Anlässlich eines aktuellen Leitartikels der Süddeutschen Zeitung mit der etwas populistischen Betitelung „Ich als Ware“ (5./6.6. 2010), hier ein Resümee mit persönlichen Überlegungen.
Grundsätzlich kommt das Thema häufig zur Sprache, soll es um Entwicklung oder Fortschritt gehen. Vermeintliche Experten wissen dann für gewöhnlich zu berichten, wie potentiell gefährlich das web 2.0 sei und welche Konsequenzen allen Nutzern drohen.
In der Süddeutschen Zeitung wurde, wie bisher im dt. Feuilleton noch nicht geschehen, objektiv, sachlich und vor allem vernünftig berichtet.
Hierbei wurden weder Verschwörungstheorien entsponnen, noch wurde zu Protestaktionen gegen die natürliche Entwicklung der Technik aufgerufen.
Im Gegenteil: Suchmaschinenprozesse und -muster wurden verständlich geschildert und erklärt und in diesem Zusammenhang über Vor- und Nachteile von Google, Facebook und Konsorten berichtet.
Für mich ergab sich daraus, nach vielem Reflektieren und Revidieren, eine neue Haltung gegenüber den Potenzialen des web 2.0.
Unser Rollenverhalten innerhalb der Sozialisationstheorie wurde vor einiger Zeit um eine Rolle bereichert: die virtuelle Realität. Man berichtet, von dem was man tut. Man zeigt Bilder und Videos. Man stellt sämtliche Informationen zur Verfügung. Doch wie im echten Leben, behält man sich offensichtlich dennoch das Recht auf Geheimnisse vor.
- Zum einen fördert die virtuelle Realität unserer selbst unser Schubladendenken. Denn schließlich versucht man sich selbst auf ein prägnantes Bild zu reduzieren, um anderen leichter zugänglich zu sein. Man fördert somit Kategoriedenken. Wer ist Hippie, wer Student, wer besucht hauptsächlich Parties.
- Der Nachteil, der sich hieraus ergibt: andere Interessengruppen wirken eventuell direkt uninteressant. Außerdem gewinnt man den Eindruck, ein Kennenlernen im Alltag koste mehr Mühe als es online der Fall ist, da man dort nur relevante Informationen bekommt. Die Komplexität wird dem Menschen folglich aberkannt.
- Virtuelle Realitäten verschleiern weiterhin die tatsächliche Persönlichkeit eines Menschen. Am Beispiel Twitter lässt sich anbringen, dass man die Möglichkeit hat seine timeline (den virtuellen Lebensverlauf) jederzeit zu editieren, was im echten Leben so nicht möglich ist. Dennoch wird das reale Leben suggeriert.
Doch wovor hat man konkret Angst? Woher kommt sie und wie begründet sie sich?
Meine These lautet hier: die Urangst des Menschen vor dem Unbekannten als die Wurzel der Angst. Bedingt durch die Tatsache, dass wir keine Vergleichsmöglichkeiten haben oder Hilfestellungen älterer Generationen oder Medien nutzen können sind wir orientierungslos.
Nun gilt es neue Normen und Werte für den Umgang mit der Internetkultur zu erarbeiten, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und unsere Medienkompetenz zu festigen.
Das kostet Zeit und Kraft. Wir sind es gewohnt, dass uns Dinge abgenommen werden. Dies ist nun explizit nicht möglich.
Die SZ unterstellt zwar: „Vorbei sind Soziologie und Linguistik...Vergesst ...Ontologie und Psychologie! Wer weiß schon, warum Menschen Dinge tun? Der Punkt ist doch nur, dass sie sie tun...[...].“, dennoch bin ich der Meinung, dass die traditionellen Wissenschaftten immernoch als adäquate Hilfsmittel in der Erforschung eines Neulands fungieren. Insbesondere die Philosophie, welche uns seit Jahrhunderten erfolgreich begleitet.
Was genau ist das besondere an der virtuellen Realität im Vergleich zum analogen Leben?
Folgendes:
- Was die anderen tun, darüber hat man vor Facebook-Zeiten zwar gesprochen oder hatte eine ungefähre Vorstellung davon. Was sie aber „wirklich tun“, das meinen wir erst jetzt zu wissen. Voyeurismus ist tief im Menschen verankert. Ob es jedoch tatsächlich relevant ist, was Menschen alles angeben zu tun, wird nicht beantwortet. Die Brocken werden uns lediglich hingeworden. Ob wir sie fressen, obliegt unserer Entscheidung.
