Ich würde gerne die Zeit zurück drehen. Zumindest würde ich gerne Sachen ungeschehen machen. Ich würde gerne "Geräusch" ungeschehen machen und ich würde gerne "Jazz ist anders" ungeschehen machen. Und alles, was dazwischen und danach passiert ist. "13" hat mich sozialisiert, "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!" und "Das Beste von kurz nach früher bis jetze" haben mich aufgeklärt. Das Unplugged hat mich objektiv und kritisch werden lassen. Alles andere hat mich begeistert. Das war eine schöne Arbeitsteilung. "Geräusch" jedoch hat mich zu einer Fanhure gemacht. Eine Fanhure, die Prioritäten fallen lässt - oder eben nie welche aufgebaut hat - um genug anzuschaffen, um dem nächsten großen Ding beizuwohnen. Prioritäten, die man vermisst. Oder auch nicht. Ich weiß es nicht, da ich nie welche hatte. Zu Beginn klingt der Deal völlig in Ordnung. 100% Prioritätenklarheit. Geil. Doch was, wenn die Priorität verschwindet. Was, wenn der Zuhälter stirbt und die Hure keine Arbeit mehr hat? Das große schwarze Loch.
Festivals sind ein Segen - zumindest, wenn man für die ärzte dort herum hurt, obwohl man sich nach dem letzten Exemplar geschworen hatte, es sein zu lassen. Eigentlich hätte man das gesamte Wochenende im Zelt verbringen können, da man ja sowieso eigentlich nur wegen dieser einen Band da gewesen ist. Und trotzdem guckt man sich das erste Mal in seinem Leben Bands an, die nichts mit dieser damals schon bröckelnden Traumfabrik zu tun haben und ohne große Ankündigung kommt da ein befindlichkeitsfixierter Aufstand daher und öffnet die Augen, zeigt ganz neue Welten. Und weil man weiß, daß man bis mindestens 2007 erstmal nicht Anschaffen muss, gönnt man sich andere Dinge so hier und da und spreizt seine Prioritäten auf. Doch dann kommt der Zuhälter wieder und will bedient werden. Und was macht man? Klar: Spuren. Blind. Fast wie betäubt. Und Prioritäten neu ordnen - oder besser: alt ordnen. Alles wird hinterfragt, aber irgendwie macht man es doch mit. Weil man nichts verpassen will. Es besteht ja die Chance, daß irgendwo irgendwann irgendwas total großes, einmaliges passieren könnte. Das an sich ist totaler Quatsch, aber wenn es dann mal so ist - was objektiv nie so sein wird - ärgert man sich zu Tode. Der große Deal ruft. Was sind schon - hier sehr große reelle Zahl einfügen - Euro gegen ein paar unvergessene Momente? Genau, ziemlich viel, objektiv gesehen. Das geile Ego, wenn man sagen kann: "Ich war dabei und du nicht!" Das geile Ego, das man hasst, aber das man nicht abstellen kann. Das geile Ego, das immer wieder sagt: "Mehr, mehr, mehr!"
"Der Grund ist der kleine Mann, der in deinem Kopf wohnt. Der kleine 'Ich-bin-nie-zufrieden-Mann' wohnt in deinem Kopf, weil du nie zufrieden bist mit dem, was du hast oder machst." - Lammbock.
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