| Bekehrungsgeschichten |
Ein alter FreundIch hatte Deuce seit achtzehn Jahren nicht gesehen. Jetzt war er betrunken und heruntergekommen und brauchte Hilfe.
Als ich einmal an einem Juninachmittag zu einem Geschäftstermin in der Stadt unterwegs war, hatte ich das Gefühl, ich solle stehen bleiben und durch die offene Tür einer Kneipe schauen. Ich sah nur eine lange Theke und eine Reihe von Stühlen. Ich drehte mich um und ging weiter. Ich hatte kein Interesse daran, mich an einem solchen Ort aufzuhalten, ich wollte nicht dort sein. Aber als ich weiter die Straße entlangging, hatte ich ganz stark das Gefühl, ich solle wieder zurückgehen und noch gründlicher hineinschauen. Neugierig drehte ich mich um, ging zu der Kneipe zurück und schaute noch einmal hinein. „Wie töricht von mir”, dachte ich, vor allem, weil ich nur den Wirt hinter der Theke sah. Also ging ich weiter. Aber als ich dann an der Straßenecke stehenblieb und darauf wartete, daß die Ampel auf Grün schaltete, fühlte ich mich noch stärker gedrängt, zu der Kneipe zurückzugehen. Also ging ich wieder hin. Die Kneipe sah leer aus. Sogar der Wirt war nicht mehr da. Ich ging bis nach hinten in den Raum. Da bemerkte ich. daß in der Ecke ein Mann über ein Glas gebeugt saß. Das rauhe, unrasierte Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor. Ich trat näher, und da stiegen Erinnerungen an jemanden aus meiner Vergangenheit in mir hoch. Der Mann hatte etwa die richtige Größe, er war klein und sehr schmal. Konnte es Deuce sein? (in Wirklichkeit hieß er Dwayne.) Ich hatte Deuce fast achtzehn Jahre nicht gesehen. Aber wie konnte er in diese Lage geraten sein? „Deuce, Deuce, bist du das?” fragte ich. Der Mann blickte kurz auf, antwortete aber nicht. „Deute, was machst du hier? Ich kann nicht glauben, daß du es bist!” Aber er war es. Wir waren als Jugendliche gute Freunde gewesen. Deute und sein Zwillingsbruder Ace hatten zu ihren Eltern eine gute Beziehung gehabt, aber von ihnen wenig Anleitung erhalten. Ihr Vater war ein vielbeschäftiger Friseur gewesen, der sehr um seine liebe, aber alkoholkranke Frau besorgt gewesen war. Deuce hatte als Kind Polio gehabt; deshalb hinkte er stark und konnte einen Arm nicht so gut gebrauchen. Als Jugendlicher hatte er mehrere schwere Unfälle gehabt und mußte seitdem am Stock gehen. Aber diese Behinderungen schienen seine Konzentration auf die Malerei nur zu fördern. Er war begabt im Umgang mit Ölfarben und nahm seine Arbeit sehr ernst. Seine Bilder waren höchst lebendig und naturgetreu; ich kann mich noch gut an das Bild eines Tigers erinnern, der von der Leinwand herunterzuspringen schien. Als ich für ein paar Jahre in die Marine eintrat, verlor ich Deute aus den Augen. Ich hatte gehört, daß Ace auch in die Marine eingetreten und irgendwann als vermißt gemeldet worden war. „Was? Wer bist du?” fragte Deuce träge. „Richard, dein alter Freund.” Sein Blick hellte sich auf, und er schien mich zu erkennen. Es sah so aus, als werde er gleich weinen. Er war offensichtlich nicht in guter körperlicher Verfassung und machte den Eindruck, als esse er nicht regelmäßig. Ich überzeugte ihn schließlich davon, daß ich es wirklich war, und brachte ihn dazu, von dem Barhocker aufzustehen. Er konnte kaum gehen, selbst mit der Gehhilfe, die er jetzt benutzte. Ich ging mit ihm in ein nahegelegenes Restaurant, wo ich ihm etwas zu essen bestellte. Als ei anfing, etwas zusammenhängender zu reden, erfuhr ich, daß er kein Geld hatte und sich in einem billigen Hotel mit jemandem ein Zimmer teilte. „Deuce, ich muß ganz eilig zu einem Geschäftstermin, aber ich will dich wiedersehen", sagte ich und brachte ihn zu seinem Hotel und half ihn zu baden und sich zu rasieren. Später kaufte ich ihm ein paar Sachen zum Anziehen und half ihm, sich umzuziehen. Wir fuhren zu uns nach Hause, und ich stellte ihn Verna, meiner Frau, vor. Ich berichtete, wie wir uns wiedergefunden hatten, und erzählte Verna von unserer Freundschaft und den getneinsamen Erlebnissen mit Deuce und seiner Familie. Er konnte inzwischen wieder ziemlich klar denken und erzählte die herzzerreißende Geschichte darüber, wie er in seine jetzige Lage geraten war. Er schilderte den Schock über den Verlust seines Zwillingsbruders. Mehrere Jahre darauf war seine Mutter an der Trunksucht gestorben, dann war sein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Deuce hatte als Gebrauchsgraphiker gearbeitet und versucht, seine Probleme im Alkohol zu ertränken. Irgendwann hatte er seine Stelle verloren und lebte von einer kleinen Invalidenrente. Dieser