Von Spitzbergen zur Polkappe

Verlinkt bei "sailinx.de"

11:14, Mittwoch 9 Juli 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Spitzbergen ist etwa da, wo beim Globus die obere Spitze eingesteckt wird, damit das Ding sich drehen kann. Also ziemlich weit im Norden.

Man muss schon genau hinsehen: Auf dem großen Globus ist der Klecks etwas schwer zu erkennen. Eine Inselgruppe, die zu einem sehr großen Teil Naturschutzgebiet ist - und zu einem noch größeren permanent von Schnee und Eis bedeckt ist. Wer es wissen will: Sucht mal nach Grönland - das ist ziemlich groß. Und rechts davon ist das wesentlich kleinere Spitzbergen - auf manchen Globen steht dort auch "Svalbard". Wie man überhaupt auf die Idee kommt dort zu segeln? Ein Grund dafür ist sicher das schlechte Fernsehprogramm. Die anderen Gründe könnt Ihr hier nachlesen.

Da das ganze eigentlich ein Blog ist, der ursprünglich eher der Unterrichtung von Freunden und Verwandten diente, sind die aktuellen Einträge auf dieser Homepage oben, die älteren hinten. Wer das Törntagebuch von Anfang an lesen will, klickt rechts unter "Kategorien" auf den Punkt "Reisetagebuch Sommer 2008", und fängt ganz hinten an zu lesen. Die anderen Menüpunkte betreffen ältere Fahrten: Lofoten, sowie die erste Spitzbergentour im Jahr 2004. Unser Schiff war auf zwei Touren der Schoner "Pagan" - und die bekommt natürlich auch einen eigenen Eintrag.

Auf einen Tipp eines Forumsmitgliedes des "Yacht-treff" hin habe ich meinen Blog über unseren Törn bei "sailinx.de" angemeldet. Über Reaktionen von Euch freue ich mich natürlich. Mail: [email protected] Gruß: Ralf



25. und 26.6. Bei den Walrössern

16:54, Donnerstag 26 Juni 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 2 Kommentare .. Link

Praktisch gegenüber von Barentsburg, etwa 16 sm entfernt liegt Trygghamna, eine Bucht, die sich als eisiger Ankerplatz entpuppt. In regelmäßigen Abständen pfeifen eisige Fallwinde durch, und schicken die Mannschaft unter Deck, wo der Dieselofen und der Holzkamin mollige Wärme verbreiten.

Dass unsere Sechsergrupe dann doch zeitweise mit klammen Fingern draußen ausharrt und die Kameras in Anschlag hält, hat mit unserer Nachbarschaft zu tun.

Eine kleine Gruppe von Walrossen beäugt unsere „Pagan“. Trotz ihres bulligen Aussehens sind sie meist friedliche Muschelfresser. Ihre gefährlich aussehenden Eckzähne nutzen vor allem die Bullen bei Paarungskämpfen.

Die Truppe aus vier bis fünf Tieren, die uns jetzt umkreist wirkt wie eine Clique unternehmungslustiger Teenager. Zunächst halten sie Sicherheitsabstand und bleiben eng zusammen. Dann werden sie etwas mutiger, tauchen auf die „Pagan“ zu, und kommen prustend und schnaubend an die Oberfläche.

Was sie treibt: Neugier? Langeweile? Halten sie uns für Eindringlinge in ihr Revier, denen man mal auf Verdacht die Zähne zeigt? Jedenfalls schießen wir Fotos bis der Arzt kommt.

Später werden aus den vier Walrössern sieben; die Gruppe scheint mutig zu machen. Ein kecker Riese schiebt seinen mächtigen Leib bis auf drei Meter an unser Schiff heran. Wir sind begeistert.

Schön zu sehen, wie sie manchmal exakt synchron ab- und wieder auftauchen. In den kleinen Äuglein, mit denen sie nach uns schielen suche ich nach so etwas wie Persönlichkeit.

