Liebe Spenderinnen und Spender, liebe Freunde, Freundinnen und Bekannte,

00:15, 9.04.2008 .. 0 Kommentare .. Link
die Zeit vergeht wie im Fluge und es ist kaum zu glauben, dass ich nun schon ein halbes Jahr auf der Südhalbkugel bin. Ich habe das Zwischenseminar hinter mir, wo mir sehr bewusst wurde, dass die Halbzeit gekommen ist. Dieses Treffen mit allen Freiwilligen in Argentinien war eine wunderbare Möglichkeit, sich mit den anderen auszutauschen und die erste Zeit intensiv zu reflektieren. Es war sehr schön, zu hören, wie andere Volontäre die Dinge sehen und was sie für Erfahrungen machten. Ich kann nun mit Sicherheit sagen, dass ich angekommen bin. Ich habe das Land kennen und lieben gelernt und die Menschen in mein Herz geschlossen.

Mein Spanisch wird immer besser. Ich denke schon überhaupt nicht mehr nach beim sprechen und verstehe fast alles. Das macht das Leben hier wesentlich einfacher. Wir hatten am Anfang des Jahres viele Besprechungen. Das gesamte Team hat die Jahresplanung der Zentren gemacht und es wurden Ziele gesetzt, welche wir bis Ende des Jahres erreichen möchten. Wir haben uns die Rollen der Mitarbeiter vor Augen geholt und sie bestimmt. Für mich war es sehr interessant zu erfahren, nach welchen Strategien gearbeitet wird. Auf der Arbeit fühle ich mich sehr wohl und akzeptiert. Ich arbeite weiterhin mit den Jugendlichen sowie auch in den talleres (Workshops) mit unseren Kleinen. Es macht mir immer noch sehr viel Spaß, dort zu arbeiten und ich erfreue mich an der Zeit, welche ich mit diesem Menschen verbringe. Ich bin einfach rundum glücklich mit meinem Leben hier und genieße es in vollen Zügen. Viele Freunde sagen:„ Du bist schon eine richtige kleine Argentinierin geworden“.

Soweit zu meiner derzeitigen Lage im Projekt und meinem Leben hier. In diesen Rundbrief möchte ich jedoch auf das Land und die Leute, wie man so schön sagt, eingehen. Auch die Kultur darf dabei nicht fehlen. Ich berichte hierbei aus eigenen Erfahrungen und so wie ich diese Dinge kennen gelernt habe.

Mit der Zeit ist mir bewusst geworden wie gerne ich in Florencio Varela lebe. Es ist einfach perfekt. Man hat alles in der Nähe, ist jedoch nicht direkt in der Metropole. Das Leben hier ist ruhiger und man ist viel näher an der Armut dran und kann sie somit leichter kennen lernen. Auch wohnen die Arbeitkollegen nicht weit entfernt und dadurch war es mir leichter möglich, einen guten, intensiven Kontakt aufzubauen. Capital Federal (das Zentrum von Buenos Aires) ist auch sehr schön, jedoch jedes Mal, wenn wir dort sind, mit Stress verbunden. Die Menschenmassen, welche sich durch die Strassen schieben und diese europäische Art, die sich doch sehr klar abhebt, gefallen mir einfach nicht. Ich denke, dass es mir, aufgrund dieser, meiner Meinung nach, sehr anonymen Metropole, auch schwer fällt, Kontakte zu knüpfen. Freundschaften zwischen Männern und Frauen sind fast unmöglich (dazu später). Es sei denn, man ist mit einem Pärchen befreundet. Eine Freundschaft unter Frauen oder das Kennen lernen einer Frau bringen meist Rivalitäten mit sich. Ich habe mir hier einen Freundeskreis aufgebaut, der zum größten Teil aus unseren Arbeitskollegen und anderen Volontären besteht. Ich würde gerne mehr Zeit mit Einheimischen verbringen, diese kennen zu lernen fällt mir und auch vielen anderen jedoch nicht leicht.

