bemüht hat. Julia Mavimbela ist 77 Jahre alt und hat viel erreicht; durch ihre Erfolge ist sie sogar international bekannt geworden.
Wie alle wahren Geschichten ist auch Julia Mavimbelas Lebensgeschichte von Kämpfen geprägt. Armut, Vorurteile und der Tod geliebter Menschen haben ihr viel Schmerz bereitet. Aber sie haben auch eine Läuterung in ihr bewirkt und schließlich dazu geführt, daß sie das Evangelium Jesu Christi gefunden hat.

Eine liebevolle Familie
Julia Nompi Nqubeni wurde am 20. Dezember 1917 als jüngstes von fünf Kindern geboren. Ihr Vater, der Lehrer war, starb, als sie erst vier Jahre alt war. Daraufhin mußte ihre Mutter als Lehrerin und Wäscherin den Unterhalt für die Familie verdienen. Doch trotz Armut und anderer Schwierigkeiten gelang es Julia, sich zur Lehrerin ausbilden zu lasen. Schließlich wurde sie sogar als eine der ersten Schwarzen in Südafrika Rektorin einer Schule.
Sie war mit John Mavimbela sehr glücklich verheiratet. Beide hatten in der Ehe die Möglichkeit, Fortschritt zu machen. „Wir hatten das Gefühl, wenn wir zusammenarbeiten könnten, würden wir gemeinsam viel lernen”, erzählt Schwester Mavimbela. „Deshalb gab ich meine Stelle als Lehrerin auf und half meinem Mann, unser kleines Fleisch- und Lebensmittelgeschäft zu führen. Mein Mann war etwas ganz Besonderes; einen solchen Mann findet man nur selten. Er zahlte mir ein Gehalt, und dieses Geld gehörte mir ganz allein. Wenn ich Besuch von meinen Freundinnen bekam, ging er in die Küche und wusch ab. Und wenn wir ein Baby bekommen hatten, half er mir, die Windeln zu waschen." Die beiden war sehr ineinander verliebt.
John Mavimbela hatte schon zwei Kinder aus einer früheren Ehe. Deshalb bemühte sich seine Frau um ein gutes Verhältnis zu seiner ersten Frau und zog die beiden Kinder wie ihre eigenen auf. Schwester Mavimbelas erstes Kind starb hei der Geburt, aber später schenkte sie noch sechs weiteren Kindern das Leben.
Als sie 1955 mit ihrem sechsten Kind im zweiten Monat schwanger war, kam ihr Mann hei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ein anderes Auto war frontal auf seines geprallt. Er befand sich auf einer Geschäftsreise und hatte viel Geld bei sich, als ein betrunkener Weißer in seinen Wagen raste. Nachdem die Polizei den Unfall angenommen hatte, hat Julia Mavimbela darum, ihr die Gegenstände aus dem Besitz Ihres Mannes auszuhändlgen. Aber sie bekam nur einen kleinen Teil des Geldes, das ihr Mann bei sich gehabt hatte, zurück. Außerdem stellte die Polizei fest, daß Julia Mavimbelas Mann den Unfall verursacht hatte, obwohl sich der andere Fahrer eindeutig auf der falschen Straßenseite befunden hatte. Das machte sie bitter.
Aber einige Zeit später las sie in der heiligen Schrift. „Die Worte des Herrn rührten mich an, nämlich: ,Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.' Ich spürte, daß es nicht richtig war, den ersten Stein zu werfen, sondern daß ich vergebungsbereit sein mußte. Aber damals gehörte ich noch keiner Kirche an, die mir wahrhaft helfen konnte, Vergebung zu üben.”

