Mit Ansage...
18:10, Wednesday 9 January 2008 Link
Heute gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder ich trink' mir mal wieder einen, oder ich bleibe komplett nüchtern. Letzteres wird wahrscheinlich die Auswahl nicht überleben. Scheiß Arbeitstag, durchgehend voller Probleme, und privat hält sich die Freude gerade ebenfalls in Grenzen.
Aber - da muss man durch. Ich habe eben mal wieder gemerkt, dass man mit meiner Konsequenz nicht klar kommt. Macht mir allerdings nicht viel aus, da es immer noch mein Leben ist und ich sehr wohl darüber nachdenke, ob ich vielleicht Unrecht habe oder zu schnell handle. Noch bin ich nicht völlig umnachtet...
Heute war ich mit einem Kumpel ein bisschen in der Gegend unterwegs, hab mir sein Haus angesehen, das er gerade umbaut (bzw. umbauen lässt) und dachte darüber nach, dass mir angeboten wurde, die Wohnung zu kaufen, in der ich gerade wohne.
Eigentlich war ich von Anfang an nicht dafür. Jetzt überlege ich mir, was ich sage, wenn der Preis stimmt... Zumal es für mich den Vorteil hätte, dass von Mietkauf die Rede ist.
Natürlich geht man damit auch weitere Verpflichtungen ein. Aber was macht das schon? Ich bin durchaus in der Lage regelmäßig den Gehweg zu kehren sowie den Rasen zu mähen.
Irgendwann könnte ich die Bude vermieten (natürlich nur an junge, erfolglose Musiker oder dreißigjährige, ausgelernte und fest angestellte Ärztinnen...) und die Miete als Riester-Ersatz nehmen... Allerdings bin ich mir da noch gar nicht schlüssig.
Nur weil ich mittlerweile relativ gut mit Geld umgehen kann soll das für mich nicht heißen, dass ich a) wieder Schulden mache bzw. b) undurchdachte Entscheidungen treffen werde.
Ich weiß ja nicht mal, wie lange ich hier vorhabe zu wohnen und was sich in den nächsten Monaten und Jahren ergibt... Abwarten und Bier trinken - falls in die Wohnung unter mir Psychopathen einziehen hat sich der Gedanke sowieso erübrigt.
Tja, meine Oma sagte oft treffend: "der Herr gibts den Seinen im Schlaf". So isses. Unsereiner reisst sich jahrelang den Arsch auf um zu sehen, dass er irgendwie den Kühlschrank voll hat und sich eine Basis schaffen kann (ich werde nicht vergessen, dass ich schon ganz anders gelebt habe. Keine Sorge.) und andere bekommen mal eben ein Haus geschenkt, einen gut bezahlten Job in den Arsch gesteckt oder verdienen mit wenig Arbeit, nur weil sie eine Krawatte tragen soviel Kohle, dass sie sich damit ihren Allerwertesten abputzen könnten und ihnen das Geld nicht mal fehlen würde.
Ob die daran denken, dass da draußen Menschen rum rennen, die Pfandflaschen sammeln, damit sie sich ein paar Kartoffeln leisten können? Wohl kaum. Und wenn doch, dann sehen sie weg oder erbarmen sich, ein mitleidiges Wort von sich zu geben. Das war's dann auch.
So stand ich gestern auf einer Brücke in Wetzlar, sah mir den Bahnhof an und sinnierte so vor mich hin...

Ich war, wie angekündigt, CDs durchsehen, hab ein paar Sachen für die Wohnung besorgt und war kurz davor, mir bei Bauhaus eine Fernbedienung für Steckdosen zu kaufen (sehr dekadentes und schönes Spielzeug...), die ich abends auch direkt quer in der Wohnung verstreut angebracht habe. Da sah ich einen älteren Mann auf einem Fahrrad, der mir schon öfter aufgefallen ist - er hielt an jedem Mülleimer und fischte Leergut heraus.
Ich ziehe meinen Hut vor den Jungs. Viel tiefer kann man nicht mehr fallen und doch haben sie irgendeinen Grund um weiterzumachen. Sie sind nicht bereit ihrem Leben ein Ende zu bereiten, sondern machen einfach weiter. Ich frage mich oft, was sie dazu treibt und welche Hoffnung sie noch haben. Denn irgendwas gibt das Leben ihnen doch. Sie machen einfach weiter. Bis sie, wahrscheinlich anonym, beerdigt werden, nachdem sich jemand in dem Haus, in dem sie wohnen (falls sie überhaupt eine Wohnung haben), über den Gestank beschwert, der aus eben dieser kommt und den Hausflur durchflutet. Der Verwesungsgeruch eines Lebewesens, das einmal eine Mutter und einen Vater hatte, die vielleicht aus Liebe einen Menschen gezeugt haben...
