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sechsundzwanzig 3.11.2009

Sechsundzwanzig

Das Pferd schlug seinen rechten Vorderhuf gegen meinen Kopf, dann pieselte es mich an und zu guter letzt musste ich die Pferdepisse bis auf den letzten Tropfen aussüffeln.


„Was ist los mit dir, Nelson?“


Die Stimme kam von weit her, aber sie war mir nicht unbekannt.
Sepp klatschte mir seine Wagenradpratze fast zärtlich auf die Wange, übergoss mich mit kaltem Wasser und gab mir billigen - ich hab nur billigen - Whiskey zu trinken.


Ich öffnete meine Rollläden auf Sperrstunde und traute meinen Augen nicht. Was sollte das bedeuten. Blunzen-Sepp, der verlorene Sohn, war zurückgekehrt. Er versuchte mich wieder ins Leben zu rufen. War denn nichts mehr in dieser Welt so, wie es schien?


„Natürlich nicht,“ sagte der Kormoran im hintersten Winkel meines Gehirns und klatschte seinen Fisch gegen mein Stammhirn, „nichts ist, wie es scheint, Depp.“


„Halts Maul!“


„Warum so grob, Meister?“ fragte Sepp und hörte auf mir die Hand ins Gesicht zu klatschen. „Ich bin hier, um dich zu warnen. Du steckst in ernsten Schwierigkeiten, Paul!“


„Ganz was Neues…“ mümmelte ich zurück.


„Ich hab einen Job bei diesem Golfverein angenommen. Jetzt bin ich dort so eine Art Spion. Das ist doch genial, oder?“


„Genial. Und wieso war dein Scheisshandy nicht in Betrieb?“


„Kann ich nicht. Im Klub ist für das Personal Handyverbot. Und bei den Besprechungen ist auch Handyverbot. Eigentlich ist dauernd Handyverbot. Und daheim war ich in letzter Zeit ziemlich selten. Der neue Job füllt mich voll aus. Musst du schon verstehen, Nelson.“


„Ich glaube dir kein Wort, Blunzensepp. Du lügst wie ein Minister. Das letzte mal warst du blau wie ein Veilchen, dann kullerte ich dein Stiegenhaus runter und jetzt stehst du da und erzählst mir eine Geschichte, bei der selbst James Bond rot anlaufen würde. Wie gesagt, ich glaub dir kein Wort, mein Freund.“


Sepp stand auf und schmollte. Er drückte sogar ein Tränlein aus dem rechten Augenwinkel. „Du tust mir unrecht,“ flüsterte er und mir kam der Verdacht, dass sein Verhalten von der Drachenlady auf dem Reißbrett der unechten Gefühle ausgebrütet wurde.


„Hast du mir Ratten-Rudi ans Krankenbett geschickt?“


„Wie kannst du so etwas nur von mir denken?“


Frag mich nicht, was ich von dir denke, Sepp. Du würdest es nicht hören wollen.“


„Ich habe immer nur zu dir gehalten!“


„Also wie war das mit Rudi?“ fragte ich noch einmal und merkte dabei kaum, wie meine Energiereserven gegen den Gefrierpunkt taumelten. „Seine Mutter wird ihren Nudelwalker vermissen.“


„Seine Mutter ist tot. Und er ist auch nicht mehr so richtig unter den Lebenden. Hast du ihn so hergerichtet, Nelson?“


„Er hat angefangen, Küchenuntensilien durch die Krankenanstalt zu wirbeln. Er war ein unsäglicher Blödian. Ein Killer, der beim finalen Letztschlag die Augen zumacht. Einfach Rudi, einfach blöd.“


„Da bist du schon ein anderes Kaliber.“


Die Stimme kam von der Tür her. Sepp hatte sie offenstehen lassen. Ich bin – und ich sage es ohne jedes Selbstmitleid – eben nur von Idioten umgeben.


In der Tür stand Breitner. Weiß Gott wie lange er schon so dort stand und wie viel er von der Situation mit bekommen hatte.


 Zielstrebig visierte er mich an und kam auf mich zu. Er deutete mit seinem Zeigefinger auf mich und öffnete den Mund. Mir kam es vor, als würde ein außerirdisches Würstchen auf mich zufliegen und mir erklären, dass die Welt nicht mehr lange steht und die Invasion der Frankfurter vorbereitet wird.

 

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