Von Spitzbergen zur Polkappe

Sommer 2004: Spitzbergen

15:46, Freitag 13 Juni 2008 .. Geschrieben in * Bericht 2004: Spitzbergen .. 0 Kommentare .. Link

Es ist kurz vor drei Uhr morgens. Klaus rüttelt mich an der Schulter: "He aufstehen: draußen wartet die Bäreninsel."

Vor wenigen Minuten war hier noch Nebel, berichtet Dorothea, "dann riss es auf, und da war die Bäreninsel."

Dank GPS und Plotter war es kein Problem, unsere "Liekedeeler" bei diesen Verhältnissen an die Insel zu bringen.

 

Ich springe in mein Ölzeug und hangele mich in die Plicht. Nebelfetzen schleichen über eine Felsnase und verlieren sich über dem Wasser. Wir haben etwas über Null Grad, und mittlerweile dominiert die Sonne.

Die winzige Insel im Nordatlantik liegt auf halbem Weg vom Nordkap nach Spitzbergen.

An seiner Nordseite hat es eine Wetterstationen, hier unten nur eine einzige Hütte. Die wird ein paar Wochen im Jahr von einem französischen Forscherpaar bewohnt. Ansonsten lebt hier niemand.

 

Wir sehen eine schroffe Felsküste, die an den meisten Stellen nicht zu erklimmen ist - bis auf die Bucht, der wir uns nähern: sie bietet neben den Felsen sanft ansteigenden Strand aus Geröll. An einer Stelle hat sich eine dicke Eisecke gehalten. Wie wäre es mit Whisky on the rocks? Eis ist ja genug da.


Segeln auf diesem Teil des Globus bietet ein paar Besonderheiten. Zum Beispiel wird es nicht dunkel. Man denkt sich, na es könnte so gegen neun Uhr am Abend sein, tatsächlich ist es kurz nach Mitternacht.

Der Körper sucht aber eine Einteilung - und findet sie im Wachplan. Für mich ist früher Morgen, wenn die Wache beginnt, und später Abend, wenn die Wache endet.

Dass wir auf diese Weise zwei Tage an einem erleben, stört den Biorhythmus nicht weiter: Hauptsache, ein System.


Skipper Wolfgang bereitet sich und uns auf das Ankermanöver vor. Bei schwachem Wind und mittlerweile klarer Sicht klappt es problemlos: Schließlich liegt die "Liekedeeler" ruhig und selbstsicher vor Anker: eine 14,70 Meter lange Sloop. Wir können den Steinhaufen im Nordmeer erkunden, den der Entdecker Wilhelm Barent benannt hat.

 

Ganz in unserer Nähe sucht eine französische Ketch Ankergrund: zwei Schiffe in der Bucht - damit ist die Insel für hiesige Verhältnisse überlaufen. Es handelt sich um den Skipper, der das französische Forscherpaar regelmäßig hier abliefert. Im Moment hat er nur seinen Matrosen mit: einen jungen Studenten, der uns anbietet, mit seinem Motordingi den Transport zur Insel zu übernehmen. Wir haben nur Paddel. Dankbar nehmen wir an.


Die Vegetation erschöpft sich in Flauschteppichen von Flechten und Moosen - Pionierland. Ich fange an, zu schwadronieren. Die Mannschaft der "Liekedeeler" hat folgende Berufe für die Besiedelung einer Insel zu bieten: unser pensionierter Chirurg Gerd und Apothekerin Dorothea können das Gesundheitswesen bilden. Der Ex-Polizist Peter sorgt für die innere Sicherheit, der Ingenieur Wolfgang für die dringend nötigen Behausungen. Unser Kaufmann Klaus übernimmt die ökonomische Seite der Besiedlung und der Spediteur - na gut, Manfred müsste von LKW auf irgendetwas anderes umschulen. Und ich würde mich als Reporter um die Inselzeitung kümmern.

