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dreiunddreissig16.02.2010

Dreiunddreißig

Breitner sprach kein Wort. Sah so aus, als würde er nachdenken. Aber was weiß man schon...mag sein, das war seine Art, konzentriert zu wirken.

So schweigsam?“ fragte ich, eigentlich nur so, ich erwartete keine Antwort.

Warum haben die diesen Amateur auf dich gehetzt? Der war doch zu blöd zum Erdapfel schälen.“

Wegen dem Eindruck?“

Das ergibt doch keinen Sinn,“ brummelte Breitner und schnitt einen Radfahrer den Weg ab. Die Drahtwanze schrie laut auf, das schien aber Breitner nicht weiter beim seinem intensiven Denk zu stören. „Die wissen doch, dass du einen Scheissdreck weißt. Die wissen doch, dass du seit Tagen nur dem Gatsch einen Bracholder verpasst und sonst von einer Ohnmacht in die nächste fällst.“

Daran brauchst du mich zu erinnern.“

Nein brauch ich nicht,“ sagte er leise und fast ein wenig mitleidig.

Wo geht’s eigentlich hin?“ fragte ich und legte mir den Sicherheitsgurt an. Der Fahrstil des Kiberers war mir zunehmend nicht ganz geheuer.

Ängstlich?“

Ein wenig. In letzter Zeit neige ich zu einer erhöhten Gefahr, mir die Birne anzuschlagen. Außerdem ist das gesetzlich vorgeschrieben. Wegen solchen Sachen kann man ein Strafmandat ausfassen.“

Breitner kicherte. „Das Gesetz bin ich, Burli. Wegen mir steht die Sonne still, wenn ich es will.“

Schade. Beinahe wäre er mir ein wenig ans Herz gewachsen. Aber Breitner bleibt Breitner. So ist die Welt.

Wie war deine Frage?“

Wo fahren wir hin, hab ich gefragt.“

Zu mir. Ich werde dir...“

...meine Briefmarkensammlung zeigen?“

Gott bewahre. Aber mit einer Sammlung hat es etwas zu tun. Und mit einer Art Hobby auch. Wirst schon sehen...“

Breitner ächzte plötzlich auf, brachte seinen dicken Hintern in eine bequemere Lage und schlug auf das Lenkrad des Polo.

Diese Schleicherei hält doch kein Schwein aus,“ stöhnte er und stellte sein Blaulicht aufs Dach. Noch ein Schalter und die Sirene ging ab. Dann auf die nicht wirklich vorhandene dritte Spur und voll aufs Gas. Es drückte mich in den Sitz und ich dankte meinem Schutzengel für die grandiose Idee mit dem Sicherheitsgurt.

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zweiunddreissig22.01.2010

Zweiunddreißig

Breitner starrte mich an wie einen Sonntagsbraten.

Warum? Warum seid ihr sofort aufgetaucht?“ fragte ich.

Wie bekamen die Meldung rein, dass sich zwei fette Deppen im Rinnsal herum balgen. Bin schließlich Detektiv. Habe sofort begriffen, dass einer von den Trotteln du bist. Lag ja nicht wirklich schlecht, oder?“

Ich murmelte was ich mir dachte. War nicht besonders schmeichelhaft. Für niemanden.

Ich hab nicht verstanden. War da was?“ Breitner lächelte sein breitestes Lächeln.

Nein.“

Dann ist es ja gut. Wer war der Typ...und vor allem...wer hat ihn abgeschossen wie ein seniles Wildschwein?“

Möchte ich auch gern wissen. Der Kerl war komisch. Zuerst hat er den wilden Max gemimt, dann begann er zu schlottern, hat sich ganz leicht das Schießeisen abnehmen lassen, fiel dann in sich zusammen. Ich wollte eigentlich nur mit ihm reden, wollte ein wenig in ruhigere Gegenden fahren und mich mit ihm ordentlich aussprechen. Aber bevor ich ihn ins Auto bugsieren konnte, hat ihn jemand kalt abserviert.“

Breitner zündete sich eine von seinen Stinkadores an.

Hat er noch was gesagt?“ fragte er.

Irgendwas über diesen ominösen Schauspieler. Er sagte, Berghofer wäre ein Auserwählter. Und was von einem Zepter der Alten. Unverständliches Zeug.“

So unverständlich ist das gar nicht,“ Breitner versuchte nachzudenken. Das sah ausgesprochen niedlich aus. „Hast du schon einmal was von den Bruckenbrünnlern gehört?“

Ich trinke kein Wasser. Im Wasser ficken Fische...“

Die Bruckenbrünnler sind auch keine Kneippgesellschaft. Es handelt sich bei den Damen und Herren um eine undurchsichtige Geheimgesellschaft.“

Wie die Freimaurer?“ fragte ich naiv.

Exquisiter. Gegen die sind die Maurer ein offenes Buch, Nelson. Man weiß eigentlich nichts über sie. Das wenige, das an die Öffentlichkeit gesickert ist, hört sich aber nicht besonders gut an. Wo es stinkt, hat der obskure Verein sein Hände drin.“

Woher weißt du das?“ fragte ich.

Komm mit, ich zeig dir was.“ Er ließ sein Rauchstäbchen auf den Boden fallen und stieg in den Wagen. „Komm schon, Paul. Wird sicher interessant.“

Von einem Moment auf den anderen war ich wieder recht müde geworden. Ich sehnte mich nach meiner Couch, aber Breitners Einladung war anscheinend bindend. Ich sperrte mein Auto ab, sah im Hintergrund den schwarzen Wagen mit dem toten Dicken in die Pathologie abfahren und stieg zu Breitner in den Polizeiwagen. Keine besonders erfreuliche Situation, alles in allem.

Die Kormorane im Kopf rissen sich gegenseitig schwarze Federn aus der Brust und lachten dabei vollkommen verblödet. Sie wussten schon, warum. Ich wusste nichts.

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einunddreissig22.01.2010

Einunddreissig

Ich nahm dem Mann die Glock aus der Hand. Billiges Modell, verschmutzt, sicher nicht oft benutzt und steckte den kleinen Totmacher in meine Jackentasche.

Der Weihnachtsmann machte ein Gesicht wie waagrechter Regen im Weinviertel. Gleich würde er nieder brechen und heulen wie Wuffi, der Schlosshund.

Ganz langsam, Freund der Verschwörer, fangen wir ganz am Anfang an. Was ist ein Auserwählter und wer hat dich geschickt?“

Da war nichts mehr da von seinem anfänglichen Mut. Der Mann war gebrochen, hatte sich selbst aufgegeben. Die Sache war mir unbehaglich und auch ein wenig peinlich. Ich nahm den Riesenkerl am Arm und zerrte ihn auf die Strasse. Dann lehnte ich ihn an meinen Wagen und suchte den Autoschlüssel.

