Von Spitzbergen zur Polkappe

Richtung Ny Alesund

14:51, Wednesday 18 June 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

18.6.2008

 

Jetzt bin ich über die kleine Geschichte von Jürgen ein wenig in der Zeit hin- und her gesprungen. Also, wir waren bei dem idyllischen Abend im St. Johns Fjord. Knackige Kälte draußen, faules Aufwärmen drinnen.

Vier von uns machen einen Ausflug mit dem Schlauchboot. In solchen Fällen mit dabei: das großkalibrige Gewehr. Welche Munition es hat, kann ich nicht sagen; ich verstehe nichts davon. Aber Schiffseigner Reinhard hat uns versichert, dass sie ausreicht, Eisbären zu töten. Und das wäre auch der Notfall, für den man die Waffe grundsätzlich dabei haben muss.

 

Wir üblich hier, haben wir kein Zeitgefühl, da die Sonne die ganze Nacht über scheint. Das hat aber einen großen Vorteil: man braucht nicht auf den Morgen zu warten, um abzulegen. Man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit ablegen. Auch unser Schlafrhythmus hat sich verschoben. Die meisten von uns schlafen alle paar Stunden so, wie es gerade passt.

 

Wir verlassen den St. Johns Fjord gegen 23:30 Uhr und setzen Segel in Richtung Ny Alesund: Es sind noch rund 80 Meilen zu segeln.

 

Der Wind weht mit Stärke fünf bis sechs. Wir haben keine feste Wacheinteilung nach Uhrzeiten – aber alles klappt reibungslos. Die einen pellen sich aus ihrem Ölzeug und legen sich schlafen, die anderen schlüpfen hinein und übernehmen Ruder und Navigation.

 

Die letzten paar Meilen nach Ny Alesund führen über den Kongsfjord – hier kommen uns die ersten Growler entgegen.

(Foto 08618Growler)



Um 23:30 am Mittwoch machen wir in NY Alesund fest und freuen uns auf das Abendessen.



* Unterwegs

14:43, Tuesday 17 June 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link

17.6.2008

Nun ist erst einmal alles gut. Rund 25 Stunden sind wir gegen ungünstigen Wind angeknüppelt – jetzt liegen wir im St. Johnsfjord und haben 100 Seemeilen zwischen uns und Longyearbyen zurück gelegt.

Alles ist gut heißt: Wir liegen vor Anker. Der Holzkamin bullert – und das war auch nötig.

Kurz nach der Abfahrt von Longyearbyen war es noch hübsch ruhig – was wir sahen, sah so aus:

(Foto: 08617Nordidylle)


Danach wurde es ruppiger. Wir biegen sozusagen nach rechts in den Forlandsund ab. Der frische Wind drückt eine üble Welle durch den Schlauch, den der Sund darstellt, Vor allem: Aus aktuell rund einem Grad plus macht der kalte Wind gefühlt viel weniger Grad. Das sieht dann so aus:



Immer wieder begeistert uns das Panorama: Mal sehen die typischen schneebedeckten Berge aus, als hätte sie jemand mit der Flex oben beigeschliffen. Dann wieder sind es die spitzen Erhebungen, von denen die Inselgruppe ihren Namen hat. Der Sonnenstand wirkt wie eine Hintergrundbeleuchtung: gerade die Bergketten in der Ferne wirken, als hätte sie ein Filmemacher effektvoll ausgeleuchtet.

 

Bei Gelegenheit will ich den ein oder anderen aus unserer Crew näher vorstellen. Die Gelegenheit ergab sich, als Jürgen und ich zusammen Wache hatten, und uns unterhielten.

Jürgen ist 56 Jahre alt, und er züchtet Hunde. Kein Wunder, dass er an den beiden nicht vorbeigehen kann, die an der Hütte der Hafenmeisterei Bykaya in Longearbyen aufpassen, und nebenbei kontaktfreudig jeden Besucher anwedeln.

(Foto: 08617Juergenhunde)


An Jürgens Sprechweise hört man, dass er aus Ostdeutschland stammt. Er wollte immer schon zur See fahren, war in der DDR bei der Marine. Zur Handelsmarine, die in die große weite Welt fuhr, ließ man ihn nicht.

Und sie haben ihn dort auch nicht zum Urlaub rausgelassen.

Irgendwann hat er seinen Ausreiseantrag gestellt – und ein halbes Jahr später auch bewilligt bekommen.

Der Grund; die damals eingefädelten Millardenkredite für die DDR – mit denen hatte Franz-Josef Strauss quasi ein paar tausend Leute frei gekauft.