Dummerweise sind Ingenieure praktisch denkende Menschen und jeder Träumerei abhold. Selbst schuld, wenn man bei so einem anheuert. Wolfgang meint, es sei Zeit aufzubrechen. Immerhin wollen wir nach Spitzbergen.

Und so kam es an einem Mittwoch Mitte Juli, dass die Bäreninsel nicht von uns besiedelt wurde.

Der Weg nach Norden führt durch sommerliche Flaute. Die Segel schlappen mal bei Stärke Null, dann bei eins herum. Viel Motoren bei Generalkurs 330 Grad, und so schiebt sich das rote Kreuz auf dem Plotter nur ganz langsam näher an Spitzbergen: die Hauptstadt Longyearbyen ist unser Ziel. Mit bis zu 1500 Einwohnern die Metropole von Spitzbergen, oder "Svalbard" wie die Norweger selbst sagen.


Eine Nacht lang weht es mal einen Vierer bis fünfer, dann flaut es schon wieder ab.

Mittlerweile haben wir ein paar Probleme bekommen. Als erstes streikt die elektrische Ankerwinsch, als wir die Bäreninsel verlassen.

Dann kommen jeden Tag so an die 400 Liter Wasser ins Boot. Wie, weiß keiner. Spekulation: die Stopfbuchse leckt. Unsere Heizung heizt nicht, dafür aber unser Motor; er überhitzt.

Letzteres ist das unangenehmste, denn mittlerweile sind wir recht nah bei Svalbard - und aus den Fjorden und Sunden schieben sich Eisfelder. Im Norden ist es weiß an der Kimm, im Osten ist es weiß an der Kimm Die harmloseren Vorboten des Packeises, die Growler sind als lockere Felder bis an unsere Position gekommen. Sie sind mal so groß wie ein Fußball, mal wie ein Kleinwagen.

Man kann sie ausmanövrieren - aber dafür braucht man einen Motor, der nicht alle Nasen lang streikt. Eis ist kalt, wir haben minus drei Grad - aber das stört keinen von uns. Man merkt es einfach nicht, wenn man richtig gekleidet ist.

Es ist übrigens nicht sonderlich gefährlich, wenn kleinere Eisbrocken das Schiff streifen. Sie sind leicht, und werden einfach beiseite geschubst. Aber wenn man das kratzende Geräusch neben sich an der Kojenwand hört, stellen sich die Nackenhaare unweigerlich auf.

Das Eis lässt keinen unbeeindruckt: wir haben Auseinandersetzungen, wie nah man dem Feld kommen darf. Gerd entwickelt einen Alternativplan, der grob gesagt vorsieht, immer nach Westen zu fahren, bis es kein Eis mehr gibt. Skipper Wolfgang gibt die Linie vor.

Wir wollen nach Spitzbergen, und nicht nach Grönland.



Zwei Tage später: der Isfjord ist in Sicht – unsere Einfahrt nach Longyearbyen.

Aber die Hauptstadt ist vom Eis eingeschlossen: dort einzulaufen können wir getrost vergessen. Das erfahren wir über Funk.

 

Die Alternative heißt Ny Alesund. Ein Nest im Kongsfjord weiter nördlich, belebt von 150 Wissenschaftlern und Personal der Kings Bay Company. Früher wurde hier Kohle abgebaut. Jetzt stellt die Company ihre Infrastruktur Wissenschaftlern aus aller Herren Länder zur Verfügung.

Die Route dahin ist vertretbar: dort wird kein Eis gemeldet.

In diesen Tagen lernen wir Connie, die Ingenieurin des deutschen Alfred Wegener-Institutes kennen - und die Mitarbeiter der Kings Bay Company. Norweger mit einem starken Hang zu Natur und Einsamkeit und mit einer ruhigen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Connie hilft uns, Ausflüge ins Umland zu machen - wo man stets ein Gewehr bei sich haben sollte. Wegen der Eisbären. Und Connie hat eines, wie eigentlich alle, die dort leben. Zusammen mit der 7,65er Munition hängt es so normal in der Nähe der Eingangstür, wie bei uns ein Schlüsselkasten.