Ich öffnete die Beifahrertür, wollte mich zu dem Koloss umdrehen und ihn auf den Sitz drücken, aber da war keiner mehr. Ein Schritt nach vor und da lag er. Ein wenig verkrümmt, wie ein Seelöwe im Solarium. Ich beugte mich zu ihm hinunter.

Steh auf, Bester. Es will dir keiner an den Kragen. Wir fahren ein wenig ins Grüne und dort erzählst du mir die ganze Geschichte. Und ich erzähl dir, was ich weiß und das ergibt dann eine neue Geschichte. Vielleicht können wir damit irgend was anfangen.“

Der Mann brabbelte etwas unverständliches und spuckte ein wenig Blut. Zuerst hatte ich den Eindruck, er hätte sich in die Lippe gebissen, aber dann versuchte ich seinen Kopf zu heben. Hätte ich besser nicht getan, meine Hände waren voll Blut und das ließ nur einen Schluss zu: ein unfreundlicher Zeitgenosse hatte dem Dicken den Hinterkopf weg geschossen.

Irgenwie brabbelte der Gute noch etwas vor sich hin. Aber es kam mir eher so vor, als wäre es noch nicht in seinem Gehirn angekommen, dass er eigentlich mausetot ist. Ich suchte in seinen Taschen nach irgendwas – keine Ahnung nach was – aber ich fand nichts.

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dreissig18.01.2010

Dreissig

Mein Auto stand noch vor der Tür. Überraschung. Nicht tot und noch ein Auto. Mein Schutzengel (meist besoffen und unter dem Tisch) hatte Sonderschichten eingelegt.

Ich wollte meinen Schutzengel gerade über Gebühr loben, als mich ein dicker, ledriger Mann in eine Haustür schob. Mit seinem stinkigen Atem und seiner Glock hatte er jede Menge Argumente auf seiner Seite.

Sind sie Nelson?“ fragte er und schaute dabei drein wie Ludwig vor seiner Hinrichtung.

Wer wills wissen?“

Ich wills wissen. Das muss reichen, Arschloch!“

Na endlich. Wieder eine Sprache, die mir gefällt. Das Wort der Strasse. Ich drehte mich nach halbrechts und lachte ihn an.

Dein Mantel.“

Mein was?“

Hat für deinen beschissenen Ledermantel eine Kuh gereicht?“

Der gute Mann lief rot an. Dicke haben es nicht gern, wenn man ihnen etwas über ihren Leibesumfang erklärt. Ich weiß das, ich bin selbst kein Suppenkasper.

Bist du Nelson?“ fragte er nochmals. Er versuchte dabei, ganz böse dreinzuschauen.

Ich nickte.

Wo ist Berghofer?“

Die Schwuchtel ist abgehauen und keiner weiß wohin.“

Berghofer ist keine Schwuchtel. Berghofer ist ein Auserwählter!“

Super. Ich hab nicht mehr geglaubt, dass mich bei dem Scheißfall irgendwas überraschen könnte, aber jetzt war ich baff. Was war Berghofer? Ein Auserwählter?“

Was ist ein Auserwählter?“ fragte ich den Dicken.

Er ist die Zukunft. Und er hat das Zepter der Alten!“

 

 

 

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neunundzwanzig18.01.2010

Neunundzwanzig

Da war der Kalender und da war meine Uhr. Und wenn nicht alles aus dem Ruder gelaufen war, hatte ich rund 39 Stunden lang geschlafen.

Die Tür war nicht zu gesperrt, aber ich war noch am Leben. Also: keine Mörder die letzten Stunden. Am Eiskasten ein Zettel, mit Magneten festgemacht: „Bin im Jop, Sepp“. Irgendwie fiel mir ein, dass er meinen Kaffeeautomaten in die Luft gesprengt hatte, aber so richtig war die Wahrnehmung nicht vorhanden. Egal. Ich war froh noch zu Leben, oder auch nicht, ich stand auf und kam mir – wie immer – vor, wie auf einem Nebenschauplatz. Ich bin immer auf Nebenschauplätzen.

Das Handy neben mir mit etlichen Nachrichten. Ich nahm die Batterie heraus und wedelte damit ein wenig herum. Vollkommen blöd. Jetzt nichts wissen, jetzt nichts tun, nur atmen und denken, was nicht einmal mich interessiert.

Und dann wieder die Idee vom Nebenschauplatz. Irgendwie war es mein Job, den anderen den Arsch auswischen, aber kein Mensch kann das machen, wenn er das Arschloch nicht findet. Also was war es, was war es, bevor ich das Dornröschen abgab?

Schob den Akku wieder ins Telefon und sofort klingelte es.

Wir haben sie nicht vergessen.“

Hab ich befürchtet...“

Sie haben lange genug geschlafen. Wachen sie auf und suchen sie unseren Freund.“

Was wollen sie eigentlich von diesem Schmierenkomödianten?“

Geht sie nichts an.“

Der Mann ist nicht zu finden. Wahrscheinlich ist er im Ausland. Auf heimischen Bühnen ist er nicht zu finden.“

Geht sie nichts an.“

Das ist doch ein Gespenst. Sie bezahlen mich für Arsch und Friedrich.“

Geht sie nichts an.“

Was soll ich tun, wenn ich ihn wirklich finde? Umblasen? Eine auf den Kürbis? Arschficken oder ins Puff? Kino oder Zirkus?“

Geht sie nichts an.“

Das ist doch...was wollen sie eigentlich von mir?“

Geht sie nichts an.“

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achtundzwanzig 3.12.2009

Achtundzwanzig

Das Würstchen fummelte vor meiner Nase herum. Kurz dachte ich, Breitner will mich hypnotisieren.

Er ist wieder da. Hoffentlich wird das nicht eine blöde Angewohnheit. Jedesmal ein geistiger Wegtritt, wenns eng wird.“

Breitner tätschelte meine Wange, aber es war nichts liebevolles an diesem Tun. Breitner sah aus wie immer – das liess mich schockartig aus meinem Zustand hochfahren.

Sepp kramte in der Küche herum und suchte Kaffee. Dabei schaffte er es spielend, meine Unordnung in seine Unordnung umzuwandeln. Wahrscheinlich würden meine echt italienischen Spinatnudeln in der Brotmaschine landen. Auch egal, dachte ich, meine kleinste Sorge.

Wie geht es Rudi?“ fragte ich Breitner und, ehrlich gesagt, es war mir wurscht.

Er lebt,“ antwortete Breitner. „Ist aber nicht dein Verdienst. Die Ärzte waren schneller.Kein Abgang für den schönen Rudi. Er kann sogar schon plaudern.“

„Und was sagt er so?“ fragte ich.

