9.10.2010

27.9. 2010

 

Ausgangstext zu „Die Moldau“ – Friedrich Smetana

 

Regen tropft, Regen prasselt, Regen schlägt gegen das Fenster.

Schneller. Vehementer.

Ein Blitz segmentiert den Auftritt des Regens in einzelne Kapitel.

Der Donner akzentuiert das Spiel, das wir Gewitter nennen, verleiht ihm Charakter.

 

Sonderbar, wie Natur funktioniert. Ganz ohne menschliches Zutun.

Nur ihren eigenen Regeln gehorchend. 

Alle Akteure fügen sich.

Zwar gibt es hin und wieder Uneinigkeiten bezüglich der Roller des Protagonisten, doch das kontinuierliche Prasseln des Regens, die Präsenz auf die stets Verlass ist, die unterschätzte Nebenrolle, führt den Konflikt zwischen Blitz und Donner immer wieder ad absurdum um gleichzeitig das Spiel fortzutreiben.

 

Diese Beständigkeit wird vom Temperament der Hauptakteure kontrastiert.

Das Publikum, wir Menschen, wissen häufig nicht zu schätzen welch dramaturgische Leistung die Natur uns ab und an offenbart und wie simpel deren Verhältnisse auf unser eigenes Leben übertragbar sind.

 

Texttransformation am Beispiel des Naturalismus-Textes „Jüngst sah ich den Wind“ von Arno Holz

 

Neulich hörte ich den Regen schlagen gegen mein Fenster. Tropfend, prasselnd erschreckte er mich als mir bewusst wurde, wie gleichsam er war. Wie genügsam sein Wesen.

 

Ich setzte mich um dem Gewitter zuzusehen. Ein Blitz zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die ältere Schwester des Regens. Sich selbst inszenierend durch gleißendes Licht. Stets den richtigen Moment abwartend, bis ihr Auftritt ihr alle mögliche Aufmerksamkeit beschert, die sie haben kann. Die sie braucht.

 

Doch ohne den Donner gelingt ihr Spiel nicht. Der älteste der der Geschwister.

Es fällt ihm schwer sich zu artikulieren. Als Grobian gilt er. Ohne Feingefühl. Mit der Fähigkeit sich durchzusetzen wann immer nötig.

 

Mich schauerte als ich ihn plötzlich vernahm, schließlich hatte ich mich auf den regen eingelassen. Die unvorhersehbaren Launen des Donners störten meine Wahrnehmung des Stückes. Doch bald machte der Regen in seiner Beständigkeit mir bewusst, dass dies das Schauspiel ausmache.

 

Der Regen. Er ist der Jüngste und Vernünftigste. Durch seine Präsenz wurde mir bewusst, wie sehr Blitz und Donner um Beachtung buhlten. Wie sie jeweils versuchen, sich in ihrer Darstellung zu übertrumpfen.

Jeder möchte Hauptakteur des Stückes sein. Ein jeder glaubt, ohne ihn wäre das Spiel belanglos, monoton.

Dabei vergessen beide, dass es ich jüngerer Bruder ist der das Spiel einleitet und ausklingen lässt. Ohne den Regen, den Verlässlichen der drei Geschwister, käme das Temperament der Älteren kaum zur Geltung. Es gäbe kein Spiel. Es gäbe lediglich Auftritte zweier Charaktere. Ein Gewitter wäre das nicht.

Die Akteure müssen gemeinsam auftreten um zu überzeugen. Nur der Regen weiß das. Und aus diesem Grund hält er es so wie jeder Darsteller mit tragender Rolle es tun würde: konsequent, verlässlich und mit Nachsicht.

 

Der Applaus des Publikums, meiner Person, war dem Trio an diesem Abend sicher.

 

 

Textformation an Beispiel Christian Morgensterns „Bundeslied der Galgenbrüder“ aus der Epoche der Moderne

 

Das Spiel liegt brach es streiten sich

wieder einmal die Hauptakteure.

 

Der Blitz zetert, es wäre ihr nicht recht,

dass der Donner so häufig auftritt.

 

Der Donner selbst verflucht den Blitz

und all ihre Sekunden im Rampenlicht.

 

„Sei verflucht!“, schallt es von links.

Es schreit von rechts: „Das seiest du selbst!“.

Es kracht, es blitzt, es poltert.

