Die Wahrheit übers Lügen

Geschrieben von Nosferatu am 4.11.2008 um 17:01 in Musik. 0 Kommentare. Link.
Und wieder hat er es geschafft: Nach dem Solo-Debüt Endlich Urlaub! (2001) und dem düsteren Am Ende der Sonne (2005) meldet sich Farin Urlaub, das blonde Drittel der besten Band der Welt mit Die Wahrheit übers Lügen zurück. Doch diesmal war der gute Herr nicht allein im Studio, sondern hat sein 11-köpfiges Racing Team um sich gescharrt, das Farin sonst "nur" live unterstützte - nun ist man jedoch zu einer Band zusammengewachsen: Das Farin Urlaub Racing Team!


Bevor ich mich nun jedem Song einzeln widme, möchte ich einen kleinen allgemeinen Eindruck verschaffen.
Kümmerte sich der Herr Urlaub bei den vorigen Alben noch um jedes Instrument selbst, hatte er bei DWÜL professionelle Musiker hinter sich zu stehen. Und das merkt man deutlich: Wesentlich komplexer präsentieren sich die Drumparts und Bassspuren und generell klingt alles voller, durchdachter und nicht zuletzt auch härter. Trotzdem bleibt sich Farin seinem Stil treu und überrascht auf dem kleinen Album sogar mit gänzlich neuen Klängen. Kleines Album? Genau, denn wie schon beim letzten Werk der Ärzte, Jazz ist anders, gibt's neben der regulären Platte eine halb so große mit vier weiteren Songs dazu. Mehr dazu aber später. Jetzt geht's erstmal ins Detail, denn ich werde auf jeden Song mehr oder weniger ausführlich eingehen!

Großes Album:
Nichimgriff: Die erste Singleauskopplung und zugleich eine knallharte Nummer! Röhrende Gitarren, ein krachendes Schlagzeug und zuletzt auch noch ein lieblicher Frauenchor - was will man mehr?! Einziger Kritikpunkt von meiner Seite ist der etwas unkreative Text. Hier hat sich der Meister nicht gerade selbst übertroffen, aber wirklich schlecht ist er auch nicht... Letztendlich ist aber die Instrumentalisierung vordergründiger und die geht nun mal richtig ab!
Unscharf knüpft mit seinem Thema, Nichtbeachtung, mehr oder weniger an den Song Unsichtbar vom letzten Album an - präsentiert sich aber eindeutig rockiger und ganz einfach besser.
Gobi Todic ist das große Mysterium des Albums. Hier wird ein russischer (?) Revoluzzer besungen, den anscheinend nur Farin kennt und den es angeblich auch wirklich gegeben haben soll. Nun, das einzige, was Google dazu ausspuckt, ist eine wahrscheinlich von den Machern des Albums erstellte Seite auf Russisch und zig Seiten auf denen über diesen ominösen Unbekannten gerätselt wird. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um einen fröhlich rockigen Song, der aber - vom Text mal abgesehen - nicht aus den anderen Nummern des Albums heraussticht.
Seltsam ist für mich bisher die schwächste Nummer der CD. Rockig - ja, aber leider irgendwie auch 08/15. Spröde und monoton kommt das Gesamtbild rüber, einzig das schrille Gitarrensolo in der Mitte macht richtig Laune! Textlich geht es um das Tragen von Pelzen, also ein durchaus brisantes und wichtiges Thema.
Kommen wir zu Krieg. Musikalisch fährt man hier anspruchsvolleren Pop-Rock auf und mindestens einmal fühlte ich mich an Besserwisserboy von den Ärzten erinnert. Großer Trumpf ist der Text - Farin-typisch überspitzt und stellenweise richtig witzig kommt der daher: Ich bin nur ein Mann, aber auch ich hab Gefühle. Ich gebe gern zu, es sind nicht so viele. Wenn ich durchzählen müsste: es sind ungefähr drei, aber Wut und Hass sind dabei! - Genial!
Pakistan liegt in der Mitte der Tracklist und könnte durchaus als kleiner Höhepunkt angesehen werden, verzichtet man hier doch auf kantigen Rock und konzentriert sich auf einen wunderschönen, hallenden Klang, der die Thematik, nämlich das Zögern vor einem lange angekündigten Abschied, perfekt ergänzt.
Niemals ist eine röhrende Ballade, die mich vom Stil her an einige Songs von Am Ende der Sonne erinnerte - also durchaus von der düstereren und pessimistischen Sorte. Zum Ende geht das Racing Team noch einmal richtig in die Vollen und steigert die eingängige Melodie zu einem wüsten Finale - ein gelungener Song! Es geht übrigens um Herzschmerz; schnulzig ist das Stück aber zu keiner Zeit.
Skurriler, makaber und schwarzhumorig präsentiert sich Die Leiche. Um genau die geht es nämlich und die Spannung spitzt sich innerhalb der knapp vier Minuten immer mehr zu. Hier liegt der Fokus also eindeutig auf dem Text, weswegen Farins zum Teil unheimlich klingende Stimme fast ausschließlich von einer dezenten Gitarre untermalt wird. Solche Songs machen ein Farin Urlaub-Album aus!
Monster kommt mit einem röhrenden Klangteppich daher, passend zum besungenen meterhohen Monster aus Rock. Eine eher langsame Nummer, die aber richtig Spaß macht!
Romantisch wird's bei Atem. Ich kenne keinen deutschen Musiker, der so ehrliche und zugleich schmalzlose Liebeslieder schreiben kann wie Farin Urlaub - hier stellt er dieses Talent ein weiteres Mal unter Beweis. Zunächst ruhig und schließlich in einem gigantischen Gitarrensolo mündend präsentiert sich die Melodie. Bei diesem Lied wurde wirklich nichts falsch gemacht - ganz große Klasse!
Und das krachende Finale: Karten. Der Anfang ist dermaßen rockig, dass ich am liebsten aufspringen und headbangen würde (wobei das Zuhause eher komisch wirken würde ;) ). Dazu noch ein interessanter Text, der unter anderem von Paranoia handelt, und fertig ist DAS Highlight des Albums! Am Ende geht der Song schließlich in eine wüste Ekstase aus Trompeten, Gitarrenklängen und einem mehr als dynamischen Schlagzeugpart über - so muss moderne Rockmusik klingen!

