Rundbrief Nr. 1: Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer. liebe Freunde und Bekannte

18:02, 3.12.2007 .. 0 Kommentare .. Link
Nun bin ich schon über zwei Monate hier in Argentinien, habe mich gut eingelebt und genieße das Leben hier. Jetzt ist es an der Zeit für meinen ersten Rundbrief, in welchem ich Ihnen/euch über mein Leben und besonders von meiner Arbeit berichten werde. Ich lebe zusammen mit einer anderen Volontärin namens Carina in einer 1 ½ Zimmer- Wohnung in Florencio Varela.



Die Stadt liegt im Großraum von Buenos Aires und zählt zum ärmsten Vorort der gleichnamigen Hauptstadt. Das Eckhaus (Hauptstrasse/Nebenstrasse), indem wir wohnen, ist 15 Gehminuten von der Innenstadt von Florencia Varela entfernt. Eine kleine Fußgängerzone mit vielen Schuh- und Krimskramsläden zeichnen die Innenstadt aus. Auch ein Supermarkt sowie eine Wäscherei und Bäckerei sind in Kürze zu erreichen. Mit dem Gegensatz von Arm und Reich wird man hier ständig konfrontiert. Neben den teuren Geschäften stehen bettelnde Kinder und auf der Hauptstrasse fahren Cartoñeros (Müllsammler) mit ihren Pferdewagen entlang, um wenigstens ein wenig Geld durch das Mülltrennen von einer Firma zu bekommen. Es gibt sehr große, moderne Häuser und zwei cuadras weiter fängt die Villa (Armenviertel) an. Dazu komme ich jedoch später noch einmal ausführlichen.

Ganz Buenos Aires ist in einem schachbrettartigem Straßennetz aufgebaut. Diese quadratischen Blöcke nennen sich cuadras. Durch diese Struktur kann man sich gut orientieren und bekommt schnell einen Überblick, wo man sich befindet. Die erste Woche meines Aufenthaltes habe ich auf einem Einführungsseminar in Capital (Hauptstadt Buenos Aires) verbracht. Dort wurden wir gemeinsam mit anderen deutschen Freiwilligen der IERP (Iglesia Evangélica del Río de la Plata) auf unseren Aufenthalt vorbereitet. Die IERP ist eine Partnerorganisation der EKiR (Evangelische Kirche im Rheinland), von welcher wir hier landesspezifisch unterstützt und begleitet werden und in welcher wir immer einen Ansprechpartner finden, wenn es Probleme gibt.

Das Seminar war ein guter Ort zum Ankommen. Zwar war man schon in Buenos Aires, jedoch noch von Deutschen umgeben. Somit konnte ich mich langsam dieser riesigen Stadt und der für mich damals noch sehr fremden Sprache annähern.

Die folgende Woche kamen wir in unsere Wohnung. Am ersten Abend wurden wir freundlich von unserer Chefin Karina, welche nur ein halbes cuadra entfernt wohnt, empfangen. Diese Woche verbrachten wir damit, mit Karina die verschiedenen Projekte zu besuchen. Dadurch wurden wir langsam an unsere Arbeit und Umgebung herangeführt. Nach dieser Zeit entschieden wir zusammen, in welchem Jugendzentrum wer von uns arbeiten wird. Hier in Florencio Varela gibt es vier Jugendzentren. Das 3 de Mayo, Bosques, die Villa Argentina und Santa Inés, welche von Karina Raymondo organisiert werden. Es sind Zentren, die den sozial gefährdeten Jugendlichen einen gewaltfreien Raum bieten. An diesen Orten, welche für sie eine alternative zur Straße sind, haben sie die Möglichkeit, sich als Mensch zu entfalten und eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Es werden Workshops angeboten, Gesprächsrunden geführt und auch wird an der Wiederherstellung der Beziehungen zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen/Eltern gearbeitet. Die Zentren werden von Spendengeldern sowie zu einem kleinen Teil von staatlichen Zuschüssen finanziert.



Das Zentrum Santa Inés, in welchem ich arbeite, liegt in einem sehr armen Viertel. Dieses besteht aus Wegen, welche nicht asphaltiert sind und aus Blech/Holz gebauten Häusern. Einige wenige aus Stein. In diesen kleinen Hütten, mit meist nicht mehr als einem bis zwei Räumen, leben oftmals 10-köpfige Familien. Überall laufen Hunde, Pferde und viele Kinder herum. Gewalt sowie sexuelle Übergriffe liegen dort an der Tagesordnung. Aufgrund dieser Gefahr wurde ich in den ersten Wochen immer von meiner Betreuerin abgeholt und bin mit ihr zum Zentrum gefahren. Mitlehrweile treffe ich mich meistens an der Haltestelle in Nähe des Zentrums mit meinem Betreuer. Auch ist es jetzt kein Problem mehr, tagsüber alleine zum Zentrum zu laufen, da ich mich dort nun schon gut zu Recht finde und einige Menschen kenne, die dort leben. Nachts jedoch begleitet mich immer jemand bis mindestens zur Haltestelle.

