Vom Uhrmacher, der sich in der Zeit verlor

Ich hatte diese Geschichte schon einmal hier reingestellt, bevor alle Daten gelöscht wurden und gerade eben habe ich sie mir mal wieder durchgelesen und mich gefreut. ^^

In einem Königreich lebte einst ein Uhrmacher. Der König hatte das Land schon regiert, seit Menschen sich erinnern konnten, und er würde auch dann noch regieren, wenn die Welt keine Menschen mehr brauchte. Daher befahl der Regent dem Uhrmacher, ihm eine Uhr zu fertigen – eine Taschenuhr, mit deren Hilfe man die Ewigkeit messen konnte.

Da saß der Uhrmacher also vor seiner Werkbank, auf der Viertelrohr und Zeigerwelle, Ankerrad und Federhausbrücke, Zentralsekunde und Lagersteine, Unruh und Minutentrieb sich mit Bauteilen zum Messen der Ewigkeit, die noch niemand benannt hatte, ein glänzendes Stelldichein gaben, und seine geschickten Finger fügten ein jedes Teil zum anderen. Viele Tage und Nächte arbeitete er ohne Unterlass, dann war das Werk vollbracht. Es schimmerte und tickte, und der Uhrmacher war es zufrieden. Es blieb ihm nur noch einen gläsernen Deckel am Uhrenkörper zu befestigen, doch jetzt war der Uhrmacher müde, die Augen fielen ihm zu vor Erschöpfung, und so schlief er ein.

Als er erwachte fand er sich auf einer weißen, spiegelglatten Fläche wieder, die sich, so weit das Auge zu blicken vermochte, in alle Richtungen erstreckte. Und wie man im Traum weiß, dass man sich an einem Ort befindet. Der unmöglich existieren kann, und diesen Ort dennoch fraglos akzeptiert, so wunderte sich auch der Uhrmacher nicht darüber, dass es das emaillene Ziffernblatt der Taschenuhr war, auf das es ihn verschlagen hatte. Sieh, da drehte sich ihm auch schon ein Zeiger entgegen, ein einzelner, schwarzer Zeiger, der in seinem ganz eigenem Takt tickte und sich schnell von der Stelle bewegte

Und wie jeder Traum

Die ihm innewohnende Notwendigkeit dem Schlafenden vermittelt, so wusste auch der Uhrmacher, was seine Aufgabe war: dem Zeiger zu folgen. Nur wenn er den Zeiger einholte und sich rittlings auf ihn schwang, würde er in Eintracht mit der Zeit leben.

Schon setzte der Uhrmacher sich in Bewegung. Doch kaum hatte er die ersten Schritte getan, da überfiel ihn ein tiefer Schrecken: Es war ihm ja ganz unmöglich, seine eigene Position im Verhältnis zu der des Zeigers auszumachen! Denn ob er selbst sich vor oder hinter dem Zeiger aufhielt, war weniger eine Frage des räumlichen Abstandes als eine der zeitlichen Definition. Befand sich der Zeiger dicht hinter dem Uhrmacher, so mochte der Uhrmacher einen zeitlichen Rückstand von einer oder mehreren Runden haben, und der Zeiger, den es einzuholen galt, befand sich in Wirklichkeit hinter ihm. Lag jedoch der Vorsprung beim Uhrmacher, so mochte der den Zeiger geradewegs vor sich sehen und wusste doch, dass jetzt der Zeiger den Vorsprung wettzumachen hatte, sich also hinter ihm befand.

All das war höchst verwirrend. Auch hatte der Uhrmacher, das der Zeiger sich in steter, zur Verfolgung oder zum Davonlaufen mahnenden Bewegung befand, weder Rast noch Ruhe, über dieses Problem nachzudenken, denn er befand sich in ständiger Eile. Und wie um ihn zu verspotten, schwang nun auch noch der Zeiger herum und kam ihm entgegen, so dass selbst der Uhrzeigersinn jetzt gar keinen Sinn mehr machte.

So blieb dem Uhrmacher nichts anderes, als weiter und weiter über das Ziffernblatt zu hetzen, mal in diese und mal in jene Richtung und dann wieder im Kreise, ganz wie ein aufgescheuchtes Kaninchen auf der Flucht vor dem Fuchs. Die geringste Bewegung, so überlegte der Uhrmacher irgendwann, als Erschöpfung und Schwindelgefühl kaum noch zu ertragen waren müsse wohl im Zentrum des Ziffernblattes herrschen, auf der Achse des unerbittlich rotierenden Zeigers. Ja, nach  dort wolle er sich gleich auf den Weg machen, dort wolle er ausruhen.

Wie überrascht war der Uhrmacher, als er sein Ziel erreichte und dort, auf der Achse des Zeigers, ein kleines, noch dazu beschriebenes Papier fand! Fünf Worte waren es, die darauf standen, fünf Worte, zusammengestellt aus so winzigen Buchstaben, dass man sich kaum vorstellen konnte, wo auf der Welt es eine so dünne Feder geben sollte, die damit zu schreiben. Nun, mochte es nicht sein, dass der Verfasser der Worte keine Feder, sondern ein Haar zum Schreiben benutzt hatte? Doch dann wiederum: gab es ein Lebewesen mit solch feinen, dünnen Haaren?

 

SO HABEN WIR NICHT GEWETTET

 

Las der Uhrmacher mit zusammengekniffenen Augen.

Kaum war der letzte Buchstabe entziffert und die fünf Worte gelesen, das stellte der Mechanismus der Uhr seine Arbeit ein. Der Zeiger blieb stehen und der Uhrmacher fühlte sich von einem heftigen Wind ergriffen und davongerissen, als der letzte Bruchteil der letzten verstreichenden Sekunde ihn verschluckte. Keiner weiß, was aus ihm wurde, denn er verschwan für immer in der Zeit und ward nicht mehr gesehen.

Der König des Reiches aber wartete vergebens auf die Erfüllung seines Willens

 

Aus „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Geschrieben: 05:54 , 9.02.2007

Die Mitte der Welt

Hach, die Geschichte ist schön! Nicholas hat ein richtiges Talent zum Schreiben! *g*
Ich glaube, ich muss mir das Buch auch kaufen! (Irgendwann wenn ich Zeit und Geld habe (ich weiß, für Bücher hat man immer Geld! *g*))
Bis DÄnne! Beli

Geschrieben von Beli um 06:55 , 10.02.2007
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