In meinem Urlaub, einer Reise durch verschiedene Provinzen, habe ich einiges von Argentinien gesehen und dies hat mir die Vielfältigkeit dieses wunderschönen Landes näher gebracht. Ein Land voller traumhafter Orte. Jedoch alle total verschieden. Ich habe Misiones gesehen, was im Nord-Osten des Landes liegt. Dort besuchte ich die weltberühmten Wasserfälle von Iguazu. Ich kam mir vor wie im Paradies. Ein so traumhaftes Naturschauspiel, wo sich im Dschungel das Wasser viele Meter in die Tiefe stürzt. Leider wollen viele Menschen diesen Ort besuchen und deshalb ist der Naturpark sehr touristisch und überfüllt. Trotzdem muss man diesen Ort gesehen haben, wenn man in Argentinien war. In Misiones ist die Sprache eine ganz andere. Sie sprechen viel weicher. Da sind wir mit unserem Lunfardo (spanischer Dialekt im Großraum Buenos Aires) direkt aufgefallen. Die Menschen kamen mir noch viel gelassener und ruhiger vor. Die Landschaft und das Klima sind auch sehr verschieden. Die Erde in Misiones ist rot und die Landschaft viel bergiger als hier im Großraum Buenos Aires. Dazu das tropische Klima und der Dschungel, herrlich.

Dann waren wir noch in Salta. Dies liegt im Nord-Westen Argentiniens. Wieder eine ganz andere Landschaft und Kultur, umgeben von Bergen, einer sehr trockene Luft und einer noch viel offeneren Kultur. Dort waren wir in einer Bar und haben die offene Art der Menschen zu spüren bekommen. Es wurden Gitarren ausgepackt und die Menschen haben aus voller Seele gesungen und getanzt. Herrlich, dieses komplett andere Leben kennen zu lernen. Es ist sehr schön, nun noch einen tieferen Eindruck von dem Land bekommen zu haben, in welchem ich zurzeit lebe.

Das Leben der Argentinier ist sehr locker. Das ist schon an der Begrüßung deutlich zu erkennen. Man begrüßt sich hier mit einem Küsschen auf die rechte Wange, was im Gegensatz zu dem Handschlag in Deutschland viel wärmer ist. Egal, ob es nur ferne Bekannte sind; es wird sich so begrüßt. Das spiegelt ihre offene Art wieder. Auch sind die Argentinier sehr gesellig. Zu jeder Zeit setzen sie sich zusammen und es wird Mate getrunken. Man sitzt zusammen quatscht und geniest den Augenblick. Wenn man einen Bekannten auf der Straße trifft, wird erst einmal der neuste Tratsch ausgetauscht. Diese lockere Art überträgt sich auf die Pünktlichkeit der Menschen. Eine halbe Stunde warten ist mindestens drin, wenn man selbst pünktlich ist. Man nimmt sich Zeit für die Dinge die einem wichtig sind. Die Menschen hier sind im generellen ein wenig chaotisch und was die Organisation angeht, sagen wir nicht ganz so ordentlich. Wenn es jedoch darum geht, auf irgendetwas zu warten, sei es an der Bank oder an der Bushaltestelle, dann geht es ganz geplant zu. Überall werden Schlangen gebildet und daran hält sich jeder. Egal ob die Schlange sich einmal um den ganzen Block zieht. Es wird sich ordnungsgemäß am Ende angestellt und wenn es sein muss, zwei Stunden gewartet.

Die Essgewohnheit hier ist auch eine ganz andere als in Deutschland. Morgens gibt es bei den Argentiniern ein paar Plätzchen und Mate. Zum Mittagessen meist auch nur eine Kleinigkeit, manchmal warm, aber oftmals auch kalt. Nachmittags zur merienda (Nachmittagsimbiss) wieder Plätzchen. Das richtige Mahl des Tages findet abends statt. Mit der ganzen Familie gibt es so gegen 22 Uhr eine warme Mahlzeit. Es sitzen alle zusammen und es wird ausgiebig gespeist. Das Essen hier ist grundsätzlich immer in irgendeiner Art mit Fleisch verbunden. Gibt es kein Fleisch, wird nicht gekocht. Oftmals gibt es am Wochenende unter Freunden oder auch in der Familie ein asado (Grillen). Dabei werden pro Person 1 ½ Kilo Fleisch eingeplant. Salat wird kaum gegessen. Wenn Beilage, dann ein kleinwenig Brot. Im Generellen werden hier sehr viele Kekse gegessen und alles was zu sich genommen wird, außer das Abendessen, ist viel süßer als in Deutschland. Sei es die gaseosa (Sprite, Cola, etc.) oder irgendeine Marmelade. Alles ist mit Zucker voll gepumpt. Auf der Arbeit wird dann in den schon sehr süßen Kakao noch mehr Zucker reingepackt. In den Armenvierteln wird auch besonders wenig Obst und Gemüse gegessen. Dafür dann um so mehr Süßkram. Noch zwei sehr populäre Dinge hier sind die facturas und Dulce de Leche. Facturas sind Teilchen, sehr lecker, günstig und zum Frühstück genau das richtige. Dulce de Leche ist eine Karamellcreme, ein sehr süßer Brotaufstrich, welcher aber auch in Facturas, Kuchen, Eis und Plätzchen zu finden ist.