Abwärtstrend hatte schon seit Jahren angehalten. Als ich ihn fand, hatte er schon alle Hoffnung aufgegeben und war völlig verzweifelt. Nachdem ich ihn ins Hotel zurückgebracht hatte, redeten Verna und ich bis tief in die Nacht hinein über seine Lage und verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Er war offensichtlich unfähig, sich selbst zu helfen. „Wir können ihn nicht da lassen, wo er jetzt ist”, sagte Verna. „Aber was können wir tun?” fragte ich. „Wenn es nicht anders geht, müssen wir ihn eben hierherbringen”, erwiderte sie. Am nächsten Tag bei der Arbeit ging mir Deuce nicht aus dem Sinn. Am Nachmittag suchte ich nach ihm. Meine Einladung verwirrte ihn, aber er erklärte sich bereit, bei uns zu wohnen. Wir sammelten seine wenige Habe zusammen und fuhren nach Hause. Es war für meine Familie eine wichtige Entscheidung - nicht weil wir keinen Platz gehabt hätten, sondern weil es erst ungewohnt war, einen fremden Mann im Haus zu haben, auch wenn er harmlos war. Sein Zustand war mitleiderregend. Er konnte sich nur mit seiner Gehhilfe vorwärtsbewegen. Sein Zimmer lag im Keller, und es fiel ihm sehr schwer, mehrmals am Tag die Treppe hinauf- und hinunterzusteigen. Meine Familie akzeptierte Deuce schnell. Gutes Essen, Ruhe, Gesellschaft und Liebe halfen ihm, sich zu erholen. Die Kinder hatten ihn gern, weil er so lieb und verständnisvoll war. Aber die Auswirkungen des jahrelangen Alkoholismus waren nur schwer zu überwinden. Die Körperbehinderung und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit erschwerten die Wiederherstellung und machten die völlige Genesung unmöglich. Im ersten Monat begnügte er sich damit, sich bloß zu erholen. Manchmal versuchte er, den Kindern bei ihren Arbeiten und Verna im Haushalt zu helfen, aber er war zu zittrig. Deuce verlangte oft nach Alkohol, aber Verna und ich blieben hart, und es war ihm unmöglich, sich selbst welchen zu beschaffen. Häufig brach ihm der kalte Schweiß aus, und er zitterte am ganzen Körper. Aber da er keinen Alkohol mehr bekam, hatte er sich bald doch in der Hand. Als es ihm besser ging, wurde er unruhig, und er beschloß, sich wieder seinem früheren Talent zu widmen. Ich baute ihm eine stabile Staffelei, die nicht nur die Leinwand hielt, sondern Deuce auch als Stütze diente, da er immer noch ziemlich unsicher auf den Beinen war. Er hatte schon seit Jahren nicht mehr gemalt, und seine ersten Versuche enttäuschten ihn sehr. Aber irgendwann gelang es ihm, für Verna eine Meeresszene zu malen, mit der er ihr seine Dankbarkeit bekundete. Viele Bilder folgten, und ich half ihm, ein paar zu verkaufen. Sein früheres Talent kehrte allerdings nicht mehr vollständig zurück. Bald gehörte er wirklich zur Familie. Er war zwar nie religiös gewesen, aber er fing an, mit uns zur Kirche zu gehen. Verna und ich hatten uns erst nach unserer Heirat der Kirche angeschlossen, und Deuce war von den Veränderungen, die er an mir bemerkte, sehr angetan. Er kam mit den Missionaren zusammen und ließ sich taufen. Die Lehren der Kirche begeisterten ihn, vor allem die Vorstellung von der Auferstehung mit einem gesunden Körper und die Verheißung, er könne einmal wieder mit seiner Familie zusammensein. Er war zwar begeistert von seinem neuen Glauben und genoß die neuen Erfahrungen, die er machte, aber er befürchtete doch immer, uns zur Last zu fallen. Allerdings wußte er, daß er aufgrund seiner Behinderung niemals wieder völlig selbständig sein konnte. Etwa um diese Zeit fand ein zweites wundersames Wiedersehen statt. Auf einer meiner monatlichen Geschäftsreisen nach Portland, rund vierhundert Kilometer von unserem Wohnort Seattle entfernt, übernachtete ich in einem Hotel, wo ich noch nie gewesen war. Zu meinem Erstaunen war der Hotelangestellte, der mir mit dem Gepäck behilflich war, der langvermißte, totgeglaubte Zwillingsbruder von Deuce. Ace war überglücklich, einen alten Freund zu sehen und zu erfahren, wo sich sein Zwillingsbruder aufhielt. Das Wiedersehen war schnell arrangiert, und Ace, der geschieden war und allein lebte, war froh, Deuce bei sich aufnehmen zu können. Meine Familie hielt immer engen Kontakt zu „Onkel Deuce”, bis er starb - zu jung - aufgrund seiner Schwäche und des jahrelangen Alkoholismus. Aber er hatte das Evangelium gefunden und gute, ewige Freundschaften geschlossen. Richard W. Kartak, Oktober 1990 Richard W. Kartak, ehemals Bischof der Gemeinde Seattle 16 im Pfahl Seattle Washington Shoreline, ist am 5. August 1988 gestorben 20:19 - 2.11.2008 - Kommentieren
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