„Mein Zentrum“ wird von zwei animadores (Betreuern) Chaque und Luis geleitet. Sie sind Ansprechpartner für die Jugendlichen, arbeiten und führen Gespräche mit ihnen sowie mit den Eltern. Auch Graciela, die für die Küche zuständig ist, ist täglich im Zentrum und sorgt für eine warme Mahlzeit. Dazu kommen dreimal wöchentlich weitere Mitarbeiter, welche für die einzelnen talleres (Workshops) verantwortlich sind. Dies sind für den taller plastica Francisco, Yanina für die Artesania und Maria für die Comunicación. Zusätzlich gibt es Murga (dazu später) sowie einige Asambleas (Gesprächsrunden). Nun möchte ich einmal den Tages- Wochenablauf im Zentrum beschreiben. Die Betreuer treffen sich um 15:00 Uhr im Zentrum. Dann wird besprochen, was für den Tag geplant ist oder wir besprechen den vorherigen Tag. Täglich gegen 16:30 Uhr kommen die Kleinen (~ zwei bis 12 Jahre, 20-60 Kinder) zur Merienda (Nachmittagsimbiss). Wir verteilen Milch mit Reis oder Müsliriegel. Um 17:00 Uhr öffnet das Zentrum für unsere Jugendlichen (~ 13-18 Jahre, 20-25 Jugendliche) und die unterschiedlichen talleres beginnen. Gegen 20:30 Uhr gibt es dann für die Gruppe ein warmes Abendessen. Montags, in dem taller artesania, werden Armbänder geknüpft, sowie sämtliche andere kunsthandwerkliche Dinge hergestellt. Diese werden auf verschiedenen Festen verkauft, wodurch ein wenig Geld in die Zentrumskasse gelangt. Am Dienstag veranstalten die Großen für die Kleinen Cine. Dabei wird ein Fernseher aufgestellt und eine DVD geschaut. Diese Arbeit gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln.

Es folgt Murgaunterricht für die Kleinen. Die Jugendlichen und Luis bringen den Kindern die Schritte bei, welche in den villas fast jeder beherrscht. Murga ist ein Tanz, in welchen die Jugendlichen auf eine andere Weise ausdrücken können, was sie bewegt und beschäftigt. Sie stecken ihre ganze Wut und ihre Aggressionen in diese Schritte und Trommelschläge. Dieses Trommeln und der Tanz sind gefüllt mit Gefühlen und Emotionen. Für Feste haben sie Kostüme aus glänzenden Stoffen mit glitzernden Pailletten, welche sie selbst herstellen.

Wenn die Jugendlichen bei mir im Zentrum einmal angefangen haben zu trommeln und zu tanzen, kriegt man sie kaum noch davon los und für mich ist es jedes Mal aufs Neue eine sehr beeindruckende Atmosphäre. Auch ich bin dabei diese Schritte und Trommelschläge zu erlernen. Gegen 19:00 Uhr findet dann eine Asamblea statt. Dort wird über ein bestimmtes Thema gesprochen oder es wird über Probleme, Unzufriedenheiten und Dinge, welche die Jugendlichen beschäftigen, diskutiert. Mittwochs kommt Francisco, welcher mit den Jugendlichen im handwerklichen Bereich arbeitet. Es wird gemalt, gebastelt und rumgewerkelt. Momentan arbeiten wir an einer riesigen „Phantasia de la Murga“, einer Puppe welche die Verrücktheit und Einzigartigkeit der Murga widerspiegelt.