Irgendwo gibt es ein Schild mit der Information, dass Eisbären im wesentlichen zwei Gemütszustände kennen: entweder sie sind agressiv. Das ist schlecht, denn gegen den behenden Koloss der Arktis hat man ohne Waffe keinerlei Chance. Oder aber sie wollen nur spielen. Das ist auch nicht wirklich gut. Ich will nichts schlechtes über Eisbären sagen, aber bevor so einer mit mir spielen darf, steige ich lieber mit Mike Tyson auf zwölf Runden in den Ring.


Ny Alesund ist einzigartig: ein paar in den Staub gewalzte Trassen bilden die Verkehrsinfrastruktur, daran Holzhütten, die Forschungsstationen und die modern gebaute Kantine. Das Essen dort schätzen wir als das beste der gesamten Arktis ein - wobei wir aber ausdrücklich vor Rentierpizza warnen.

Dieser mit viel Aufwand aufrecht erhaltene Vorposten der Zivilisation endet abrupt: mit dem letzten Haus beginnt Wildnis - pur, unverfälscht und scheinbar endlos lang.

 

Bei Temperaturen um Null Grad - "wir nennen das hier Sommer", belehrt mich ein Kings Bay Mitarbeiter - tobt das Leben. Es gibt 24 Stunden am Tag Licht. Außerdem eine bescheidene Wirtschaftsblüte: die Kreuzfahrer fallen in die Stille ein wie Heuschrecken in ein Weizenfeld.

Sie kaufen die einzige Boutique leer, und schicken eine Karte vom nördlichsten Postamt der Welt. Sie gucken sogar neugierig durch die geöffneten Fenster der Waschküche, die wir benutzen dürfen.

Einige Stunden später ist der Spuk vorbei.


Ich frage, was man hier im Winter macht - bei 24 Stunden Dunkelheit am Tag kann man doch eigentlich nur zum depressiven Trinker werden. Nein, lacht der Mann von Kings Bay. Das sei hier sehr lustig im Winter: man fahre mit dem Schneemobil, wandere ein wenig, mache Skitouren und genieße die Natur.

Es ist ihre Reinheit, die einen wohl vieles ertragen lässt, und ihr Licht, das einen vieles anders sehen lässt.


Auf dem Weg zur Kantine treffen wir ein altes Ehepaar: der Mann, etwa achtzig, war früher Segler, und er ist ganz aus dem Häuschen darüber, andere deutsche Segler zu treffen. Er kommt von einem Kreuzfahrer. Nach dem Gespräch schäme ich mich ein wenig, so arrogant über die Kreuzfahrer zu denken: denn wenn er noch könnte, würde sicher er mit dem Segelboot kommen, glaube ich.


Die Kreuzfahrerriesen bringen tausende von Menschen in die entlegensten Ecken der Welt - warum sollen auch nicht möglichst viele die Kings Bay sehen, oder den magischen Trollfjord? Das Problem sind nicht die Menschen allein, sondern ihre große Anzahl: sie verändert die Atmosphäre durch schlichte Masse, zerreisst den Zauber der Landschaft durch hundertfaches Klicken von Fotoauslösern.

Wegen der staubigen Straßen von Ny Alesund ist es üblich, sich die Schuhe auszuziehen, bevor man Räume betritt. Man lässt sie vor der Tür, oder in einem Vorraum.

Die Touristenmassen von den Kreuzfahrschiffen wissen das in der Regel nicht - und zertrampeln so ohne böse Absicht mit staubigen Schuhen ein Zeichen des Respekts vor anderer Menschen Mühe und ihrer Arbeit, die Räume rein zu halten.


Als wir Ny Alesund bei herrlichem Wetter und schwachem Ostwind verlassen, nehmen wir die grandiose Kulisse von Spitzbergen noch einmal auf - der nördlichste Punkt unserer Reise hatte uns auf 79 Grad 59,4' geführt. Den 80. Breitengrad haben wir nicht knacken können: ab da wäre das privat gecharterte Schiff nicht mehr versichert gewesen.