Vielleicht hat es der eine oder andere schon durchgelesen: Ich bin mehr als begeistert von DWÜL! Bevor ich zu meinem Fazit komme, möchte ich aber noch auf das kleine Album eingehen. Für diese "halbe" CD entschied man sich, weil bei der letzten Platte die härteren Nummern durch die Ska-Einlagen mehr oder weniger unterbrochen wurden. Das empfand ich persönlich zwar nicht so - im Gegenteil, es sorgte für eine gewisse Abwechslung - aber da kann mich drüber streiten. Tatsächlich befinden sich auf dem kleinen Album vier Ska- und Reggae-Nummern, die einfach nur gute Laune verbreiten.

Kleines Album:
I.F.D.G., so der Titel des ersten Songs, bedeutet ausgeschrieben Ich find das gut - und genau das ist meine Meinung! Locker-leicht liefern sich Farin und seine Background-Sängerinnen eine musikalischen Schlagabtausch - klasse!
Einen reinrassigen Reggae-Song bekommt der eifrige Hörer mit Zu heiß vorgesetzt. Man kann die Hitze richtig spüren, so überzeugend kommt das Ganze rüber.
Mit Insel begibt sich der Herr Urlaub auf ein musikalisches Terrain, auf dem ich selbst bisher nur Bands wie Seeed oder Culcha Candela wandeln sah. So dynamisch, so treibend ist der Rhythmus - auf Wiedersehen, schlechte Laune!
Und nun zum wirklich letzten Song: Trotzdem. Eine coole Ska-Nummer ist das, wirklich überzeugen konnte sie mich aber noch nicht. Sie wirkt einfach zu unscheinbar im Schatten der drei anderen Kracher.

Fazit: Nun hab ich doch glatt einen kleinen Roman geschrieben; im Grunde hätte ich das aber auch alles in einen Satz packen können: Die Wahrheit übers Lügen ist fantastisch! Derartig reife und anspruchsvolle Songs gab's vom Farin bisher noch nie, weder auf einem Ärzte-, noch auf einem Solo-Album. Allen Fans von "richtiger" deutscher Rockmusik kann ich diese CD nur ans Herz legen, alle anderen können zumindest mal reinhören und sich begeistern lassen!


Der Rezension lag die CD-Version des Albums von Volker hört die Tonträger zugrunde.


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