Er ist gegen das Bett geknallt, war dann ein wenig benommen und hat sich das Nudelholz selber auf den Hinterkopf geklopft. Eine unglaubliche Geschichte, findest du nicht, Nelson?“

Warum sagt er sowas? Das ist doch grenzvertrottelt, oder?“

Rudi war immer ein sonderbarer Typ. Fantasie begabt. Wenn so einem Hirnederl die Pferde durchgehen, ist alles möglich.“

Sepp kicherte vor sich hin. Er hatte den Kaffee endlich gefunden und versuchte, meine Kaffeemaschine in Gang zu bringen.

Außerdem,“ Breitner bohrte in seiner großen Nase, „würde er nie etwas zugeben. Alte Schule. Ganovenehre. Ich halt den Mund, du hältst den Mund, wir sagen nichts und so weiter...“

Ich versuchte mich aufzusetzen, aber die großen schwarzen Vögel wollten es nicht zulassen. Bleib jetzt am Ball, dachte ich und merkte, wie mir schlecht wurde, jetzt am Leben bleiben, zum Kotzen gibt’s nichts mehr, alles schon draußen, alles rausgekotzt, vorbei, aus, Schluss. Nur überleben, die nächsten zehn Minuten, dann wird alles wieder gut.

Er hat gesagt, einige sehr einflussreiche Leute sind stocksauer auf dich.“ Breitner nahm den Finger aus seinem Zinken und begann die Nasenbeute zu studieren. „Du hast diesen angeblichen Schauspieler noch immer nicht gefunden. Das macht diese Leute böse. Sie haben eine Menge Kohle abgelegt und du kümmerst dich nur um Sachen die dich einen flachen Haufen angehen. Stimmt das, Nelson?“

Soviel Kohle wars nun auch nicht.“

Rudi hat gesagt, es wäre ein kleines Vermögen gewesen.“

Der Loser hat natürlich wie immer keine Ahnung. Der ist blöd genug um alles zu glauben. Ich kam mir nicht überzahlt vor.“

Na dann ists ja gut.“ Breitner stand auf und wischte sich den Poppel in die Hose. „Ich soll dir von Rudi ausrichten, dass sie nicht mehr lange warten werden. Sie werden einen neuen schicken, so lange, bis du endlich spurst oder den finalen Abgang machst. Jetzt schlaf erst mal eine Runde. Du schaust nicht gerade fit und munter aus, wenn ich das sagen darf. Wir hören dann später voneinander.“

Ich nickte dankbar. Ein Mützchen Ruhe war ausserirdisch notwendig.

Aus der Küche hörte ich einen spitzen Schrei und erdbebiges Gerumpel. Aus meinem Kaffee würde es in nächster Zeit auch nichts werden. Ich sah Blunzensepp mit wunden, roten Händen in der Tür stehen und jammern wie eine Zeichentrickfigur. Aber vielleicht war ich auch schon weg und perdu und verlustierte mich im sonnigen Träumeland.

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siebenundzwanzig 2.12.2009

Siebenundzwanzig

 

Der Tunnel ist lang und hell erleuchtet. Er ist aus Kristall geschlagen und scheint langsam zu pulsieren. Auf kleinen Vorsprüngen sitzen die Vögel wie von schwarzer Tinte hingemalt und schlagen erregt mit den Flügeln.

Neben mir sitzt der Mann mit den grünen Ohrenschützern und friert.

So,“ sagt der Mann leise, „hab ich mir immer den Tod vorgestellt. Hell und kalt.“

Noch leben wir.“

Ja. Die Biester sind noch ruhig. Aber sie haben uns schon entdeckt. Ich spür das.“

Was machen sie, wenn sie unruhig werden?“

Er versucht zu lachen. Es hörte sich an, wie ein Gluckern unter tiefem Wasser.

Sie werden aufsteigen und sich dann auf den Wagen fallen lassen. Oder sie werden die Fenster zuscheißen. Dann sehen wir nichts mehr und bauen einen Abflug gerade ins Nirwana.“

Ich betrachte ihn von der Seite, aber ich kann nicht erkennen, ob er mir Mist erzählt.

Was können wir tun?“ frage ich ihn.

Wir können gar nichts tun. Du kannst was tun. Nur du.“

Ich?“

Du.“

Und was kann ich tun?“

Du kannst all das abbrechen und dann ist es vorbei. Der Tunnel wird weg sein, die Vögel werden hoch auffliegen und sich dort hin scheren, wo sie hingehören. Es ist ganz einfach. Niemand will den Streit. Die Tiere brauchen dich und du brauchst die Tiere. Sag aus und es ist aus.“

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sechsundzwanzig 3.11.2009

Sechsundzwanzig

Das Pferd schlug seinen rechten Vorderhuf gegen meinen Kopf, dann pieselte es mich an und zu guter letzt musste ich die Pferdepisse bis auf den letzten Tropfen aussüffeln.


„Was ist los mit dir, Nelson?“


Die Stimme kam von weit her, aber sie war mir nicht unbekannt.
Sepp klatschte mir seine Wagenradpratze fast zärtlich auf die Wange, übergoss mich mit kaltem Wasser und gab mir billigen - ich hab nur billigen - Whiskey zu trinken.


Ich öffnete meine Rollläden auf Sperrstunde und traute meinen Augen nicht. Was sollte das bedeuten. Blunzen-Sepp, der verlorene Sohn, war zurückgekehrt. Er versuchte mich wieder ins Leben zu rufen. War denn nichts mehr in dieser Welt so, wie es schien?


„Natürlich nicht,“ sagte der Kormoran im hintersten Winkel meines Gehirns und klatschte seinen Fisch gegen mein Stammhirn, „nichts ist, wie es scheint, Depp.“


„Halts Maul!“


„Warum so grob, Meister?“ fragte Sepp und hörte auf mir die Hand ins Gesicht zu klatschen. „Ich bin hier, um dich zu warnen. Du steckst in ernsten Schwierigkeiten, Paul!“


„Ganz was Neues…“ mümmelte ich zurück.


„Ich hab einen Job bei diesem Golfverein angenommen. Jetzt bin ich dort so eine Art Spion. Das ist doch genial, oder?“


„Genial. Und wieso war dein Scheisshandy nicht in Betrieb?“


„Kann ich nicht. Im Klub ist für das Personal Handyverbot. Und bei den Besprechungen ist auch Handyverbot. Eigentlich ist dauernd Handyverbot. Und daheim war ich in letzter Zeit ziemlich selten. Der neue Job füllt mich voll aus. Musst du schon verstehen, Nelson.“


„Ich glaube dir kein Wort, Blunzensepp. Du lügst wie ein Minister. Das letzte mal warst du blau wie ein Veilchen, dann kullerte ich dein Stiegenhaus runter und jetzt stehst du da und erzählst mir eine Geschichte, bei der selbst James Bond rot anlaufen würde. Wie gesagt, ich glaub dir kein Wort, mein Freund.“


Sepp stand auf und schmollte. Er drückte sogar ein Tränlein aus dem rechten Augenwinkel. „Du tust mir unrecht,“ flüsterte er und mir kam der Verdacht, dass sein Verhalten von der Drachenlady auf dem Reißbrett der unechten Gefühle ausgebrütet wurde.


