Satyresque - searching for the blue chamber | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Ende GeländeDie Show ist aus, der Vorhang gefallen, die Bären verliehen, der letzte Gast hat sich auch endlich verzogen: die Berlinale 2007 ist beendet und mir fällt ein Stein vom Herzen.Wenn ich jetzt noch meine Dienstkleidung in die wäscherei bringe und dann endlich abgebe, dann ist alles zu ende. Heute abend bin ich noch auf eine Party eingeladen - für alle Mitarbeiter - und das erste Getränk ist umsonst. Hallelujah. Ich durfte schon gestern von einigen hören, dass sie sich da mal richtig sie Lichter auspusten wollen ("Und komm da ja nich mit weniger als 2 Promille an")... Ich geh dann da mal nicht hin. Lieber verplane ich das Geld, welches ich nun verdient habe. Wenden wir uns der Zukunft zu: welche Jobs wohl noch kommen werden? Wir dürfen gespannt bleiben. Corpus DelictiIch rede die ganze Zeit von meinen Füssen, hier sind sie:
was gelerntNoch 3 Tage, dann schließt sich das Kapitel Niedriglohnarbeit. Heute wurde ich sogar schon von Wildfremden bemitleidet, weil mein Job scheiße ist.Auch der Sinn von Trinkgeld bekommt eine neue Dimension: man gibt das nicht nur für Service, sondern einfach weil das die einzige Freude der Ausgebeuteten darstellt. Allerdings habe ich heute etwas Spannendes erfahren, denn ich hatte ein kurzes Gespräch mit einem der Verantwortlichen in der Kantine. Irgendwie kam man auf die Frage wie die Berlinale denn mit Leuten umgeht, die versuchen die Filme im Kino mit einer Handkamera aufzuzeichnen um sie dann ins Netz zu stellen. Denn das, so der Verantwortliche, sei zum Beispiel vor zwei Jahren passiert, als ein Film nach der Pressevorführung am Vormittag im Netz zu finden war - bevor am Abend die offizielle Premiere stattfand. Das wird gewiss den ein oder anderen freuen - umsonst ist immer gut. Auf jeden Fall löst die Berlinale das Problem folgendermaßen (und jetzt aufgepasst liebe Medienpiraten): Unterhalb der Leinwand haben die tatsächlich Nachtsichtgeräte installiert und überwachen damit während des Films das Publikum. Dazu erzählte der Verantwortliche noch zwei Anekdoten: 1.) "Einige sind so stümperhaft, dass sie nicht mal das rote Lämpchen der Kamera zukleben... das leuchtet für uns doch taghell" 2.) "Wenn wir Schnulzen spielen, dann will immer jeder den Posten am Nachtsichtgerät haben um die Pärchen zu sehen" Ahja. Man muss dem Mann allerdings zu Gute halten, dass er es nicht zwingend so blöde gemeint haben muss, wie es klingt. Im Gegenzug für diese Informationen habe ich dem Mann aber dann erklärt, was an dem Film "300" problematisch ist. Der Film lief nämlich heute Abend im Programm und viele in der Kantine fragten sich warum der Film in aller Munde ist. Auf die Idee, dass das Machwerk faschistoid daher zu kommen scheint (ich hab den Film noch nicht gesehen), kam dabei niemand. Ich glaube es wurde auch nur abgenickt, als ich diesen Punkt anbrachte. Ausserdem hatte ich heute unerwartet lieben Besuch - eine kurze aber willkommene Abwechslung. Die letzten drei Tage bekomme ich auch noch irgendwie rum, ohne assimiliert zu werden... Trinkgeld und Zahlenspieleman glaubt das nicht: ich habe trinkgeld bekommen. absurderweise dadurch, dass ich mich von meiner position entfernt habe um jemanden einen gefallen zu tun. wenn man daraus etwas ableiten müsste käme man irgendwann auf folgendes: das gute, das richtige unterscheidet sich von dem was recht ist.ganz schön abgedroschen, aber dennoch immer wieder schön es zu erfahren. langsam kann ich den abgesang einläuten, denn bald ist es geschafft und die dämliche berlinale ist vorbei. was lerne ich daraus: nie wieder arbeiten, wenn der lohn unter 7,50 € liegt! der etat der berlinale liegt bei 15.000.000 € (fünfzehnfuckingmillionen), davon trägt der staat 7,5 millionen. gerüchteweise soll die berlinale 30 € pro person und stunde an meinen arbeitgeber zahlen, aber ich bekomme nur 6,32 € in der stunde, nach 22 uhr dann 7,27 €. also wo zur hölle geht der rest hin? klar, verwaltungsmüll, logistik, etc.. aber