Ende Oktober fand in Münster das Neue Wände -Festival statt. Studenten der Universität hatten die Möglichkeit, am Kurzgeschichten-Wettbewerb zum Thema "Neue Wände" teilzunehmen.
Da ich keine Kurzgeschichten sondern Lyrik schreibe, habe ich einen Beitrag der Gattung Moderner Expressionismus eingereicht. Viel Spaß!
Neue Wände
Wir leben in einem Haus ohne Dachboden oder Keller. Keine Einwände.
2-Raum-Wohnung, 3-Raumwohnung? 16 Wände, 20 Wände? Zeitenwende.
Eine Besichtigung
Haare im Gesicht, bis über die Augen. Neue Wand.
Zeitung vorm Gesicht. Am liebsten liberal. Möglichst aus Hamburg. Neue Wand.
Unsere Sprache. Bei Kommilitonen, Feuilleton und jüngeren Geschwistern abgeguckt. Wandelbar. Neue Wand.
Falsches Lachen, Victory-Zeichen mit den Händen formen. Neue Wand um unseren Kern.
Fitness Studio, Schokolade als Ausgleich. Neue Wand.
Das Kinderzimmer mit Dachschräge. Einrichtung Ikea. Albern. Riecht nach verbranntem Popcorn, schmeckt nach Solero, klingt wie: Privatfernseh-Jingles.
Die Sonnenbrille die wir tragen, bei jedem Gespräch, in jeder Saison. Neue Wand.
Ipod,-phone,-pad für unterwegs. Neue Wand.
Markenzeichen: Zigarette, selbstgedreht. Fungiert als Wand.
Der Latte Macchiato aus der Szenekneipe zum veganem Büffet. Neue Wand.
Das Jugendzimmer. Mehr Schein als Sein. Austauschbar. Riecht nach H&M. Schmeckt nach Apple. Klingt wie Bands ohne Vertrag. Einrichtung: Sperrmüll.
Das Bad:
jener Lebenslauf, der uns selbst im Weg steht.
Weiße Wände.
Riecht nach Citrus-WC-Stein, schmeckt nach Überweisungsträger, klingt wie Lounge-Musik.
Die Küche:
Unsere Leinwand .Tagesthemen. Bunt, Reflektortapete mit Leuchtaufklebern und Urlaubspostkarten. Informationen, Kurzbiografie, Wunschbiografie, Steckbrief, Eigendefinition. Selbstdarstellung, Selbstverherrlichung. Eine Wand. Neue Wand. Verzierte Wände. Viele Bilder. Mit Holzrahmen und Passpartout. Miró-Motive. Gestellte Fotos. Analog und digital.
Riecht nach Lavendel-Duftbaum , schmeckt nach 5-Minuten Terrine, klingt wie Buena Vista Social Club.
„Noch ein Durchgangszimmer?“ „Ja.“ „Schlafzimmer?“ „Nein.“
„Wer schläft verliert nur...“ „...Zeitenwende!“ Willkommen im Büro:
Vier Wände mit Cocktailpartys, Junggesellenabschied, Raclet-Essen und Neuwagen.
Riecht nach: Staatsexamen. Schmeckt nach: Auslandssemester in Italien. Klingt wie: Feierabendjazz.
Eigentlich will ich gar nicht im Haus sein.
Am liebsten bin ich im Garten und atme.

Wettbewerbsbeitrag
Natalie Gies
Seiten: 2
Zeichen: 1820