Walrosse sind sehr soziale Tiere. Einige wenige von ihnen schlagen praktisch aus der Art und fressen Robben. Die meisten aber weiden ganz friedlich den Grund nach ihren bevorzugten Muscheln ab. Wer mehr dazu lesen möchte (wie überhaupt zu Spitzbergen und seiner Flora und Fauna) kann dies in dem Buch „Spitzbergen – Svalbard“ von Rolf Stange tun. ISBN: (10) 3-937903-06-2.

Wolfgang erzählt von einer früheren Begegnung mit Walrossen, und berichtet von einem atemberaubenden Gestank, den die Viecher verströmen können. Im Moment riechen sie aber ganz manierlich, oder besser gesagt: ich nehme keinen besonderen Geruch wahr.


Wir gewöhnen uns an die Nachbarschaft der Tiere, die uns fast die ganze helle Nacht lang immer mal wieder umkreisen. In der Nacht kann ich nicht besonders gut schlafen. Ist es die taghelle Umgebung, oder sind es die Fallböen, die den Gletscher hinunterjagen und unsere beiden Kaminrohre wie Orgelpfeifen zu einem an- und dann wieder abschwellenden Klingen bringen – keine Ahnung. Auf jeden Fall schlüpfe ich aus meinem Schlafsack in ein paar Klamotten und meine Stiefel, um ein paar Minuten an Deck zu verbringen. In der Ruhe zwischen den Böen hört man es plätschern: unsere Walrösser sind noch auf Patroullie. Ihre Gesichter tauchen aus dem Wasser auf, und sie scheinen zu kontrollieren, ob da auf diesem Stahldingens alles in Ordnung ist.
Es ist.

Nur Einsamkeit, Walrösser und wir: der Gedanke, dass es unsere Mitgeschöpfe sind, die uns da umkreisen, wird so selbstverständlich wie jeder andere Sinneseindruck in dieser Nacht.

Ich gucke auf die Berge um die Bucht herum: die Worte „unnahbar und schön“ sind die einzig passenden für ihren Anblick.

Auf diesem Flecken Erde können wir nur kurzzeitig Gäste sein. Wir brauchen zu viel Wärme und Hilfsmittel, um hier länger leben zu können. Svalbard gehört anderen: den Walrössern und Seehunden. Den ewigen Eissturmvögeln, die ihr sechzig Jahre dauerndes Leben lang zentimeterknapp über die Wellen gleiten, und die dieses Gleiten nur kurz für Pausen im Wasser oder zum Brüten unterbrechen. Vielleicht gehört dieser Lebensraum auch ein wenig Leuten wie der Trapperfamilie. Auf jeden Fall aber den Robben und Eisbären. Den zornigen Seeschwalben, die Jeden im Sturzflug attackieren, der ihren Brutplätzen zu nahe kommt. Und natürlich den spitzen, schneebdeckten Bergen, die mal grauschwarz, mal blau schimmern. Die gelegentlich von Flechten koloriert werden, und die als Wächter über der Zeit stehen und Svalbard immer und immer Svalbard sein lassen.


Es wird Zeit. Vorletzter Törntag. Bald geht es zurück nach Longyearbyen.

Ralf


 



24. und 25.6. Bei den Schmuddelkindern der Arktis

14:43, Mittwoch 25 Juni 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Jetzt sind wir fast wieder am Ausgangspunkt unserer Fahrt: Aus dem Forlandsund biegen wir nach links ab, dann öffnet sich auf der rechten Seite noch eine Bucht: dort liegt Barentsburg.

Barentsburg ist eine russische Enklave im Isfjord. Hier wird Kohle abgebaut. Aus dem Schornstein des Kraftwerks quillt fetter schwarzer Rauch.

Seit 1932 haben die Russen es geschafft, ihren kleinen Teil der Arktis mit einer schmutzig-grauen Rußschicht zu überziehen.

Der Kontrast zu den pittoresken Norwegersiedlungen ist drastisch: Schrotthalden an der Pier, Kohleschutt zu Halden aufgeschüttet. Am Ufer liegt ein verrottendes Landungsboot.

Alte Holzhäuser, schiefe Holztreppen, und etwas sozialistische Monumentalarchitektur mit bröckeligem Mauerwerwerk – alles sieht nach Zerfall aus.
(Foto 08625barentpano)

Der Hafenkapitän ist ein freundlicher, smarter junger Bursche. Er will 160,- Norwegische Kronen dafür, dass wir an dem zerbeulten Stahlponton liegen dürfen.