Die Sprache der Argentinier ist mir sehr ans Herz gewachsen. Spanisch gefällt mir sehr gut. Der Sprachgebrauch ist ein ganz anderer. Die Emotionen werden sehr stark ausgedrückt und es wird sehr viel beschrieben. Hier werden Dinge ausgesprochen, wo ich als Deutsche denke:“ Mein Gott, so etwas würde ich niemals sagen“. Dies ist hier jedoch ganz anders gemeint. Schimpfwörter gehören hier in einer ganz normalen Konversation dazu und sind auch nicht böse gemeint. Es werden Wörter benutzt, die bei uns nur im äußersten Streit rausrutschen. In den ärmeren Vierteln, wie zum Beispiel bei mir auf der Arbeit, ist „Hey Hurensohn, wie geht’s?“ keine Seltenheit und in jedem zweiten Satz kommt ein anderes Schimpfwort vor. Aber auch unter unseren Freunden ist „Arschloch, was ist, machen wir heute was?“ im ganz normalen Sprachgebrauch zu finden. Wörter dieser Art gibt es hier un montón (haufenweise). Es ist nicht einfach, sie zu lernen und zu verwenden, denn man muss ein Gefühl entwickeln, wann sie verwendet werden. In manchen Situationen kommen sie falsch rüber oder werden nicht richtig verstanden. Auch aufgrund der Betonung haben sie unterschiedliche Bedeutungen.

Nun komm ich mal auf Musik und Tanz zu sprechen. Die Musik Nummer eins unter den Jugendlichen ist Cumbia. Die Sänger sind meist sehr jung und singen oft von Problemen unter der ärmeren Bevölkerung oder von der Liebe. Aber teilweise auch einfach sinnloses Zeugs. Diese Musik, die ich mit Schlager- oder Karnevalsmusik in Deutschland so etwa vergleichen könnte, hört man überall. Egal ob auf der Strasse, aus den Autos, in den Geschäften und in der Disco. Anfänglich hat mir diese ungewöhnliche Musik nicht gefallen. Mittlerweile jedoch, wo ich weiß, wie man dazu tanzt, gefällt sie mir immer besser. Reaggeton ist auch eine sehr verbreitete Musikrichtung hier in Lateinamerika. Es erinnert ein wenig an Hip Hop, ist aber noch mehr Sprechgesang. Auch gibt es Folklore und Salsa, dies jedoch verstärkt im Norden des Landes. Der Tango ist natürlich sehr bekannt, jedoch eher unter der älteren Generation verbreitet. Dann gibt es noch den rock nacional, welcher mich sehr anspricht. Was mir hier positiv an der Musikkultur auffällt, ist, dass ca. 90% in der Landessprache gesungen wird. Aber natürlich gibt es auch englische Musik sowie auch Techno.

Der „Weggeh-Rythmus“ ist hier ein ganz anderer. Wenn man in die Disco geht, braucht man vor 2 Uhr erst gar nicht los, da diese bis 2:30 Uhr alle wie ausgestorben sind. Um 3 Uhr fängt es sich langsam an, zu füllen. Aufgrund dessen ist man nach einem Discobesuch auch nie vor 8 Uhr morgens zu Hause. Getanzt wird fast immer zu zweit. Es wird sich an die Hände gefasst und los geht´s;). Es werden Drehungen gemacht und verschiedene Schritte. Dadurch lernt man sehr schnell Wesen des anderen Geschlechts kennen. Oft wird auch sehr körperbetont und eng getanzt. Wo mich auch diese andere viel offenere Art beeindruckt hat, war an Karneval. Frauen, die so gut wie gar nichts anhatten, zogen tanzend durch die Strasse. Aber nicht nur Frauen, sondern auch Kinder. Im Alter von fünf Jahren, nachts, in einem sehr aufreißerischen Outfit, durch die Strasse zu tänzeln, naja, andere Kultur halt….Durch dieses Erlebnis ist mir klar geworden, warum die Südländer so gut tanzen können. Sie bekommen es von Kind auf eingeprägt.

