Wir sind die Polarjacken-Bohéme, die „Bionade-Biedermeier“ 2010. Wir kaufen ausschließlich Bio, berufen uns auf ethische statt religiöser Grundsätze, sind Vielleser, leben in Altbauwohnungen und gönnen uns den Luxus, Zeitungen zu abonnieren und die Sonntage für den Tatort freizuhalten.
Wir sind weder vorbestraft noch Bafög-berechtigt. Unsere Zukunftsvorstellungen sind solide, unser Status Quo ist prekär.
Unsere Hobbys sind breit gefächert. Das Spektrum reicht von Raclette mit Freunden über Kino und Theater bis zu Extremsportarten im Himalaya und den wöchentlichen Yogakurs.
Heimlich verehren wir Guido Westerwelle für seinen „Schneid“, wählen jedoch die Grünen.
Auf Nachfrage können wir all unsere Tocotronic-Konzertbesuche aufzählen und detailliert von jeder Vorband berichten.
Datenschutz finden wir fraglich, debattieren auch gern über Ganzkörperscanner um im Anschluss die neuen Partypics bei Facebook hochzuladen.
Kommentare ohne Smileys sind uns prinzipiell unsympathisch. Wer avantgarde sein möchte, muss klein schreiben und Punkte hinter Halbsätze setzen. Ausrufezeichen sind untersagt. Wer Journalist sein möchte, sollte in Alliterationen schreiben.
Intellektuell bespaßen wir uns lieber mit DVDs als TV.
Unterschichtenunterhaltung liegt uns fern.
Kabarett statt Varieté.
Poetry Slam statt Musical.
Wir waren zwar nie im Berghain, wissen jedoch davon zu berichten, dass es „gar nicht so häufig zu Sex kommt“ wie immer gesagt wird.
Berlin mögen wir, halten den Dialekt der Kanzlerin jedoch definitiv für Sächsisch.
Die SPD befinden wir für unwählbar, trauern jedoch rot/grün und den Grass-Audienzen hinterher.
Wir lesen Sloterdijk, wie er gelesen werden will, nicken Prechts Thesen ab und stimmen dennoch in den Kanon der „alten Schule“ ein, sobald Habermas dazu aufruft.
Die Meinung unseres Lieblingsfeuilletons ist auch die unsere.
Charlotte Roche fanden wir „früher besser“ und sind stolz, von der eigenen „Fast-Forward-Zeit“ berichten zu können.
Das MacBooks überbewertet sind, würden wir sofort unterschreiben. Auf das dazugehörige Steve-Jobs-Handy verzichten wir jedoch ungern, da wir „immer unterwegs und flexibel“ sein müssen.
Freunden mit Kindern gratulieren wir zwar, sind jedoch insgeheim dankbar für die vielen Backpacking-Urlaube, die unser Lebenswandel uns erlaubt.
Natürlich sind wir im Fitness-Studio angemeldet, wobei es uns nicht recht ist, wenn die Lokalität als „Mucki-Bude“ bezeichnet wird, da man gerade dort ja nicht sparen sollte.
(was wir aber tun.)
Bevor wir ins Bett gehen, lesen wir noch ein wenig in der Neon und schütteln den Kopf über Menschen, die zu einer Karikatur ihrer selbst verkommen.
Wir sind anders. Wir sind individuell.
Gute Nacht.