Auf unserem Weg nach Süden gelingt es der Hundewache noch, einen Walrossbullen zu sichten.


Das nächste Ziel ist Skudvik, Lofoten. Der Einserwind aus Süden ist dabei nicht gerade hilfreich.


Immer wieder sehen wir zwischendurch Delphine. Das ist von besonderem Zauber bei diesigem Wetter: quecksilbergraue See verschwimmt mit der quecksilbergrauen Kimm zu einer Einheit. Die Wellenlandschaft formt eine immer neue Endlosigkeit von Raum, auf der wir unsere Bahn ziehen; das lädt ein zu allegorischen Denkversuchen über Sein und Nichtsein. Und in die fallen die fröhlichen Ureinwohner ein. Anscheinend gut gelaunt und verspielt sehen sie das Schiff als eine kleine Attraktion an. Mal drei Delphine, mal fünfzehn. Nichts kann einen zufriedener machen, als zu beobachten, wie diese Tiere voller Vertrauen in ihrem Element toben und leben.

Und obwohl wir jeden Tag Delphine sehen, ist der Anblick nicht zur Gewohnheit geworden. Jede neue Sichtung ist der aktiven Wache einen Rundruf ins Schiff wert: Hey, hier oben gibt es Delphine zu sehen.


Schwachwind. Wachroutine. Mehr als ein Versuch beschließen wir, zunächst das Vorsegel zu setzen. So gerade an der Windkante hilft es nicht viel, schadet aber auch nicht.

Keine halbe Stunde später poltert etwas auf das Vordeck. Wolfgang kommandiert alle an Deck: das Vorstag ist mit komplettem Beschlag vom Masttop gekommen.

Für Entgeisterung ist gar keine Zeit: das Vorsegel hält den Mast vorläufig, und wir binden das sperrige Stag an die Reling. Fock- Spinnakerfall und Dirk müssen als Ersatz herhalten - und so überstehen wir auch einen auffrischenden Wind direkt von vorne - unser Ziel hat sich geändert. Wir laufen erneut die Bäreninsel an. Dort ist eine Radiostation mit Anlagestelle für ein Schiff. Die Leute dort sind nicht gerade scharf auf Segler. Sie erkennen aber die Lage an, und verkaufen uns Diesel aus ihrem eigenen Bestand. Klaus steigt in den Mast und sieht sich den Schlamassel von oben an: ein massiver Edelstahlbolzen mit 30 mm Durchmesser ist glatt gebrochen. Einen Ersatzbolzen gibt es hier nicht, also sichern zwei massive Festmacher den Mast zum Bug hin.

Zum Abschied ermahnt uns der Stationsleiter freundlich aber bestimmt: das hier ist keine Marina.

Unter Kuttervorstag aus geschlagenem Tauwerk dampfen wir in Richtung Lofoten. Die Konstruktion bewährt sich auch bei Bft. 6. Trotzdem freuen wir uns über die nächstbeste Gelegenheit, einen neuen Bolzen zu bekommen. Ein kleines Dorf im Andfjord hat zum Glück eine Autowerkstatt, und die einen passenden Bolzen. Klaus steigt abermals in den Mast und bringt den Beschlag wieder an.


Kurz vor Ende der Reise gönnen wir uns noch den Trollfjord. Ein magischer Flecken Erde, ein stimmungsvoller Abend mit Wein und Gesprächen und prachtvolles Ergebnis mit der Dorschangel - dann geht es weiter.

Spät am Abend erreichen wir in friedvoller Stimmung Skudvik. Skudvik ist alles andere als eine Metropole. Aber ein Teil der Crew ist regelrecht zivilisationsgierig. Immerhin gibt es am Hafen einen kleinen Kiosk, in dem wir auch Waffeln bekommen und ein Bier. Sieben Segler sitzen in dem kleinen Gasthaus und knacken ein Abschiedsbier, ohne all zuviel zu reden. Es gibt Gedanken, denen nachzuhängen sich lohnt.

(c) Ralf Schaepe

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