31.01.2009
Reportage - The Longest Way – Von Beijing nach....?

Christoph Rehage meint, der Vater sei nicht gerade begeistert gewesen. Der Großvater auch nicht. Angst hatten sie um ihren Jungen, der laufen will, weit laufen will. Zwei Jahre, hat der Rucksacktourist ausgerechnet, wird er wohl unterwegs sein. Der siebenundzwanzigjährige Sinologe tritt, nach zwei Jahren Studium an der Pekinger Filmakademie, im September des Jahres 2007 die Heimreise an: Ziel seines Trips ist das etwa fünfzehntausend Kilometer entfernte Bad Nenndorf, dreißig Kilometer südwestlich von Hannover. Er hat sich viel vorgenommen. Den Osten Chinas kennt er schon. Nun will er den Westen erobern. Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Armenien, die Türkei – alles Stationen seiner Reise, die der Sohn einer Rumänin? und eines Deutschen passieren möchte. So will er Abschied nehmen von China. Dem Land, das zwei Jahre seine Heimat war. Einsam und frei will er atemberaubenden Sonnenuntergängen? entgegengehen, will mit den Menschen sprechen, ihre Kultur, die Lebensphilosophie in sich aufnehmen. Staunend wird er durch erhabene Landschaften ziehen, Gastfreundschaft selbst in den abgelegensten und ärmlichsten Gegenden erfahren. Er wird den Herzschlag eines jeden Landes spüren.

Nur scheinbar reist er allein. Auf thelongestway.com, Rehages Homepage, berichtet dieser fast täglich über seine Erlebnisse. Die hübsch gestaltete Startseite zeigt die Wanderroute, die über zwei Kontinente verläuft. Online-Karten helfen dabei, seine Route nachvollziehen zu können. Neben den Links „My Plan“ und „About Me“ findet der Besucher des Blogs einen Kalender, mit dessen Hilfe die Eintragungen des Abenteurers auf den Tag genau nachvollzogen werden können. Er schreibt auf Englisch, denn jeder soll verstehen können, wie es ihm ergeht auf seinen Reisen. Mit eindrucksvollen Fotos dokumentiert Rehage seine Wanderung. Man sieht, der Mann weiß mit der Kamera umzugehen.

Doch bereits am Beginn seiner Reise sieht sich der Sinologe mit Problemen konfrontiert. Die Straße, die ihn aus der Hauptstadt Chinas führt, ist stark befahren, feiner Staub verhüllt die Fahrzeuge, die Menschen, legt sich auf den Asphalt. „ I can only imagine how much exhaust I must have inhaled today, and my head is still dizzy from all those wheels spinning and all those faces turning…“ Auch das lange Laufen macht Christoph Rehage zu schaffen. Durchschnittlich dreizehn Stunden am Tag. Er hat bald schlimme Blasen an den Füßen, die jeden Schritt zur Qual machen. Einmal pro Woche gönnt er sich ein luxuriöses Hotel mit Bad, Bett, Frühstücksbuffet und Internetanschluss. Da pflegt er dann die Füße, ergänzt seine Seite um weitere Berichte aus dem Reich der Mitte und liest die Comments, die entweder Bewunderer, Familienangehörige oder Freunde hinterlassen haben. Multi-Kulti im Internet: englische, chinesische und deutsche Kommentare halten sich die Waage. Lob à la „I think you are very brave.
Hope I can do the same thing!“ ist ebenso vertreten wie eine Augenzwinker-Kritik zur Ablichtung unappetitlicher, eitriger Blasen.

Schnell kristallisiert sich heraus, dass Rehage sich zuviel vorgenommen hat. Er kann den Zeitplan nicht einhalten. In Nordchina durchquert er eine Wüste, die ihm viel abverlangt. Tagelang bekommt er nichts Richtiges zu essen. Schlafen muss er im Zelt. Hotels gibt es nicht mehr. Selten begegnet er noch Menschen. Hinzu kommen Selbstzweifel. Nach viertausend Kilometern und etwa einem Jahr beendet Rehage seine Reise. Er schließt allerdings eine Rückkehr und einen erneuten Versuch nicht aus.

Viele Menschen haben den mutigen Abenteurer auf seiner Reise durch das viertgrößte Land der Welt begleitet. Christoph Rehagen vermittelte ein authentisches, reizvolles Bild von China. „The contrast of the society is the most fascinating thing when I think about China.“ resümiert der Wanderer. Und tatsächlich: die Fotos zeigen ein China, das gegensätzlicher nicht sein kann. Eine teure Limousine, die im Schlamm vor einem halb zerfallenem, verwahrlosten Wohnhaus parkt. Paradiesische Traumstrände? und azurblaues Wasser bilden den Kontrast zu graubraunen Wasserlachen, in denen halbzersetzte Benzinkanister schwimmen. Reiche Menschen, die in prächtigen Villen residieren und arme Wanderarbeiter, die in dreckigen Fabriken schuften müssen. In Rehages Blog begegnet man alten, faltigen Männern genauso oft wie jungen, aufgeweckten Kindern. Rehage gelingt das, was wenige Reisende vollbringen: er hat den Geist des Landes eingefangen. In „The longest way“ teilt er seine Faszination für China mit den Menschen.

Wenn dieser Artikel dein Interesse an Rehages China-Reise geweckt haben sollte, dann schau doch einfach mal rein: www.thelongestway.com

Julia Siebrecht

Geschrieben von blogschokolade um 17:13 | in:
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