„Hast du mir Ratten-Rudi ans Krankenbett geschickt?“


„Wie kannst du so etwas nur von mir denken?“


Frag mich nicht, was ich von dir denke, Sepp. Du würdest es nicht hören wollen.“


„Ich habe immer nur zu dir gehalten!“


„Also wie war das mit Rudi?“ fragte ich noch einmal und merkte dabei kaum, wie meine Energiereserven gegen den Gefrierpunkt taumelten. „Seine Mutter wird ihren Nudelwalker vermissen.“


„Seine Mutter ist tot. Und er ist auch nicht mehr so richtig unter den Lebenden. Hast du ihn so hergerichtet, Nelson?“


„Er hat angefangen, Küchenuntensilien durch die Krankenanstalt zu wirbeln. Er war ein unsäglicher Blödian. Ein Killer, der beim finalen Letztschlag die Augen zumacht. Einfach Rudi, einfach blöd.“


„Da bist du schon ein anderes Kaliber.“


Die Stimme kam von der Tür her. Sepp hatte sie offenstehen lassen. Ich bin – und ich sage es ohne jedes Selbstmitleid – eben nur von Idioten umgeben.


In der Tür stand Breitner. Weiß Gott wie lange er schon so dort stand und wie viel er von der Situation mit bekommen hatte.


 Zielstrebig visierte er mich an und kam auf mich zu. Er deutete mit seinem Zeigefinger auf mich und öffnete den Mund. Mir kam es vor, als würde ein außerirdisches Würstchen auf mich zufliegen und mir erklären, dass die Welt nicht mehr lange steht und die Invasion der Frankfurter vorbereitet wird.

 

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fünfundzwanzig 3.11.2009

 

Fünfundzwanzig

 

„Sei nicht so garstig zu deiner Wohltäterin.“

„Wohltäterin. Du spinnst, schwarzer Vogel. Diese Frau hat es auf mich abgesehen und ich weiß nicht einmal warum.“

„Kleinlicher Mensch. Sie hat die Miete bezahlt. Sie hat Recht auf ein wenig Unterhaltung.“

„Aber nicht auf meine Kosten. Da steh ich nicht drauf. Außerdem…“

Ich fuhr hoch und schrie leise auf. War ich wirklich schon so weit? Hab ich vor wenigen Augenblicken mit einem schwarzen Vogel in meinem Kopf gesprochen? Und - ganz wichtig - war es das erste mal gewesen? Oder sind diese schwarzen Dinger schon ein fester Bestandteil meines verpfuschten Lebens?“

„Reg dich wieder ab, Nelson,“ schnarrte der Kormoran und zerlegte auf meiner Brust einen siberglitzernden Fisch, „ich bin bei dir und werde dich nicht mehr verlassen. Denn wir sind bei dir für alle Zeiten…und dein Ableben wird auch unser Ableben sein…“

Es klopfte an der Tür. Heftig. Zu heftig.

„Dann mach dich bereit für einen geglückten Abgang. Dieser Ton kommt mir bekannt vor. So klopft nur jemand, der dir ans Eingemachte will.“

Zu spät. Die Bestie war verschwunden. In meinem Kopf spürte ich, wie eine Tür zugeschlagen wurde und das tat verdammt weh. Höllische Schmerzen und dumpfe Geräusche. Irgendwer trat gegen meine rechte Schläfe. Ich versuchte wieder abzutreten. Die nächste halbe Stunde wollte ich einfach nicht erleben.

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Vierundzwanzig30.09.2009

Vierundzwanzig

„Es gibt keinen Grund auszurasten, großer Bruder“ sagte ich und wedelte mit dem Driver herum. „Ich will nur Mitglied werden in diesem erlauchten Verein…“

„Red keinen Scheiss, Nelson. Dich spucken schon die Tauben vom Dach. Hau ab. Dann ist alles gut. Dann gibt’s keinen Kratzer im Lack.“

Er meinte nicht meinen Wagen. War mir klar. Ich schwenkte den Driver nervös hin und her.

„Das hier ist Privatgrund, Schnüffler…alles was dein blaues Auge erblickt, geht dich einen Scheissdreck an, Sportsfreund. Das ist Privat. Soll ichs buchstabieren?“

„Nein, geht auch so. Verstehe deine Sprache, großer Bruder!“

„Dann ab durch die Mitte!“

„Aber ich will dazugehören. Ich hab sogar eine Golftasche samt Schläger.“

Er kam näher. Und ich stand da wie Tiger Werwasauchimmer und hatte einen schweren Driver in der Hand.

„Das ist Privat!“ röhrte er nochmal und hob seine Hände wie weiland Frankensteins Monster. „Ich will jetzt, dass du dich verdünnisierst, Nelson!“

„Privat gibt’s nicht für mich, Nudelaug. Ich bin Anarchist!“

Er kam auf mich zu und ich schlug ihm den Driver gegen das Schienbein. Keine Wirkung. Dann schlug ich das Teil gegen seine Eier. Ziemliche Wirkung. Er ging in die Knie und starrte mich ungläubig an.

Mein Gott, ist der blöd, dachte ich, und langte ihm noch eine auf den Hinterkopf. Er fiel nach vorn und blutete ein wenig. Das war genug.

Am Horizont sah ich noch, wie Sepp abzischte. Das wars also.
Das Leben – wie immer - gegen mich. Auch gut, alles bekannt, alles nichts wert.

Ich wählte die Nummer meiner Drachenlady. Und ich hörte eine Dudelei nicht weit weg von mir. Wahrscheinlich hatte sie alles gesehen, wahrscheinlich hat es ihr auch Spaß gemacht.

Sie drückte den grünen Knopf.

„Hallo?“

„Schieben sie sich diesen Mistjob wohin sie wollen, Madam. Ich bin weg vom Fenster. Sollten ich sie noch einmal sehen, drehe ich ihnen den Hals um. Das wars. Finanziell gesehen, finde ich, sind wir ungefähr pari. Leben sie wohl und sterben sie grausam, Madam.“

Roter Knopf. Ich war stolz. Setzte mich in mein schickes Wägelchen und trat aufs Gaspedal. Heim und schlafen. Das Leben ist kein Spiel für einen Menschen ohne Karten.

Die Vögel zwitscherten und die zweihunderttausendste Gehirnwindung legte sich freiwillig lahm. Mir war schlecht und schlecht war auch den Göttern die manchmal über mich wachten.

