Ein Jahr im herkömmlichen Sinne sind 12 Monate sind 52 Wochen sind 365 Tage sind 8760 Stunden sind 525600 Minuten sind 31536000 Sekunden. Wenn man sich überlegt, wie stark ein Leben sich in einer einzigen Sekunde verändern kann, eine fast unvorstellbare Zeitspanne. Doch vieles überdauert diese Zeit. Erinnerungen zum Beispiel. Morgen, am 26. Mai 2006, wird die Erinnerung an ein ganz besonderes Ereignis ein Jahr alt.
11 Busse, dazu ungezählte Selbstfahrer, machen sich auf den Weg an den Rhein. Ihr Ziel: Ein umgebautes Zirkuszelt in einem Industriegebiet, unscheinbar gelegen im Hinterhof eines Farbenhandels. Der GEW Energy Dome, Heimstatt des Teams von RheinEnergie Köln. Zwischen 1300 und 1500 Gießener Fans werden an diesem Abend vergessen machen, dass sie ein Auswärtsspiel haben. Sie werden die Tatsache ignorieren, dass ihr Team keine Chance hat. In die Saison gestartet mit dem Ziel des Klassenerhalts haben sich die Gießener in die Playoffs und die Herzen ihrer Fans gespielt. Nun schicken sie sich an, die beste Mannschaft der Liga und den Mitfavoriten auf den Meistertitel aus den Playoffs zu werfen. Aber haben sie wirklich eine Chance?
Als Point Guard startet bei den Gießenern Anton Gavel, der 20-Jährige Slowake. Gilt als Talent mit viel Kampfgeist, hat seine Karriere noch vor sich. Ihm gegenüber steht Sasa Obradovic, der Welt- und Europameister. 36 Jahre alt, ein abgezockter Hund, der mit allen Wassern gewaschen ist und seine Karriere nach dieser Saison beenden wird und den Titel will.
Als Shooting Guard steht bei den Gießenern Louis Campbell auf dem Feld. Der US-Amerikaner kam vor der Saison aus der zweiten Liga, wo er gute Statistiken vorweisen konnte. Doch besser als sein Pendant auf Kölner Seite, Immanuel McElroy? Das würde wohl kaum jemand behaupten, der Absolvent der renommierten University of Cincinnati spielt eine erstklassige Rookie-Saison.
Den einzigen Vorteil haben die 46ers am Start wohl auf der Small Forward-Position. Chuck Eidson, der wohl beste Spieler der Mittelhessen startet hier. Doch die Kölner Defense wird ihn zermürben, heißt es vor dem Spiel. Die Gießener sind zu sehr abhängig von ihm. Bei Köln startet Janar Talts, doch den Großteil der Spielzeit erhält Marko Pesic, deutscher Nationalspieler und Sohn der Trainerlegende. Tonnen von Playoff-Erfahrung aus Berliner Zeiten. Haben die Gießener wirklich einen Vorteil?
Power Forward der Gießener ist Gerrit Terdenge. Nicht nur Fans anderer Mannschaften hielten seine Karriere schon lange für beendet, auch in Gießen war man skeptisch ob des Ex-Nationalspielers. War er eigentlich jemals mehr als ein Talent? Anders hingegen William „Bill“ Edwards. Der Amerikaner hat beste Stationen in seiner Karriere vorzuweisen, bei denen er so zuverlässig „Money“ geliefert hat, dass er den Spitznamen „Dollar-Bill“ bekommen hat.
Der Senegalese Souleymane Wane ist Center bei den 46ers. Keine Punktemaschine, dafür solide Reboundzahlen. Er hat sich aber in Gießen als einer der besseren Center der Liga gezeigt. Im afrikanischen Duell steht ihm Joaquim Gomes gegenüber. Der Angolaner ist athletisch und kann sich an den Brettern ebenfalls einiges pflücken. Außenstehende beurteilen das Duell als ausgeglichen.
Auf der Bank muss man gar nicht erst beginnen, den Vorteil zu suchen. Bei Köln kommen UNTER ANDEREM Spieler wie Elvir Ovcina, Marvin Willoughby und NBA-Kandidat Marcin Gortat frisch ins Spiel, bei Gießen gibt’s in diesem Spiel NUR Flo Hartenstein, Heiko Schaffartzik und Chris Anrin.
Können 11 Busse hier den Unterschied machen?
Thorsten Leibenath hat später gesagt, es wäre für ihn der geilste Moment gewesen, als er die Mannschaft 20 Minuten vor dem Spiel in die Kabine zur Besprechung holen sollte. Als die Fans, als WIR angefangen haben zu singen „Steht auf, wenn ihr Gieß’ner seid“ – und überall Leute aufstanden. Der Dome fasst offiziell 3000 Zuschauer. Wie wollen zwischen 1500 und 1700 Kölner Zuschauer sich 1300 Gießener Fans in den Weg stellen? Wir waren bereit, alles zu geben, ohne zu wissen, dass das Team bereit war, zu vergessen, dass sie keine Chance haben.
Los geht’s. Und wie es los geht! 11:2 leuchtet schnell von den Anzeigetafeln im Zirkuszelt, der Kölner Coach Armin Andres ist gezwungen, bereits zwei Auszeiten im ersten Viertel zu nehmen. Mit Erfolg: Zum Ende des Viertels kommen die Kölner wieder ran, nach 10 gespielten Minuten lautet es 24:19 für Gießen. Im Forum fragt man sich, ob Eidson alles alleine machen kann, in Köln fragt man sich, ob Eidson alles alleine machen kann, Eidson fragt sich selbst wohl auch.
