Bekehrungsgeschichten

Ein Gebet im Ghetto

Geschrieben in Unbenannt
Am 26. Oktober 1964 wurden in Kingston in Jamaica Zwillinge geboren. Damit begann mein Leben. Meine Eltern kenne ich nicht; ich wurde von meiner Großmutter aufgezogen. Das erste Zuhause, an das ich mich erinnern kann, war ein Holzschuppen im Ghetto, in dem es nur ein einziges Zimmer gab.
Ich wuchs in der schrecklichen Armut des Ghettos auf, und nach und nach wurde mir bewußt, wie schwer Großmutter für uns arbeitete. Sie stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, nachdem sie wieder eine Nacht in dem wackeligen alten Bett verbracht hatte, das sie sich mit fünf anderen Familienmitgliedern teilte. Dann weckte sie uns Kinder und ging mit uns Ziegelsteine suchen. Wenn wir genug Steine zusammenhatten, baute Großmutter daraus einen Ofen, in dem sie Brot backte, das sie dann später an die Nachbarn verkaufte. Großmutter mußte jeden Tag schwer arbeiten, aber sie hatte trotzdem immer ein Lächeln auf den Lippen und schien glücklich zu sein.
In unserem Schuppen, der zusammen mit vielen anderen ähnlichen Schuppen eine Art Dorf bildete, gab es kein fließendes Wasser. Es gab nur eine einzige Hauptleitung, und jeder holte sich in Eimern sein Wasser von dort. Wir mußten die Wassereimer auf dem Kopf nach Hause tragen.
Rund um die Wasserleitung war alles verschlammt; dort spielten die Kinder. Ghettokinder sind meistens nackt; ihre einzige Kleidung sind Schlamm und Schmutz. Toiletten und Badegelegenheiten gab es in der Mitte unseres Dorfes, so dl jeder sie benutzen konnte.
Die Menschen im Ghetto hatten wenig Selbstbewußtsein und wenig Geld; deshalb flüchteten sich viele in unsittliches Verhalten. So nahm die Bevölkerungszahl immer mehr zu; das Ghetto wurde immer voller. Die meisten Leute hatten keine Arbeit; sie verließen sich darauf, daß der Staat ihnen etwas zu essen gab. Wenn sie sich schöne Kleidung oder etwas anderes wünschten, stahlen sie es einfach.
Meine beste Freundin war draußen auf der Straße geboren worden; ihre Mutter war damals erst vierzehn Jahre alt gewesen. Und meine Freundin trat in die Fußstapfen ihrer Mutter - mit dreizehn Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Damit war ihre Mutter im Alter von siebenundzwanzig Jahren bereits Großmutter. Mit neunzehn Jahren bekam sie schon ihr drittes Kind. Nachdem sie ihren dritten Freund verlassen hatte, zog sie mit ihren drei Kindern zu ihrer Mutter, die selbst noch sechs kleine Kinder hatte. Jetzt war meine Freundin für neun Kinder unter sieben Jahren verantwortlich, und dabei war sie selbst noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Wenn ich über das Leben meiner Freundin nachdachte, wurde mir klar, daß ich mir etwas Besseres wünschte - ich wollte ein Zuhause und eine Familie. Aber dazu mußte ich das Ghetto verlassen.
Großmutter hatte mich gelehrt, abends vor dem Zubettgehen zu beten. Aber zu wem betete ich überhaupt? Wie sah dieser Gott aus? Woher kam er? Auf diese Fragen fand ich keine Antwort. Mir war, als befände ich mich in einer finsteren, öden Welt, in der es keine Hoffnung auf Licht gab.
Ich wollte mehr über das Gottesgeheimnis wissen; deshalb fing ich an, die Kirche zu besuchen, der wir angehörten, denn Großmutter meinte, daß Gott dort zu finden sein müsse. Aber der Kirchenbesuch half mir nicht viel, er verwirrte mich im Gegenteil nur noch mehr. Die Geistlichen sprachen mit mir über Jesus Christus und den Heiligen Geist, der zu Gott gehören und mit ihm eins sein sollte.
