Frühere Behandlungspraxis bei Neugeborenen
5.03.2008
Frühere Behandlungspraxis bei Neugeborenen


 
Seit den 50er Jahren werden in Deutschland hormonell und operativ behandelt. Dabei spielte besonders John Money, ein amerikanischer Psychologe, der am Johns Hopkins Medical Centre in Baltimore forschte, daran, dass bei Kindern mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen eine schnelle operative Geschlechtszuweisung die Problematik der Intersexualität therapieren zu können. Anhand von Langzeitstudien war Money davon überzeugt, dass über 95% der betroffenen Kinder, in die Rolle hineinwüchsen, die ihnen chirurgisch zugewiesen wurde. (15)

Nach Moneys Theorie sind Neugeborene mit intersexuellem Geschlecht neutrale Wesen und erst die Erziehung bringt dem Kind eine männliche oder weibliche Identität. Um eine ungestörte, richtige psychosexuelle Entwicklung sicherzustellen, seien eindeutige äußere Genitalien erforderlich, schlussfolgerten Money und seine Kollegen aus den Studien.(16) 1955 veröffentlichte Money seine Schlussfolgerungen im Mitteilungsbericht des John Hopkins Hospitals:

„Chromosomal, gonodal, hormonal and assigned sex, each of them interlinked, have all come under review as indices which may be used to predict an hermaphroditic person’s gender – his or her outlook, demeanor and orientation. […] Of the four, assigned sex stands up as the best indicator.” (17)

Da sich das John Hopkins Hospital als erste Klinik weltweit auf die Behandlung intersexueller Babys spezialisiert hatte, schuf Money damit eine weltweite Behandlungspraxis. Im Falle eines Neugeborenen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen wurde von nun an, je nach Auffassung der Ärzte, mit Hormongaben und Chirurgie das ausgewählte Geschlecht zugewiesen. John Money selbst wollte seine Theorie mit dem Fall des Jungen Bruce Reimer belegen. Die Eltern hatte Bruce in Moneys Klinik gebracht als dieser bei einer fehlgeschlagenen Beschneidung einen Teil seines Penis eingebüßt hatte. Money riet den Eltern zur Operation, woraufhin die Ärzte die Penisreste entfernten und eine künstliche Vagina anlegten. Bruce verwandelte sich so im Alter von 22 Monaten in Brenda und John Money präsentierte diesen Fall der Fachwelt als Erfolg und Beleg seiner Theorie. (die ganze Geschichte hier)

15 Jahre später gestehen die Eltern dem verstümmelten Jungen, der sich längst gegen die aufgezwungene weibliche Identität auflehnte, die operativen Eingriffe. Brenda nannte sich in David um, brach die geplanten Hormonbehandlungen ab und lebte als Mann weiter. Er unterzog sich auch mehreren Operationen, um sein ursprüngliches Geschlecht wiederherstellen zu lassen. Reimer heiratete, brachte sich aber nach mehreren Suizidversuchen 2004 um.

John Moneys Theorien und vor allem Praxisempfehlungen werden heute noch angewendet, sie sind aber unter Medizinern, Betroffenen, Eltern, Psychologen und Medizinethiker sehr umstritten. Erst seit kurzer Zeit findet in der Biomedizin ein Umdenken statt und es wird darauf hingearbeitet Intersexualität weniger als Krankheit, die symptomatisch durch einfaches Wegoperieren und Verschweigen therapiert werden kann, verstanden wird. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass die Behandlungsmöglichkeiten weitaus komplexer zu sehen sind. Ein einfaches Abwarten und eine spätere Entscheidung des Kindes (beispielsweise vor oder nach der Pubertät), in welchem Geschlecht es leben möchte, ist nicht so einfach wie es zunächst scheint. (siehe Pro- und Contra-Operation)


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(15) N.N. Intersexualität: Wenn der kleine Unterschied fehlt. Erschienen in: GEO WISSEN Nr. 26/00. Online Publikation: http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/741.html Stand: 04.03.2008

(16) Holzleithner, Elisabeth. Variation als Abweichung. Zur medizinischen und juristischen Herstellung des Geschlechts von Intersexuellen. Wien. Online-Publikation: http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.holzleithner/HolzleithnerVariation.pdf] Stand: 04.03.2005

(17) Melby, Todd. Intersex Interrupted. Erschienen in: Contemporary Sexuality. Dec2002, Vol. 36 Issue 12, p1.

(18) vgl. Lakotta, Beate. Ihre Tochter ist ein Sohn. Erschienen in: Der Spiegel. Nr. 4 5 / 2 0 0 2 , S. 213.
Geschrieben von Inom um 17:49 | in: Behandlungspraxis
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