Stefan Koch besinnt sich in der Viertelpause auf eine große Stärke der 46ers in der Saison, die Defense. No easy baskets heißt die Formel, und sein Team setzt sie grandios um. 5 Minuten bleiben die Kölner ohne Punkt, während die Mittelhessen sich immer weiter absetzen können, angeführt von Chuck Eidson. Beim Stand von 38:25 für Gießen hat er bereits 20 Zähler sammeln können, ohne den Anschein zu machen, damit kurzfristig aufhören zu wollen. Mit zehn Punkten Vorsprung geht es beim 41:31 in die Halbzeitpause.
Besser starten die Kölner in die zweite Hälfte. Haben sie endlich bemerkt, worum es geht? Schnell sind sie wieder auf 6 Punkte an die Gießener rangekommen und das große Zittern beginnt. 54:46 und noch 10 Minuten zu spielen.
Wie oft war ich dieses Jahr eigentlich in dieser Halle? Pokalspiel, Auswärtsspiel in der Saison, jetzt zum dritten Mal in der Serie hier… und zum definitiv letzten Mal. Der Schweiß läuft mir in Bahnen über mein Gesicht, meine Hände tun weh vom Trommeln, zu wenig getrunken hab ich bestimmt auch. Doch einmal noch 10 Minuten, dann sind wir durch für heute. In der ganzen Halle stehen die Leute, weil wieder dazu aufgerufen wurde, aufzustehen, wenn man Gießener ist. Hinterher werde ich oft den Satz hören „Eigentlich dachte ich, um mich rum wären lauter Kölner, aber dann habt ihr das gesungen und ich stand auf – und die um mich rum auch!“. Meine Kehle tut weh, weil ich versuche, alle Gesänge mitzubekommen, während ich trommele und in der Defense möglichst 24 Sekunden durchzubuhen. 10 Minuten noch. Verlängerung würde hier eh niemand überleben. Alles oder nichts.
Campbell trifft nichts. Während an seiner Defensivleistung kaum etwas auszusetzen ist, ist der US-Amerikaner an diesem Abend offensiv eine Katastrophe. Auch durch seine Fehlwürfe gelingt es Köln, wieder ranzukommen. Nur noch 4 Punkte Vorsprung. Auszeit.
Wane macht Punkte, aber Obradovic hält sein Team im Spiel. Zwei Distanzwürfe von ihm finden kurz hintereinander das Ziel. Auf der Gegenseite trifft Gavel seine Freiwürfe jedoch… und dann ist da ja noch Chuck Eidson, bis dahin mit 38 Punkten. Doch jetzt kommt sein Gegenspieler, Marko Pesic irgendwie an ihm vorbei. Der Weg zum Korb ist offen. Bricht Gießen jetzt zusammen? Hollywood-Film mit Happy-End für die Cinderella aus Mittelhessen oder doch europäisch die Hoffnung geschürt, um den Helden am Ende doch sterben zu lassen? Souleymane Wane entscheidet sich, das Ende herauszuzögern. Von irgendwo kommt der Arm des Senegalesen und blockt Pesics Wurfversuch. REJECTED! Die tausenden Herzen, die unter den rot-weißen Trikots und T-Shirts simultan ausgesetzt hatten, schlagen spontan wieder, wenn auch unnatürlich schnell. Noch eine Minute, 6 Punkte Vorsprung. Die Schlachten an der Freiwurflinie. Mit 30 Sekunden auf der Uhr erhöht Gavel auf 5 Punkte Vorsprung. Noch einmal machen wir Köln klar, was Sache ist. Doch dieses Mal ist es anders, intensiver als je zuvor. „Hier regiert der M-T-V“… wer jetzt noch daran zweifelt, ist verrückt. In diesen Sekunden legitimieren wir die Aussage, die die FIVE nach den Playoffs treffen wird: Die besten Fans der Liga kommen aus Gießen.
5 Punkte. Reicht das? Der Ball kommt über die Mittellinie… und plötzlich ist er in den Händen von Chuck Eidson. Von links hebt Flug Nummer 31 ab, lässt den Passagier „Ball“ im Fluggastbereich „Korb“ aussteigen und landet dann butterweich.
Die Trommel habe ich schon vor einer Minute weggelegt, genau wissend, dass ich damit nichts mehr anfangen kann. Ich stehe in der vierten oder fünften Reihe und brülle Theke ins Ohr, der mich gar nicht wahrzunehmen scheint. Ich sehe Obradovic den Dreier werfen. Mir egal, ob er noch trifft oder nicht. Die Sekunden laufen anders ab, aber ich weiß nicht, ob es mir schnell oder langsam vorkommt. Dann die Sirene. Ohrenbetäubendes Gebrüll. Wir haben gewonnen.
Anders, als 2003 beim Pokalerfolg in Frankfurt waren wir nicht sofort auf dem Feld. Irgendwann sehe ich zwei Gießener in einer Ecke auf dem Parkett stehen und entscheide, dass ich da jetzt auch hinwill, egal was es mich kostet. Praktisch, dass anscheinend alle Gießener genauso denken. Irgendwann stehe ich unten. Dann hüpfen Anton und ich durch die Gegend, dann umarme ich Chuck, dann wuschele ich durch Gerrits Frisur. Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin, ich weiß nur eins: Zu diesem Zeitpunkt kann ich sagen, es war das geilste Spiel meines Lebens.
Gießen 46ers 78:69 RheinEnergie Köln
GEW EnergyDome, Köln
26.05.2005
GIESSEN: Eidson 40, Gavel 10, Terdenge 10
KÖLN: Obradovic 21, Edwards 14, McElroy 12