Von Spitzbergen zur Polkappe

24. und 25.6. Bei den Schmuddelkindern der Arktis

14:43, Mittwoch 25 Juni 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

Jetzt sind wir fast wieder am Ausgangspunkt unserer Fahrt: Aus dem Forlandsund biegen wir nach links ab, dann öffnet sich auf der rechten Seite noch eine Bucht: dort liegt Barentsburg.

Barentsburg ist eine russische Enklave im Isfjord. Hier wird Kohle abgebaut. Aus dem Schornstein des Kraftwerks quillt fetter schwarzer Rauch.

Seit 1932 haben die Russen es geschafft, ihren kleinen Teil der Arktis mit einer schmutzig-grauen Rußschicht zu überziehen.

Der Kontrast zu den pittoresken Norwegersiedlungen ist drastisch: Schrotthalden an der Pier, Kohleschutt zu Halden aufgeschüttet. Am Ufer liegt ein verrottendes Landungsboot.

Alte Holzhäuser, schiefe Holztreppen, und etwas sozialistische Monumentalarchitektur mit bröckeligem Mauerwerwerk – alles sieht nach Zerfall aus.
(Foto 08625barentpano)

Der Hafenkapitän ist ein freundlicher, smarter junger Bursche. Er will 160,- Norwegische Kronen dafür, dass wir an dem zerbeulten Stahlponton liegen dürfen.

Das ist nicht viel Geld – etwa 23,- Euro.


Wir besichtigen die kleine ortodoxe Kapelle. Ein Holzbau, hübsch verziert und hergerichtet. Aber der ehemalige Holzweg dahin ist von der Arktis zernagt, und keiner hat den Verfall aufgehalten.

(Foto 08625barentkirch)

 


Hier leben etwa 800 bis 1000 Arbeiter. Es gibt einen Souvenirshop, einen Textilshop, eine Bar und sogar eine Schule – und in all dieser Schäbigkeit wartet ein ziemlich leer stehendes Hotel.

Die Bedienung dort ist nicht auf Gäste eingerichtet. Sie serviert uns Kaffee, dann veschwindet sie: sie war noch nicht auf Gäste vorbereitet und schminkt sich schnell.

Der Hafenkapitän lässt uns ausrichten, wir könnten das EM-Spiel Deutschland – Türkei heute abend hier sehen. Aber wir wollen nicht noch einen Tag hier bleiben.


Auf dem Betonplattenboulevard durch die Siedlung steht ein Mann mit Reisegepäck. Er ist der einzige mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Zwei Jahre war er hier, jetzt geht es nach Hause. Er gehört zu den 60 Prozent Ukrainern, die hier Arbeitsverträge unterzeichnet hatten. Was man hier in seiner Freizeit so macht, frage ich ihn. Er lächelt etwas verlegen und macht dann eine Bewegung, die ich als Zeichen für Trinken deute. „Ein bischen“, schwächt er dann ab.


Am Kai steht ein schmaler Mann; er ist der „Guide“ hier. Guide? Für was? Etwa zwei Schiffe kommen täglich, sagt er. Hauptsächlich von Longyearbyen. Deren Passagiere führt er durch Barentsburg. Eine der wenigen wirklichen Attraktionen: ein Museum über die Besiedlung Barentsburgs, das überraschend liebevoll gestaltet ist.

Die Russen lieben Kultur“, sagt Jürgen. Das ist einer der wenigen positiven Sätze, die ihm beim Anblick von Barentsburg über die Lippen kommen – ansonsten ist er nicht gut auf Russen zu sprechen. „Die Russen haben meine halbe Familie ausgelöscht“, sagt der ehemalige DDR-Bürger knapp. „Das krieg ich nicht raus aus dem Kopf.“



Eine andere Attraktion in Barentsburg: ein altes Lenindenkmal.

Man muss sich das einmal vorstellen: die Leute hatten der Arktis unter unsäglichen Mühen gerade etwas Lebensraum abgerungen, und das nächst wichtige war eine Leninbüste. Auch das Material dafür muss erst einmal herangeschleppt werden. Die wenigen Arbeiter, die wir an unserem Besuchstag dort sehen, schlurfen achtlos an der Büste vorbei.

Offiziell geht es um Kohle. Aber eigentlich um einen Vorwand für die Präsenz vor Ort.

Die Kohlemine hatte vor zwei Monaten einen Unfall. Seitdem ist sie geflutet und liegt still, berichtet der Guide.

Es gibt die Idee, Barentsburg für den Tourismus zu erschließen, sagt er. Aber das werde letztlich auf hoher Ebene entschieden – und die ist sehr weit weg.

Wir werfen einen letzten Blick auf die schrottige Hafenanlage, an der gerade ein rostiger Schlepper festgemacht hat.

(Foto 08625barentschlep)


Es wäre schön, wenn sie das mit dem Tourismus schaffen.

Grüße:

Ralf


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