Durch den Tanz wird wieder diese offene Art an den Tag gelegt. Was den Tanz und die Ansprechweisen in der Disco angeht, sind die Argentinier sehr direkt und viele sehr aufdringlich. Oft hört man schon nach fünf Minuten die Frage:„ Darf ich dich Küssen?“. Es ist sehr schwierig, eine Freundschaft zu Männern aufzubauen. Wenn man sie kennen lernt, wollen sie alle nur das Eine. Eine Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist hier eher eine Seltenheit. Diese Art ist vielleicht auch eine Grundlage dafür, warum die Frauen oftmals schon sehr früh Kinder bekommen. In den ärmeren Gegenden ist dies noch häufiger der Fall. Zu dieser offenen Art kommen natürlich noch viele Faktoren hinzu, welche zu dieser Sache beitragen. Oftmals fehlen Aufklärung und ein vernünftiges Vorbild. Ich mein, wenn die Mutter schon mit 15 Jahren ihr erstes Kind bekommen hat, wie sollen sich die Kinder denn dann anders orientieren. Seit Generationen wird das frühe Kinder kriegen durch die villas (Armenviertel) getragen und dadurch kommt es, dass viele Kinder schon Kinder bekommen. Hier ist es keine Seltenheit, dass ein 18 jähriges Mädchen schwanger ist, aber auch mit 14 Jahren bringen schon einige Kinder wieder Kinder auf die Welt. Einige Jugendlichen wollen jedoch auch diese Schwangerschaft. Durch ein Kind haben sie etwas, was ihnen gehört. Etwas, was sie lieben können. Etwas, was sie oftmals in ihrer Familie nicht haben. Im Gegensatz zu dieser Offenheit bei der ersten Begegnung, besteht das Problem, die Freundin oder den Freund mit nach Hause zu bringen. Bis dies geschieht, vergeht oft sehr viel Zeit. Es muss etwas richtig Ernstes sein, bis man jemanden mit nach Hause bringt. Dies liegt, denke ich, daran, dass oftmals die ganze Familie unter einem Dach lebt. Der Opa, die Mutter, Vater, Geschwister, vielleicht sogar schon mit Mann und Kind, und manchmal auch noch Tanten oder Onkel. Wenn nicht unter einem Dach, dann kommt es vor, dass sie Tür an Tür leben. Ein anderer Grund, welcher diese Sache immer sehr in die Länge zieht, ist, denke ich, dass die Rollenverteilung, wie ich sie mitbekommen habe, noch einem sehr alten Model ähnelt. In vielen Haushalten ist es selbstverständlich, dass die Frau hinter dem Herd steht und macht, was der Mann will. Viele Eltern sind sehr streng. Die Kinder hören gut und machen das, was die Eltern sagen. Oftmals ist es auch noch so, dass die Mutter/der Vater sehr viel zu sagen haben, wenn man schon über das Jugendalter (über 18 bei den Männern, über 21 bei den Frauen) hinaus ist. Besonders in den Armenvierteln fällt auf, dass die Frauen zuhause sind und die Männer arbeiten gehen.

Gewalt gehört besonders in den Armenvierteln zur Tagesordnung. Kinder werden angeschrieen und oftmals geschlagen. Besonders die Frauen und Kinder leiden unter dieser Gewalt. Vergewaltigungen, Schläge und andere Arten der Nötigung sind keine Seltenheit. Unsere Organisation arbeitet stark mit diesen Jugendlichen und Familien. Oftmals ist der Übeltäter bekannt und es passiert trotzdem nichts. Viele Menschen kennen ihre Rechte nicht. Ein Rechtsanwalt bringt ihnen die Gesetze in einfacher Sprache näher, damit sie sie verstehen. Das größte Problem ist, dass die Menschen Angst vor der Justiz haben. Die Gesetze stehen wie eine unübersehbare Mauer vor ihnen. Auch wissen sie, dass sich in den meisten Fällen doch nichts verändert. Wo sollen die Jugendlichen/Kinder denn auch hin? Auf der Strasse leben? In den eher schlechten als rechten Heimen einen Platz zu bekommen, ist fast unmöglich und dort gibt es auch nicht selten „böse Männer“. Oft kommen die Kinder im Endeffekt nach einiger Zeit zurück ins barrio (Viertel) oder leben auf der Strasse. Mit diesen Aussichten und der minimalen Chance auf Besserung, sich diesen Aufwand zu machen? Was soll denn passieren? Die Übeltäter sind bekannt, meistens sogar aus der eigenen Familie, Vater, Opa, Onkel, Bruder. Die Mutter schweigt oder sieht aus Angst darüber hinweg. Oftmals steht das Viertel hinter den Übeltäter, weil er äußerlich ein lieber netter Mensch ist.

