„Heute noch jemand oder können wir Feierabend machen?“, dröhnte es von oben.
Rolf räusperte sich. „Naja, noch vier weitere, ganz frisch. Eben reingekommen. Soll ich sie morgen noch einmal herbitten?“
„Nein, ist schon in Ordnung. Die vier noch, dann ist Feierabend.“
Katharina Freisch saß bangend vor der schweren Eichentür. Nora und der Typ, den sie überfahren hatte, waren schon durch; im Moment war das kleine Mädchen drin. Nora hatte sie angeschwiegen, die ganze Zeit keines Blickes gewürdigt. Sei’s drum. Es gab andere Dinge, die ihr mehr Sorgen bereiteten. Auch wenn ihre Mutter es immer wieder versucht hatte – aus Katharina war nie eine gläubige Christin geworden. Umso größer der Schock, sich nun vor dem Jüngsten Gericht wiederzufinden. Natürlich, Gott ist gnädig, so sagte man zumindest. Aber konnte man sicher sein? Es gab sicherlich schlimmere Menschen als sie. Mörder zum Beispiel, oder Diebe. Sie kaute auf ihren Fingernägeln und suchte nach guten Taten in ihrem Leben. Erfolglos. Schließlich öffnete sich die Tür.
„Katharina Freisch?“, klang es von innnen. Irgendwoher kannte sie diese Stimme.
Sie wusste nicht, wie man sich vor Gericht zu verhalten hatte und antwortete einfach mit einem saloppen: „Ja, die bin ich.“
Sie betrat den Gerichtssaal und war entsetzt. Viele Leute saßen auf den Zuschauerplätzen. Manche sahen nicht schlecht aus, die meisten jedoch bedrohlich und unheimlich. Durchweg alle waren halbdurchsichtig, schemenhaft. Sie schauderte.
Als sie die Anklagebank erreichte entdeckte sie, woher sie die Stimme kannte: Es war Rolf. Auch Rolf war in der Grundschule in ihrer Klasse gewesen. Er war die Sorte von Schüler, die gerne das Klassenbuch führen und andere beim Lehrer verpetzen. Die hellblaue Wollpullover im Winter tragen und weiße Polohemden im Sommer. Mit 12 Jahren war er bei dem Versuch, der Nachbarskatze das Leben zu retten, vom Auto überfahren worden. Dieser Rolf stand nun zwölfjährig vor ihr, hatte eine große Brille auf der Nase und sah sie missmutig an.
„Rolf? Unglaublich! Was tust du hier?“ Sie zwang sich ein Lächeln auf. Rolf schien es nicht zu gefallen. Er ließ sie unbeachtet und richtete seine kindlich näselnde Stimme nach oben. Katharina vermutete, dass sich dort irgendwo im Dunklen hinter ihr der Richter aufhalten musste.
„Person ist weiblich, starb mit 25 Jahren bei einem Autounfall, auf den ich später noch näher eingehen werde. Zeit ihres Lebens hat Katharina weder auf die wiederholten Rufe des Heiligen Vaters antworten, noch an die Auferstehung Christi glauben wollen. Im Gegenteil hat sie gar ihre Mutter, eine gläubige Christin, verspottet. Ab dem 12. Lebensjahr kam eine gewisse Spitzzüngigkeit in Bezug auf das Christentum hinzu. Ab dem 16. Lebensjahr können wir von handfester Blasphemie sprechen. Hinzu kommen vorehelicher Geschlechtsverkehr, Diebstahl und Drogenkonsum; Neid, Eitelkeit und Rachsucht, die schließlich im Mord an vier Menschen gipfelten.“
Sie dachte es sei Zeit, sich nun zu verteidigen. „Also das mit dem Diebstahl und dem Drogenkonsum stimmt ja wohl nicht…“
„…zusätzlich noch Leugnen dieser Taten vor dem Schwurgericht, Leugnen vor dem Höchsten aller HERRN persönlich“, zum ersten Mal wandte der Zwölfjährige sich direkt Katharina zu und erklärte in der herablassenden Ungeduld von jemandem, der mit einem kleinen Kind spricht, dass etwas sehr Dummes gefragt hat: „Diebstahl: Sie haben mir in der dritten Klasse meinen Radiergummi geklaut. Erinnern Sie sich nicht? Drogen: Zigaretten. Alkohol. TV. Wollen Sie ihren vorehelichen Geschlechtsverkehr ebenfalls leugnen?“
Sie lief rot an und versuchte, die Atmung ruhig zu halten. „Und was ist mit den angeblichen Morden? Ich habe nie jemanden umgebracht!“
„Schon die zweite Lüge vor dem Schwurgericht. Sie machen es mir wirklich leicht.“ Er warf ihr ein spöttisches Lächeln zu. „Drei Personen im Auto. Zwei gläubige Christen, ein Kind. Zudem die schlimmste Form des Mordes: Suizid! Wer nimmt sich heraus zu bestimmen, wann zu nehmen ist, was der HERR gegeben hat?“
Ihr Mund klappte auf, doch sie war klug genug, ihn wieder zu schließen, bevor sie sich noch weiter in Bedrängnis brachte. Anscheinend war der Prozessverlauf ohnehin schon geplant und nicht aufzuhalten oder umzukehren.
„Nora, eine unschuldige und gläubige Christin.“ Sie dachte darüber nach, ob dieses Flittchen auch ihn gevögelt hatte. „Adrian, den Fahrer des Wagens vor ihr sowie EIN KIND. Seine unschuldige Tochter Lilly.“ Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Es war ihr egal, wie der Prozess ausging, sollten sie sie doch in Ruhe verrotten lassen. Die schrecklichste Strafe, die sie sich im Moment vorstellen konnte, wäre gewesen, auf ewig bei diesem Rolf-Klon zu schmoren.
Apathisch sah sie zu, wie der kleine Wichtigtuer sich daran zu ergötzen schien, alle noch so peinlichen Details aus ihrem Leben hervorzukramen und genüsslich vor der versammelten Mannschaft auszubreiten. Wie von fern hörte sie das Urteil an ihr Ohr grollen: „…für schuldig befunden und dazu verurteilt, auf immer und ewig in der Hölle zu schmoren!“
Wie betäubt nahm sie dem hämisch grinsenden Rolf ein Pergament aus der Hand und las die Worte: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Katharina Freisch! Sie wurden auserkoren, der ewigen Verdammnis anheim zu fallen. Es winkt der unendliche Aufenthalt in der Hölle. Um Einlass zu erhalten, unterschreiben Sie bitte mit Ihrem Blut und zeigen Sie dieses Gewinnlos am Portal der Verdammten vor.“
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