 

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Dreiundzwanzig29.09.2009

Dreiundzwanzig

Meine Golfausrüstung, gerade mal um ein paar Euro in einem Hofermarkt gekauft, landete unsanft auf der Rückbank meines Autos. Ein Peugeot Cabrio, der einzige Luxus, den ich mir leiste, sah mit dem Golfklumpert richtig geil aus. Jetzt nur noch eine billige Blondine und ewig volle Eier. Aber nichts davon war wahr. Mir war schlecht, mein Schwanz war gerade noch zum pieseln brauchbar, ich war im Arsch und versuchte gerade meinen letzten Ausritt.

Vor dem Perlteich parkte ich und holte die Golftasche aus dem Wagen. Zwei Schritte weiter stand ein hochgepuschtes Muskelpaket vor mir und sagte nur ein Wort:

„Das wars. Bleib stehen. Hau ab. Oder lös dich auf.“

Keine der drei Möglichkeiten begeisterte mich. Ich sah mich um und es war ruhig im Gelände. Gut so.

„Und was ist, wenn ich deine Ratschläge ignoriere?“ fragte ich mit einem kindischen Lächeln. Es ist wahr, Kino ist Gift für Abenteurer.
„Dann mach ich dich kalt und schmeiß dich ins Gelände.“

Er sagte es ohne jede Erregung. Wahrscheinlich waren solche Aktionen sein täglich Brot. Ich merkte, wie mir mein Körper etwas anderes sagte als mein Gehirn. Mein Körper wollte zuschlagen und geschlagen werden, aber die ängstlichen Vögel kreischten und flatterten und flehten um Ruhe und Gelassenheit.

Das Testosteronpaket kam breitbeinig auf mich zu. Seine Augen blitzten vor Vergnügen, seine Vorfreude war richtig zu spüren. Er war richtig scharf darauf, mir den Schädel abzureissen.
Ich drehte mich um, lief zu meinem Auto und holte mir den größten Driver aus dem Golfbag. Jetzt kann er kommen, dachte ich, und dann fiel mir nur mehr auf, wie still es in meinem Kopf wurde. Jetzt war ich nur mehr ich. Und mein ich in mir war agressiv und absolut blödsinnig furchtlos.

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zweiundzwanzig14.09.2009

Zweiundzwanzig

„Hast du ihn gefunden?“
 Ich rubbelte mir den Dreck aus den Augen. Vor mir stand der feminine Letztschlag. Sie rauchte eine Zigarette und lächelte mich an.

„Wie bist du reingekommen?“ fragte ich.

„Durch die Tür. Es war nicht abgeschlossen.“

„Scheisse…das auch noch!“, ich drehte mich von ihr weg und starrte die Wand an. Die Wand starrte zurück. Absolut nicht lustig.

„Hast du den Bühnenbärli gefunden?“ fragte sie noch einmal.

„Nein.“

„Was hast du dann gemacht? Liegst du nur blöd herum und wartest auf bessere Zeiten? Du wirst bezahlt, Nelson…und nicht zu knapp. Also hoch mit dem Arsch und auf die Pirsch, das können wir verlangen.“

Langsam war der Wecker abgelaufen. Mir stieg das Blut ins Gesicht, es war mir ganz einfach zu viel. Die Braut war wirklich erste Qualität, aber so blöd darf mir nicht einmal Marilyn herself kommen. Ich stemmte mich hoch und starrte sie nervolabil an.

„Pass mal auf, Lady,“ ratschte ich los und wunderte mich, wie bescheuert meine Stimme klang, „ich bin in den letzten Stunden über eine halbe Treppe gestoßen worden, wurde dann von einem geistig behumsten Berufsverbrecher mit einem Nudelwalker traktiert und bin aus dem Krankenhaus ausgerissen. Das reicht für die paar Netsch die ihr bezahlt, oder soll ich aus dem Leben befördern lassen?“

Die Drachenlady beugte sich zu mir und streichelte meine spärlichen Haare.

„Das war nicht dein Job, Paulchen,“ säuselte sie, „du sollst die Bühnenlaus finden. Das ist dein Job. Und sonst nichts. Treppenfall und Nudelholz sind dein Privatvergnügen, Liebling. Also hoch mit dir und hopp. Sonst kann es geschehen, dass du noch ein wenig Druck von unserer Seite bekommst.“

„Wo ist der Blunzensepp?“ Keine Ahnung, warum ich díe Frage stellte, ich erwartete mir keine Antwort. Elsa Düringer sah mich lange an. Dann stand sie auf und strich ihren Rock glatt. Selbst diese Geste sah schweinegeil aus.

„Er ist Caddie im Golfclub Perlteich. Keine Chance, dass du da reinkommst. Ist nicht deine Preisklasse, Schnüffi. Du kannst vor dem Clubhaus warten, bis er rauskommt, eine andere Möglichkeit gibt es kaum.“

Ich starrte sie an. Kam mir unendlich blöd vor. „Wieso weißt du du das alles?“ fragte ich.

Sie ging zur Tür, öffnete sie und warf mir eine Kusshand zu. „Ich bin die Vizepräsidentin von dem Verein. Ich hab ihn eingestellt.“

Mein Mund stand offen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Die Vögel waren amüsiert.

 

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Einundzwanzig 3.09.2009

Einundzwanzig


Am Anfang war der Traum von den Kormoranen.

Fahren. Eine lange graue Straße. Straße aus Seide. Welt als Seide. Bäume aus Seide. Über mir ein blassblauer Seidenhimmel.

Dann dieses Geschrei. Tausende von Vögeln. Sie segeln nieder auf die seidenbäume. Wenig erst, dann immer mehr. Schwarze Kormorane.

Die Vögel hacken sich ineinander, zerstören sich gegenseitig, ein ewiger Kampf - denke ich - ein Kampf um Leben und Tod. Ich fahre weiter und ignoriere diesen Irrsinn.

In meinem Wagen wird es immer dunkler. Nicht nur der nahende Abend ist es, nein, es sind auch die Vögel. Blut klatscht auf meine Windschutzscheibe. Federn verkleben das Glas, der Scheibenwischer ist machtlos, dann endlich, fast pralle ich dagegen, ein langer weißer Bau. Mitten im Wald ein Haus, seltsam bekannt und doch fremd.

Ich steige aus dem Wagen. Die Vögel - plötzlich innehaltend - beobachten mich und ich gehe zu dem Haus.

Gerettet. Ich stehe in einer großen Halle, die Halle ist spärlich besetzt. Am Ende der Halle eine Bühne. Auf der Bühne eine Band. die Band spielt "y Nostras Aqua" von Alberto Pérez und ich weiß nicht, warum ich das weiß. Ich könnte schwören, dieses Lied noch nie gehört zu haben.