Zu dieser Situation möchte ich gerne ein Zahlenbeispiel aus Florencio Varela, dem ärmsten Vorort von Buenos Aires, geben:
Es leben 480 tausend Menschen in Florencio Varela, die registriert sind. Dazu kommen die Menschen ohne Pass. Ungefähr 75% der jungen Frauen kommen in irgendeiner Weise mit häuslicher Gewalt in Kontakt. In Florencio Varela gibt es sage und schreibe fünf Heime. Eins davon ist für misshandelte Frauen mit gerade einmal 10 Plätzen. Die anderen Heime haben auch nur 15 Plätze zur Verfügung. Alle diese Heime werden von kirchlichen Einrichtungen finanziert. Vom Staat fließt kein centavo in diese Projekte.

Was hier auch häufig passiert, sind Überfälle. Meist sind es Jugendliche oder junge Erwachsene, aber auch Männer, die stehlen und rauben. Besonders als Ausländer muss man aufpassen, da wir für sie leichte, gute Beute sind, wie sie denken. Wir haben dieses Sicherheitsgefühl noch nicht richtig intuitiv in uns drin und haben, wie sie denken, viel Geld und Wertsachen. In den Zügen muss man besonders aufpassen. Dort haben immer alle Passagiere ihre Taschen und Rucksäcke vor den Bauch geschnallt. Mir ist in dieser Hinsicht zum Glück noch nichts passiert. Andere Freiwillige sind jedoch schon mit einer Pistole bis auf die Unterwäsche ausgeraubt worden. In solchen Fällen kann man von Glück sprechen, dass nicht mehr passiert ist. Man muss sich, besonders nachts, gut überlegen, durch welche Strassen man geht. Hier in Florencio Varela haben wir aufgrund unserer sozialen Kontakte jedoch schon ein gutes Gefühl dafür bekommen, wo wir uns ohne Probleme auch abends aufhalten können.

Die Polizei hat hier unter der Bevölkerung einen schlechten Ruf. Es wird gesagt, dass sie nichts machen und sehr korrupt sind. Ich habe von vielen Einheimischen den Hass gegenüber der Polizei mitbekommen. Auch ist es wohl so, dass die Polizei für Geld fast alles macht. Für mich machen die Polizisten einen sehr wichtigtuerischen Eindruck. Sie sind immer mit schusssicherer Weste gekleidet und tragen Waffen bei sich. Ist in Deutschland zwar auch so, aber hier fahren die Polizisten auch in diesem Outfit nach Hause. So kommt es abends manchmal vor, dass ich einen solchen Polizisten, außerhalb der Dienstzeit, in voller Montur neben mir im Bus sitzen habe. Etwas anderes, was noch sehr stark auffällt ist, dass sie egal wo immer, mit Blaulicht herum fahren. In den ärmeren Gegenden wird sie selten gerufen, wenn irgendetwas ist, weil sie oftmals nichts machen oder gegen sie handeln. Manchmal kommen die Polizisten in die villas, um sich Drogen oder sonstiges zu beschaffen oder zu verkaufen.

Was mich sehr erschrocken hat, war, als ich an dem Tag der Präsidentenwahl spazieren war und die Bewachung der Wahllokale gesehen habe. Sie wurden mit scherst bewaffneten Beamten kontrolliert. Ein Polizist stand sogar mit griffbereitem Maschinengewehr da, was mich sehr beängstigte. Was die Wahl angeht, war es vorher schon klar, dass Christina Kirchner, die Frau des ehemaligen Präsidenten, die Wahl gewinnen wird, da es kaum eine andere Möglichkeit gab. Das Volk konnte Christina Kirchner wählen, welche ohne politische Kenntnisse aufgestellt wurde. In der Öffentlichkeit sprach ihr Mann für sie. Frau Kirchner argumentierte nicht, warum man sie wählen solle, doch das brauchte sie auch nicht, da die andere aufgestellte Partei rechtsradikal ist. Dies zeigt eindeutig die korrupte Art Argentiniens und es wird sehr deutlich, dass dieses Land noch lange keine Demokratie ist, obwohl es sich so nennt.