Jürgen erfuhr morgens um sieben Uhr, dass er ausreisen könnte: Innerhalb von 24 Stunden habe er die DDR zu verlassen, sagte ihm jemand.

Im Zug in die Bundesrepublik zeigte ihm die Staatsmacht noch einmal, wie kleinkariert und schäbig sie sein konnte: Die Ausreisewilligen hatten kein Licht und keine Heizung in den Abteils. „Erst in der Bundesrepublik ging das Licht an“, erzählt er. Das war 1982.

Die Wende hat er dann per TV verfolgt: „Ich saß heulend vor dem Fernseher“, sagt er, und dass er jetzt noch eine Gänsehaut bekommt, wenn er daran denkt.

Mit der Reise auf der „Pagan“ in der Arktis erfüllt er sich einen Jugendtraum. Ätsch. Die Politbürowichser haben am Ende verloren. Jürgen ist das erste mal auf einem Segelschiff, und ist  völlig begeistert.

 

Ach ja, noch ein Wort an alle Bekannte der „Pagan“-Crew: Wundert Euch nicht, wenn nachts um 24:00 Uhr das Telefon klingelt, und einer von uns sich meldet: Wir vergessen immer wieder, dass  wir hier Mitternachtssonne haben. Da es die ganze Nacht hell ist, glauben wir immer, dass es gerade mal 20:00 Uhr sein kann, wenn wir anrufen.

Gruß:

Ralf




Nachtrag zum Montag - fehlendes Bild

09:13, Monday 16 June 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link
Noch ein Nachtrag: Aus Gründen, die ich nicht verstehe, ist mein Eintrag vom Samstag nicht online. Dabei habe ich den mit einem Foto der schönsten Crew in der Arktis versehen.
Damit das der Nachwelt nicht verloren geht, starte ich jetzt noch einen Versuch, das Bild hochzuladen:


Von links nach rechts: Wolfgang Szyska, Wolf Klinter, Jürgen Kessler, Ralf Schaepe (kniend) Thomas Hallermann, Manfred Bachtler.

Kurz vor der Abfahrt

08:53, Monday 16 June 2008 .. Geschrieben in * Reisetagebuch Sommer 2008 .. 0 Kommentare .. Link
2. Tag, Montag,

Alle haben noch einmal geduscht. die sanitäre Anlage hier ist klein aber fein.
Wolf hat in der Zeit Frühstück gemacht - so fängt der Montag an.
Der gestrige Tag ist schön zuende gegangen: Hauke Frings war auf einen Teller Goulasch zu uns gekommen, und wir haben so ziemlich jedes Problem der Welt diskutiert. Ob wir es auch gelöst haben, ist eher unsicher. Er segelt ein pechschwarzes Stahlschiff - die "Mesuf". Mittlerweile ist er pensioniert. Seine Arktisforschung betreibt er weiter; in diesem Jahr will er wieder hier überwintern. Dazu hat er eine kleine Hütte, in der er in der Zeit lebt.

Thomas zeigt sich ziemlich beeindruckt von Hauke. Ein Grund dafür: der Mann hat diese strahlend blaueb Augen, die man vermutlich dann bekommt, wenn man mit sich und der Welt zufrieden ist, und wenn mann außerdem noch viel in der frischen Luft ist. Das sieht dann so aus, als würde er von innen heraus leuchten. Im übrigen ist Hauke ziemlich freundlich, und steigt auch auf unsere bordüblichen Frotzeleien gut gelaunt ein.

Heute mittag geht es los, das Ziel Ny Alesund ist 120 sm entfernt.
Da meine Freundin Susanne das mit den Seemeilen nicht weiß, sie aber hier (hoffentlich) mitliest: das sind so an die 220 km. Wir wollen in zwei Etappen dort hinfahren, und abends irgendwo im Forlandsund ankern.
Der Wind kommt aus Nordwest, im Moment bläst er etwa mit Stärke drei. Das ist kommod, aber der Wind ist ziemlich schneidend. Er sorgt dafür, dass sie die zwei bis drei Grad über Null doch etwasa kühler anfühlen - obwohl wir immerhin Sonnenschein haben.
Wir könnten die Strecke auch durchfahren - aber wir haben am Samstag bereits besprochen, dass wir es relativ gemütlich angehen wollen. Schließlich sind wir kein Postdampfer, sondern hier um die Gegend anzusehen. Und im Forlandsund soll es Walrosse geben - zumindest haben wir vor vier Jahren hier welche gesehen.
Bis denn,
Ralf

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