Wenn ich mir dann die blassierten Wixer da draußen ansehe, die abstoßend wegsehen, wenn sie jemanden entdecken, der Essensreste aus einem Mülleimer fischt, kommen in mir Aggressionen, Trauer und Bitterkeit hoch. Am liebsten würde sie an ihren Haaren packen und ihnen die Kehrseite ihrer achsoschönen Welt verinnerlichen. Aber selbst das würde nichts bringen. Weil sie so verblendet sind, dass sie nichts anderes mehr sehen als sich selbst. Aber wehe dem, sie haben mal Schnupfen, die armen Schweine...
Ich kann mich sehr gut an einen Nachmittag erinnern, als ich noch in Essen im Personalbüro einer riesigen Baufirma in der Nähe des Hauptbahnhofes gearbeitet habe (an dieser Stelle ein herzliches "Hu hu" an eine alte Bekannte. :->): ich hatte zu der Zeit kein Auto und fuhr meist mit der Straßenbahn, mit dem Rad oder lief streckenweise.
Eines Nachmittages kam ich aus dem Laden und stöberte in der Stadt nach Platten, Büchern oder CDs. Zu der Zeit trug ich leider selbst fast täglich einen Frack, was mir zwar nicht passte, mir aber das Geld für meine Brötchen sicherte. Zum Glück bin ich rechtzeitig abgehauen - in den Klamotten bei dem Job wäre ich vielleicht drauf gegangen...
Jedenfalls wollte ich die U-Bahn nehmen, um nach hause zu kommen. Wie in allen großen Städten mit U-Bahnhöfen gibt es auf den Meilen der Passarellen Imbißbuden. So auch 'ne Frittenschmiede in Essen. Ich ging auf den Stand zu und bemerkte, wie sich jemand mitten auf dem Gang neben einer Mülltonne bückte: es war ein Obdachloser, der ein paar weggeworfene Pommes vom Boden unter dem Mülleimer aß.
Im ersten Moment war die Situation skurril: Gott und die Welt latscht mit Tüten voller Einkäufen von Horten, Karstadt und Juwelier Christ an Dir vorbei, kommt von der Arbeit und telefoniert mit teuren Handys, sieht auf Designer Uhren oder rennt in Klamotten von Helly Hanson rum, die die Eltern von ihrem Gesparten bezahlt haben, während da jemand in ausgelatschten Klamotten, Löchern in den Hosen und fettigen, ungeschnittenen Haaren Essen vom Boden futtert.
Die Blicke der Passanten müssen wahrscheinlich nicht erklärt werden...
Im ersten Moment habe ich nichts gemacht, außer mir ein Bier und das obligatorische Großstadtessen zu bestellen: Currywust, Pommes, Majo.
Nach dem ersten Schluck bin ich zu ihm hin und habe ihn gefragt, ob ich ihn zu einem Pommes einladen dürfte. Die anderen Idioten, die ebenfalls am Imbiss standen, sahen ziemlich verwirrt aus.
Als er voller Erstaunen versuchte den Mund zu öffnen fiel mir auf, dass er eigentlich nichts brauchbares mehr in seinem Mund hatte, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Irgendwie wirkte er auch erschrocken... Ich gebe zu, dass mir nicht danach war, ihm auf die Schulter zu klopfen. Aber ich ging zurück an den Stand, bezahlte mein Bier und die Pommes und gab sie ihm.
Das Glänzen, das ich in seinen Augen gesehen habe, hat mich befriedigt. Ich kann nicht mal erklären, auf welche Art und Weise. Es gab mir etwas zurück. So wie ich vor Jahren mal mit einer Exfreundin in Bremen war und zwei Obdachlosen vor einem Aldi Laden zehn Mark gegeben hatte. Als sie ihnen dann auch noch etwas gab, konnte das Jahr nicht bereichender werden. Wenn ich mich an solche Momente erinnere, so wie auch gestern Abend auf der Brücke, dann bin ich dankbar, dass ich etwas geben kann.
Dem einen etwas Kleingeld, dem anderen ein Pommes, hier und da mal jemanden ein Lächeln auf dem Mund zaubern oder jemanden berühren, wenn ich mir die Gitarre schnappe und irgendwas ruhiges spiele.
Dann ist es mir auch scheißegal, ob mich die patzige Kassiererin im Supermarkt für einen Arsch hält, weil ich sie genervt ansehe. Ich will sie eh nicht heiraten, geschweige denn ansatzweise kennen lernen.
Übrigens habe ich heute 'ne Schachtel Filterzigaretten geschenkt bekommen. Vielen Dank. Muss aber nicht mehr sein. Der Filterscheiß schmeckt mir absolut nicht mehr. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin werde ich sie jemandem schenken, der sich darüber mehr freut als ich (ich habe mich über die Geste natürlich gefreut).
Und sonst?
Nichts.
Es geht weiter. Irgendwie. Heute habe ich mal wieder einen dankbaren Tag...
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~°traumtod°~
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