Der Großteil der Menschen in Argentinien ist katholisch. Doch auch der evangelische Glaube ist vertreten. Anfangs dachte ich, komisch angeguckt zu werde, wenn ich sage, dass ich nicht getauft bin. Dies war jedoch nicht der Fall. Es wurde gut aufgenommen und akzeptiert. Die Menschen in meinem Umfeld sind alle getauft, gehen jedoch eher selten in die Kirche. Was sehr stark auffällt, ist, dass am Straßenrand oder in den Vorgärten, sowie in den villas oft Gedenkstätten stehen. Dies sind kleine Häuschen, ca. 1 1/2m groß, mit einer überdachten Fläche, welche mit Kreuzen, einer Jesusfigur, Kerzen und Blumen geschmückt ist. Wenn die Menschen daran vorbeikommen, bekreuzigen sie sich und küssen sich auf den Zeigefingerknöchel.

Hier in Florencio Varela sehen die Kirchen sehr merkwürdig aus. Es sind nur Hallen, welche sich unter den Wohnhäusern befinden. Einmal waren wir in einer dieser Kirchen, um sie von innen zu betrachten. Es ist ein großer bestuhlter Raum, in welcher vorne auf einer höheren Ebene ein geschmückter Altar steht. Was mich sehr erschrocken hat, war, was während dieser Messe gemacht wurde. Es wurde eine Teufelsaustreibung vollzogen. Eine schreiende Frau, welche sich hin und her schmiss, wurde von mehreren Männern festgehalten. Ich sprach mit meinen Betreuern über dieses Erlebnis und diese sagten mir, dass es hier wohl normal wäre, da es viele verschiedene Sekten gibt. Diese sind hier, solange keine Lebewesen geopfert werden, erlaubt. Was ich auch sehr ungewöhnlich finde, ist, dass es hier recht viele Mormonen gibt. Mir ist in einer Begegnung mit einer Mormonin aufgefallen, dass sie sehr Nord-Amerika fanatisch ist und nur englisch mit uns sprechen wollte. Auch war sie ganz stolz, Deutsche zu kennen.

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen aus den ärmeren Schichten sich oftmals an ihrem Glauben festhalten. Dies ist etwas, in welchen sie ihre Hoffnung setzen können, aus ihrer Situation raus zu kommen. Auch wenn sie noch so verzweifelt und aussichtslos sind, haben sie in ihrem Glauben etwas, was sie an der Oberfläche halt. Diesen Eindruck habe ich und ich finde es sehr bemerkenswert, wie viel Kraft sie dadurch schöpfen. Aus diesem Teufelskreis der Armut heraus zukommen, ist sehr schwierig, aber einfacher ist es mit dem Willen dazu. Über die Armutslinie (welche bei einem Monatsgehalt von 1600$, ca.340€ liegt) hinauszukommen, ist nicht einfach. Ein Lehrer verdient zum Beispiel ca. 1300$ im Monat. Aufgrund dessen gehen viele Menschen bis zu über 12 Stunden am Tag arbeiten, um ihre Familie über Wasser zu halten.
Oftmals bei Dingen, welche die Lebensweise in der Armut widerspiegeln, sagt mein animador zu mir:„ Viste Vanessa, éste es el tercer mundo.“ (Siehst du Vanessa, das ist die dritte Welt). Ich bin sehr froh, diese kennen lernen zu können. Die Erfahrungen, die ich mache, weiter zu tragen und mit meiner Arbeit ein klitzekleiner Teil ihrer Entwicklung sein zu dürfen. Dafür, dass mir dies möglicht ist, möchte ich mich bei ihnen ganz herzlich für ihre Unterstützung bedanken.

Viele liebe grüße aus der Ferne, Vanessa

Weitere Zwischenberichte und Fotos sind auf meinem Blog www.vanessa.de.cz zu finden.
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