20.03.2010

Es gibt Berufsbilder, die bewundert man für ihre Beständigkeit. Das heißt, nicht nur für ihr konstantes Fortbestehen im Lauf der Zeit, sondern auch für den Wandel und Umbruch innerhalb ihrer Existenz. Die Metamorphose, die sie eigentlich ausmacht.

 

Berufe dieser Art sind:

-         Rettungsassistent

-         Krankenschwester

-         Taxifahrer

 

Diese Nacht habe ich, angeregt durch eine Unterhaltung mit einem Fahrer am Montag, sowie durch ein Gespräch mit einem Fahrer heute, mehr über das Berufsbild des Taxifahrers nachgedacht. Was bedeutet dieser Beruf eigentlich genau?

Ich stellte ihm Fragen. Hier ein Bruchstück unserer Unterhaltung:

 

Ich: „Wie lange machen Sie heute noch?“

Er: „Bis 6 Uhr durch.“

[Schweigen.]

Ich: „Fahren Sie immer nachts?“

Er: „Ja. Die Straßen sind dann leerer. Keine Staus wenn man von einem zum anderen Ende der Stadt muss.“

Ich: „Dann geht man zu Hause doch sicherlich direkt schlafen.“

Er: „Ja. Früher habe ich abends noch gegessen. Meistens fettig. Sehen Sie das Bild? [zeigt auf Ausweis. Zu erkennen ist ein Mann, circa 100 kg schwer.] So sah ich mal aus. Vor vier Jahren. Ich hab 30 kg abgenommen. Gesundheit ist mir wichtig geworden. Was hab ich davon abends fettig zu essen? Viele Kollegen machen das. Aber mit 50 geht’s ihnen dann schlecht. Dann kommt nicht mehr viel. 60 wird man dann noch mit Problemen und 70? 70 wird man vielleicht gar nicht mehr. Meine Frau und ich essen abends Salat.“

[Schweigen.]

 

Das ist es also, sein Leben. Hier haben wir ihn, den Alltag.

Ob es glücklich macht routiniert zu arbeiten? Weitesgehend allein zu arbeiten? Nur 5-10 minütigen Kontakt aufnehmend zu arbeiten? Wieviel Kontakt ist so schnell überhaupt möglich. Wieviel kann man tatsächlich smalltalken? Viele Menschen fühlen sich unwohl wenn nicht gesprochen wird.

 

In einem Vipassana-Kurs lernte ich, dass dieses Gefühl lediglich durch soziale Konditionierung entsteht. Ich spreche von dem Gefühl beim Betreten eines Aufzuges oder Wartezimmers mit jeweils fremden Anwesenden.

Die Konditionierung wiederum besteht in der permanenten Beschallung, Unterhaltung und Interaktion unserer Gesellschaft.

Wer lernt damit umzugehen, entspannt in entsprechenden Situationen und kann jene aktiv (für sich) nutzen.

 

Den Taxifahrer als Menschen mit beinah meditativer Routine (der nachts fährt), schätze ich als jemanden ein, der genau diese Stille als positiv empfindet. Ein Beweis dafür könnte in der Tatsache liegen, dass nur wenige Taxifahrer ihr Radio einschalten. Natürlich kann das auch andere Gründe haben.

Doch liegt der Aspekt der Ruhe bedeutend näher als die Vermutung, der Fahrer lausche lieber den nächsten potentiellen Fahrten in all ihrer Brisanz und Tragweite.

 

Worin konkret liegt nun die Metamorphose? Der Wandel tritt ein, sobald die Tür des Fahrzeugs geöffnet bzw. geschlossen wird. Jene Aktion entscheidet über Alleinsein (nicht Einsamkeit) und Nicht-Alleinsein. Wobei auch Nicht-Alleinsein sehr angenehm sein kann. Die bloße Anwesenheit einiger Menschen bereichert die vorherrschende Atmosphäre stark und nachhaltig.

 

Respekt also jenen Taxifahrern, die täglich (bzw. nächtlich) lernen, mit sich selbst, ihrem Alleinsein und dem Alleinsein Anderer umzugehen. Sie lernen, was das Leben wirklich ausmacht. Sie gewinnen Erkenntnisse, die Anderen für immer verborgen bleiben werden. Nicht zuletzt lernen sie wohl auch, die Stille zu schätzen. Jene Stille, die nur von Motorengeräuschen, Regen oder eben einer Unterhaltung durchbrochen werden kann. Die Art von Stille, die es zu bewahren gilt.

 

Seit meinem Kurs schweige ich in einigen Situationen lieber als das ich spreche.

 

 

Geschrieben von Natalie um 03:20
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