Ich ging auch zu vielen anderen Kirchen. Wenn wir in der Bibel studierten und uns mit dem Leben Christi beschäftigten, wurde mir ganz seltsam zumute.
Mir fiel auf, daß dieses Gefühl etwas mit Christus, der Bibel, dem Heiligen Geist und Gott zu tun hatte, aber ich wußte noch immer nicht, inwiefern. Deshalb begann ich zu beten und auf den Herrn zu vertrauen. Aber irgend etwas fehlte noch immer. Ich fühlte mich zwar wohl, wenn ich in der Bibel las, aber anschließend verschwand dieses Gefühl schnell wieder.
Ein Lehrer erklärte mir, ich könne dieses Gefühl immer haben, wenn ich mich nur taufen ließe. Also ließ ich mich taufen, aber dadurch änderte sich nichts. Alle Kirchen kamen mir irgendwie gleich vor, und deshalb beschloß ich, in Zukunft zu Hause zu bleiben und selbst zu studieren. Ich merkte, daß ich intensiver zum Herrn betete, er möge mir helfen, den wahren Weg zu ihm zu finden. Und der Herr erhörte meine Gebete.
Ich lernte einen jungen Mann kennen, und wir freundeten uns an. Während der nächsten zehn Monate sprachen wir über unsere Vorstellungen und Gedanken zu vielen Punkten, aber niemals über Religion. Eines Tages stellte ich fest, daß mein Freund immer eine Bibel dabei hatte, und deshalb fragte ich ihn, ob er zur Kirche ginge und wenn ja, wie seine Kirche denn heiße. Es war ein ziemlich langer Name - Kirche Jesu Christi irgendwelcher Heiligen.
Mein Freund sagte mir später, daß er dem Herrn zwei Jahre in einem anderen Land dienen werde. Ich stellte mir vor, daß er Geistlicher werden würde. Als er fort war, fragte ich mich, wie seine Kirche wohl sei, und suchte nach einem Gemeindehaus.
Ein paar Monate später fand ich es und noch viel mehr. Als ich das Gemeindehaus betrat, empfand ich etwas, was sich unmöglich beschreiben läßt - Freude, Frieden, Trost, Sicherheit und Glück. Es war, als käme ich nach Hause. Meine Fragen waren jetzt alle beantwortet.
Die Mitglieder nahmen mich mit offenen Armen auf. Zuerst ließ ich mich nur zögernd darauf ein, weil alles ein bißchen zuviel war. Ich war nicht daran gewöhnt, mit so vielen Menschen zusammen zu sein. Sie hießen mich willkommen, obwohl sie mich gar nicht kannten. Aber gegen Ende der Versammlung spürte ich inneren Frieden, und ich hörte die folgenden Worte in meinem Inneren klingen: „Debbie, dies ist der Ort und dies sind die Menschen, nach denen du gesucht hast.”
Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, daß mein Leben im Ghetto schwer war und daß man sich dieses Leben durch falsche Entscheidungen noch weiter erschweren konnte. Es gab kaum Gelegenheit, Fortschritt zu machen. Aber ich sehnte mich nach etwas, wofür es sich zu leben lohnte. Und als ich die Möglichkeit erhielt, das Ghetto mit einem Teil meiner Familie zu verlassen, da griff ich zu.
Viele der Mädchen, mit denen ich aufwuchs, haben das Ghetto niemals verlassen. Auch ich hätte es nicht geschafft, wenn ich mich nicht von den Wünschen meines Herzens hätte führen lassen und nicht darauf vertraut hätte, daß der himmlische Vater mich führen würde. So aber konnte ich das Ghetto verlassen, mich taufen lassen, eine Ausbildung machen und auf Mission gehen. Ich weiß, daß der himmlische Vater uns alle liebt und unsere Lebensumstände kennt, wo immer wir auch sein mögen. Und er möchte, daß wir alle wahres Glück finden.
Debbie Pearce, Februar 1992

20:16 - 2.11.2008 - Kommentieren


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