das sind ja meist fixkosten. wenn ich 8,5 stunden am tag arbeite sind das 255 €, die die berlinale an meinen arbeitgeber zahlt. ich, der ich von 15.30h bis 0.30h arbeite, bekomme aber nur 59, 255 €, also wo sind die anderen 195,745 € hin? man darf dabei nicht vergessen, dass da ja rund 30 bis 40 leute mit mir zusammen arbeiten. das wären bei 30 personen dann 5872,35 € gewinn für meinen arbeitgeber. nun gibt es ja neben der abendschicht auch noch eine vormittagsschicht (11744,7 €) und der berlinale palast ist nur eine von mehreren wirkungsstätten meines arbeitgebers auf der berlinale. insgesamt sollen es wohl 190 leute sein, das wären dann 79800 €, die am tag abkassiert werden, abzüglich des billiglohns an die arbeitleistenden. die berlinale geht aber nun 10 tage, womit wir auf stolze 798000 € kommen. davon ausgehend, dass ein jeder ca 600 € verdienen wird, bleiben noch immer 684000 € über... ganz davon abgesehen muss ich die reinigungskosten meiner gestellten arbeitsuniform selber tragen das ganze bestätigt nur meine ansichten über diese riesige geldmaschine, da können auch sharon stone, moritz bleibtreu und willem dafoe - gestern und heute gesehen - nicht daran ändern. immerhin ertragen meine füsse das ganze mittlerweile besser. die wahrheit ist aber vermutlich, dass meine schmerzgrenze gestiegen ist - ich stumpfe ab. die eigentlich frage ist wie man mit all dem umgehen soll: natürlich ist es moralisch richtig den job hinzuschmeissen, aber dann macht es einfach der nächste. wer sich stört kann es ja lassen, denn es gibt genug dumme, die für diesen niedriglohn dumm rumstehen. nun bin ich aber auf geld angewiesen und zwar insofern, dass meine freizeit nicht mit leeren taschen realisierbar bleibt. ich werde nicht verhungern oder meine wohnung verlieren, wenn ich nicht arbeite, aber ich werde sehr wohl die konsequenzen des nicht-arbeitens spüren, die letztlich in sozialen konsequenzen münden, einfach weil fehlendes geld automatisch exkludiert... naja, das ganze hier ist vermutlich kapitalismus für anfänger, aber jeder fängt ja irgendwo mit seinen erfahrungen an. es ist sinnvoll eine beschäftigung zu haben, einfach weil man sonst leer wird und verblödet (blöde werden - das muss man sich mal auf der zunge zergehen lassen). und insofern könnte ich natürlich zufrieden sein, denn ich bekomme ja geld tatsächlich für das rumstehen. dass genaus das allerdings rasend machen kann und auch rasend macht, das wird wohl keiner je einsehen.... Stehenden FußesHeute gehts um die Presse. Unter anderem verdanke ich der Presse meinen Job, denn ich muss darauf achten, dass die nicht durch meinen Notausgang gehen.Die schubsen, brüllen ("Kaaaaaaate, Kaaaaaaaaaate!") und meinen ganz ganz wichtig zu sein. Vielleicht ist das nur ein Habitus von ARD-Mitarbeitern, aber man wird andauernd bequatscht, dass man die jeweilige Person doch durchlassen könne, dass man doch akkredietier sei, la la la... Einerseits finde ich den Einsatz der Presse ja lobens- und unterstützendswert, aber es geht hier ja nicht um Politik oder gar Krieg, es geht hier nur um die dämliche Berlinale und ein paar Typen, die in Filmen mitspielen. Für die Photographen scheint das aber ein Krieg zu sein... Vor wenigen Tagen ist das World Press Photo für 2006 bekannt gegegen worden, aber auf der Berlinale ist keines davon entstanden und wird gewiss auch nie eines entstehen. Die World-Press-Bilder skizzieren die Schnittmenge von Kunst und Journalismus, auch wenn ich die diesjährige Wahl nicht zu den allerbesten zählen würde. Die Aussage und Kritik ist wohl enthalten, doch die Kraft des Bildes will nicht entstehen, auch wenn jeder versteht, wohin es deutet und was es aufzeigt. Aber zurück zu Berlinale, denn mir kommt gerade ein schrecklicher Gedanke: Der Betrieb assimiliert! Ich fange stellenweise an mich als Teil der Veranstaltung zu sehen, als kleines Rädchen im Getriebe der Berlinale. Sogar meine Füsse haben etwas weniger wehgetan, nachdem ich heute Sohlen in meine Schuhe legte. Es