Ein paar: zwei Frauen in schwarzem leder, tanzen einsam und hingebungsvoll. Sie sehen mich und nehmen mich doch nicht wahr.

Ein Tisch und an dem Tisch ein alter Mann mit grünen Ohrenschützern. Ich setze mich.

"Fliegen die Tiere oder fallen sie schon übereinander her?"

"Es ist ein Gemetzel..."

"Setzen sie sich. Trinken sie etwas. Bald ist es vorbei und sie können weiterfahren."

Ich setze mich, trinke Wein und weiß, dass ich weiterfahren werde und trotzdem diesen Ort nie mehr verlassen kann.

Es ist vorbei, genau so schnell, wie es begann. Seide, Kormorane und Ende.

Ich wachte auf. Diese komischen Träume wiederholen sich in letzter Zeit. Keine Ahnung von Nichts, nur schlimme Schmerzen im Kopf. Ich stand auf und holte mir noch ein paar Aspirin aus dem Küchenschrank.

Ich wusste nicht mehr, wie ich in die Wohnung gekommen bin. Der Taxifahrer muss mir geholfen haben. Später klärte sich dann langsam alles auf. Die Bude war überraschenderweise leer gewesen. Kein Mörder hinter der Schrankwand, kein Würger unterm Bett, kein böser Bube hinter der Tür. Nur Stille und Dunkelheit.

Ich fiel auf das Bett und die Vögel übernahmen das Kommando. Sie starteten den Projektor und der ewig ähnliche Film lief ab.

 

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zwanzig 1.09.2009

Zwanzig

Er öffnete die Augen und ich stand vor ihm und nahm ihm den Nudelwalker aus der Hand.

„Du bist nicht tot?“ fragte die Ratte.

„Überhaupt nicht. Wer hat dich geschickt, Rudi?“

„Geht dich Scheissdreck an.“

Ich knallte ihm das Nudelholz in den Unterleib.

„Wenn ich was sage bin ich tot.“

Ich holte noch einmal aus und das Nudelholz landete auf seinem Rücken.

„Wenn du nichts sagst, bist du auch tot. Du kannst dir aussuchen, wer dich ausknipst.“

Er fiel auf das Bett und jammerte. Ich verstand nur, dass die zugegebenermaßen unerfreuliche Situation, in der er sich jetzt befand, nicht ausgemacht war. Das glaubte ich ihm sogar aufs Wort. Ich zog ihn  auf das Krankenbett, hüpfte in meine Klamotten und verschwand. Die werden ihn schon finden, dachte ich. Sie werden tun, was zu tun ist. Irgendwie hoffte ich, dass der Typ noch unter den Lebenden weilte, aber andererseits wars mir piepegal.

Jetzt war ich dort, wo ich niemals hinwollte. Ich war Freiwild. Der Vogel, den man abschießen kann. Aber meine Jäger kannte ich nicht. In meinem Kopf begann es zu jammern. Ich langte in meine Jackentasche, fand noch zwei Aspirin, und warf sie mir ein. Besser als gar nichts.

Zwei Ecken weiter fand ich endlich ein Taxi. Ich plumpste auf die Rückbank. Der Lenker betrachtete mich skeptisch.

„Du nix gesund?“ fragte er und machte eine Handbewegung, die ich nur schwer deuten konnte.

„Ich fühl mich sauwohl“, konterte ich wenig überzeugend. Dann sagte ich ihm meine Adresse. Wahrscheinlich nicht das klügste, in meine Wohnung zu fahren, aber was für Alternativen hatte ich schon. Ich war müde, ausgebrannt und es gab keinen Knochen, den ich nicht spürte. Sogar die Vögel verhielten sich ruhig und knabberten an den zwei Aspirin herum.

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Neunzehn27.08.2009

Neunzehn


„Das solltest du nicht tun, Nelson“, sagte der große Vogel, „du brauchst Breitner irgendwann und dann wird er dich hängen lassen. Es ist blöd, sich so zu verhalten.“
„Ich bin eben ein ehrlicher Kerl, ich kann nicht anders.“


Der Vogel schüttelte sich, die Federn flogen, es roch nach Fisch in meinem Hirn. „Du bist ein Trottel“, meinte der Vogel abwertend, „und du verhältst dich wie ein Trottel. Natürlich kannst du anders, aber du willst den Helden spielen. Aber Helden sind Scheiße, Nelson. Helden sind wie kleine Hunde, die große Hunde anbellen. Nur im Roman sind Helden siegreich. Du musst weitermachen, Nelson. Wir brauchen dich. Denk daran.“


Ich träumte, träumte einen langen Traum. Ich träumte von Rattenrudi. Eigentlich Rudolf Hagen, aber in den zwanzig Jahren von seinen fünfundvierzig, die Rudi im Gefängnis zugebracht hatte, wuchs sein Ruf, die größte Ratte des gesamten Justizwesens zu sein. Er kannte nur seinen eigenen Vorteil. Es ging die Geschichte um, dass er, um sein erstes Auto zu kaufen, seine eigene Mutter auf den Strich geschickt hatte. Die gute Frau verdiente für ihren verhätschelten Filius gleich auch noch seine erste Rolex. So war Rattenrudi, manchmal rattenscharf, aber meist nur eine miese, selbstsüchtige Ausnahmeerscheinung in Sache Arschloch und Co.


Er kam zur Tür herein und sah mich lange an. Dann zog er aus seinem Rucksack ein verdrecktes Nudelholz und visierte mich an.


Ich wachte auf und flog aus dem Bett. Der Nudelwalker krachte auf die Matratze und noch einmal auf meinen Kopfpolster. Ich bemerkte noch, dass Rudi die Augen geschlossen hatte. Diese feige Ratte, dachte ich und kam mit jeder Menge Adrenalin vollgefüllt auf meine Beine.

 

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Achtzehn20.08.2009

Achtzehn

Es gibt jede Menge Scheußlichkeiten. Spital ist eine davon. Kopfschmerzen eine andere. Aber Breitner am Fußende meines Bettes war der Höhepunkt des Grauens.

„Munter?“

„Nein!“

„Du hast die ganze Zeit im Krankenwagen etwas von Anschlag, Mord und Gemeinheit gefaselt. Da haben die Karbolpiesler die Polizei verständigt. Na und ich hab nur deinen Namen gehört und war schon auf dem Weg. So sind Freunde.“

Freunde. Das hat gesessen. In meinem Hirn war Volksfest angesagt, mit Hühnergrill und Blasmusik. Ein dicker Kormoran schlug die große Trommel.