- Die Möglichkeit zu Filtern, besteht nur im Ansatz. Zusätzlich machen viele Menschen nur geringfügig davon Gebrauch. Bei Twitter beispielsweise ist es besonders einfach und wird sogar vom Anbieter suggeriert, Nutzern bei Desinteresse zu „entfolgen“ oder sie sogar zu „blockieren“.
Unterschied: „was machst du?“ zu „wo bist du?“
Grundsätzlich scheinen zwei komplett unterschiedliche Fragen vorzuliegen. Eine nach der aktuellen Beschäftigung, die andere nach dem aktuellen Aufenthaltsort. De facto sind die Antworten auf beide Fragen jedoch gleichermaßen heikel.
Weshalb fällt es uns leichter, über unsere Aktivitäten zu schreiben, als unseren Ort preiszugeben? Möglicherweise hält sich der Einzelne gern einen gewissen „Spielraum“ über die Spannbreite seiner Beschäftigung offen. So würde er beispielsweise seine Facebookfreunde über den Partyabend am Vortag, nicht jedoch über die unschöne Trennung von seiner Lebensgefährtin am selben Vormittag informieren. Diese Information würde seinen Freunden zwar nicht vorenthalten bleiben ( sondern z.B. durch einen Beziehungsvermerk für alle einsichtbar werden), dennoch würden Freunde nicht „direkt“ darüber informiert werden.
Ergo: niemand möchte sich Blöße geben. Wie auch im Alltag, ist die Hemmschwelle zwar variabel, dennoch gilt es, sich in einem möglich positiven Licht erscheinen zu lassen.
Doch all dies führt zu der Frage, die ich für mich selbst bisher nicht beantworten konnte:
wozu?
Welchen effektiven Nutzen haben wir davon?
Um fehlende Anerkennung im Privatleben zu kompensieren? Aus Spaß? Aber bedeutet ein ständiges Aktualisieren von Profilen, Foren, Bildern etc. nicht auch Anstrengung?
Vor einem halben Jahr besuchte ich einen von einem Bekannten empfohlenen Blog. Nach dem Lesen einiger amüsanter und interessanter Einträge, wurde der aktuellste Eintrag angezeigt. Es war der letzte des Bloggers. Er beschrieb den starken Druck der, bedingt durch die steigende Zahl der Abonennten seines Blogs, auf ihm lastete und das Gefühl, zu seinem Bloggerleben gar nicht aufholen zu können. Außerdem berichtete er von den Erwartungen (und, in der Philosophie: Erwartungs-Erwartungen) die ihm sein Leben schwer machten.
Letztendlich veranlasste ihn dieses Empfinden dazu, sein Blog einzustellen.
Die virtuelle Realität scheint also, gefühltermaßen, der bisherigen Realität in nichts nachzustehen. Manchen Menschen ist ihr Internetauftritt sogar wichtiger als ihre Wirkung auf Fremde in der Öffentlichkeit. Hieraus ergibt sich die Kontroverse von vermeintlicher Privatsspähre im Netz und der Realität in bisherigen Sinn. Dazu wurde viel veröffentlicht, bisher habe ich mich jedoch nicht eingehend damit beschäftigt, als dass ich an dieser Stelle Schlussfolgerungen ziehen könnte.
Was ich jedoch festgestellt habe: labile Menschen (dazu gehören auch noch nicht vollständig entwickelte Erwachsene), leiden besonders unter dem Druck ihrer virtuellen Realität und den damit verbundenen Erwartungen.
Außerdem wird so vermehrt Neid und Missgunst durch andere Internetlebensläufe geschert.
Auf der anderen Seite kann auch Bewunderung und so Motivation zu eigenen Taten entstehen. Das Internet also lediglich als Informationsquelle zu nutzen, wäre der falsche Ansatz.
Wie nun verhalten?
Es ist, wie so oft, das „kann“ das uns beschäftigt. Im hebräischen original „timschal“, kam es durch die Verwendung des Terms sogar schon zu verschiedenen Bibelübersetzungen, die bis heute Rätsel aufgeben.
Denn „können“ stellt frei. Die Anmeldung und Pflege eines Facebookprofils genauso wie der Umgang mit anderen Nutzern geschieht freiwillig.
Bilanz
Notwendig ist es, über das was man liest oder schreibt zu reflektieren und verantwortungsbewusst mit seinem virtuellen Ich umzugehen. Denn wie im „echten“ Leben hat man nur dieses eine.