Satyresque - searching for the blue chamber

Die Berlinale und meine Füsse

{ 02:01, Saturday, February 10, 2007 } { Geschrieben in Weird Jobs } { 0 Kommentare } { Link }
Berlin, 21.34h, Marlene-Dietrich-Platz, Berlinale Palast: Meine Füsse tun weh.
Das ist alles was mir zur Berlinale einfällt. Ich arbeite nämliches dieses Jahr dort.
Aber auf zur Tat, denn jetzt wird dieser Kulturbetrieb entlarvt: Ich arbeite für eine Firma, die auf der Berlinale für das Wohlbefinden der Gäste sorgt. Kein Caterer, sondern die Typen, die die Tür der Limousine öffen, Karten abreissen, lächeln, den Weg zum Platz weisen, lächeln, bestimmt lächeln. Wir räumen den roten Teppich, wir öffnen Türen, ja und wir lächeln. Dafür bekommt man ganze 6 Euro plus ein paar Cent in der Stunde. Nach 22 Uhr sogar einen Euro mehr. Das ist ok, hört sich ja auch nicht allzu anstrengend an. Aber dann ist da noch der Umstand mit meinen Füssen, denn die tun mir nicht umsonst weh. Ich stehe nämlich an einem Notausgang, ganz hinten im Raum, wo man nur die hysterischen Rufe der Presse hört, wenn ein Promi auf dem roten Teppich steht. Ich stehe da tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes und ich tue 8 Stunden lang auch nichts, wirklich garnichts, anderes. Stehen ist also mein Job. Stehen für 6 Euro die Stunde. Nicht sitzen, nicht lehnen, nicht die Arme verschränken ("Knitterfalten im Jackett - bis morgen bitte ausbügeln!") , nicht Musik hören, nicht lesen - einfach nur stehen. Das ist das Gegenteil einer Beschäftigung - das ist die Hölle.
Merkt man, dass ich den Job nicht leiden kann? Gut, es wird nämlich noch besser:
Meine männlichen Kollegen sind meist dämliche Sexisten ( in der Kantine redet man über "den Arsch von Jennifer Lopez" und was die Freundin wohl dazu sagt, wenn sie dabei wäre, während man darüber redet. "ey is doch normal"), meine Chefs sind Strukturnazis und Chauvinisten. Die Jobbeschreibung setzt sich größtenteils aus Verboten zusammen: Nicht die Arme verschränken, nicht rauchen, nicht trinken, nicht essen (soweit kann ich das noch nachvollziehen), nicht Musik hören, nicht lesen, nicht sitzen, nicht einfach auf die Toilette gehen, nicht abweisend sein, nicht dies, nicht das. In meiner Welt denken diese Menschen noch folgendes, ohne es aber auszusprechen: Nicht atmen, nicht denken.
Der perfekte Arbeiter für diese Aufgabe ist somit ein Roboter.
Ich bin kein Arbeitstier und bestimmt nicht gerade fleissig oder geduldig, aber 9 Stunden einfach nur dazustehen und an eine Wand zu starren geht an meine Grenzen. Solange ich dort stehe gibt es für mich nichts Tolleres auf der Welt als einen Stuhl.
Leute an anderen Postitionen haben wenigstens noch ein Funkgerät und Kontakt zu Gästen... sie haben als eine Aufgabe, die ihnen die Zeit füllt. An der Gaderobe kann man heimlich lesen und Lebensmittel bunkern, aber da wo ich stehen muss gibt es garnichts von alledem. Mein Schichtleiter hat mich schon ganze zweimal angesprochen, nämlich genau immer dann, wenn er den Türcode braucht, den er sich nicht  merken kann. Ich frage mich auch was er die restliche Zeit eigentlich tut. Sicherlich ist es seine Aufgabe uns alle zu koordinieren, was mit seinem Funkgerät auch sehr gut zu funktionieren scheint, aber wo hält er sich die ganze Zeit über auf? Stehen muss er dabei bestimmt nicht. Und überhaupt... warum habe ich das Gefühl, dass er Frauen in allem bevorzugt...

Was ich allerdings als sehr spannend empfinde ist der Gedanke, dass vlt etwas passieren wird. Mit passieren meine ich einen Brand, einen Anschlag oder ähnliche Katastrophen. Denn es gibt zwar einen Sicherheitsdienst und auch dei Polizei ist vor Ort, aber es scheint unglaublich einfach zu sein mit ein wenig Planung als Mitarbeiter eingeschleust zu werden....

Zurück zum entlarven:
Im Berlinale Palast stützt sich alles auf den Rücken schlecht bezahlter Studentenkräfte. Von meinem Arbeitsstandort aus konnte ich gestern den Caterern den ganzen Abend über zusehen. Das sind alles sehr junge Leute, die von zwei bis drei Älteren angeleitet werden. Gut, mein Arbeitgebenr verfährt auch so, nur dass meine Chefs kaum älter als ich sind.
Die Caterer kommen aus Kaiserslautern. Diese Feststellung brachte mich dann auf einen Gedanken: Wenn die Berlinale so viel Geld hat, extra aus Kaiserslautern einen Edelcaterer zu engagieren, der mit 20 Personen im Hotel residiert, warum zur Hölle zahlen die dann so schlecht? Wo geht denn das ganze Geld hin, dass von riesigen Sponsoren wie VW oder der Telekom in diese Veranstaltung gepumpt wird?
Warum bekommen die, die vor Ort den Schein wahren nicht einen fairen Teil ab?
Das Ganze ist eine riesige aufgeblasene Sache. Sponsorengelder gibt es nur, wenn der Medienrummel groß genug ist und den Medienrummel gibt es nur, wenn genug Promis antanzen. Die Promis kommen natürlich meist des Selbstzwecks wegen, allerdings frage ich mich was Claudia Roth jeden Abend auf der Berlinale macht. Das Schauspieler zur Weltpremiere des Films erscheinen, in dem sie mitwirken, leuchtet ein, aber der Rest ist reiner Selbstzweck. Aber so scheint der "Kulturbetrieb" zu funktionieren...

Im Fachjargon spricht man übrigens nicht von "Stars" und "Sternchen", wie man des dem Konsumenten im Fernsehen gegenüber tut, sondern von Promis der Kategorien A, B oder C
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