 

Aushalten muss das nur der Regen.

Doch ihm macht das nichts aus.

Er kennt das Spiel schon.

 

 

 

28.09.2010

 

Nach Recherche an einem beliebigen Grab, die Erzählung einer fiktiven Biografie

 

Wir hören von Bernhard Bunting. Geboren am 19. Oktober 1905, verstorben am 20. Oktober 1968. Die Orte jeweils unbekannt.

 

Bernhard Bunting, mit Alliteration im Namen, hätte Beamter sein können.

Seine Stätte ließe darauf schließen. Ein schmales, geradliniges Grab.

Schlichter, schwarzer Marmor am Kopfende, mit den Daten seines Lebens versehen.

Kaum Blumen. Alles akkurat im rechten Winkel zueinander. Die feuchte Erde sauber geharkt, in eine Richtung, parallel zu den Schrägen des quaderförmigen Grabes.

 

Ob er religiös war? Keine Anzeichen. Christliche Symbolik ist nicht erkennbar.

War er verheiratet? Keine Auskunft. Kein Abschiedsgruß, eine Widmung zu sehen.

 

1905, als Bunting geboren wurde hörten die Menschen Klaviersonaten auf dem Grammophon. Sie wurden regiert vom zweiten Wilhelm und lebten in einem land, das als Kaiserreich bekannt war.

So wuchs Bub Bernhard auf. Behütet womöglich, doch mit viel Disziplin. Der art von Disziplin, die heute als Auslöser kindlicher Traumata bekannt ist, damals jedoch nicht diskutabel war.

 

28 Jahre zählte er, als die Währung Reichsmark hieß, Nachbarn und Verwandte vom großen Weltverbesserer sprachen und man nach und nach sanskritische Glückssymbolik auf Armbinden zu tragen begann.

Bernhard war jetzt nicht mehr nur Bernhard. Er war zu „Herrn Bunting“ geworden.

 

Im Jahr des 40. Geburtstages Herrn Buntings nahm das Idol der Verwandten und Nachbarn sich das Leben. 

Nun trug niemand mehr das einst fremde Zeichen, dass mittlerweile jedem bekannt war. Außerdem waren viele Freunde verstorben.

Das Land, in dem Herrn Bunting nun lebte war kein Reich mehr. All seine Werte und die seiner Bekannten waren nun negativ konnotiert,

 

Im Auslandsurlaub, 10 Jahre später, wurde Herr Bunting geächtet. Ressentiments hingen in der Luft, sobald er mit deutschem Akzent nach dem fragte.

Herr Bunting verließ nie wieder die Grenzen.

 

Zurück aus dem Urlaub, gab es Neuigkeiten: das Land, in dem er aufwuchs nannte sich nun „Republik“. Seine Einkäufe hatte Herr Bunting mit der deutschen Mark zu bezahlen.

 

Mit 65 Jahren glaubte der Beamte Bernhard Bunting sich nun endlich an sein Leben gewöhnt zu haben. Die Ordnung, die im Land fehlte, herrschte an seinem Schreibtisch.

 

Drei Weihnachten später, verstand der Senior Beamte Bunting a.D. die Welt nicht mehr. Nichts war ihm mehr greifbar.

Ein Nixon wurde Präsident in dem Land, das sein Land einst befreit hatte, so hieß es. Die ehrenhaften Rächer, die einst Kaugummis und Kühlschränke einführten, bekriegten jedoch ein hilfloses Land im fernen Südostasien.

Herr Bunting verstand das nicht. Er las die Zeitung jetzt nur noch unregelmäßig.

 

Im Radio liefen nun die Stooges. Ein Iggy Pop brüllte zu ihrer Musik.

Herr Bunting mochte kein Radio mehr hören.

 

Die Kunst drehte sich um amerikanische Suppendosen und leuchtend gelbe Bananen, Retrospektiven und Comic-Drucke.

Pensionär Bunting kümmerte sich fortan nicht mehr um die Kunst.

 

Die Lebensbejahung der jungen Menschen und ihr Unverständnis gegenüber seiner Generation waren es nicht, die ihn in die Stille trieben.

Es war sein innigster Wunsch, in Frieden zu leben. Dort, wo Ordnung herrscht. Wo es sicher ist und die Zustände sich nicht mehr ändern.

Dort ist er heute.

Geschrieben von Natalie um 06:20
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