könnte aber auch sein, dass ich den Fußschmerz einfach besser ertragen kann - auch das ein Zeichen dafür, dass ich drohe im Orkus der Berlinale zu versinken. Aber immerhin kann ich seit heute Judi Dench auf meine Liste berühmter Leute, die ich in Echt gesehen habe, setzen. Ich habe Tita von Hardenberg den Weg zur Toilette gezeigtJoseph Fiennes war auch da, der hatte kaum Haare auf dem Kopf und sah irgendwie aus wie Jan Plevka.Seit gestern vermisse ich Claudia Roth, dafür ist wenigstens auf den Hut von Dieter Kosslick Verlass. Clint Eastwood und Robert de Niro habe ich nur von Weitem gesehen, aber dafür habe ich Tita von Hardenberg den Weg zur Toilette gezeigt. Mein Füsse schmerzen noch immer, obwohl ich die Schuhe gewechselt habe. Der Verdacht erhärtet sich, dass der Steinboden sein übriges tut... Um nicht vollends bei dem Ganzen zu verblöden, habe ich mir gerade "Die bleierne Zeit" von Margarte von Trotta angesehen. Ziemlich holprig und schleppend, aber vermutlich Teil des Konzepts Blei. Ansehen sollte man sich das nur, wenn man sowieso den ganzen RAF-Kram abklappert. Die Farben der 70er und 80er sind allerdings ganz gut getroffen, dem haftet immer etwas Ostiges an. Vermutlich wird man das aber auch irgendwann über die heutige Zeit sagen. Berlinale IIHeute ist mal der Besucher das Objekt meines Missmutes. Die gehören natürlich genauso zu dem aufgeblasenen Kulturbetrieb. Natürlich trifft es nicht auf alle zu aber doch auf viele: Pseudo-Wichtig. Wenn ein Film schon begonnen hat, dann darf niemand mehr in die Vorstellung hinein (für den amerikanischen und israelischen Botschafter macht man natürlich eine Ausnahme). Ein Paar wollte das allerdings nicht einsehen und fing an die Leute zu beschimpfen und zu zetern. Man drohte sogar, dass sie dafür sorgen würden, dass der eigene Job gleich morgen gekündigt wäre, denn sie seien ja XY... und mit XY kann man sowas ja nicht machen.Dann wollte ich heute mal bis zum Schluß bleiben. Leider war das ein Fehler, denn ich durfte mir eine geschlagene Stunde lang den Beziehungsstreß einen Pärchens anhören, die unbedingt nach der letzten Vorstellung im Foyer - direkt vor mir - ihre Beziehung diskutieren mussten. In solchen Momenten bin ich fest davon überzeugt, dass der Teufel die Berlinale erfunden hat - und Dieter Kosslik ist sein Anwalt. Dementsprechend ist mein Arbeitgeber dann der Helfershelfer des Teufels und ich eine arme Seele in der Hölle. Witzig war allerdings die Szene in welcher ein Italiener noch unbedingt in den Film wollte und er sogar Geld anbot, damit man ihn vorbeilasse (für 500 hätte das sogar jeder getan). Nach langem hin und her und dem ununterbrochenen wedeln mit einem 50 Euro Schein stellte sich allerdings heraus, dass der Herr gar keine Karte für den laufenden Film hatte, sondern für den danach. Morgen versuch ich mal Turnschuhe reinzuschmuggeln.... Die Berlinale und meine FüsseBerlin, 21.34h, Marlene-Dietrich-Platz, Berlinale Palast: Meine Füsse tun weh.Das ist alles was mir zur Berlinale einfällt. Ich arbeite nämliches dieses Jahr dort. Aber auf zur Tat, denn jetzt wird dieser Kulturbetrieb entlarvt: Ich arbeite für eine Firma, die auf der Berlinale für das Wohlbefinden der Gäste sorgt. Kein Caterer, sondern die Typen, die die Tür der Limousine öffen, Karten abreissen, lächeln, den Weg zum Platz weisen, lächeln, bestimmt lächeln. Wir räumen den roten Teppich, wir öffnen Türen, ja und wir lächeln. Dafür bekommt man ganze 6 Euro plus ein paar Cent in der Stunde. Nach 22 Uhr sogar einen Euro mehr. Das ist ok, hört sich ja auch nicht allzu anstrengend an. Aber dann ist da noch der Umstand mit meinen Füssen, denn die tun mir nicht umsonst weh. Ich stehe nämlich an einem Notausgang, ganz hinten im Raum, wo man nur die hysterischen Rufe der Presse hört, wenn ein Promi auf dem roten Teppich steht. Ich stehe da tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes und ich tue 8 Stunden lang auch nichts, wirklich garnichts, anderes. Stehen ist also mein Job. Stehen für 6 Euro die Stunde. Nicht