„Also?“ fragte Breitner schmunzelnd, „wer hat dem guten Nelson ein Beinchen gestellt?“

„Keine Ahnung. Aber ich bin nicht von alleine die Treppen runter gesegelt. Da hat jemand nachgeholfen.“

„Der große Unbekannte hat wieder zugeschlagen. Ein  mieser Typ, ehrlich.“

Ich legte mich demonstrativ auf den Bauch. „Sie glauben mir nicht, Breitner. Das finde ich bedauerlich,“

„Du drehst mir den Rücken zu, Nelson?“ Breitners Stimme klang ein wenig verunsichert. „Soll das heißen, ich soll dir in den Arsch treten?“

„Das heißt“, murmelte ich in meinen Polster, „dass sie mich am Arsch lecken können. Sie müssen aber nicht, ist nur ein Angebot. Jetzt hauen sie ab, ich muss schlafen.“

„Das hab ich gehört, Nelson!“ polterte Breitner los, „wie man in den Wald hineinruft, so kommt’s raus. Denk daran, wenn dich das nächste mal wieder so ein böser Butzemann durch den Fleischwolf drehen will…ich werde daneben stehen und zusehen und es wird mir jede Menge Spaß machen, Mistkerl…“

Du stehst doch immer nur daneben und schaust zu wie die Welt den Bach runtergeht, dachte ich im Halbschlaf. Dann war da noch ein Geräusch von einer zugeschlagenen Tür. Mir wars recht. Nur noch schlafen, schlafen und von gar nichts träumen.

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siebzehn17.08.2009

Siebzehn


Mir gegenüber hockte dieser dicke Kormoran und lutschte an einer Zigarre herum. Vor ihm ein Glas mit rosa Flüssigkeit, gelbem Schirmchen und zwei blauen Eiswürfeln.
„Du hast recht, Nelson“, begann der Kormoran zu sprechen, „es gibt geschmackvolleres als diese…nun, sagen wir…kitschig bedenkliche Farbenzusammenstellung. Und du hast noch einmal recht, es ist eine Pink Lady. Dein Hirn wird momentan nicht gerade gut durchblutet, sonst hätte es eine Bloody Mary gegeben.“
Er begann, ein wenig hektisch, zu lachen. Mir war nicht zum Lachen. Wenn ich tot bin, dachte ich ein wenig verzweifelt, dann ist das, wo ich jetzt bin, das Jenseits. Keine besonders gelungene Vorstellung.
„Nein. Nein, nein, nein. Das ist nicht das Jenseits. Du bist nur ein wenig weggetreten. Du bist in einer anderen Abteilung. Dein Hauptbüro ist momentan ein wenig verwüstet. Dein dir zugeteilter Bereich in deinem Kopf ist out of order, oder wie das so heißt. Grundsätzlich bin ich gegen jede Art von Fremdwörtern, aber momentan passt das genau. Ehrlich: ich finde mich echt super.“
Ich versuchte Ordnung in meinen Kopf zu bringen. Aber ich fand nur lose Enden.
„Streng dich nicht an, Nelson“, der blöde Vogel schüttelte sein Gefieder. „Nicht denken. Ich denke für dich. Ganz kurze Zeit denke ich für dich. Nur so lang, wie du nicht denken kannst, weil dein Büro nicht funktioniert. Dann wirst du dich an nichts mehr erinnern, du wirst glauben, du warst nicht richtig da. Nicht auf der Welt, sozusagen. Aber ich bin es, der momentan das Sagen hat. Denk darüber nach. Denk nichts Böses über mich. Ich bin der Typ, der deinen Atem bewegt, ich bin die Batterie, die dein Herz bewegt und ich bin weg, wenn du wieder aufwachst.“
Dann kam schwarze Seide, schwerer Flügelschlag und der intensive Geruch von Zwiebeln.
Dick Brüste baumelten vor meinem Gesicht und  die Bommeln von der Küchenschürze kitzelten meine Nase. Die Frau hatte die Brillen abgenommen und ihre großen Augen betrachteten mich sorgenvoll.
„Sind sie gestürzt?“ fragte sie und hob meinen Kopf an. Ich blutete hinter dem rechten Ohr. Sie drückte mir ein Tempo auf die Wunde.
„Ich bin nicht gestürzt“, hörte ich mich sagen und mein Ton kam mir zu schroff vor, „ich wurde gestürzt. Irgendwer hat mir aufgelauert und mich die letzten Treppen…“
„Aber nein“, sagte die Frau, schüttelte ihren Kopf, legte mir die übrigen Papiertaschentücher unter meine Birne und betrachtete mich mitleidig. „Wer würde denn so etwas Abscheuliches machen? Sie sind bestimmt ganz von alleine gestürzt. Ihr jungen Leute habt es ja immer so furchtbar eilig. Ich hole jetzt die Rettung. Könnte ja auch eine Gehirnerschütterung sein. Mit solchen Sachen soll man nicht spaßen!“
Ich wollte etwas sagen, aber mir fiel nichts ein. Außerdem war sie schon am abschwirren. Ich lag da und dachte nach - Gehirnerschütterung, dachte ich, so ein Blödsinn, da gibt’s nichts mehr zum Erschüttern.

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sechzehn13.08.2009

Sechzehn


Es war nicht gerade angenehm, aber natürlich hatte Elsa Düringer recht. Sehr viel hatte ich für mein Geld noch nicht unternommen. Eigentlich hatte ich gar nichts getan, um diesen Bühnenseppel aufzufinden. Ich habe nur mit Brechmittel Breitner herumgealbert, habe mir die Wohnung versauen lassen und einen Vollidioten engagiert, der sich offenbar jetzt seinen Rausch ausschlief. Über den toten Kunden in den Bärenklauen wollte ich endlich den Mantel des Schweigens breiten. Schließlich hatte der gute Mann eine Nachfolgerin und die war mir bei weitem sympathischer.
Zugegeben: ich kannte mich so was von gar nicht aus und die schwarzen Biester im Hinterkopf kugelten in meinem Hirn herum und lachten sich das Schwarze aus dem Gefieder.
Es regnete leicht, als ich in meinen Wagen stieg. Ein Wetter, in mir und um mich. Überall leichtes Gepiesel. Der Wettermann hatte Probleme mit der Prostata, graues, laues Getröpfel.
Während der Fahrt hörte ich ein Hörbuch über einen Mann, der sich einbildete, ein Tier zu sein. Werwolf, oder sowas ähnliches. Echter Mist, dachte ich und latschte auf die Bremse, weil so ein suizidverdächtiger Radfahrer die Strassenverkehrsordnung ignorierte. Warum, dachte ich weiter, gibt es gegen diese Arschgesichter keinen Spray. Der Welt wäre echt geholfen.