Ein ganzes Leben im Dienst am Nächsten

Julia Mavimbela hatte schon 1945 begonnen, sich im Gemeinwesen zu engagieren. Lange, ehe sie etwas von den Haushaltsführungslektionen der Kirche hörte, gründete sie schon einen Frauenklub, dessen Ziel es war, den Frauen die Möglichkeit zu gehen, ihre Erfahrungen im Haushalt auszutauschen. Später gründete sie einen anderen Klub, in dem es um das Sparen ging. Nach dem Tod ihres Mannes setzte sie ihre Energie mehr und mehr dafür ein, anderen Menschen zu helfen.
Aber ihre wichtigsten Jahre im Dienst für das Gemeinwesen begannen 1976, als in Soweto Aufstände ausbrachen. Es war gefährlich, auf der Straße unterwegs zu sein, aber Julia Mavimbela machte sich große Sorgen wegen des Hasses, den die jungen Menschen an den Tag legten. „Ich wußte ja, wie es war, sich isoliert zu fühlen Deshalb rief ich in Soweto ein Projekt ins Lebens, das jungen Menschen eine Beschäftigung vermitteln sollte, damit sie einen Sinn im Leben sahen.”
Ihr Projekt bestand darin, die jungen Menschen mit biologischem Gartenbau vertraut zu machen, für den sie große Begeisterung empfand, seitdem sie zehn Jahre zuvor mit dem Anbau ökologischer Nahrungsmittel begonnen hatte, um ihre Tochter von einer angeborenen Herzkrankheit zu heilen.
Aber weil die meisten Familien keinen Platz für einen Garten hatten – und mochte er noch so klein sein –, sorgte sie dafür, daß ein von Ratten bevölkertes Landstück gesäubert wurde. „Als die anderen sahen, wie wir uns mit dem Unkraut abquälten, bekamen sie Lust, auch mitzuhelfen, und so nahmen wir uns ganz Soweto vor und ersetzten alles, was häßlich und nutzlos war, durch etwas Schönes und Nützliches.”
Besonders wichtig war aber das, was Julia Mavimbela den jungen Menschen ins Herz pflanzte. „Wenn wir gemeinsam im Garten arbeiteten, sagte ich zu ihnen: ,Schaut euch einmal den Boden hier an. Er ist schwer und hart, aber wenn wir mit einem Spaten oder einer Harke hineinstechen, gibt die Oberfläche nach, und es bilden sich Klumpen. Wenn wir diese Klumpen zerkleinern und dann Samen säen, beginnt er zu wachsen.'
Genau das möchte ich allen jungen Menschen begreiflich machen. So müssen sie empfinden. Wir wollen den Boden der Bitterkeit umgraben, ein Samenkorn hineinlegen und abwarten, welche Frucht sich entwickelt. Wenn wir anderen Menschen nicht vergehen, können wir keine Liebe empfinden. Wo Blut geflossen ist, muß eine wunderschöne Blume wachsen.” So trug sie nicht nur dazu hei, die sichtbaren Schäden zu beheben, die die Aufstände hinterlassen hatten, sondern auch die unsichtbaren.
lm selben Jahr, als die schrecklichen Aufstände ausbrachen, begann Julia Mavimbela mit der Arbeit in mehreren Frauengruppen. Sie hatte das dringende Bedürfnis, Frauen aller Hautfarben zusammenzubringen, damit sie gemeinsam die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme lösten. Deshalb wirkte sie bei der Gründung der Organisation „Frauen für Frieden” mit, deren Ziel es war, die Surfafrikaner zu schützen und einen Bürgerkrieg zu verhindern. Julia Mavimbela gehurt immer noch dem Führungskomitee dieser Organisation an. Außerdem ist sie auch mehrmals zur Präsidentin des Nationalrates afrikanischer Frauen gewählt worden.
Schwester Mavimbela hat oft zwischen Soweto und der südafrikanischen Regierung vermittelt, wenn es um die Rechte ihrer Mitmenschen ging. Erst kürzlich hat sie sich für Rentner eingesetzt, die manchmal mehrere Monate lang kein Geld bekamen. Sie sprach das Thema in einer Gesprächsrunde an, zu der ein Radiosender sie eingeladen hatte, und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Regierung auf dieses Thema.
