Von Spitzbergen zur Polkappe

Unterwegs nach Norden

09:17, Friday 20 June 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Teil 1 Unterwegs nach Norden

So, etwas später als gedacht fahren wir los. Markus Schumacher, der Leiter des Alfred-Wegener-Instituts in Ny Alesund spendierte uns Kaffee, einen Rundgang durch das Institut und wertvolle Zeit am Internetrechner. Noch tanken, und dann können wir los.

Unsere Informationen vom Hafenmeister: das Eis ist weiter südlich, als wir erhofft haben.

Die nördlichen Inseln Spitzbergens sind praktisch schon vom Eis eingerahmt.

Das heißt: unserer Fahrt nach Norden sind eindeutige Grenzen gesetzt.

Gegen 21:00 Uhr am 19.6. fahren wir los. Ein schwacher Wind aus Südsüdwest dreht später auf Nord, so dass wir unter Motor die rund 70 bis 80 Meilen angehen.

Am frühen Morgen gegen 2:00 Uhr ist es ungemütlich; diesig, neblig, zwischendurch fallen ein paar Schneeflocken. Ein Teil der Crew schläft, die Wache wacht und sichtet gegen 9:00 Uhr am Morgen einen Wal. Es ist der Auftakt zu mehreren spektakulären Erlebnissen für das Auge. An die Robben haben wir uns schon gewöhnt; mal links, mal rechts tauchen ihre Köpfchen aus dem Wasser auf, sie schauen sich einmal um, dann verschwinden sie wieder.

Später liegt ein Walross faul auf einer Eisscholle.


 


Die Schollen werden immer mehr. Sie wachsen von einzelnen Stückchen zu fußballgroßen Feldern, die aber unregelmäßig geformt sind. Dazwischen kleine Berge aus Eis, die bläulich schimmern und eine eigenartige Skulpturenlandschaft bilden.

Schließlich ist sie da, die Packeisgrenze: hier können wir nicht weiter.


Wolfgang dirigiert das Schiff vorsichtig bis an das Eis heran. Mit einer Leine gesichert tappen wir vorsichtig auf den Rand der Eislandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt. „Ab hier kann man zu Fuß zum Nordpol laufen“, bemerkt einer mit einem Staunen in der Stimme.

Wir kommen wegen der Sicherheitsleine – man könnte ja einbrechen – nicht weiter als 15 m landeinwärts. Aber mir reicht das schon für eine Gänsehaut.

Die Gedanken und Gefühle in dem Moment kamen schnell und ungeordnet: Hier kommst Du so schnell nicht wieder hin – der nördlichste Punkt meines Menschenlebens ist genau unter meinen Füßen - grandiose Eislandschaft – ein feierliches Gefühl grummelt durch den Körper.

(Foto 08620Ralfnord)



 

Der Reihe nach gehen wir einzeln auf das Eis. Thomas kann es kaum glauben hier zu sein, Manfred freut sich wie ein kleiner Junge, Wolf reißt die Arme hoch: Hurra, wir sind da angekommen, wo wir hin wollten. Am nördlichsten für uns möglichen Punkt. Für Segler und Geographen: 79 Grad, 42,318 Minuten Nord, 010 Grad 06,594 Minuten Ost.

Es ist fast windstill, die Sicht ist klar und weit. Die Temperatur liegt bei knapp über Null. Das Eis blendet auf die Dauer. Thomas muss sich die Schibrille aufsetzen, die er in kluger Voraussicht mitgebracht hat.

Wolfgang veranstaltet eine kleine Zeremonie, verbunden mit einem Dank an Rasmus. Wir flachsen gerade noch über die fehlenden Eisbären und überlegen, wie wir sie anlocken können, da öffnet die Arktis noch einmal ihre Wundertüte. In der Ferne trottet ein beigeweißer Fleck in unsere Richtung: es ist ein Eisbär. Wolfgang sieht zu, dass er auf das Schiff kommt, und dann lauern wir mit der Kamera im Anschlag darauf, dass der Bär näher kommt. Mir gelingt nur ein unscharfes Bild mit einem Bären in weiter Ferne.