Blunzensepp wohnte in Ottakring neben der Vorortelinie, eine Gegend zwischen Poesie und Alptraum. Ich schnaufte mich in den dritten Stock hoch und klingelte an seiner Tür, Nichts. Es blieb still und fast kam es mir vor, als würde es immer stiller werden. Mit der Zeit wurde mir flau im Magen. Kaum hätte ich es für möglich gehalten, dass mir selbst ein Madorner Sorgen bereiten könnte. Aber ich habe das Muli in die Schlucht gelockt, ich fühlte mich verantwortlich.
Ich knallte meine Faust gegen die Tür, schrie laut seinen Namen und nichts geschah. Bis plötzlich die Nebentür aufging und ein unförmiger weiblicher Körper auftauchte. Die Tonne blinzelte über ihre Bifokalbrille und wollte wieder verschwinden, aber ich hatte etwas dagegen. Wie ein Staubsaugervertreter stellte ich einen Fuß in die Tür – der Schmerz war unerträglich – und sah dieses Nachbarswesen scharf an.
„Wo ist Madorner? Haben sie ihn gesehen?“ fragte ich.
Die Frau fummelte an ihrer geblümten Kittelschürze herum. Nervös blickte sie auf meinen anschwellenden Fuss.
„Ich weiß nichts“, sagte sie, „er ist am Morgen weg. Wirkte sehr nervös. Er hat mich nicht einmal gegrüßt.“ Und dann ein wenig entrüstet: „Er grüsst sonst immer. Herr Madorner ist ein echter Gentleman…“
Mir schlugs fast die Hühner vom Grill. Blunzensepp ein Gentleman. Genial.
Ich nahm meinen Fuß aus der Tür und humpelte zur Stiege. Madorner war verschwunden und ich musst ihn finden. Und zwar schnell. Der Nasenbohrer hatte wahrscheinlich keine Ahnung, worauf er sich eingelassen hatte. Ich hatte ja auch keine Ahnung.
Dann flogen die Kormorane auf und ich spürte einen Schlag gegen meine Schulter. Die letzten Treppen kullerte ich lustig wie ein Gummiball in den zweiten Stock.

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Fünfzehn12.08.2009

Fünfzehn
Eifersüchtig wacht der große Kormoran über Milliarden bewohnbarer Planeten. Was auf diesen Planeten geschieht, geht ihn nichts an. Seine Aufgabe besteht nur darin, aufzupassen, dass sich diese Welten nie annähern oder gar begegnen.
Ich sitze seit geschlagenen 20 Minuten am Klo und versuche mir den ganzen angesammelten Frust aus dem Körper zu scheissen. Es gelingt nicht. Hose hoch und weiter im Text.
Seit dem frühen Morgen versuche ich das Stück Dummfleisch zu erreichen, aber Josef Madorner war wie vom Erdboden verschluckt. Wahrscheinlich hat er sich die Leber rausgekotzt und ist mit einem meiner Pornos eingebüselt. Ich seh ihn richtig vor mir, hunderfünfzig Kilo Muskelfleisch, schnarchend und selbstzufrieden. Neben ihm sein Mobiltelefon mit diesem grauenhaften polyphonen Gedudel. Und die Ursache dieser Dudelei bin ich. Ich rufe dich an, Blunzensepp, wach endlich auf.
Ich zähle täglich meine Sorgen…endlich, Sepp ist erwacht. Ich springe auf mein Handy zu und drücke den grünen Knopf.
„Nelson?“ Keine Spur von Sepp. Ich erkannte die Stimme sofort. Das war sie. Die Unglaubliche. Die Frau aus dem Cafe Edlinger.
Ich versuchte vollkommen cool zu bleiben. Trotzdem drückte ich unwillkürlich mein Handy fester an mein Ohr.
„Was kann ich für sie tun, Madame?“ fragte ich so beiläufig, wie es nur möglich war.
„Hast du Berghofer gefunden?“
„Keine Spur von dem Typ. Ich versteh das nicht. Der ist doch angeblich Schauspieler. Schauspieler sind doch überall. Das ist doch ihr Beruf, oder? Die stehen doch auf Bühnen herum oder geistern in Seitenblickenmagazinen herum. Nur dieser verdammte Berghofer kommt nirgendwo vor.“
„Soweit sind wir auch“, schnarrte sie und bei ihr war selbst diese Schnarrerei erste Sahne, „aber dafür haben wir dich nicht engagiert. Du sollst diesen Vogel finden. Ich erwarte deinen Anruf bis heute Abend, meine Nummer kommt per SMS. Wir brauchen Ergebnisse, und zwar schnell. Sonst wird es für uns alle eng…“
Sie legte auf. Die SMS ließ nicht lange auf sich warten. Auf dem Display standen ihre Nummer und ein Name. Elsa Düringer. Ich küsste mein Handy und kam mir ungeheuer bescheuert dabei vor.

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vierzehn11.08.2009

Vierzehn


Blunzensepp war Blunzenfett. Stammelnd würgte er sein Handy und versuchte etwas zu sagen. Es war mir klar gewesen: jeder Schein in Sepps Hand wanderte sofort über die Theke. Trotzdem, das wars mir wert. Wenn nur dieses beschissene Kopfbrummen aufhören würde. Die schwarzen Federtiere hackten in meinem Schädel herum und kümmerten sich einen nassen Furz um meine Intimsphäre.
„Hör genau zu,“ sagte Sepp, „die wollen etwas von diesem Schauspieler haben. Irgendwas, was einem Typ von ganz hoch oben bärig peinlich sein muss. Den Kasperl finden sie nicht, sie wissen aber, dass du was mit der Sache zu tun hast. Also haben sie bei dir gesucht. Logisch, oder?“
„Gar nicht logisch. Ich weiß von nichts. Wie geht es weiter?“
Pause. Würgen. Dann: „Keine Ahnung, ich geh jetzt kotzen. Ruf mich morgen an. Basta.“
Roter Knopf.
Und dann war plötzlich alles anders. Die Flügel knallten an mein Stirnbein, die Schnäbel gruben sich in meine graue Masse und mein Denken war nirgends mehr. Morgen, dachte ich, brauchst du nicht mehr anrufen, Arschloch. Morgen bin ich tot. Die Vorhänge aus schwarzer Seide verhüllten mein Gesichtsfeld und in meinen Ohren war dieses verluderte Hacken, dieses Geräusch, aggressiv und kaum auszuhalten.
Letztendlich stehe ich vor dem Spiegel. Ringe unter meinen Augen. Aussichtsloser Kampf. Die Schwarzflügelbanditen in meinem Kopf haben sich zurückgezogen. Eines Tages werde ich verlieren, sie werden mich übernehmen und ich werde nicht mehr wissen, wer ich einmal war.
Ich werde aufstehen, alles und nichts mehr wissen, werde funktionieren und endlich seelenlos sein. Ein Stück Mensch im evolutionären Viruskuchen. Ich werde aufstehen, werde an Schaufenstern vorbeigehen, werde mich anstarren und mich nicht mehr kennen.

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