Sie ist auch voller Begeisterung in der Bekämpfung des Analphabetismus tätig. Sie selbst spricht sieben Sprachen fließend. In den letzten zehn Jahren hat sie mitgeholfen, mehr als 780 Nebenstellen einer Organisation einzurichten, die den südafrikanischen Frauen Lesen und Schreiben beibringt.

Ein schöner Ort des Friedens
Julia Mavimbela setzt sich sehr beredt für aas ein, was ihr am Herzen liegt. Aber alle Erfolge und Bekanntschaften bedeuten ihr nicht so viel wie die Begegnung mit zwei Missionaren im Oktober 1981.
Eines Tages wurde Julia Mavimbela gebeten, ein Projekt zu leiten, bei dem es um den Wiederaufbau einer Bibliothek ging, die während der Aufstände in Soweto zerstört worden war. Zuerst wollte sie sich weigern. „Was?”fragte sie sich. „Wnrür ltalten die mich denn! Wenn wir das Gebäude wiederaufbauen, wird es doch gleich wieder abgebrannt. Aber als sie darüber nachdachte, wurde ihr das Herz weich, und sie wollte sich die Ruine anschauen, um zu überlegen. was sicj hier machen ließ. Dort angekommen, sah sie zu ihrem großen Erstaunen zwei junge Männer, die trotz Staub und Hitze zwischen den Trümmern arbeiteten. Weiße kamen nur ganz selten nach Soweto, aber daß sie dann auch noch mit den Händen arbeiteten, um Schwarzen zu helfen, war ganz und gar ungewöhnlich. Neugierig ging sie auf sie zu. Die beiden Männer stellten sich als Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage vor und fragten sie, ob sie ihre Botschaft hören wolle.
Das fiel ihr nicht leicht. Erst einmal war ihr Zuhause in Unordnung, und zweitens – was noch viel wichtiger war — war es gefährlich, Weiße einzuladen.
Das konnte sowohl für sie als auch für die Familie, wo die beiden Missionare wohnten, Schwierigkeiten bedeuten.
„Aber irgend etwas drängte mich, ihnen zuzuhören”, erzählt sie. „Ich konnte mich einfach nicht von ihnen abwenden. Deshalb bat ich sie, mir drei Tage Zeit zu geben. damit ich zu Hause die Spinnweben beseitigen konnte.”
Nach dem ersten Treffen war Julia Mavimbela allerdings nicht sonderlich beeindruckt. Aber beim zweiten Treffen bemerkten die Missionare ihr Hochzeitsbild und fragten sie nach ihrem Mann. Als sie ihnen sagte, daß er tot sei, erklärten sie ihr, daß für ihn die Taufe vollzogen werden könnte. „in diesem Augenblick ging mir das Herz auf”, erinnert sie sich. „,Für ihn kann die Taufe vollzogen werden?', fragte ich. Wie denn?'” Die Missionare erklärten es ihr. „Da sagte ich zu Ihnen: "Sie haben mir einen ganz schönen Schock versetzt. Ich bin schwarz, und die anderen Kirchen erlauben es uns nicht, über unsere verstorbenen Angehörigen zu sprechen. Und jetzt kommen Sie zu mir und sprechen mit mir ausgerechnet über meine verstorbenen Angehörigen. Was Sie zu sagen haben, ist wirklich interessant. Ich möchte, daß Sie wiederkommen.' Ihre Worte hatten mich nämlich an einer besonders empfindlichen Stelle getroffen.
Also kamen sie wieder, und ich hörte ihnen zu und sagte mir, daß es keine bessere und wahrere Kirche geben könne. Ich hatte meine Eltern nämlich sehr geliebt und nie verstehen können, warum ich sie vergessen sollte und nie mehr erwähnen durfte. Wahrscheinlich wollte man damit verhindern, daß die Schwarzen ihre verstorbenen Angehörigen verehrten.
