Redakteur: Heute beleuchten wir den Film “Der Mann, der niemals lebte“ von Ridley Scott. Als erstes möchten wir natürlich wissen: Worum geht es denn in dem Film “Der Mann, der niemals lebte“ überhaupt?
Filmkritiker: Es geht darum, dass eine unbekannte Terrororganisation eine Reihe von Bombenanschlägen in Europa verübt. Daraufhin setzt der amerikanische Geheimdienst seinen besten Undercover-Agenten Roger Ferris, gespielt von Leonardo DiCaprio, darauf an, den Urheber der Attentate ausfindig zu machen. Unterstützt wird dieser hierbei von seinem CIA-Verbindungsoffizier Ed Hoffmann, gespielt von Russell Crowe, der ihm von zu Hause vom Telefon aus seine Befehle erteilt. Ferris findet dann auch relativ schnell heraus, dass der Anführer der Terroristen Ali Saleem ist und vermutet, dass sich dieser zur Zeit in Jordanien aufhält. Da es ihm allerdings nicht gelingt die Organisation zu infiltrieren, verbindet er sich unter falscher Identität mit dem Leiter des jordanischen Geheimdienstes, gespielt von Mark Strong, und zusammen versuchen sie nun unter Vortäuschen einer Konkurrenzorganisation den Terroristen zu verunsichern und aus der Deckung zu locken. Allerdings sitzt Ferris schon bald zwischen allen Stühlen und weiß nicht mehr, wem er noch vertrauen kann.
Redakteur: Geh ich richtig von der Annahme aus, dass der Film eine Hollywood-Produktion ist?
Kritiker: Ja, es ist einer, und zwar unter der Regie von Ridley Scott.
Redakteur: Zu einem typischen Hollywood-Film gehört für mich als Kinozuschauer natürlich immer auch eine Liebesgeschichte. Existiert die auch?
Kritiker: Ja, es gibt eine Liebesgeschichte. Die Operation, die Ferris führt, verkompliziert sich dadurch, dass er sich in die Krankenschwester Aischa, eine Araberin, verliebt und diese dann von den Terroristen entführt wird.
Redakteur: Ob sie dann gerettet werden kann oder nicht, wollten wir hier mal noch nicht verraten. Das sollen die Zuschauer dann selbst im Kino herausfinden dürfen. Für mich als Mann natürlich relativ wichtig, wie sieht es denn mit der Action aus? Lohnt es sich da?
Kritiker: Ja, der Film ist gerade in den ersten Minuten sehr actionreich. Nach einer Weile nimmt dann Ridley Scott das Tempo ein bisschen raus, um sich mehr auf die Handlung zu konzentrieren. Aber alles in allem, denke ich, wird die Action gut bedient.
Redakteur: Wenn Sie Action sagen, dann erinnere ich mich bei Leonardo DiCaprio ja zuerst eher an so Filme wie u.a. “Titanic“ oder “The Beach“. Wandelt er sich denn jetzt langsam eher vom Frauenschwarm zum Actionhelden?
Kritiker: Ich denke, dass er diese Wandlung schon vor Jahren vollzogen hat, mit Filmen wie “Gangs of New York“, “Departed“ oder jetzt auch aktuell mit “Blood Diamond“, der ja in letzter Zeit hoch gelobt wurde. Aus diesem Grund denke ich, dass man von diesem Frauenschwarm-Image nicht mehr wirklich sprechen kann.
Redakteur: Wie schlägt sich denn der zweite Hauptdarsteller Russell Crowe?
Kritiker: Russell Crowe schlägt sich wie immer blendend. Das Problem ist, dass er mit seiner Rolle diesmal natürlich relativ beschränkt ist, dadurch dass er fast die ganze Zeit über nur am Telefon zu sehen ist. Aber da die Dialoge sehr auf den Punkt gebracht sind und die Mimik von Russell Crowe wie immer sitzt, ist seine Leistung, trotz dem er etwas zurückgenommen wird, ziemlich gut.
Redakteur: Gibt es in dem Film auch einen Schauspieler-Geheimtipp? Also jemanden, bei dem man sagt, den sollte man im Auge behalten?
Kritiker: Ich denke, dass vielleicht Mark Strong, der den Leiter des jordanischen Geheimdienstes spielt, ein Geheimtipp ist. Er hat einige Szenen, in denen er den restlichen Darstellern durchaus die Show stielt.
Redakteur: Wie dicht liegt der Film denn an der Realität?
Kritiker: Die Story ist natürlich fiktiv. Dennoch ist der Film relativ nahe am Alltag eines CIA-Undercover-Agenten dran. Auch wenn alles natürlich stark gerafft und ziemlich überspitzt dargestellt wird. Trotzdem spielt das Ganze vor einem realistischen Hintergrund, da ja auch einige Jahre nach den Anschlägen vom 11. September die Terror-Frage immer noch hochaktuell ist.
Redakteur: Äußert denn der Regisseur Ridley Scott Kritik an den USA oder generell auch dem Kampf gegen den Terror?
Kritiker: Man kann auf jeden Fall sagen, dass zumindest nicht die Mähr vom edlen Amerikaner erzählt wird. Es bleibt schon alles relativ wirklichkeitsgetreu und ist nicht so, dass nur die Amerikaner die Helden und alle Anderen die Bösen sind. Sondern es wird schon relativ neutral darauf eingegangen, was da tagtäglich so stattfindet.
Redakteur: Wird denn auch das Thema Folter thematisiert?
Kritiker: Ja, Folter wird im Film auch gezeigt. Und einige Szenen sind auch durchaus nichts für zarte Gemüter. D.h. es wird in der Hinsicht nichts ausgespart.
Redakteur: Ist der Film also eher ein Unterhaltungsfilm oder mehr ein kritischer Gesellschaftsfilm?
Kritiker: Ich denke, dass der Film auf jeden Fall sehr gut unterhalten kann und dafür sicherlich hauptsächlich auch ausgelegt ist, aber es wird schon auch einige Kritik mit eingewebt. Deshalb würde ich ihn nicht als reinen Unterhaltungsfilm, sondern schon als Unterhaltungsfilm mit kritischen Untertönen werten.
Redakteur: Wie ist denn der Film so generell in Amerika angelaufen?
Kritiker: Der Film ist in den USA leider relativ schlecht angelaufen. Bis zum 12. November wurden nur ca. 13,1 Mio. US-Dollar eingespielt, was natürlich für Amerika so gut wie nichts ist. Das ist allerdings bedauerlicherweise immer so die Problematik mit Polit-Filmen, das sie in den USA nicht so wirklich gut ankommen. Was bei diesem besonders schade ist, da er spitze besetzt und auch sonst sehr gut ist.
Redakteur: Wie würden Sie den Film denn abschließend bewerten? Wir vergeben ja zwischen einer Filmrolle für sehr schlecht und zehn Filmrollen für sehr gut. Wo würden Sie ihn einordnen?
Kritiker: Ich denke, ich würde ihn so bei sieben einordnen. Er hat durchaus noch Potential nach oben, ist aber dennoch auf jeden Fall sehr viel besser, als er in Amerika angekommen ist.
Redakteur: Wir halten also sieben Filmrollen für “Der Mann, der niemals lebte“ von Ridley Scott fest. Der Film wird ab Donnerstag, den 20.11. auch bei uns im Kino zu sehen sein.
Redakteur: Jakob Rüger; Filmkritiker: Sandra Wolfgramm; Tag der Aufzeichnung und
Ausstrahlung: 19.11.2008; Alle Rechte liegen bei radio 98eins.