Heute rief dann der Doc an (netter Weise war die Arzthelferin so freundlich anzurufen und zu sagen, dass er eher entweder nicht in der Praxis ist oder keine Zeit hat). Aus der Befürchtung ist somit Gewissheit geworden. Meine Kleine hat noch irgendwas zwischen zwei und sechs Monaten, selbst mit diesem Spezialfutter. Beinahe fünfeinhalb Jahre hab ich mich nun mit ihr rumgeärgert, Geld in ihre Gesundheit gesteckt, mich um sie gesorgt, über sie gelacht und mit ihr gekuschelt. Und nun soll ich in Kürze einen Tag benennen, an dem all das vorbei sein soll. Gut, Tierliebe bedeutet auch, loslassen zu können, wenn das Tier nur noch leidet. Ich will der Kleinen auch nicht zumuten bis zum Ende durch zu halten. Und doch ist es unendlich schwer.
Zu Ostern 2001 holte ich Jerry aus dem Tierheim. Sie war die einzige Katze, die sofort neugierig an die Tür kam. Antrazitfarbenes Fell und honiggelbe Augen, so unterernährt, dass der Kopf einer Siam-Katze glich. Den Kopf hielt sie immer etwas schief, was an einer Mittelohrentzündung lag, welche die Ärzte des Tierheims natürlich nicht diagnostizieren konnten. Aber kastrieren und chippen konnten sie das Tier immerhin. Die Schieflage des Kopfes hat sich bis heute nicht gelegt. In der Beschreibung des Tierheims stand: getigert, russisch-blau. Wo sie getigert sein soll weiß ich bis heute nicht. Ihr Unterfell ist von hellem grau, das Deckhaar antrazit.
Jerry liebte es Fliegen, Bienen und Wespen zu jagen, wenn diese sich in die Wohnung verirrten. Heute ist sie da schon etwas träger. Wie hatten die Ecke, in welcher der Kratzbaum stand, bis zur Decke mit Teppich ausgekleidet. Wenn sie mit Trixi durch die Wohnung jagte, ging es daran hinauf, bis beide wie angeklettet unter der Zimmerdecke am Teppich hingen.
Vor drei Jahren wohnte ich noch in einem 36qm Appartment. Für die Tiere war nicht viel Platz, ganz besonders, wo sie eine 4-Zimmer-Wohnung gewohnt waren, aber es war eine verkehrsberuhigte Gegend mit Hintergärten. Gerade Jerry entwickelte sich zu einer Teilzeit-Freigängerin. Die Witterung war ihr dabei beinahe gänzlich egal. Sie folgte mir ohne Leine wie ein kleiner Hund zum Papierkontainer zwei Straßen weiter, am Feld entlang bis zum Aldi-Parkplatz oder in die andere Richtung bis zur Sparkasse. Ihr Revier umfasste gut zwei oder drei Häuserblöcke (genau hab ich es nie raus gefunden), wobei ich nie Merkmale von Revierkämpfen an ihr entdeckte. Dabei gab es in der Nachbarschaft durchaus einige Freigänger. Meistens ließ ich sie hinten zum Garten raus, aber ab und zu, weil sie mir wirklich folgte wie ein kleiner Hund, kam sie auch mit mir vorne raus. Normalerweise schaute sie immer erst neugierig um die Tür und ging dann langsam bis zur Ecke von Wiese und Bürgersteig, um erneut die Gegend zu sondieren. Aber zwei mal flitzte sie wie ein kleiner schwarzer Blitz an mir vorbei und gleich über die Straße. Einmal nur Milimeter vor einem Auto. Mein Herz setzte damals sicher drei Schläge aus. Ein anderes Mal im Januar blieb sie beinahe 48 Stunden verschwunden - bei Minustemperaturen! Schließlich fand ich sie gesund aber hungrig einen Block weiter hinter den Kontainern eines Kunstschmieds. In dieser Wohung, immerhin im zweiten Stock, sprang sie mir auch aus dem Fenster, während ich nur mal eben neues Wasser holte um wieder durch die Scheiben schauen zu können.
