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zehn18.06.2009

Zehn

Breitner kam mir mit weit offenen Armen entgegen. Sofort ahnte ich Böses. Er hatte die Lefzen hochgeschoben, seine schiefen Zähne leuchteten gelb wie ein Schwefelbergwerk – so lächelt ein bösartiger Kampfhund vor dem finalen Biss in die Halsschlagader.

„Herr Paul!“, flötete Breitner jovial und mir wurde blöd im Hirn, „das ist aber nett, dass sie so schnell kommen konnten. Können sie vielleicht ein wenig Hellsehen, Herr Paul?“

Was meinte die Bulldogge? Ich hatte keine blasse Ahnung.

„Was meinen sie, Breitner?“ Ich sagte es und kam mir saublöd dabei vor. Breitner hatte einen Vorsprung, er wusste etwas, was ich nicht wusste und das war bei Breitner immer unangenehm.

„Aber, aber, Herr Paul, stellen sie ihr Licht nicht unter den Scheffel. Sie heben doch gewusst, was hier abgeht…oder sind sie immer dort, wo Mist aufgestapelt wird?“

Er legte seinen Arm um meine Schulter. Mir stieg der Geruch eines verschwitzten Anzugs in die Nase.

„Wechseln sie manchmal die Kleidung, Breitner?“ fragte ich ihn lächelnd.

„So ein Beamtengehalt lässt dauernden Kleiderwechsel nicht zu.“ Er lächelte noch immer, nahm aber seinen Arm von meiner Schulter. „Gehen wir doch in die erste Etage dieses vortrefflichen Museums. In den Armen eines ausgestopften Bären liegt wahrscheinlich ein alter Bekannter von ihnen.“

„Ich habe keine alten Bekannten.“

„Weiß ich doch, weiß ich doch,“ säuselte Breitner. „Bei dir hält es keiner lang aus, Nelson. Ist doch so, oder? Die einen laufen davon, die anderen geben den Löffel ab. Da sind länger anhaltende Beziehungen schwer möglich. Hab ich recht, Nelson?“ Er fragte leise, sah mich an wie ein Schnitzel vor dem Verzehr und bohrte mir dabei seinen Ringfinger in den Bauch. Es war nicht gerade angenehm, aber ich versuchte keine Mine zu verziehen.

Außerdem hatte er recht. Lange Bekanntschaften oder gar Freundschaften waren selten bei mir. Meine letzte Freundin verließ mich vor sechs Jahren wegen seelischer Kälte oder so etwas in der Art. Dann sagte sie noch, sie könne nicht mit ein paar Kerlen zusammen sein, die noch dazu in einem Körper versammelt sind. Keine Ahnung, was sie damit meinte, aber ich kann schon ein schräger Kerl sein, wenns mich erwischt. Wenn mich die Kormorane mit den Flügeln schlagen…aber das gehört wirklich nicht hier her.

Wir durchquerten die langen Gänge des Museums, vorbei an kunstvollen Glasschränken, angefüllt mit Viechern, denen die Sägespäne aus dem Bauch rieselten.

Und dann standen wir vor einem großen Bären. Aufgerissenes Maul, ebensolche Augen und lange gelbliche Zähne (wie bei Breitner, nur freundlicher). In den offenen Armen lag ein toter Körper. Ein Mann mit einem enormen Messer im Hals. Das Blut war noch nicht richtig trocken, der gute Mann hatte noch vor kurzem gehörig geschnauft.

„Ist das Berghofer?“ fragte Breitner.

„Ich habe Berghofer nie gesehen. Ich weiß nicht wie der Typ aussieht.“

Breitner wurde rot im Gesicht. Offensichtlich glaubte er mir nicht.

„Aber den Kerl kenne ich“, beruhigte ich ihn, „den hab ich schon mal gesehen.“

„Und?“ Breitner zückte seinen Notizblock. „Name, Adresse, Beruf…lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“

„Keine Ahnung“, antwortete ich mit treuem Augenaufschlag. „Der Kerl war in meinem Büro. Er gab mir den Auftrag, Berghofer zu suchen.“

„Name? Sie müssen doch ihren Auftraggeber kennen!“

„Er zahlte bar. In solchen Fällen ist meine Zurückhaltung grenzenlos. Aber er nannte sich Sorger. Dr. Sorger.“

Breitner steckte seinen Notizblock wieder in seine speckige Anzugsjacke. „Und das haben sie ihm geglaubt?“ fragte er mich.

„Keinen einzigen Moment. Er hat aber…“

„…bar bezahlt. Ich verstehe. Sie sind ein echtes mieses Stück Mist, Paul. Und von ihrem Job verstehen sie auch nichts. Nada.“

Er drehte sich um und ging zu seinen Leuten. Ich habe nie angenommen, in seinen Augen noch tiefer sinken zu können. Wurscht, scheiß drauf und tausend Rosen.

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