Donnerstags findet nun neuerdings Volleyball statt. Danach steht Murga für die Großen auf dem Plan. Mittwochs und donnerstags wird für die Kleinen Nachhilfe angeboten. Am Freitag findet von 15-17:00 Uhr eine Reunión (Besprechung) des Teams mit Karina unserer Chefin, statt. Dort wird besprochen, was geschehen ist, wer auffällig war, mit wem gesprochen werden muss und wie in verschiedenen Situationen vorgegangen werden soll. Anschließend ist Bibliothek und später kommt Maria. In dem Taller der Kommunikation reden wir über Gruppenzusammenhalt, Verständigungsproblematiken und es werden Verstrauens- und Körperbeherschungsübung gemacht. Ein sehr breites Angebot, was jedoch von vielen Jugendlichen nicht geschätzt wird. Der Großteil kommt zu spät, viele, meist die Älteren, sitzen während der talleres nur rum, beteiligen sich nicht, quatschen, spielen mit ihren Handys oder trinken Mate (einen speziellen Tee, der hier immer und überall getrunken wird. Man trinkt ihn aus einem Matebecher mit einer bombilla (Art Strohhalm) und nach jedem neuen Aufguss wird er weiter gereicht). Es ist schwierig, die Jugendlichen zu motivieren. Aufgrund dessen hat das Team nun beschlossen, dass unsere Ältesten (18, 19, 20 Jahre) nun nur noch einmal pro Woche kommen werden und dass dann ein extra Raum für sie geschaffen wird, wo sie Gespräche führen und sich austauschen können. Die Jugendlichen haben keinen geregelten Tagesablauf und die meisten gehen nicht zur Schule, arbeiten nicht und hängen nur rum. Einmal fragte ich einen Jugendlichen (Gustavo, 18 Jahre), was er denn so macht. Daraufhin meinte er nur, dass er ins Zentrum kommt und sonst ist er halt zu Hause. Sie haben keine Zukunftsperspektive und leben im hier und jetzt. Was sehr stark auffällt, ist, dass viele Jugendliche immer sehr gut angezogen sind. Die Klamotten, oftmals Markensachen, sind sauber und riechen gut. Sie treten sehr gepflegt auf und wenn man sie auf der Straße sehen würde, würde man nie denken, dass sie aus einem solchen Viertel stammen. Sie denken: “wie wir auftreten, dass zählt, dies zeigt aus was für einer Klasse wir kommen“. Aus diesem Grund geben sie das wenige Geld, das sie haben, lieber für ihr Äußeres aus als für zum Beispiel Nahrung.

Meine Aufgabe ist es, bei allem was anfällt, mitzuhelfen. Anfänglich habe ich mehr zugeschaut und konnte noch nicht viel machen. Es war alles so neu und anders für mich. Doch mittlerweile kann ich mich mehr einbringen. Ich bin verantwortlich für unseren Materialschrank und schreibe jeden Tag auf, was gemacht wird und wer kommt. Ich kann mich schon ganz gut mit den Jugendlichen unterhalten und bei den talleres mithelfen. Aber ich helfe auch bei der Merienda. Ich habe die Möglichkeit, wenn ich die Sprache noch besser kann und die Jugendlichen besser kennen gelernt habe, einen eigenen taller zu machen. Da ist meiner Phantasie keine Grenze gesetzt, jedoch muss ich die Jugendlichen motiviert bekommen und das Material muss aus einfachen und günstigen Dingen bestehen, da die finanziellen Mittel sehr knapp sind.



Der Weg meiner Integration in diesem Zentrum wird mir immer deutlicher. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Arbeitstage, an welchen ich mir so unbeholfen vorkam und die Jugendlichen so auf Distanz waren. Es war alles so neu und fremd. Wenn ich mir dazu die jetzige Situation vor Augen führe. Die Beziehung, die ich zu einigen Jugendlichen aufgebaut habe, die Wärme und Zuwendung, die ich in Anwesenheit der Kinder, Jugendlichen und Betreuer verspüre. Ich werde herzlich begrüßt, sie reden mit mir. Ich fühle mich einfach sehr wohl in ihrer Anwesenheit. Um einen besseren Eindruck von dieser Entwicklung zu bekommen, möchte ich von einem Fall berichten. Anfänglich gab es Schwierigkeiten, da die älteren Jungs, die ca. mein Alter haben, oft über mich geredet haben. Das Mädel aus Deutschland, die die keine braunen Augen und keine dunklen Haare hat usw. Ich habe das alles nicht verstanden, jedoch erzählt bekommen. Es wurden Gespräche geführt und ich versuchte, eine Distanz zu ihnen aufzubauen.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass sich das Verhältnis zum Positiven entwickelt hat. Sie haben verstanden, was für eine Rolle ich in dem Rahmen meiner Arbeit habe. Bestimmt reden sie untereinander noch über mich, jedoch hat sich diese Beziehung sehr verbessert.