Als ich mit Vivi zusammen zog und ein Hund, Xanadu, ins Haus kam, waren die Beiden nach kurzer Zeit bereits Freunde. Xana wacht noch heute mit Argusaugen über Jerry. Die neue Wohnung lag mitten in der City. An Freigang war nicht mehr zu denken, aber Jerry war ja an die Leine gewöhnt. Sie erwartete oft mitgenommen zu werden, wenn wir mit dem Hund raus gingen. Ließen wir sie zurück, begrüßten sie uns mit einer Beschwerde von penetrantem Maunzen. Ich kenne keine andere Katze, die so nervtötend und anhaltend maunzen kann. Mit Jerry an der Leine kann ich mitten durch die bevölkerte Fußgängerzone gehen. Wie ein kleines Wiesel schleicht sie an Hausecken entlang, hat sogar gelernt, die Leine nicht um Laternenpfähle und Schilder zu wickeln. Alles muss ausgiebig beschnuppert werden. Begegnen wir einem anderen Hund, ist Xana ihr großer Beschützer und stellt sich zähnefletschend vor sie. Sicher wird auch er die Kleine tierisch vermissen.
Jerry hat die Angewohnheit, sich einen Schlafplatz zu suchen, der dann für mindestens zwei Wochen ihr Lieblingsplatz ist. Egal ob es das Bett ist, ein Schrank, ein Regalbrett, die Fensterbank, die Hollywoodschaukel oder eine Ecke des Sofas. Sie verlässt diesen Platz nur zum Fressen und Trinken. (Manchmal leider nicht zum Pinkeln.) Jerry muss nicht rund um die Uhr betüddelt werden. Sie entscheidet selbst, wann sie ihre Streichel- und Spieleinheiten haben möchte - aber dann lässt sie sich auch nicht beruhigen, bis sie zufrieden ist. Im Gegensatz zu Trixi lässt Xana sie problemlos mit ins Bett. Oft macht sie es sich auf dem Rücken, dem Bauch oder gleich über den Kopf von Vivi oder mir bequem und schnurrt dann wie ein kleiner Motor.
Unter unseren Freunden ist sie berüchtigt. Wir haben oft viele Gäste da und wenn das Haus voll ist, ist selbst der Lieblingsplatz uninteressant. Dann müssen die Gäste beschnuppert werden. Streicheleinheiten fordert sie, indem sie jedem auf dem Schoß springt und einfach mit ihren spitzen Krallen zu treteln anfängt. Unsere Gäste haben inzwischen immer ein Kissen griffbereit, sobald die Katze in Sicht kommt.
Jerry lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ich kann mit ihr mit den Händen spielen ohne einen nennenswerten Kratzer davon zu tragen. Von unseren Dreien kommt sie am Besten mit Kindern klar. Klein Mel kann mit dieser Katze wirklich alles machen. Vergangenen Sommer (sie war grade ein Jahr alt und hatte auch noch nicht alle Zähne) stand sie in einem improvosierten Laufstall aus Sofa und Sesseln, während wir Erwachsenen mit P&P beschäftigt waren. Jerry lag genau in Griffhöhe auf der Sessellehne und schnurrte ihr Motor-schnurren, währen klein Mel auf ihr herum patschte und gackerte. Jerry zog immer wieder ihren Schwanz durch das Kindergesicht, bis Mel ihn gackernd zu packen bekam und natürlich gleich drauf rum lutschte und kaute. Eine andere Katze wäre wohl flüchten gegangen, aber Jerry schnurrte weiter, obwohl ihr Schwanz schließlich zur Hälfte durchgesabbert war. Auch klein Mel wird Jerry vermissen, wenn sie nächstens mit dem Katzenball durch die Wohnung läuft, laut "Ana!" ruft und kein Tier kommt. Weil Xana und Trixi ja flüchten gehen.
All diese und viele weitere Erinnerungen, die ich alle gar nicht aufzählen kann, und viel zu wenig Fotos, sind alles, was mir von meiner Kleinen bleiben werden. Aber das will ich bewahren und noch oft von ihr erzählen.