Der Bericht von der ersten Vision des Propheten Joseph Smith – wie er mit Gott sprach – beeindruckte mich tief. Dann las ich das Ruch Mormon. und dadurch änderte sich mein ganzes Leben. Ich szank auf die Knie und begriff, daß alle Menschen wirklich nur eine einzige Familie sind."
Julia Mavimbela ließ sich am 28. November 1931 taufen. Seit ihrer ersten Begegnung mit den Missionaren waren erst zwei Monate vergangen. Schwester Mavimbela sagt von ihrer Taufe: „Als die Tür aufging und ich ins Wasser der Taufe schritt, spürte ich, wie ich rein gemacht wurde. Ich empfand wahrhaftige Freude.”
Seit ihrer Bekehrung hat sie eifrig Missionsarbeit geleistet und viele Menschen eingeladen, mit ihr in die Kirche zu gehen. Außerdem hat sie führenden Persönlichkeiten in der Regierung Südafrikas das Buch Mornon geschenkt.
Zwei von ihren Töchtern sowie mehrere ihrer Enkelkinder haben sich ebenfalls der Kirche angeschlossen.
Am liebsten missioniert Schwester Mavimbela durch Gartenarbeit. Sie setzt ihre Liebe zum Boden ein, um ihren Mitmenschen die Liebe des Herm begreiflich zu machen. Vor kurzem war sie einer Großmutter behilflich, die keine Rente bekommt, aber ihre Enkelkinder aufziehen muß. Einer der Jungen war mit der Schule fertig, hatte aber keine Arbeitsstelle gefunden und langweilte sich. Deshalb geriet er in schlechte Gesellschaft.
Schwester Mavimbela schenkte der Familie Gemüsesamen und erklärte ihnen, wie mau einen Garten anlegt und pflegt und Unkraut jätet. Je größer der Garten wurde, desto stärker wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie. Heute besucht eins der Mädchen die Abendmahlsversammlung der Kirche und entdeckt die überreichen Früchte des Evangeliums.
Schwester Mavimbela hat sowohl als Zweig- wie auch als Pfahl-FHV-Leiterin gedient und in der Evangeliumslehreklasse unterrichtet. Jetzt ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche in Soweto zuständig. Außerdem hilft sie noch bei den Jugendprogrammen ihres Zweiges mit. Aber am schönsten für sie ist der Samstagmorgen, wo sie im Haus des Herrn dient.
Im September 1985 erhielt Julia Mavimbela die Begabung im Johannesburg-Tempel. „Schon als ich den Tempel betrat, hatte ich das Gefühl: Hier gehörst du hin”, erinnert sie sich. „Ehe ich Mitglied der Kirche war, habe ich jedesmal, wenn ich etwas von Israel gelesen habe, das Buch in die Ecke geworfen und gedacht. Damit sind die Weißen gemeint, aber nicht wir. Wir sind nicht auserwählt: Heute weiß ich, daß ich zu einer königlichen Familie gehören kann, wenn ich ein rechtschaffenes Leben füllte. Ich bin Israelitin. Als ich im Tempel die heiligen Handlungen vollzog, hatte ich das Gefühl, daß alle Menschen auf der Erde eins sind.
Die Siegelung an meinen Mann und an meine Eltern gehört zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens. Ich spüre, wie meine Eltern mir dankbar sind, daß ich für sie die Arbeit im Tempel getan habe. Das hat mir der Heilige Geist bezeugt.”
Schwester Mavimbela dient so oft im Tempel wie sie nur kann. Dort findet sie in überreichem Maße Frieden und Liebe, Schönheit und Einigkeit im Geist. Und diese Eigenschaften hat sie ja schon ihr ganzes Leben lang im Weingarten des Herrn gepflegt.
Dale LeBaron, März 1995

20:56 - 2.11.2008 - Kommentieren


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