Die SZ schreibt über Make-up. Vom Verdecken, vom Schützen. Von der Ästhetik. Ist das Ästhetik? Sollten wir nicht vielmehr unverdeckt leben?Tugendhaft, authentisch? Make-up ist Abiball. Make-up ist Business-Class. Make-up simuliert.
Dabei gilt es so viel zu bewältigen, so viele Herausforderungen, denen wir uns stellen sollten.
Accept your challenge.
Ich spreche nicht nur von Politik, von sozialen Barrieren und ökonomischen Hürden.
Ich spreche vom Leben als komplexes Konstrukt, das es zu bestreiten gilt. Vom Leben, das wir in dieser Form nur einmal erleben und dem es sich zu stellen gilt. Make-up im Sinne der kant’schen Phänomenologie, nämlich als trügerische Sinneswahrnehmung, ist hierbei lediglich hinderlich. Leben sollte nicht legitim, sondern vielmehr substantieller Natur sein und in seiner Pracht (der Amerikaner spricht treffender von magnificence) wahrgenommen werden. Innerhalb der marx’ schen Ideologie fungiere ich sicherlich als Vorzeige-Bourgeois-Sozialistin, im Jahr 2010 jedoch und im Hinblick auf eine neu-gewonnene Bürgermündigkeit im den Bereichen Politik, Bildung, Religion und auch Internet, scheint es mir momentan der einzige Weg danach zu streben, „die jetzige Gesellschaft beizubehalten, aber die mit ihr verbundenen Übel zu beseitigen.“ (K. Marx und F. Engels: Manifest der kommunistischen Partei. 1914.). Leben heute muss, um einen lateinischen Präfix zu verwenden, super-politisch, -institutionell, und –religiös gestaltet werden. Bedauernswert wie pseudo-bürgerliche Stimmen besten Gewissens die Errungenschaften der web 2.0-Generation aberkennen, ohne um deren Potenzial und Bedeutung zu wissen.
Doch wir brauchen keine Eigentumswohnung in der Rothenbaumchaussee um uns unseres Status’ sicher zu sein. Auch müssen wir keinen Rotwein trinken und für Tiefgaragenparkplätze zahlen. Wir sind die Bildungselite, mit einem Freundeskreis, der die exotischsten Orte dieser Erde umfasst. Wir editieren Wikipedia, und können dennoch kochen. Wir profitieren von Sokrates und Sloterdijk, haben Lustige Taschenbücher und bedrückende Romane gelesen, kennen Harry Potter und Hitchcock. Wir treiben Sport, studieren mit oder ohne Ziel, sind politisch und bestrebt, unser Umfeld zu einem besseren zumachen. Raubbau an unserem Engagement nehmen wir in Kauf. Wir wissen, dass Praktika nicht vergütet und Idealismus als utopisch polemisiert wird Das sind die Spielregeln. Doch wir spielen mit und jede Runde gelingt uns besser.
Irgendwann werden wir es sein, die die Zukunft nicht erschreckt. Denen die Kultur und Sprachen der neuen Mächte Indien und China keine Angst machen. Die sich nicht vor Individual-Arbeitszeiten und sonntäglichen Einkaufsmöglichkeiten fürchten. Und trotz der Pragmatik-Programme unserer Smartphones werden wir zu schätzen wissen, was es bedeutet, ein gutes Buch zu lesen, Kabarett nicht bei youtube beizuwohnen und Sport außerhalb eines Fitnessstudios zu betreiben.
Wir brauchen kein Make-up. Wir stehen hier und winken. Und wer unsere Zaunpfähle sieht, ist eingeladen, sich zu uns zu stellen.
Wir haben noch viel Holz und viel Zeit.