Das ist nicht viel Geld – etwa 23,- Euro.


Wir besichtigen die kleine ortodoxe Kapelle. Ein Holzbau, hübsch verziert und hergerichtet. Aber der ehemalige Holzweg dahin ist von der Arktis zernagt, und keiner hat den Verfall aufgehalten.

(Foto 08625barentkirch)

 


Hier leben etwa 800 bis 1000 Arbeiter. Es gibt einen Souvenirshop, einen Textilshop, eine Bar und sogar eine Schule – und in all dieser Schäbigkeit wartet ein ziemlich leer stehendes Hotel.

Die Bedienung dort ist nicht auf Gäste eingerichtet. Sie serviert uns Kaffee, dann veschwindet sie: sie war noch nicht auf Gäste vorbereitet und schminkt sich schnell.

Der Hafenkapitän lässt uns ausrichten, wir könnten das EM-Spiel Deutschland – Türkei heute abend hier sehen. Aber wir wollen nicht noch einen Tag hier bleiben.


Auf dem Betonplattenboulevard durch die Siedlung steht ein Mann mit Reisegepäck. Er ist der einzige mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Zwei Jahre war er hier, jetzt geht es nach Hause. Er gehört zu den 60 Prozent Ukrainern, die hier Arbeitsverträge unterzeichnet hatten. Was man hier in seiner Freizeit so macht, frage ich ihn. Er lächelt etwas verlegen und macht dann eine Bewegung, die ich als Zeichen für Trinken deute. „Ein bischen“, schwächt er dann ab.


Am Kai steht ein schmaler Mann; er ist der „Guide“ hier. Guide? Für was? Etwa zwei Schiffe kommen täglich, sagt er. Hauptsächlich von Longyearbyen. Deren Passagiere führt er durch Barentsburg. Eine der wenigen wirklichen Attraktionen: ein Museum über die Besiedlung Barentsburgs, das überraschend liebevoll gestaltet ist.

Die Russen lieben Kultur“, sagt Jürgen. Das ist einer der wenigen positiven Sätze, die ihm beim Anblick von Barentsburg über die Lippen kommen – ansonsten ist er nicht gut auf Russen zu sprechen. „Die Russen haben meine halbe Familie ausgelöscht“, sagt der ehemalige DDR-Bürger knapp. „Das krieg ich nicht raus aus dem Kopf.“



Eine andere Attraktion in Barentsburg: ein altes Lenindenkmal.

Man muss sich das einmal vorstellen: die Leute hatten der Arktis unter unsäglichen Mühen gerade etwas Lebensraum abgerungen, und das nächst wichtige war eine Leninbüste. Auch das Material dafür muss erst einmal herangeschleppt werden. Die wenigen Arbeiter, die wir an unserem Besuchstag dort sehen, schlurfen achtlos an der Büste vorbei.

Offiziell geht es um Kohle. Aber eigentlich um einen Vorwand für die Präsenz vor Ort.

Die Kohlemine hatte vor zwei Monaten einen Unfall. Seitdem ist sie geflutet und liegt still, berichtet der Guide.

Es gibt die Idee, Barentsburg für den Tourismus zu erschließen, sagt er. Aber das werde letztlich auf hoher Ebene entschieden – und die ist sehr weit weg.

Wir werfen einen letzten Blick auf die schrottige Hafenanlage, an der gerade ein rostiger Schlepper festgemacht hat.

(Foto 08625barentschlep)


Es wäre schön, wenn sie das mit dem Tourismus schaffen.

Grüße:

Ralf



Die Trapper von Farmhamna

11:38, Montag 23 Juni 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Die Trapper von Farmhamna


In der Bucht von Farmhamna soll eine Trapperfamile leben“, kündigt Wolfgang an.

