3.10.2008
Es gibt Dinge, die vergesse ich nie... andere dafür zu gern...

Ich habe heute die Augen aufgemacht und meinen Bruder gesehen. Wir waren vielleicht 10 und 11 Jahre alt und kletterten verbotener Weise auf den Sandbergen der Baustellen herum. Wir kletterten über Mauern und streunten durch ausgebrannte Häuser. Wir gingen schwimmen und spielten bis weit in die Dunkelheit Verstecken.
Wir haben zusammen gelacht und geweint, gespielt, gestritten und gelitten. Vor allem haben wir zusammen gestanden, wenn es notwendig war. Immerhin haben wir immer noch 2/3 unseres Lebens gemeinsam auf kleinem Raum verbracht.

Ich habe mir seine überflüssigen Diskussionen angehört. Wenn man es genau betrachtet, habe ich durch seine Arbeitskollegen mein erstes Zuhause nach dem Elternhaus gefunden und den schönsten Sommer meines Lebens erlebt. Bisher konnte ihn noch kein weiterer toppen.
Ich habe mir seine Frauengeschichten angehört, bei denen ich nach kurzer Zeit sowieso nicht mehr durchblickte. Ich kannte sein Beuteschema - Frau mit kleinem Kind - und ich fürchtete, dass er weiter machen würde wie immer, als ich ihm meine Freundin und ihre Tochter vorstellte.
Damals hatte ich nicht geahnt, das ich auf seiner Hochzeit stehen würde. Aber als es soweit war, habe ich mich so für die Beiden gefreut. Trotz aller Bedenken, die ich gehabt haben mochte, passen sie zu einander.

Dann ist er noch der Schuldige für so viele andere schöne Momente.
Da wäre meine Nichte, die ich bereits in den Schlaf sang und der ich Geschichten erzählte, als sie noch nicht meine Nichte war. Wie schockiert war ich, als sie meinen Bruder nach so kurzer Zeit schon "Papa" nannte. Und wir lächelte ich, als der alte Mann von Nebenan meinte, sie sehe mir ähnlich.
Dann wäre da meine Nichte, die ich als einzige aus der Familie, mal vom Vater abgesehen, auf dem Arm gehalten habe, bevor sicher war, dass sie meine Nichte ist. Heute bin ich so dankbar darum, dass ich ihn damals fahren musste.
Dann wäre da meine Nichte, die ich als erstes - gleich nach Eltern und Krankenhauspersonal - auf dem Arm halten durfte. Ich werde niemals vergessen, wie ich Stundenlang wiegte, summte und ihr immer wieder sagte, dass ihre Schwester wieder nach Hause kommen wird.

Dann wäre da meine Freundin und Schwägerin. Lange bevor die beiden sich kannten, haben wir uns gestritten, belogen, zusammen gespielt, gelacht und uns getröstet. Und niemals zuvor waren diese Gefühle so intensiv und so folgenreich.

Ich könnte noch Stunden so weiter erzählen, Erinnerungen wieder sehen und dazu lächeln. All das kann ich niemals vergessen.
Aber ich vergesse gerne Dinge, die gesagt wurden, im Streit, weil man aufgebracht war und sich einfach nur nicht verstanden hat. Dinge, die all das zuvor einfach nichtig machen sollen. Denn das ist nicht möglich.

Geschrieben von Sunnypluesch um 09:24 AM | in: Emotions
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