Zur Handlung
Coraline Jones ist ein aufgewecktes, intelligentes Mädchen, das mit seinen Eltern in ein neues Haus gezogen ist. Doch anstatt sich mit ihr zu beschäftigen oder mit ihr zu spielen, denken die Eltern nur an ihre Arbeit und so bleibt Coraline nichts anderes übrig, als das neue Haus mit seinen wunderlichen Bewohnern und dem verwilderten Garten zu erkunden. Als es schließlich an einem Tag in Strömen regnet und sie nicht nach draußen darf, entdeckt sie im Haus eine Tür, die sie in eine exakte Kopie ihrer eigenen Wohnung führt. Alles ist gleich und was nicht gleich ist, ist besser: Dort gibt es eine
other mother und einen
other father, die zwar Knöpfe anstelle von Augen haben, sich aber rührend um sie kümmern - ganz genau so, wie es ihre richtigen Eltern nicht tun. Doch Coraline traut dem Frieden nicht und spätestens als ihre
other mother darauf besteht, sie bei sich zu behalten und ihre Augen auch durch Knöpfe zu ersetzen, setzt die Kleine alles daran, wieder in ihre eigene Welt zurückzukehren. Das einzige Problem: Die
other mother hat ihre richtigen Eltern entführt und sieht Coraline bereits als ihre eigene Tochter an...
Kingerechte Unterhaltung...?
Coraline ist ein Kinderbuch, rein formal zumindest. Am besten ist das wohl an dem einfachen Schreibstil zu erkennen, der sich durch Wiederholungen und die häufige Verwendung von Parataxen auszeichnet. Und auch Coraline selbst entspricht wohl dem Typus einer aufgeweckten Kinderbuch-Heldin: Jedes Kind möchte so mutig, furchtlos und clever wie sie sein. Dann der Plot: Simpel und scheinbar arg vorhersehbar. Doch jetzt - wie sollte es anders sein - kommt ein dickes
aber:
Coraline ist definitiv
kein Kinderbuch! Immerhin wird die Protagonistin mit Dingen konfrontiert, die einem jeden anderen Kind eine Heidenangst bescheren würden. Zwielichtige Ratten, Geister, Monster in stinkigen Kellern, ein erbarmungsloser Dämon und zuletzt natürlich der Verlust der Eltern. Ich für meinen Teil hätte mich als Kind davor gefürchtet und selbst jetzt lief es mir bei der Lektüre einige Male eiskalt den Rücken herunter. Der Autor Neil Gaiman versteht es wirklich großartig, mittels einfachster Sprache eine gigantische Wirkung zu erzielen. Besonders in einem Traum gegen Ende des Buches, der als eine Art Zwischenspiel angesehen werden könnte, wird dies noch einmal deutlich, in Form der fast poetischen Naturschilderungen. Ein weiteres Indiz dafür, dass
Coraline kein Kinderbuch ist. Warum es dennoch als eines beworben und verkauft wird, ist mir ein Rätsel.
Die Figuren
Wie bereits erwähnt, wird Coraline als ein lebendiges, neugieriges und selbstsicheres Mädchen beschreiben. Dies geschieht vornehmlich durch indirekte Charakterisation: Das Mädchen kann einfach nicht still sitzen und muss ständig irgendwas erkunden (
to explore). Außerdem behält sie selbst in den haarsträubendsten Situationen die Ruhe und scheint sich von nichts wirklich überraschen zu lassen. Auf den Punkt gebracht: Sie ist einfach extrem sympathisch und wächst dem Leser ungemein ans Herz.
Das passende Gegenstück wäre dann ihre
other mother, die wunderbar zwielichtig, verschlagen und - ganz einfach ausgedrückt - böse daherkommt. Unter Umständen wäre ein tieferer Einblick in ihre Vergangenheit und ihre Beweggründe nicht verkehrt gewesen, aber womöglich hätte das dem Mysterium, das sie umgibt, eher geschadet.
Die restlichen Figuren sind größtenteils mehr oder weniger zurückgestellt, alle haben sie jedoch einen markanten Wiedererkennungswert - seien es nun die weise agierende Katze, der schrullige
crazy old man upstairs mit seinem Mäuseorchester oder Miss Forcible und Miss Spink, die ihre besten Zeiten als Theaterschauspielerinnen bereits hinter sich haben. Gaiman legt großen Wert auf seine Charaktere und das kommt dem Leseerlebnis ohne Zweifel zu gute.
Englisch = besser?
Leider habe ich keinen Vergleich zur deutschen Übersetzung des Buches. Möglicherweise ist die ja kindgerechter geschrieben (wobei das wiederum das Original verfälschen würde...). Wie auch immer, ich würde die englische Originalfassung empfehlen, auch jenen, die die Sprache nicht perfekt verstehen, so wie ich zum Beispiel. Viele Wendungen bleiben unklar oder müssen wahlweise nachgeschlagen werden, insgesamt kann man der Handlung aber fast immer ohne Probleme folgen.
Ein Buch, ein Film, ein Videospiel!
Wie es der Zufall will, steht bereits die passende Verfilmung des Stoffes in den Startlöchern (so ein Zufall ist das vielleicht gar nicht, denn erst durch den
Trailer wurde ich auf das Buch aufmerksam...). Und die könnte zumindest von meinem persönlichen Standpunkt gesehen richtig gut werden, immerhin übernimmt Henry Selick die Regie und immerhin hat er mit
The Nightmare before Christmas bereits sein Talent fürs Inszenieren skurriler Stoffe in Kombination mit Stop Motion-Technik gezeigt. Und Stop Motion wird auch beim
Coraline-Film eingesetzt, was doch recht gut passt.
Bereits angekündigt ist übrigens auch das passende Videospiel zum Film zum Buch. Das riecht ja schon mal sehr nach Ausschlachte und Geldgier, aber vielleicht wird das ja auch was...
Fazit
Coraline ist ein fesselndes, spannendes und nicht zuletzt schauriges Buch, ein wenig wie ein modernes Märchen. Für kleinere Kinder ist es aber nur bedingt geeignet; Jugendliche und Erwachsene, die an gruseligen Geschichten mit liebenswerten Helden Gefallen finden, dürfen hingegen bedenkenlos zugreifen.
Der Rezension lag die englischsprachige Originalausgabe des Buches von Harper Trophy zugrunde.