Rechtssprechung in Deutschland
5.03.2008
Rechtssprechung in Deutschland

Im Gegensatz zu früheren Zeiten (Allgemeines Preußisches Landrecht von 1794 1794 oder Kreittmayrs Bayrischer Codex maximilianeus Civilis von 1756) befinden sich intersexuelle Menschen in Deutschland in einer juristischen Zwischenzone.
Das Personenstandsgesetz sieht Kategorien wie "intersexuell", "hermaphrodit" oder "Menschen mit einem uneindeutigen
Geschlecht" nicht vor, sondern erkennt nur die zwei Geschlechterkategorien weiblich und männlich. (15)

Elisabeth Holzleithner schreibt dazu: "Der rechtlich-medizinische Umgang mit uneindeutigen Genitalien ist vom Streben nach Standardisierung geprägt. Intakte, aber uneindeutige Genitalien (etwa: eine zu große Klitoris oder ein zu kleiner Penis) werden seit den sechziger Jahren chirurgisch modifiziert, damit das kulturelle Geschlecht seinen genitalen Niederschlag finden kann." (16)

Und in der Tat, lange Zeit und auch noch heute, sieht die übliche Behandlungspraxis für Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen vor, sich so früh wie möglich für eines der beiden Geschlechter zu entscheiden und dann chirurgisch das jeweilige, ausgesuchte Geschlecht herzustellen.(siehe Behandlungspraxis)

Damit einher gingen und gehen lebenslange Hormonbehandlungen, weitere Operationen und ständige genitale Untersuchungen, die weitere Traumata auslösen können. Den betroffenen Kindern wurde meistens aus Scham nichts von den frühen chirurgischen Eingriffen erzählt. Viele Menschen wurden durch diese Behandlungspraxis in ein für sie falsches Geschlecht gezwungen. Das deutsche Rechtssystem sieht solche „Irrtümer“ jedoch nicht vor, so dass eine Korrektur dieser frühen Fehlentscheidung meist nur über das Transsexuellengesetz und nicht über das Personenstandsgesetz geschehen kann. Das TSG erkennt jedoch den Wechsel des Geschlechts nur an, wenn der Antragsteller/in auf Dauer fortpflanzungsunfähig wird, sich einen operativen Eingriff unterzieht und ein oder mehrere psychologische Gutachten vorweisen, die erst nach zweijähriger psychotherapeutischen Behandlung erstellt werden können.

Dies "ist umso erstaunlicher, da die medizinischen Unsicherheiten bezüglich der Geschlechtszuschreibung in manchen Fällen sehr groß sind und der Geschlechtswechsel bei intersexuellen Menschen häufiger als bei körperlich eindeutigen Männern und Frauen vorkommt"(17) schreibt Claudia Lang in ihrer Dissertation über Intersexualität.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Bundesregierung in nächster Zeit rechtlich mit dieser Thematik auseinandersetzt und neue, gerechte Regelungen findet. Die jetzigen Gesetze sind absolut unzureichend und menschenrechtsverletztend wie der aktuelle Fall von Christiane Völling eindrucksvoll zeigt.


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(15) vgl. Lang, Claudia. Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag. Frankfurt. 2006. S. 130-135

(16) Holzleithner, Elisabeth. Variation als Abweichung. Zur medizinischen und juristischen Herstellung des Geschlechts von Intersexuellen. Wien. Online-Publikation: http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.holzleithner/HolzleithnerVariation.pdf] Stand: 04.03.2005

(17) Lang, Claudia. Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag. Frankfurt. 2006. S. 131
Geschrieben von Inom um 11:10 | in: Rechtssprechung
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