(Foto 08620Eisbaer)


Thomas hat eine sehr gute Kamera und zoomt den Bären heran, bevor er hinter einem Schneehügel verschwindet – dort wartet er, soviel können wir noch ausmachen, an einem Robbenloch auf Beute.

Ganz in unserer Nähe geht eine Gruppe Robben stiften: sie hat sich vielleicht unter dem Eis davon gemacht, um dem Räuber zu entgehen.

Wir verlassen unseren persönlichen Nordpol – in Richtung Magdalenenfjord. Dort wollen wir in der Nacht ankern.


20.8.2008 Teil 2: Und noch ein paar Wunder der Natur...


Die Fahrt zum Magadalenenfjord geht wieder in Richtung Süden – wenn auch nur ein paar Meilen.

Der Fjord liegt still und majestätisch da, es geht kein Wind. Leise tuckert der Diesel zu unserer Ankerbucht. Dort liegt schon ein anderes Schiff vor Anker: Der Kreuzfahrer „Maxim Gorkiy“. Er spuckt hunderte von Menschen aus, die auf umzäunten Wegen an Land stehen. Zu ihnen kommt noch – wie bescheuert ist das denn? – ein Animateur in einem Eisbärkostüm, um sich der Reihe nach mit den Landgängern abfotografieren zu lassen.

Wir sind froh, als die weg sind – die „Maxim Gorkiy“ spuckt noch lange sichtbar schwarze Rauchschwaden in den Himmel.

Wolfgang, Thomas, Manfred und Jürgen schnappen sich Flinte und Signalpistole, um eine Exkursion an Land zu machen.

Wolf und ich bleiben an Bord: für mich eine willkommene Gelegenheit, alle Eindrücke zu verdauen. (Foto: 08620Magdafj)


In dieser Nebelwelt wie aus einer nordischen Sage kann endlich alle zur Ruhe kommen.


Im Fjord tippe ich die letzten Ereignisse in den Laptop. Das Foto vom Magdalenenfjord: Ich schwöre, dass ich kein Fotoprogramm zum Bearbeiten genommen habe – es sieht da genauso aus, wie auf dem Bild.

Es gibt nicht viele Worte all das zu beschreiben, was so durch den Kopf geht. Der Grund ist einfach: Es sind keine Worte oder Sätze, die da im Schädel rumoren; es sind Gefühle oder einfach Assoziationen. Die „Pagan“ liegt still vor Anker. In ein oder zwei Stunden wollen unsere Landausflügler wieder kommen.

(Foto 08620Paganmagda)


Auf dem Bild steht Manfred am Heck – auch er blickt gedankenverloren über den magischen Fjord.

So schön solche Fotos sein können: Sie sind niemals schöner als das Bild, dass sich einem ins Gedächtnis einbrennt.

So. Jetzt werfe ich mal einen Blick nach draußen – nicht dass unsere Landurlauber schon seit einer halben Stunde auf ihr Schlauchboottaxi warten...
Ralf


Der Landausflug von Manfred, Thomas, Jürgen und mir (Wolfgang) war anstrengend und beeindruckend zugleich. Wir sind durch endlose Schneefelder und über große Felsbrocken am Strand, fast bis zum Gletscherabbruch gewandert.

Auf den Schneefeldern fanden wir zahlreiche Bärenspuren die in die unterschiedlichsten Richtungen führten. Also immer ein wachsames Auge für die Umgebung, um nicht plötzlich von einen Eisbären überrascht zu werden. Eine siebenköpfige Rentierherde kreuzte so ganz nebenbei auch noch unseren Weg.


Die bisherigen Eindrücke der letzten Tage sind einfach überwältigend und ganz besonders der heutige Tag mit Packeis, Walrösser, Robben, Wal, Rentieren (das Spitzbergenren bildet eine eigene Gattung und kommt in dieser Art nur hier vor) und Eisbär. Was auch besonders beeindruckt sind die unterschiedlichen Lichtverhältnisse und -spiegelungen. Das alles lässt sich einfach nicht in Worte fassen, man kann das alles nur begreifen wenn man es selber erlebt und gesehen hat.

Das wir so etwas großartigen in so kurzer Zeit erleben ist einfach atemberaubend und schön. Davon träumt ein mancher sein Leben lang und erreicht es doch nicht. Eigentlich schade.

Wolfgang S.


 



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