Seit Weihnachten letzten Jahres ist die Rolling Stone Music Movies Collection ein fester Bestandteil dieses Haushalts. Teil dieser Box ist auch "24 Hour Party People".
Der Titel gibt ungefähr das Tempo vor, denn wer hier nicht aufpasst, hat schnell was verpasst. In der durch Schauspielern nachgestellten Quasi-Doku über real geschehene Ereignisse und Begebenheiten nimmt der anfänglich noch ausschließlich als Fernsehmoderator arbeitende Tony Wilson den Zuschauer von Anfang an bei der Hand und lässt ihn bis zum Schluss nicht allein.
Alles beginnt beim ersten Konzert der Sex Pistols in Manchester, das nur 42 Besucher zählt, die aber allesamt später zu mehr oder weniger großer Bekanntheit gelangen - abgesehen vom Postboten. Er ist und bleibt... ein Postbote.
Ausgehend davon erfährt der Zuschauer in den nächsten gefühlt 5 Minuten, wie Tony Wilson den Sex Pistols wenig später in seiner Show "So it goes" eine Plattform bietet und sie somit fördert, wenig später einen Deal mit dem Besitzer eines Clubs über regelmäßig stattfindende, von Wilson organisierte, Konzertabende abschließt - die sogenannten Factory-Abende - und dort später namhaft werdende Bands wie Joy Division oder Cabaret Voltaire auftreten lässt.
Eins ist schnell klar: Wer hier kein Vorwissen mitbringt, guckt sehr schnell sprichwörtlich in die Röhre, denn auf Nachzügler wird hier keine Rücksicht genommen. Im Sauseschritt geht es durch einen der bedeutendsten und interessantesten Abschnitte zeitgenössicher Musik und ehe man sich's versieht, ist Factory Records, eines der einflussreichsten Labels aller Zeiten, mit Tony Wilson als Geschäftsführer gegründet und wenig später baumelt Ian Curtis auch schon tot von der Decke.
Etwa 45 Minuten sind bisher vergangen. 45 Minuten, in denen viele kleine Details versteckt sind, die Musikgeschichte geschrieben haben. Zum Beispiel die Serviette, auf der Wilson mit seinem eigenen Blut die kurzen, aber bedeutsamen Konditionen notiert, zu denen Bands mit Factory Records zusammen arbeiten. 45 Minuten, die einem relativ bekannt vorkommen, wenn man das wesentlich bekanntere Joy Division-Biopic "Control" schon einmal gesehen hat. Nach diesen 45 Minuten ist Ian Curtis nun also tot und die Geschichte geht da weiter, wo Control aufgehört hat. Es folgen absurde Szenen an Curtis' aufgebahrtem Leichnam. Man muss lachen, obwohl man weinen möchte.
Tony Wilson wird ein ums andere Mal als genialer, aber ungemein gewissenloser Geschäftsmann geoutet. Es ist unter anderem die Intention des Filmes, das schwierige Verhältnis, das er mit seinen Künstlern hatte, zu übertragen. Die zweite Hälfte des Films beschäftigt sich in Ansätzen mit den aus Joy Division entstandenen New Order und ihrem finanziellem "Blue Monday"-Minusgeschäft, vor allem aber mit der eigens von Factory Records erbauten "Fac 51 Hacienda", einem Club, der sich als absolutes finanzielles Desaster heraus stellt und nur eines der vielen Beispiele für die Misswirtschaft bei Factory Records repräsentiert. Nichts desto trotz dokumentiert "24 Hour Party People", wie an diesem Ort die heute weit verbreitete Rave-Kultur ihren Urpsrung fand.
Musikalisch wird die Geschichte des Labels im zweiten Teil vor allem mit den Happy Mondays erzählt, die sich zunächst als Wunderknaben heraus stellen, später aber der Skrupellosität Wilsons in nichts nachstehen und somit nicht unschuldig am finalen Niedergang Factory Records' zeichnen.
Viele im Film von Schauspielern dargestellte Beteiligte haben im Film kleine Cameorollen, richten zum Teil gar selbst das Wort an das Publikum, um gewisse Dinge richtig zu stellen. "24 Hour Party People" ist - nur in englischem Originalton mit deutschem Untertitel - kurzweilig erzählt, immer wieder spricht Tony Wilson direkt in die Kamera, was die Bindung verstärkt. Dieser Film ist ein - nachgestelltes - Dokument moderner Musikgeschichte und sollte von jedem gesehen werden, der sich auch nur ansatzweise für Rock- und Popmusik interessiert. Also jeder. |