Ich habe schon einiges von den Hintergründen und Geschichten der einzelnen erfahren. Jedes Mal, wenn ich mehr erfahre, verschlägt es mir die Sprache. Bei diesen Geschichten kann man nur noch den Kopf schütteln. Unglaublich, zu was Menschen fähig sind. Zu diesem Thema möchte ich gerne ein Beispiel geben, was mich sehr geschockt hat, als ich es gehört habe. Yesica (13 Jahre), Favian (13 Jahre), Alexandro (10 Jahre), Milli (6 Jahre) und Juan (4 Jahre) sind Geschwister. Sie sind alle von der gleichen Mutter, haben jedoch alle verschiedene Väter. Die Väter der einzelnen Kinder stammen aus einer Familie. Der Vater von Juan zum Beispiel ist der Großvater von Yesica. Dazu kommen irgendwelche Brüder von den verschiedenen Vätern. Sie lebten mit Ihrer Mutter und noch einem Säugling zusammen in einer Holzhütte mit sage und schreibe einem Raum.

Eines Tages ist die Mutter samt neuem Freund und Säugling abgehauen. Sie haben sich eine Wohnung genommen und sie hat ihre fünf Kinder einfach zurückgelassen! Sie waren einige Zeit alleine, doch dann hat Chaque, meine Betreuerin, sie bei sich zu Hause aufgenommen. Nun lebt Chaque mit Ihren fünf Kindern plus den adoptierten Fünfen zusammen in ihrem kleinem Haus, was fast gegenüber von dem Zentrum liegt. Die Mutter mit dem sechsmonatigen Säugling ist nun wieder schwanger. Dies ist nur ein Beispiel von einem Schicksal, was man sich in Deutschland niemals vorstellen könnte. So etwas liegt hier jedoch an der Tagesordnung.

Auch andere Dinge, an die in Deutschland nie jemand denken würde, geschehen hier jeden Tag. Es ist hier vollkommen normal, dass das fünf-jährige Kind auf das Geschwisterchen aufpasst, das gerade mal zwei Jahre jung ist. Der Müll, der entsteht, wird einfach hingeworfen, wo man gerade steht oder er wird verbrannt. Alles wird hier verbrannt, egal ob Plastik, giftige Materialien oder wer weiß, was. Ich bin sehr glücklich damit, die Möglichkeit zu haben, hier zu sein und freue mich, mit diesen Kindern arbeiten zu können. Mit ihnen schöne Tag zu verbringen, mich mit ihnen zu unterhalten oder sie einfach mal in den Arm zu nehmen. Dinge, welche sie zuhause nicht bekommen und die für einen Menschen, meiner Meinung nach, lebensnotwendig sind.



Es ist schön, zu sehen, dass es hier Menschen gibt, die sich bemühen, gegen diese Zustände anzukämpfen; solche Jugendzentren entstehen zu lassen. In meiner Freizeit bin ich viel mit Carina unterwegs. Wir gehen in die Stadt oder suchen einen Park, um zu spazieren, aber diesen haben wir hier leider noch nicht gefunden. Eine Freundin, Yanina, hat uns nun beschrieben, wo wir einen finden können. Yanina, welche den taller artesania leitet, ist 25 Jahre alt und sie und ihr Freund Favio (Animador im 3 de mayo) sind gute Freunde von uns geworden. Mit ihnen unternehmen wir was und lernen das Nachtleben kennen. Alleine wäre dies nicht möglich, da wir abends nicht alleine raus sollen; es ist zu gefährlich.

Ansonsten, letzten Samstag waren wir auf einem Fußballspiel von der Mannschaft von Florencio Varela. Das ist mit der 2. Bundesliga in Deutschland zu vergleichen. Dort waren wir mit Carina´s Animador Alfonso und Favio. Dadurch haben wir noch Freunde von ihnen kennen gelernt. An diesem Abend nach dem Spiel, das leider unentschieden ausging, waren wir mit ihnen noch etwas trinken. Wir haben viel geredet und gelacht. Unter anderem sprachen wir über Unterschiede zwischen Argentinien und Deutschland, über Politik und Ungerechtigkeit auf der Welt. Durch Gespräche dieser Art habe ich das Gefühl, einen Einblick in Ihre Kultur und Denkweisen zu bekommen. Das ist es, was ich gerne kennen lernen möchte; die Kultur der Menschen hier. Dafür ist es sehr wichtig, Kontakte und Bekanntschaften dieser Art zu knüpfen.

Carina und ich waren schon einige Male in Capital, um uns mit anderen Volontären zu treffen und auszutauschen. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich die Eindrücke und Arbeitsstellen sind. Dafür, dass mit diesem Auslandsjahr ein Traum für mich in Erfüllung gegangen ist und dafür, dass ich diese Erfahrungen sammeln und diese Arbeit leisten darf, möchte ich mich ganz besonders bei der EKiR sowie allen Spendern bedanken. Außerdem möchte ich mich bei meiner Familie, meinen Freunden und allen anderen Personen bedanken, welche mir auf meinem Weg zur Seite stehen.

Liebste Grüße,
Vanessa
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