sitzen, nicht lehnen, nicht die Arme verschränken ("Knitterfalten im Jackett - bis morgen bitte ausbügeln!") , nicht Musik hören, nicht lesen - einfach nur stehen. Das ist das Gegenteil einer Beschäftigung - das ist die Hölle. Merkt man, dass ich den Job nicht leiden kann? Gut, es wird nämlich noch besser: Meine männlichen Kollegen sind meist dämliche Sexisten ( in der Kantine redet man über "den Arsch von Jennifer Lopez" und was die Freundin wohl dazu sagt, wenn sie dabei wäre, während man darüber redet. "ey is doch normal"), meine Chefs sind Strukturnazis und Chauvinisten. Die Jobbeschreibung setzt sich größtenteils aus Verboten zusammen: Nicht die Arme verschränken, nicht rauchen, nicht trinken, nicht essen (soweit kann ich das noch nachvollziehen), nicht Musik hören, nicht lesen, nicht sitzen, nicht einfach auf die Toilette gehen, nicht abweisend sein, nicht dies, nicht das. In meiner Welt denken diese Menschen noch folgendes, ohne es aber auszusprechen: Nicht atmen, nicht denken. Der perfekte Arbeiter für diese Aufgabe ist somit ein Roboter. Ich bin kein Arbeitstier und bestimmt nicht gerade fleissig oder geduldig, aber 9 Stunden einfach nur dazustehen und an eine Wand zu starren geht an meine Grenzen. Solange ich dort stehe gibt es für mich nichts Tolleres auf der Welt als einen Stuhl. Leute an anderen Postitionen haben wenigstens noch ein Funkgerät und Kontakt zu Gästen... sie haben als eine Aufgabe, die ihnen die Zeit füllt. An der Gaderobe kann man heimlich lesen und Lebensmittel bunkern, aber da wo ich stehen muss gibt es garnichts von alledem. Mein Schichtleiter hat mich schon ganze zweimal angesprochen, nämlich genau immer dann, wenn er den Türcode braucht, den er sich nicht merken kann. Ich frage mich auch was er die restliche Zeit eigentlich tut. Sicherlich ist es seine Aufgabe uns alle zu koordinieren, was mit seinem Funkgerät auch sehr gut zu funktionieren scheint, aber wo hält er sich die ganze Zeit über auf? Stehen muss er dabei bestimmt nicht. Und überhaupt... warum habe ich das Gefühl, dass er Frauen in allem bevorzugt... Was ich allerdings als sehr spannend empfinde ist der Gedanke, dass vlt etwas passieren wird. Mit passieren meine ich einen Brand, einen Anschlag oder ähnliche Katastrophen. Denn es gibt zwar einen Sicherheitsdienst und auch dei Polizei ist vor Ort, aber es scheint unglaublich einfach zu sein mit ein wenig Planung als Mitarbeiter eingeschleust zu werden.... Zurück zum entlarven: Im Berlinale Palast stützt sich alles auf den Rücken schlecht bezahlter Studentenkräfte. Von meinem Arbeitsstandort aus konnte ich gestern den Caterern den ganzen Abend über zusehen. Das sind alles sehr junge Leute, die von zwei bis drei Älteren angeleitet werden. Gut, mein Arbeitgebenr verfährt auch so, nur dass meine Chefs kaum älter als ich sind. Die Caterer kommen aus Kaiserslautern. Diese Feststellung brachte mich dann auf einen Gedanken: Wenn die Berlinale so viel Geld hat, extra aus Kaiserslautern einen Edelcaterer zu engagieren, der mit 20 Personen im Hotel residiert, warum zur Hölle zahlen die dann so schlecht? Wo geht denn das ganze Geld hin, dass von riesigen Sponsoren wie VW oder der Telekom in diese Veranstaltung gepumpt wird? Warum bekommen die, die vor Ort den Schein wahren nicht einen fairen Teil ab? Das Ganze ist eine riesige aufgeblasene Sache. Sponsorengelder gibt es nur, wenn der Medienrummel groß genug ist und den Medienrummel gibt es nur, wenn genug Promis antanzen. Die Promis kommen natürlich meist des Selbstzwecks wegen, allerdings frage ich mich was Claudia Roth jeden Abend auf der Berlinale macht. Das Schauspieler zur Weltpremiere des Films erscheinen, in dem sie mitwirken, leuchtet ein, aber der Rest ist reiner Selbstzweck. Aber so scheint der "Kulturbetrieb" zu funktionieren... Im Fachjargon spricht man übrigens nicht von "Stars" und "Sternchen", wie man des dem Konsumenten im Fernsehen gegenüber tut, sondern von Promis der Kategorien A, B oder C |
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