Bis wir in dieser Buch ankommen müssen wir aber eine unangenehme Motorfahrt bei teilweise recht ruppiger Schaukelei hinter uns bringen. Die „Pagan“ stampft sich mühevoll durch den Forlandsund. Der Wind und mit ihm jede größere Welle werfen das Schiff gleich um 20 Grad aus dem Ruder. Auf dem Kartenplotter am Laptop kann man verfolgen, wie der jeweilige Rudergänger versucht, das Schiff mit der schweren Pinne auf seinem Kurs zu halten.

Nach rund 14 Stunden Fahrt sehen wir von weitem die Funkmasten; der Trapper hat sich anscheinend ein wenig Infrastruktur gebaut. Er lebt dort mit Frau und zwei Töchtern, soviel weiß Wolfgang.

Als wir in der Bucht von Farmhamna (übersetzt: Farmhafen) vor Anker liegen, machen wir das Schlauchboot klar.

Am Strand erwarten uns Ilka und Ida; die zwei sieben und elf Jahre alten Töchter. Sie sind in Begleitung ihres Schäferhundes. (Der Hund auf dem Bild ist natürlich nicht der Schäferhund: Insgesamt haben wir so etwa acht Hunde dort gesehen). Auf einem Hochgestell trocknen geschlachtete Robben, nebanan liegen Holzschlitten, in der Bucht dümpelt ein Aluminiumboot mit Außenborder.


Der Trapper ist nicht zuhause – er ist unterwegs. Dafür ist seine Frau Marianne da.

Marianne hat ihr eigenes kleines Modelabel. Aus den Fellen, die ihr Mann heranholt macht sie Lederhosen, Taschen, Schuhe und was man sonst so herstellen kann.

1991 haben die beiden angefangen, das hier aufzubauen. „Das hier“, das ist ein respektables Holzhaus, ein Schuppen, Masten für Funk und Telefon. Sogar Internet haben die beiden. Marianne hat ihre eigene Homepage, auf der sie ihre selbst hergestellten Sachen vorstellt und vertreibt. Die Adresse: http://www.farmhamna.no .


Für den Fall, dass jetzt selbsternannte Naturschützer aufschreien: na klar, der Trapper jagt. Aber er lebt dort auf dem kargen Felsen mit der Natur. Ich persönlich glaube, dass er dem Ökosystem dort weniger schadet als das Touristenheer von Kreuzfahrern (welche Begriffsverwandschaft besteht eigentlich zu den Kreuzrittern?), das durch die Botanik trampelt.

Also, Marianne führt uns in ihr urgemütlliches Haus und zeigt uns ihre Nähstube, die gleichzeitig Ausstellungsraum ist. Jedes Stück ist handgearbeitet und bekommt noch das eigene Label aufgenäht.

Die Kinder, erzählt sie, vermissen hier nichts. Nicht einmal Schulunterricht – den bekommen sie von der Mama. Die Welt draußen ist ein einziger Abenteuerspielplatz. Was sie den ganzen Tag so machen, frage ich die Ältere. „Oh, wir spielen viel“, sagt sie.

Gut für die Familie: hier liegt sehr viel angeschwemmtes Holz am Strand; das taugt alle mal für den Kamin.

Auf die Frage, warum sie hier leben, antwortet Linda schlicht: uns gefällt das Leben hier.

Wir unternehmen noch einen Spaziergang, dann lassen wir die Trapperfamilie wieder alleine auf ihrem kargen aber schönen Felsen.

Ralf




{ Vorherige Seite } { Seite 1 von 5 } { Nächste Seite }

Eiskalte Infos über uns

Home
Profil
Archiv
Freunde
Fotoalbum

Links

* Wenn Sie auch mal ausrutschen wollen
* So ziemlich alles über Spitzbergen
* Webcam Ny Alesund auf Spitzbergen
* Webcam Spitzbergen

Kategorien

* Bericht 2004: Spitzbergen
* Bericht 2006: Lofoten
* Das Schiff: Pagan
* Reisetagebuch Sommer 2008

Letzte Einträge

Verlinkt bei "sailinx.de"
25. und 26.6. Bei den Walrössern
24. und 25.6. Bei den Schmuddelkindern der Arktis
Die Trapper von Farmhamna
Eindrücke von Jürgen

Freunde